Eigentlich war geplant die Herren Tigeryouth & Matze Rossi einzeln im Rahmen des Garden of Voices zum Thema DIY zu interviewen. Aber da wir sowieso alle ständig zusammen waren, habe ich einfach das Diktiergerät auf „Aufnahme“ geschaltet und wir haben in lockerer Runde über das Thema gesprochen. Trotz vorbereiteter Interviewzettel kam dann das eine oder andere doch irgendwie anders als geplant. Gut so!

 

Sven:

Würdet ihr sagen, dass Tigeryouth, bzw. Matze Rossi DIY sind, so wie ihr heute arbeitet?

Tilman:

Wenn man da einbezieht, dass andere Leute für mich Sachen selbst machen, ja.

Sven:

Wie ist das bei dir? Du hast ewig alles selbst gemacht und wie sah das zu der Zeit und wie sieht das heute für dich aus?

Matze:

Im Grunde hab ich mit Tagtraum und schon mit Untergang alles selbst gemacht. Und auch die Zeit wo wir bei Vitaminepillen Records waren, habe ich die Labelarbeit immer mitgemacht. Also habe nicht anderen alles überlassen. Und mit Rossi dann alles wieder komplett allein. Momentan ist das in der Zusammenarbeit mit Oise von End Hits Records auch so, dass wir gemeinsam besprechen was passiert und was wir machen. Also wir machen einen gemeinsamen Plan und dann wird geguckt wer ruft wen an und wer macht was. Es ist nicht so, dass ich die Musik abliefer und mich dann in einen Schaukelstuhl setze und warte. Für mich bedeutet „Do it yourself“ es selber zu machen.

Tilman:

Vor allem es auch selber in der Hand zu haben.

Matze:

Es heißt jetzt nicht bei der Hilfe von einem guten Freund, dass ich mir da nicht helfen lasse. 

Tilman:

Das ist bei mir genauso. Ich habe ja Renke und Zeitstrafe. Das ist ja ein Ein-Mensch-Label. Also wir ziehen da auch gemeinsam an einem Strang. Wir bauen uns das also so auf, wie wir uns das vorstellen.

Sven:

Habt ihr in den ganzen Jahren Veränderung bemerkt? Sind z.B. die Motzer „Das is gar kein Punk mehr!“ mehr geworden?

Tilman:

Motzer gar nicht. Also bei Zeitstrafe ist es ja so, bei End Hits Records bestimmt ähnlich, dass es ein gutes Standing in der Szene hat. Also Renke lebt da halt auch von und muss auch seine Kohle verdienen, aber das ist alles in so einem Rahmen wo auch Verständnis da ist.

Matze:

Ich denke, dass es für die meisten auch darum geht, dass es komisch wird, wenn da Budgets verballert werden die total utopisch sind. Also das hat bei uns ja alles Hand und Fuß.

Tilman:

Um denen Vorwürfe zu machen, müsste man ja auch erstmal Geld verdienen, ne!?

Matze:

Wobei ich sagen muss, bei mir klappt es mittlerweile ganz gut.

Tilman:

Jaja. Du hast ja auch ein paar Jahre Vorsprung.

Sven:

Was hat sich denn bookingtechnisch geändert, Matze? Ich weiß du machst auch noch die kleinen Sachen, bist aber beim Grand Hotel Van Cleef Booking.

Matze:

Also erstmal muss man sagen, dass beim Grand Hotel auch alles liebe Freunde sind und auch da funktioniert es auf genauso auf dieser Basis. Danny und Alina sind mit ihrer Arbeit eine große Erleichterung für mich. Ich spreche mit Danny einen Zeitraum und Stadt-, Clubwünsche ab und dann organisiert er die Tour. Das ist auf jeden Fall eine ganz große Arbeit, die für mich wegfällt, wo ich Zeit habe mich mehr um Musik, meine Kinder und meine Beziehung zu kümmern. Das Ding ist das ich so private Sachen wie Hochzeiten, Geburtstage

Tilman:

…Stadtfeste. Ich hab übrigens das erste Mal ne Hochzeit gespielt!

Matze:

Und? War schön?

Tilman:

Ja, war ganz geil.

Matze:

Na, sag ich doch! Naja, sowas mach ich auf jeden Fall selber. Da fragen die Leute mich auch direkt an. Wenn aber Clubs anfragen, geb ich das immer an Danny weiter, weil das Sinn macht abzugeben. Ich habe 22-23 Jahre immer alles selber gebucht, hab eine Zeit auch andere Bands wie Bambix und Knochenfabrik gebucht, aber es ist schön, wenn es jemand anderes macht. Seh ich auch nicht als DIY-Abgabe, weil wir uns weiterhin absprechen und Danny immer fragt „Hast du Bock da zu spielen? Willst du das machen?“. Als Nicht-DIY würde ich jetzt verstehen, dass ich irgendwo reingebucht werde und da halt spielen muss.

