Aufgrund unserer Vorliebe für Klassiker, die bisher in unserem Magazin viel zu kurz gekommen sind, haben wir die neue Rubrik „Handwritten Classics“ ins Leben gerufen, in welcher wir ab sofort jeweils Mittwochs unsere Redaktions-Lieblingsalben der letzten Jahrzehnte zum Besten geben werden.

Daher habe ich mich nun daran gesetzt und sehr lange nachgedacht, welche Alben mich in den letzten 30 Jahren bewegt, berührt, geprägt, erfreut und was weiß ich nicht noch alles haben!

Auf der Suche ist mir dann ein Album in den Sinn gekommen, welches in meiner Selbstfindung und meiner kompletten Jugend einen solch prägenden Eindruck hinterlassen hat, dass ich später einer von denen geworden bin, vor denen mich meine Eltern immer gewarnt haben.

Aber von Beginn an:

Eines schönen Tages bei einer Konfirmandenfreizeit (ich will jetzt nichts hören, ich war jung und brauchte das Geld… also die Konfi-Kohle, also… egal, geschenkt!) drückte mir jemand eine abgegriffene Kassette mit unleserlichen Hieroglyphen in die Hand und nuschelte was von „Sex“, „England“, „bunte Klamotten“, „Alkohol“, „geil“ und irgendwas mit Knarren, oder so…schon ganz schön verstörend für einen gut behüteten, damals 13jährigen Jungen, der bis dato auf Bob Marley und die Beatles gestanden hat!

Naja, zuhause das Dingen erstmal in den Recorder gesteckt und was mich dann erwartete übertraf alles, was ich bis dahin gehört hatte. Neben einem kontinuierlichen Schleifen und Knarzen bekam ich erstmals die kreischende Stimme eines Johnny Rotten, die Gitarre eines Steve Jones, das Schlagwerk von Paul Cook und den gruselig gespielten Bass von Sid Vicious um die Ohren… und damit fing das nun seit drei Jahrzehnten bestehende Drama an.

Am nächsten Tag ging es dann direkt in den einzigen Plattenladen der kleinen beschaulichen Stadt am Rande des Ruhrpotts und dort erblickte ich nach kurzer Suche das Objekt meiner Begierde… ein gelbes Cover mit schwarzer Schrift und groß geschriebenen Buchstaben, welche in leuchtendem Neon-Pink meine damalige musikalische Offenbarung werden sollte! Das dieser Tag zu späteren ausgeweiteten Konfrontation mit meinen sehr konservativen Eltern führen sollte, davon konnte ich zu dem Zeitpunkt natürlich in keiner Weise ausgehen!

Lange Rede, gar kein Sinn… meine Vorliebe für den Punk wurde genau in dieser Minute manifestiert als Sex Pistols – Never Mind the Bollocks, Here’s the Sex Pistols so greifbar nah und doch so fern vor mir stand.

Keine Kohle auf Tasche, das Objekt der Begierde beim Plattendealer des Vertrauens und die Gewissheit, dass die Erzeuger einen spätestens in dem Moment enterben würden, wenn dieses musikalische Wunderwerk dem heimischen Plattenspieler auch nur ein wenig zu nahe kommen würde.

Nach drei unsagbar langen Jahren des Wartens und dem heimlichen Abspielens der Kassette, dessen Tonband mittlerweile fast ausschließlich aus Tesafilm bestand und außer unerträglichem Rauschen keinen vernünftigen Ton mehr abspielte, bewegte ich mich eines schönen Morgens in besagten Laden und erwarb mit meinem ersten eigenen Lehrlingsgehalt meine erste eigenen Punk-Platte… über die Risiken und Nebenwirkungen hatte mich damals natürlich keiner aufgeklärt!

