Hui, die exzentrischen Japaner Sigh um Mastermind Mirai Kawashima sind wieder da! Vor drei Jahren haben sie ihr letztes Album „Graveward“ veröffentlicht und es überrascht wohl kaum, dass „Heir To Despair“ wieder anders als sein Vorgänger klingt. Was Sigh seit ihren Anfangstagen als recht reinrassiger Black-Metal-Act begleitet, ist die Unberechenbarkeit. Und was die Alben der Band (vor allem in den letzten Jahren) stets auszeichnet ist ein Art (positiver) Wahnsinn, in welchen man sich als Hörer mit voller Lust stürzen kann. Deswegen haben Sigh nicht umsonst den Stempel der Metal-Avantgarde aufgedrückt bekommen.

„Heir To Despair“ nun also… Das schwarzmetallische Grundgerüst ist noch immer da, auch wenn es schon viele Jahre eigentlich keine so wirklich tragende Rolle mehr spielt. Dazu haben Sigh zu sehr ihren eigenen musikalischen Kosmos erschaffen. Geblieben sind der krächzende Gesang und vereinzelte Blast-Einlagen. Ansonsten fegt man einmal quer durch den metallischen Gemüsegarten und durchpflügt ebensolchen mit einer ganzen Ladung klassischem Bombast und einer Portion eigensinniger Wirrnis, die die Band aber auf seltsame Art und Weise meist zu bändigen weiß. Ergebnis ist Musik, die wahlweise wie ein chaotischer Albtraum oder wie eine Wanderung durch einen düsteren, halb verfallenen Vergnügungspark (Silent Hill, irgendwer?) klingt.

Allerdings bekommt die Musik auf dem aktuellen Album einen neuen Dreh. Selten hat man so deutlich mit seiner asiatischen bzw. japanischen Herkunft geflirtet wie hier. Viele Texte sind gar auf Japanisch, die Melodien lassen ebenfalls oft daran denken. Flötentöne und die traditionelle Langhalslaute Shamisen bekommt man öfter zu hören, was für einen exotischen Touch sorgt. Hinzu kommt der Hang zum altmodischen 70er-Jahre-Progrock der ausgefallenere Sorte. Gleich beim schrägen Opener „Aletheia“ warf man beide neue Seiten und in einen Topf und rührte kräftig durch. Heraus kam ein angenehm verrückter Track, wie man ihn von Sigh bisher nicht zu hören bekam.

Stück für Stück steigert man sich immer mehr in einen wilden Metal-Wahnsinn, der keine Grenzen zu kennen scheint. Hier mal ein paar Chöre und verfremdeter Gesang („Hunters Not Horned“), dort klassisch inspirierte Gitarren und ein Slayer-Gedächtnis-Riff („Homo Homini Lupus“), dort altmodische Synthesizer-Sounds mit Hang zum Elektro-Rock („Herey I Oblivium“), folkige Einschübe („Heir To Despair“) oder irre Double-Bass-Gewitter, die Erinnerungen an einen Fiebertraum hervorrufen („In Memories Delusional“).

Zu entdecken gibt es also wieder reichlich. Wie immer ist die Einstiegshürde in die Welt von Sigh ebenfalls hoch. Schnell denkt man, einem Haufen Verrückter zuzuhorchen. Doch dabei sind hier einfach Musiker am Werk, welche die künstlerische Herausforderung komplett und kompromisslos in den Vordergrund stellen. Und das macht die Band dann doch sympathisch und „Heir To Despair“ ist mehr als einfach hervorragendes, zur Schau gestelltes Handwerk. Musik für Mutige.

Abenteuerlich, wie immer!

 

Trackliste:
1. Aletheia
2. Homo Homini Lupus
3. Hunters Not Horned
4. In Memories Delusional
5. Heresy I Oblivium
6. Heresy II Acosmism
7. Heresy III Sub Specie Aeternitati
8. Hands Of The String Puller
9. Heir To Despair

 

Sigh - Heir To Despair (Candlelight Records, 16.11.2018)
4.0Gesamtwertung