Die 32. Show von Rock am Ring ist vorbei. Die Vorfreude auf Deutschlands bekanntestes Rockfestival war groß, denn es ging nach 2 Jahren in Mendig endlich wieder an den Geburtsort, den Nürburgring, zurück. Es wurde getanzt, gelacht, gepogt, getrunken, gefeiert, kurz geschlafen und dann alles von vorne. Drei Tage lang. Über 25.000 Besucher nutzten am Mittwoch die Frühanreise, um sich die besten Fleckchen auf den Campingplätzen nahe des Festivalgeländes zu sichern. Am Donnerstag stieg die Anzahl der Besucher bereits auf über 70.000. Die meisten Campingplätze waren somit Donnerstag Abend schon restlos überfüllt. Die nächst möglichen Park- und Campingplätze, die es für die restlichen Besucher anzufahren galt, waren rund 1,5 Std Fußmarsch vom Festivalgelände entfernt. Doch das störte nur wenige. Viele marschierten mit einem Haufen Gepäck fleißig die hügelige Strecke hoch zu den nahe gelegenen Plätzen, wo ihre Freunde bereits warteten. Zum Festivalbeginn am Freitag stieg die Anzahl dann weiter auf 82.500 Besucher.

Als um 13 Uhr das Festivalgelände öffnet, strömen die ersten Besucher sofort in die erste Reihe der Volcano Stage. Klar, schließlich soll an diesem Abend Headliner Rammstein spielen. So ist der erste Wellenbrecher schnell gefüllt. Bei knappen 30 Grad und bestem Sonnenschein eröffnen Sondaschule auf der Volcano Stage. Die Stimmung ist sehr ausgelassen. Auch auf der Crater Stage hat sich das feierwütige Publikum eingefunden um mit Razz in den Tag zu starten. Im Anschluss an Razz haben Bands wie Don Broco, Welshly Arms, 2Cellos, Simple Plan und Rag’N’Bone Man die Ehre. Während dessen rocken Skindred und In Flames auf der Volcano Stage. Kurz vor dem Auftritt von Five Finger Death Punch betritt Marek Lieberberg zusammen mit Julian Schiller, der Opfer eines Blitzschlags vergangenes Jahr in Mendig wurde und wie durch ein Wunder geheilt werden konnte, die Bühne und hielt eine kleine Ansprache. Ein sehr emotionaler Moment für alle Beteiligten. Als Five Finger Death Punch die Bühne betreten, hebt sich die Stimmung noch einmal merklich an. Es werden mehr Circle Pits, mehr Crowd-Surfer und das allgemeine Pogen nimmt deutlich zu. Die Menge ist super drauf und das sieht und spürt man deutlich, sogar von der Tribüne aus. Aber 90% hätten jetzt wohl eher „Scheiß Tribüne!“ gesungen. Doch leider wird diese Stimmung schlagartig beendet, als Marek Lieberberg samt Schutzengel während den Broilers um 21 Uhr die Bühne betritt. Das Festival wird bis auf weiteres auf Grund einer terroristischen Gefährdungslage unterbrochen. Alle Festivalgäste werden dazu aufgefordert, das Gelände ruhig und zügig zu verlassen und sich zu ihren Campingplätzen zu begeben, um auch auf dem Festivalgelände Ermittlungen durchführen zu können. Was von außen betrachtet wie eine ruhige und schnelle Evakuierung wirkt, war laut Zeugenaussagen nicht ganz so ruhig. Nach der Ansage von Marek Lieberberg seien einige Besucher in Tränen ausgebrochen und sogar zusammen gebrochen. Doch der Großteil der Besucher blieb ruhig, jeder unterstütze sich gegenseitig und so räumten die Festivalbesucher unter Sprechchören von „Scheiß Terror“, „You’ll never walk Alone“ und „Eins kann uns keiner nehmen und das ist die pure Lust am Leben“ in nur 15 Minuten das Gelände. Nur wenige Minuten später stellte sich der 71-jährige Veranstalter Marek Lieberberg der Presse und hielt eine Ansprache zur aktuellen Lage, während zeitgleich dutzende Polizisten und Sprengstoffhunde das Gelände absuchten. Besonders im Bühnen-Bereich wurde nach einer möglichen Bombe gesucht. In seiner emotionalen und etwas wutgeladenen Ansprache an die Presse, warf Lieberberg der Polizei vor, viel zu lange zu brauchen, um das Festivalgelände wieder für sicher zu erklären. Ganz anders als bei Fußballspielen. Er habe das Gefühl, „dass wir die Prügelknaben für eine Situation sind, die wir nicht verschuldet haben.“ Des weiteren sagt er: „Ich möchte haben, dass in dem Land etwas geschieht. Dass Gefährder festgenommen werden, dass Gefährder nicht rumlaufen.“ Das gesamte Gelände wird unverzüglich gesperrt, Straßensperren werden eingerichtet. Einige Besucher reisen noch am selben Abend ab. Doch im Großen und Ganzen ist die Stimmung recht entspannt. Der Großteil der Camper feiert am Zelt weiter und hofft auf eine Fortsetzung des Festivals.

