50-jähriges Bestehen feiern die Scorpions in diesem Jahr. Wobei… das mehr auf dem Papier. Richtig ins Rollen kam die Geschichte von Rudolf Schenker und seiner Band erst als Sänger Klaus Meine vier Jahre später zur Gruppe stieß. Das Debütalbum „Lonesome Crow“ erblickte dann 1972 das Licht der Welt. Wie dem auch sei: Die Band (oder ihre Plattenfirma?) feiert.

In einem Rutsch veröffentlicht die Hannoveraner ihr wegweisendsten Alben als Jubiläumseditionen neu – vom 1977er „Taken by force“, bis zum 1988er „Savage Amusement“. Neben unveröffentlichten Bonustracks haben einige der Re-Releases DVDs mit Interviews und Liveauftritten spendiert bekommen. Ein umfangreiches Booklet mit Liner-Notes ebenso. Ach ja, und als Vinyl gibt es das Ganze (ohne die Boni) natürlich auch. Wir widmen dem legendären Livealbum „Tokyo Tapes“ sowie dem Studiolangdreher „Blackout“ einen genaueren Blick.

„Tokyo Tapes“ war im 1978 nicht nur das erste Livealbum der Scorpions, sondern auch das Ende eine Ära. Die Band hatte sich einen guten Ruf erarbeitet und setzte langsam zum großen Sprung an. Gleichzeitig gab Lead-Gitarrist Uli Jon Roth seine Abschlussvorstellung. Mit ihm über Bord gingen die Jimi-Hendrix-Einflüsse und das jammige Feeling bei ihren Konzerten. In Zukunft sollte es ein wenig knackiger werden. Aber das ist eine andere Geschichte.

„Tokyo Tapes“ präsentiert eine voll im Saft stehende Band, die vor ihren euphorisierten japanischen Fans alles gab. Das Doppelalbum enthält einen guten Zusammenschnitt des ersten Karriereabschnitts der Scorpions – und das absolut tight und spielfreudig vorgetragen. Das Quintett spielt seine Studiovorlagen mal eben an die Wand und präsentiert seine Songs emotionaler. Man höre nur die klassische Powerballade „In Trance“. Frühe Hits wie „He’s a woman, she’s a man“, „Speedy’s coming“, „Steamrock Fever“ oder „Pictured life“ zeigen, dass die Scorpions für ihre Zeit eine richtig harte Rockband waren. Gleichberechtigt neben den antreibenden Riffs von Bandgründer Rudolf Schenker standen die gefühlvollen Leads und Soli des Hendrix- und Klassik-Verehrers Roth. Nicht nur einmal überlässt man ihm das Feld – bei „Fly to the rainbow“ oder „We’ll burn the sky“ zum Beispiel.

Für 70’s-Rock-Fans ist „Tokyo Tapes“ auch heute noch eine Offenbarung und zweifelsohne ein Klassiker in Sachen Livealben. Damals waren die Scorpions noch eine etwas andere, spannende Band. In der Neuauflage ist die Platte dank der beiliegenden Bonus-Disc wieder komplett, während „Polar Nights“ in früheren Ausgaben der Schere zum Opfer fiel. Zudem bekommt man mit „Hellcat“, „Catch your train“ und der japanischen Nationalhymne „Kimi Ga Yo“ drei bisher unveröffentlichte Nummern und vier Alternativversionen des zweiten Tokio-Konzerts („Polar Nights“, „He’s A Woman, She’s A Man“, „Top Of The Bill“, „Robot Man“).

Am Sound der Jubiläumsausgaben wurde seitens der Fans viel herum gemeckert. Viel zu laut und übersteuert sei er. Hier ist er allerdings in Ordnung. Aber wirklich besser als bei alten Ausgaben ist er nicht. Dafür halt eben etwas „fetter“. Ob man das braucht, sollte allerdings jeder für sich selbst entscheiden…

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CD1:
1. All Night Long
2. Pictured Life
3. Backstage Queen
4. Polar Nights
5. In Trance
6. We’ll Burn The Sky
7. Suspender Love
8. In Search Of The Peace Of Mind
9. Fly To The Rainbow
10. He’s A Woman, She’s A Man
11. Speedy`s Coming
12. Top Of The Bill
13. Hound Dog
14. Long Tall Sally
15. Steamrock Fever
16. Dark Lady
17. Kojo No Tsuki

CD2:
1. Robot Man
2. Hellcat (Unreleased Live Track, Japan 1978)
3. Catch Your Train (Unreleased Live Track, Japan 1978)
4. Kimi Ga Yo (Unreleased Live Track, Japan 1978)
5. Polar Nights (Unreleased Live Track, Japan 1978)
6. He’s A Woman, She’s A Man (Unreleased Live Track, Japan 1978)
7. Top Of The Bill (Unreleased Live Track, Japan 1978)
8. Robot Man (Unreleased Live Track, Japan 1978)

Scorpions - Tokyo Tapes [50th Anniversary Deluxe Edition] (BMG/SPV, 06.11.2015)
4.8Gesamtwertung