Und schon geht es weiter mit den Wiederveröffentlichungen der alten Noise-Alben von Running Wild. Vor zwei Wochen waren die Alben Nr. 1 bis 5 dran, jetzt folgen die vier Platten, welche zwischen 1991 und 1995 erschienen sind. Damit befinden wir uns immer noch mitten in der stärksten Phase der Band um Rolf „Rock’n’Rolf“ Kasparek, die mit ihrem rustikalen Heavy Metal damals eine echte Hausnummer und eine äußerst verlässliche Größe war. Man wusste was einen beim Kauf einer Platte von Running Wild erwartet, und dass es gut sein wird.

Die Aufmachung ist dieselbe wie bei der ersten Rutsche. Die Platten kommen als handelsübliche Digipacks mit interessanten Linernotes im Booklet daher. Die Artworks wurden nicht „aufgefrischt“ oder sonst wie verschandelt. Der Sound wurde bedächtig remastert. Hier ist der Unterschied aber nicht mehr wirklich zu hören. Anfang der 90er war die Studiotechnik eben schon auf einem ziemlich hohen Stand. Zu jedem Studioalbum hat man ein paar Bonustracks gepackt, die aber in den wenigsten Fällen wirklich ein Kaufargument sind.

 

Mittlerweile haben wir die Mitte der 90er erreicht und der traditionelle Heavy Metal befindet sich etwas auf dem absteigenden Ast. Rock’n’Rolf gab aber nicht nach und mit seiner Band noch einmal richtig Gas. Hinter dem Drumschemel hat zwischenzeitlich der „Hans Dampf in alle Gassen“ Jörg Michael Platz genommen. Musikalisch hatte das einen ähnlichen Effekt wie der Einstieg von Scott Travis bei Judas Priest zu „Painkiller“. „Black Hand Inn“ ist nämlich ein äußerst wuchtiges Album geworden, das stark vom Schlagzeug angetrieben wird. Vielleicht nicht besonders filigran, aber mit jeder Menge Power. Die Schlagzahl wurde ordentlich erhöht und die meisten Songs sind ziemlich flotter Klopfer, wie der rasante Titeltrack oder die starke Vorab-Single „The Privateer“.

Stilistisch ist aber am Ende doch wieder alles beim Alten. Der Sound klingt dafür stark aufgeblasen und auf Druck ausgelegt. Die Produktion lag in den Händen von Charlie Bauerfeind und Sascha Paeth und es war das erste Mal, dass mit ProTools gearbeitet wurde. Auch in textlicher Hinsicht ist die Platte ein Novum. Denn „Black Hand Inn“ ist tatsächlich das erste Konzeptalbum von Running Wild. Grob zusammengefasst wird die Geschichte eines im Mittelalter von der Inquisition zum Tode verurteilten Mannes sowie einem hellseherisch begabten Freibeuter (Inhaber der gleichnamigen Spelunke) erzählt. Was als einfache Geistergeschichte beginnt, erwächst zu einer epischen Story, bei der am Ende das Schicksal und sogar die Herkunft der Menschheit eine Rolle spielen.

Allerdings kann man über das Ganze hinwegsehen, denn die Platte enthält einfach elf für sich stehende Songs. Vertiefende Zwischenspiele oder Überleitungen gibt es hier (glücklicherweise) keine. So ist „Black Hand Inn“ dann doch wieder ein typisches Running-Wild-Album voller mitreißender Songs. Neben den bereits vorher genannten Titeln kann man besonders das coole „The Phantom Of Black Hand Hill“, den Stampfer „Fight The Fire Of Hate“, das hymnische „Freewind Rider“ und das rustikale „Soulless“ hervorheben. Und natürlich das viertelstündige „Genesis“, eine ziemlich ambitionierte Nummer, für die Kasparek aufgrund der im Text verarbeiteten, an Zecharia Sitchins angelehnten Theorien Gegenwind entgegen blies. Rein musikalisch bildet die Nummer aber einen starken Abschluss eines ambitionierten, hervorragenden Albums, das mit Sicherheit zu den besten drei der Platten Band zählt.

Als Bonus haben dieses Mal keine Neuaufnahmen den Weg auf die CD gefunden, sondern die beiden Single-B-Seiten von „The Privateer“. „Dancing On A Minefield“ und „Poisoned Blood“ sind ganz nette Stücke, heben „Black Hand Inn“ aber auf kein höheres Podest mehr. Am Ende wird aber mit rund 75 Minuten Spielzeit ordentlich „value for money“ geboten.

 

Trackliste:
1. The Curse
2. Black Hand Inn
3. Mr. Deadhead
4. Soulless
5. The Privateer
6. Fight the Fire of Hate
7. The Phantom of Black Hand Hill
8. Freewind Rider
9. Powder & Iron
10. Dragonmen
11. Genesis (The Making and the Fall of Man)
12. Dancing on a Minefield
13. Poisoned Blood