Man soll manchmal ja auch mal über den Tellerrand schauen, mal in anderen Becken fischen, oder wie auch immer man es umschreibt, wenn man sich Platten anhört, die nicht in den Alltag passen. Bei Prinz Pi und mir ist das ein zweischneidiges Schwert – den alten Prinzen mag ich nicht, das ist nich meine Welt – den Prinzen ab „Rebell ohne Grund“ habe ich jedoch zu schätzen gelernt.
Textlich zählt Friedrich Kauz für mich zu den stärksten Protagonisten des Pop-Hip-Hop-Vereins. Hörte ich im Vorgängeralbum noch eine gewisse Jugendlichkeit heraus, ist auf „Im Westen Nix Neues“ ein älterer Protagonist tätig gewesen und das ist auch gut so. Älter werden, heißt auch älter denken. Pi knüpft umgehend mit dem ersten Track des Albums „Rebell ohne Grund (Kompass Reprise)“ an die Vorgänger-LP „Kompass ohne Norden“ an. Textinhaltlich merkt man eine große Wandlung zum Vorgänger. Prinz Pi veröffentlicht mit „Im Westen Nix Neues“ ein musikalisches Tagebuch, in welchem er seine erste kleine Midlife-Crisis und zerbrochene Beziehungen verarbeitet – Geschichten aus dem Leben und nicht aus dem bekannten und Klischeebehafteten Hip-Hop-Baukasten.

Wenn es ein Album von Prinz Pi gibt, dann auch immer ein sehr umfangreiches. Viele und lange Tracks, mit sehr viel Text und Inhalt. Auch auf „Im Westen Nix Neues“ sind 16 Tracks zu finden, fast 64 Minuten – das is eine Ansage. Das Artwork ist ebenfalls immer sehr herausgearbeitet und den Lyrics sind Bildern und fremde Zitate hinzugefügt, was viele Inhalte der Songs noch über die eigenen Lyrics heraus erklärt. Ich finde das super – man hat hier ein Gesamtkunstwerk – musikalisch zeigt die Platte einige starke Facetten, textlich – wie bereits erwähnt – ebenfalls.
Das alles wird über „Keine Liebe Records“ veröffentlicht, dem eigenen Label von Prinz Pi. Vermutlich erklärt auch diese Tatsache die Liebe zum Detail bei den Alben. Hier ist kaum etwas vorgegeben und das kleine Label darf sich ganz selbstorganisiert austoben. Stark!

Philipp Dittberner (u.a. der mega nervige Song „Wolke 4“) steht Prinz Pi in dem Track „1,40m“ zur Seite und rundet diesen Song ganz wunderbar ab. Die poppigste Nummer auf dem Album, welche dadurch vermutlich auch zur Single wurde. Das Video dazu:

Fazit:

Mit „Im Westen Nix Neues“ liegt eine wunderbare Platte vor mir – ein Gesamtkunstwerk, wie ich es zuvor schon betitelt habe. Die Songs sind gewohnt stark, sowohl textlich, als auch auf musikalischer Ebene. Die Live-Band bei den Shows ist aufgrund dieser Vorlage wieder ein absolutes muss und das freut mich jetzt schon.
Jedoch: mich haben einige Songs nicht wirklich gefesselt, Melodien die im Ohr bleiben sind ebenfalls wenig vorhanden. Eine Platte wie der Vorgänger „Kompass ohne Norden“ ist es für mich daher nur auf textinhaltlicher Basis – da sogar etwas besser, weil reifer. Musikalisch fand ich persönlich den Vorgänger interessanter.

Aufgrund dieser Kleinigkeit – und ich möchte das wirklich nur als Kleinigkeit anführen, weil einfach so vieles auf „Im Westen Nix Neues“ stimmt – gibt es einen kleinen Abzug in der Bewertung, welche mir in speziell diesem Falle ohnehin nicht leicht gefallen ist. Ich mag das Album, ich mag Prinz Pi und somit auch Musik aus dem Bereich Hip-Hop! Schön!

prinz_pi_cover

Tracklist:

01. Rebell ohne Grund (Kompass Reprise)
02. 21:04 / Schwarzer Lack
03. Weiße Tapete / Minimum
04. 1,40m
05. Werte
06. Kartenhaus
07. Im Jetzt ist das Chaos / Funkeln
08. Familienalbum Seite 19
09. Die Füllung vom Kissen
10. Ballade für Jojo
11. Schwermetall
12. Wasser zu Wein
13. Schornsteine
14. Im Westen nix Neues / Tochter
15. Strahlen von Gold / Sohn
16. Lösung / Gepäck

Prinz Pi - Im Westen Nix Neues (Keine Liebe Records, 05.02.2016)
4.7Gesamtwertung