Tilman:

Kaufhauseröffnungen! Rewe Familytour!

Matze:

Das wär auf jeden Fall für mich der Verlust von DIY.

 

 

Sven:

Bekommst du denn auch mit, wenn Danny angeschrieben wird mit solchen Mails wie „Hey, hat Matze Bock für ne Tofuwurst und Bier bei uns in der Kneipe zu spielen?“ oder wird das gleich abgelehnt?

Matze:

Nee genau, das leitet er mir weiter und fragt ob ich da Bock drauf habe. Da springt ja für keinen finanziell was raus, das macht man aus Liebe zu den Menschen und zur Musik, da steht mir ja niemand im Weg. Es ist einfach noch jemand dazwischen, der mir Dinge abnimmt und das ist erleichternd.

Tilman:

Es ist einfach ganz viel organisatorischer Kram. Also ganz viel Hin- und Hergeschreibe. Das sind für eine Show ja 15-100 Mails oder so. Wenn dir das einer abnimmt, ist das einfach krass viel Zeit die dir geschenkt wird. 

Sven:

Also macht ihr weiterhin was ihr wollt, nur dass euch etwas abgenommen wird?

Tigeryouth:

Ja, ich buch ja meine meisten Shows noch selbst. Ich hab da einen Kumpel aus Köln, der mir noch hilft….

Matze:

You are more DIY than me!

Tigeryouth:

Genau! Aber wie gesagt… ach egal.

Sven:

Social Media geht ja vielen einfach auf den Sack. Und dir Matze, ging es ja auch auf den Sack, wenn ich mich richtig erinner.

Matze:

Für mich war immer nur das Anstregende da hinterher zu kommen irgendwie. Ich hab also nicht das Bedürfnis das ständig zu füttern, sondern ich hab schlechtes Gewissen, wenn ich z.B. nicht alles beantworten kann. Das ist eher so mein Problem.

Sven:

Sind Social Media und die ständige Verfügbarkeit von Musik und allem denn Fluch oder Segen für euch? Die Wertschätzung scheint ja darunter gelitten zu haben.

Tilman:

Das muss Matze eigentlich beantworten.

Sven:

Aber du, Tilman, machst die geilsten Instagramstorys. Mit wenig Worten und komischen Geräuschen. Die feier ich immer richtig.

Tilman:

Ich geb das alles ab, soweit es geht.

Matze:

Also ich find das muss man trennen. Was die Verfügbarkeit von Musik angeht, merk ich schon eine Schnelllebigkeit. Aber auf der anderen Seite wird das natürlich wieder über die Vernetzung von Musikern mit Menschen die diese Musik hören kompensiert irgendwie. Ich hab früher ewig drauf gespart, bis ich mir die Bad Religion „No Control“ kaufen konnte und hab die sechs Wochen rauf und runter gehört. Nichts anderes. Heute kommen am Freitag bei iTunes 40 neue Alben raus. Ich hör überall rein und fast alles ist scheiße.

Tilman:

Das mach ich auch. Jeden Freitag alle neuen Sachen da runterladen, im Auto reinhören und dann nach 2 Songs „Oh, scheiße Alter“.

Matze:

Und manchmal ist es so, dass ich mir so ein Album später nochmal anhöre und dann denke „Oh, da ist doch was Geiles dabei!“. Ich glaub, das find ich ein wenig schade. Aber das ist schon ein Verlust für die Leute und die Musiker. Aber es ist halt so. Entweder reißt du sofort was oder eben nicht.

Tilman:

Ich hab ja die Theorie, dass wir wieder zurück gehen zu so Bands, die sich langsam aufbauen.

Matze:

Es ist z.B. so mit den Hochzeiten. Da sind total viele dabei, die mich mit Tagtraum mit 14 oder so gehört haben und die heiraten jetzt. Das ist schon total krass. Oder der Martin, der Veranstalter gestern, singt seinen Kindern zum Einschlafen „Balsam“ vor!

Tilman:

Du hast auch einfach Hippiemusik!

Sven:

Erziehermusik!

 

Im weiteren Verlauf entgleitet das Gespräch und ich versuche Tilman für eine Songwriter-Rezi zu gewinnen, da er eigentlich kein großer Fan seiner eigenen Musiksparte ist. Dann geht es um Clueso, den Verriss von Chartbands, warum man nicht über BossHoss reden sollte und „the same old setlist“ von den Tigeryouth-Anfängen. Danke für das Gespräch! Beim nächsten Mal setzen wir uns einfach hin, machen Bier auf und lassen das Diktiergerät mitlaufen, ohne dass wir uns ein Thema vornehmen. Lustig ist es auf jeden Fall immer !

 

 

Das Interview führte Sven Hoppmann und Nico Ackermeier hat die schönen Fotos dazu gemacht.