„No Virtue“ heißt das am 11.10. erscheinende, neue Album der Kanadischen Band Sights & Sounds. Die vier Jungs dürften dem einen oder anderen durch gemeinsame Touren mit Billy Talent, Architects oder Bring me the Horizon bekannt sein – manchem Freund der härteren Gangart aber sicherlich auch weil Comeback-Kid-Sänger Andrew Neufeld Lead-Sänger und Gitarrist der Truppe ist. Mit ihrem letzten Album „Monolith“ und der darauf folgenden EP „Silver Door“ haben Sights & Sounds jedoch beweisen können, dass sie es durchaus verstehen aus den Metal- und Hardcorewurzeln etwas ganz Neues und Eigenes zu schaffen. Das Ergebnis war ein wuchtiger, aber gleichzeitig sehr tiefgründiger, atmosphärischer und emotionaler Sound.

Ich hatte also eine gewisse Erwartung, was mich erwarten würde, wenn ich „No Virtue“ anschmeiße, zumindest dachte ich das – denn das Album hielt einige Überraschungen für mich bereit.

„Wir haben lange an diesem Album gearbeitet. Es war ein absolutes Herzensprojekt, diese Songs zu erschaffen“, so Neufeld. Diese Ideen, die wir über Jahre in Telefone gesummt und im Hinterkopf behalten haben, endlich zu etwas großen Ganzen zusammenzufügen, war toll.“


Der erste Track, der namensgebende Song „No Virtue“ beginnt gleich mit einer dieser Überraschungen – zu hören ist ein Crescendo aus digitalen Geräuschen und Synthesizern. Okay damit hab ich nicht gerechnet. Als Neufelds markante Stimme einsetzt und der erste Refrain kraftvoll durch die Box gepresst wird ist es aber wieder da – das alte „Sights & Sounds-Feeling“.  

„’No Virtue / restores you‘, die erste Zeile aus dem Song, bedeutet aus seinen Fehlern zu lernen und mit ihnen seinen Frieden zu machen. Wenn man mal ganz ehrlich ist, wird unsere Vergangenheit immer ein Teil von uns sein, wir werden sie nie vergessen. Aber wir sollten unser Augenmerk immer nur auf die Gegenwart und Zukunft richten. Ob es dir gefällt oder nicht, manchmal legt der Staub sich nie.“

Ein echter Ohrwurm mit den typischen ausgeklügelten Gesangslinien und Übergängen. Aber etwas ist trotzdem anders: Sind das Trompeten im Hintergrund?


„Wir spielten viel mit zusätzlichen Instrumenten und neuen Soundfarben herum, so kam die Elektronik in unseren Sound.“


Abgefahrene Experimente mit verschiedenen Instrumenten, vor allem aber elektronischer Art, finden sich über das gesamte Album verteilt – so zum Beispiel auch in „Resurface“, das direkt mit einem Synthesizer einsteigt welcher an die 80iger erinnert und in einem „bassigen Gewummer“ und gehauchtem Gesang aufgeht. Kaum ist dieser Song allerdings zuende, ballert mir der nächste Track „Serpentine“ in alter Sights & Sounds-Manier um die Ohren. Viel Geschrei, unerwartete Melodieführung und Wechsel zwischen Moll und Dur, schwere Gitarren und kaum elektronische Elemente die nur im Hintergrund agieren. Düster und atmosphärisch. Ich bin verwirrt. Aber dann kommt „Caugh Up“ in dem Nicole Dollanganger mit einem Feature einsteigt, in dem sie mit sehr hoher und… nennen wir es mal „zerbrechlicher“ Stimme singt. Eine ruhige Ballade in der sich Dollanganger und Neufeld abwechseln – schön auf jeden Fall, nur damit habe ich jetzt echt nicht gerechnet… ich bin noch verwirrter, denn der Klang fächert sich unter den Songs jetzt schon ziemlich auf. Ungefähr so geht es dann auch weiter. Immer wieder finde ich den alten „Sights & Sounds-Sound“ in den Klang- Experimenten von „No Virtue“ wieder, ein Album das ziemlich anders ist als ich es erwartet habe.


„Wir wollten unsere Kangflächen mit Watte ausbetten. Alle unsere Lieblingseinflüße aus klassischer, aber auch moderner, Rockmusik waren erlaubt.“


Nach dem ersten Durchhören war es aber genau diese „Watte“ die mich gestört hat. Ich wollte mehr „Monolith“ hören. Mehr Geballer, weniger Experimente. Dabei wurde mir aber klar, dass jeder der Songs auf „No Virtue“ absolut grandios ist. Tolle Ideen und Melodien, anders und eigen. Irgendwie wunderbar aber irgendwie auch… schwierig?

„’No Virtue‘ ist ohne Frage die schwierigste Platte, an der ich jemals gearbeitet habe. Aber es ist auch das Album, bei dem ich mich am meisten darauf freue, es mit der Welt zu teilen. Auch wenn es nach dem Debüt und der EP bereits unser dritter Output ist, ist dieses Album wie ein Neustart für SIGHTS & SOUNDS.“


Immer und immer wieder habe ich das Album also gehört und mit jedem Hören gefielen mir die Tracks besser und besser und bald schon erwischte ich mich beim Mitsingen oder Summen der Melodien. Man muss sich eben ein bisschen auf die Experimente einlassen die „No Virtue“ hier bietet. Dieses Album will anders sein und anecken, spielt mit Erwartungshaltungen und bringt einen frischen Wind in die alternative Musikszene. Das Album ist nicht wie „Monolith“ oder „Silver Door“ und desto mehr ich darüber nachdenke desto besser gefällt mir eben diese Tatsache. „Geh doch ‚Monolith‘ hören wenn du mehr Geballer willst“ schreit mir mein inneres Ich ins Gesicht. „Immer meckern wenn alles gleich bleibt und wenn dann mal wer was wagt ist es auch wieder nicht gut, wa!?“ Mein inneres Ich hat recht.

Unterm Strich kann man „No Virtue“ nur wenig vorwerfen. Der Stilwechsel muss einem schon irgendwie gefallen, entfaltet seine Wirkung aber sogar bei einem „Elektronik-Musik-Banausen“ wie mir. Einige Spielereien sind dann vielleicht doch drüber – bei „WWR“ spielt in der Bridge tatsächlich ein Saxophon (Okay das ist schon cool aber: WTF!?). Das ist mir persönlich dann doch zu viel, vielleicht aber auch Geschmackssache. Die meisten Experimente und neuen Einflüsse erweitern jedoch den Sound und sorgen für zusätzliche Tiefe. Insgesamt wird die Klangfarbe von Sights & Sounds mit „No Virtue“ heller und leichter, verglichen mit dem depressiven wuchtigen Songs des Vorgängers. Schade aber, dass es nur 10 Tracks sind.

Meine Empfehlung: Lasst euch auf den Neustart von Sights & Sounds ein und stellt nicht allzu viele Vergleiche zu vorherigen Werken oder gar Comeback Kid an – denn „No Virtue“ ist ein starkes Album und verdient es gehört zu werden.


1. No Virtue
2. Resurface
3. Serpentine
4. Caught Up
5. Black Mamba
6. Undertow
7. WWR
8. Takes and Takes
9 Ride
10 Commonality

Sights & Sounds - No Virtue (Munich Warehouse, 11.10.2019)
4.5Gesamtwertung