Aufatmen! Das Festival kann weiter gehen. Gewissheit und erste Erkenntnisse zur Unterbrechung brachte die Pressekonferenz am Samstag Morgen mit Lieberberg, Innenminister Lewentz und der Polizei Koblenz. Auslöser waren Personen, nicht deutscher Herkunft, die Zugang zum sicherheitsrelevanten Festivalbereich hatten. Bei der Überprüfung der Backstage-Pässe wurde festgestellt, dass die Namen auf den Pässen mit den Personen keine Übereinstimmung ergab. Unter Ansehen dieser Umstände und um eine gründliche Durchsuchung des Geländes durchführen zu können, hat man sich entschieden, dass Festival vorzeitig an Tag eins zu beenden. Die Verdächtigen wurden festgenommen und eine weitere Gefährdungslage wurde ausgeschlossen. Der sichtlich mitgenommene Marek Lieberberg, der mit einer Brille mit schwarzen Gläsern an der Konferenz teilnahm, bedankte sich noch einmal ausdrücklich bei den Besuchern für ihre schnelle und ruhige Räumung des Geländes: „(…) in einer viertel Stunde ein solches Gelände zu räumen, ich denke das ist wirklich einmalig und zeigt auch die Besonderheit dieser Fans und ihrer Musik. Denn so viel Disziplin kann man kaum voraussetzen, wie wir sie hier erlebt haben. Deshalb geht mein Dank an die Besucher (…).“

Zu einem späteren Zeitpunkt wurde bekannt, was viele vermuteten: Der Auftritt von Rammstein kann auf Grund der aufwendigen Bühnenshow leider nicht nachgeholt werden. Dafür traten die Broilers und Materia noch einmal auf. Der Samstag stand ganz unter dem Motto: Rock am Ring gegen Terror. Zahlreiche Besucher hatten sich Schilder gebastelt auf denen Peace-Zeichen zu sehen waren und Aufschriften wie: „RaR gegen Terror“, „Scheiß Terror“, „Saufen gegen Terror“ und auch „Mama uns geht es gut“. Die Stimmung war ausgelassen wie am Freitag vor der Unterbrechung. Man merkte sichtlich die Erleichterung, dass das Festival weiter gehen konnte. Auf dem Campingplatz berichteten Dominik, Markus und Pascal, während sie liebevoll ihre selbstgebaute Biergiraffe Günther streichelten: „Von den dreimal Rock am Ring, die wir bisher mitgemacht haben, ist das das geilste! Trotz dem Ausfall von Rammstein, rocken wir den Ring weiter.“ Und so rockten die verbliebenen Besucher am Samstag zu den Donots, Sum41, Wirtz, Broilers, Beatsteaks und am Abend zu Die Toten Hosen. Das befürchtete Gewitter blieb aus, doch eingehüllt in bunte Plastiktüten schmetterte das ganze Festivalgelände im Regenschauer die Hits von den Hosen mit, die wie gewohnt eine super Show ablieferten.

Nach einem sehr erfolgreichen zweiten Festivaltag, startete der Sonntag sehr, sehr langsam. Offensichtlich war der Großteil der Besucher zu müde und betrunken, um sich die ersten drei Bands auf der Volcano Stage anzuschauen. Nur schleppend füllte sich der erste Wellenbrecher während Kaiser Franz Josef, Code Orange und Gojira. Zeitgleich waren die Leute vor der Crater Stage bei Frank Carter & The Rattelsnakes ordentlich am feiern, denn die Band verbrachte fast mehr Zeit im Publikum als auf der Bühne. So richtig Fahrt kam an der Volcano Stage erst mit Airbourne und Alter Bridge in die Hütte. Spätestens bei Phrophets of Rage und System of a Down waren alle wach und in absoluter Feierlaune. Den Festivalabschied durfte Macklemore auf der Crater Stage spielen. Der Großteil der Besucher hatte trotz Unterbrechung und auch obwohl Rammstein nicht auftreten konnten ein unvergessliches Wochenende bei Rock am Ring 2017. Bei der Pressekonferenz am frühen Sonntag-Nachmittag verkündete Veranstalter Marek Lieberberg, dass Rock am Ring 2018 am 1. – 3. Juni statt finden wird.

Fotos: Gina Wetzler | www.ginawetzler.de

Über den Autor

Gina

Wohnhaft in Berlin, Jahrgang ’93, Musik-Enthusiast, Volbeat-Verehrerin, Photoshop-Akrobatin, freiberufliche Pferde- und Konzertfotografin aus Leidenschaft, Mediengestalterin und ein bisschen kreativ verrückt.

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