Das einzige Studioalbum der quasi ersten Casting-Punk-Band war zu dem Zeitpunkt zwar schon mächtig lange auf dem Markt, die Sex Pistols schon ein Jahr später wieder Geschichte gewesen, Sid Vicious und Nancy seit zehn Jahren unter der Erde und Johnny Rotten mit seinem Projekt P.I.L. bereits weltweit unterwegs… aber mich konnte das alles nicht schocken!

Das Never Mind the Bollocks, Here’s the Sex Pistols eine pure Kommerz-Scheibe, produziert und ausgeschlachtet, sowie modisch in Szene gesetzt durch Malcolm McLaren, war – Shit drauf, als Punker ist man durchaus tolerant… also manchmal… also gelegentlich!

Nach dem Motto „Punk`s not Dead!“ wurden die Haare bunter, die Ohren durchstochener und die Klamotten entsprachen eher einem Altkleider-Sack, als der Etikette und dem Stil, den meine Eltern bzw. mein Ausbildungsbetrieb bevorzugten… da haben es die modebewussten Punks von heute mit den durchgestylten H & M Klamotten und den neuen Internet-Trendtipps schon leichter, aber jede Zeit hat halt seine Pest!

Meine Pest bestand zum Beispiel aus der Rebellion gegen alle, die „spießig“ und „unverständlich“ auf unsere „Gang“ und „unsere“ Musik, die Sex Pistols, The Clash, The Ramones, aber auch die Boxhamsters oder EA80 reagierten… was sollte man uns auch schon können, wer „Anarchy in the U.K.“ als seine Hymne verstand, den konnte man schlecht mit sowas wie Regeln oder Normen kommen – ist doch klar!

Wenn schon die großen Vorbilder provozieren und nach dem großen Umbruch schreien, wie stark fühlt man sich da erst als kleines unbedeutendes Licht am Punkhimmel der bereits zweiten Generation… na großartig und unverwundbar natürlich!

Auch das von mir umgetaufte „God s(h)ave the Queen“ und den Aufruhr gegen das faschistische Regime, ein grandioser „Auf die Fresse“ Song… vor Allem, wenn man dazu passend Sid in seinem Hakenkreuz-Shirt rumlaufen sah.

„Pretty Vacant” wurde unsere Hymne… war es ja schließlich eine Art Lobgesang auf die einsetzende Null-Bock bzw. No-Future Generation, aber auch „Holiday in the Sun“ wurde regelrecht abgefeiert!

Unzählige Haarfärbungen und Nietengürtel später kaufte ich mir noch einmal eine digitale Ausführung und wenn es mich gelegentlich überkommt wird es sogar für ein bis zwei Stücke eingelegt und in der Vergangenheit geschwelgt bzw. selbiger gehuldigt!

Never Mind the Bollocks, Here’s the Sex Pistols ist und bleibt natürlich ein Meilenstein der Musikgeschichte… die 1977er Nr.1 UK Album Charts Platzierung spricht da eine deutliche Sprache. Auch dienen die Sex Pistols unzähligen Bands seit fast vierzig Jahren als Vorbild bzw. Inspirationsquelle.

Den größten Fehler haben sie meiner Meinung nach mit ihrer Reunion im Jahre 1996 gemacht! Jede Zeit hat seine Helden und die Truppe wäre mir weiterhin in recht guter Erinnerung geblieben… aber aus (wahrscheinlich) kommerziellen Gründen wieder auf die Bühne zu gehen und sich in sehr gesetztem Alter aufgrund miserabler Leistungen mit Flaschen und sonst noch was bewerfen zu lassen, ist das noch Punk?

 

Never_Mind_the_Bollocks,_Here's_the_Sex_Pistols

Tracklist:
1. Holidays in the Sun
2. Bodies
3. No Feelings
4. Liar
5. God Save the Queen
6. Problems
7. Seventeen
8. Anarchy in the U.K.
9. Submission
10. Pretty Vacant
11. New York
12. E.M.I.

Sex Pistols – HOMEPAGE