Zu diesem Album gibt es dieses Mal keine persönlich angefärbte Geschichte. Es war auf einmal einfach da. Genauso wie das ziemlich zeitgleich erschienene „Remedy Lane“ von Pain Of Salvation (wäre auch ein starker Kandidat gewesen!). Vermeintlich progressive Sounds waren damals im Metal durchaus etwas „en vogue“ und der potenziell uncoole Schleier des Genres konnte abgeschüttelt werden. Steven Wilson schaffte es durch seine Connection über Opeth auch in die damaligen Genre-Postillen.

Dabei waren Porcupine Tree niemals ein Metal-Act, sondern die frühen Werke – als die „Band“ noch ein reines Soloprojekt war – standen ganz in der Artrock-Tradition von Pink Floyd. Eine erste Zeitenwende war das erste richtige Bandalbum „Signify“ (1996). Bei den beiden folgenden Platten „Supid Dream“ (1999) und „Lighbulb Sun“ (2000) wurde verstärkt auf eingängiges Songwriting und schöne Gesangsharmonien gesetzt, ohne dass der künstlerische Anspruch flöten gegangen wäre.

Das 2002 veröffentlichte „In Absentia“ (bei uns kam es erst Anfang 2003 auf den Markt) war dann ein Meilenstein in der Bandgeschichte. Bandkopf Steven Wilson ließ sich im Vorfeld besonders von Meshuggah und Opeth inspirieren, was letztendlich auch dazu führte, dass Wilson „Blackwater Park“ (2001) von Mikael Akerfeldt & Co. produzierte. Der Ton auf dem neuen Porcpuine-Tree-Album wurde auch ein härterer, was aber nicht nur an den verstärken Gitarrenriffs lag, sondern auch an der Hinzunahme von Schlagzeuger Gavin Harrison, dessen Spiel sich ziemlich von dem seines Vorgängers Chris Maitland unterschied. Harrison spielt wesentlich kraftvoller und technischer, was den neuen Kompositionen einen moderneren Drive gab.

Eröffnet wird „In Absentia“ mit „Blackes Eyes“. Kurz ein paar sparsame Gitarrenakkorde, eine anschwellende Keyboardfläche und dann geht es auch schon los und man wird vom einem harten Gitarrenriff in den Sitz gedrückt. Das kommt überraschend. Aber ehe man das verdaut hat, wird man auch schon von schönen, harmonischen Strophen in den Bann gezogen. Mit dem Kontrast aus eingängigem Refrain und aufwühlenden, metallischen Sounds ergibt sich ein toller Rocksong. Mit „Trains“ setzt sich das fort. Feine Melodien, tolle Harmonien – und ein überraschender Flamenco-Part. Der Song wurde mit den Jahren zum echten Live-Highlight und damit wohl so etwas wie der Hit des Albums.

Mit dem melancholisch-atmosphärischen „Lips Of Ashes“ endet der beschauliche Part der Platte dann erst einmal. Der Ton wird düsterer. „In Absentia“ ist zwar kein Konzeptalbum im engeren Sinne, die meisten Songs drehen sich aber um Serienmörder, verlorene jugendliche Unschuld und Kritik an der modernen Welt. Letzteres auch in Form des ätzenden „The Sound Of Muzak“ fort, bei dem Wilson das Kulturgut Musik in die Bedeutungslosigkeit abstürzen sieht. Etwas, mit dem er sich immer wieder beschäftigen sollte. Während dieses Stück etwas leicht Maschinelles hatte, gilt das erstrecht für das triste „The Creator Has A Mastertape“ und noch viel mehr für das Instrumental „Wedding Nails“. Nervös zuckende, harte und kalte Gitarrenriffs und nach vorne pushende Drums versteigen sich in Mathrock-Spielereien und verbreiten teils Industrial-mäßiges, disharmonisches Flair.

So etwas gab es im Kosmos von Porcupine Tree bisher nicht und damit dürfte Steven Wilson sicherlich einige seiner Fans ver- bzw. aufgeschreckt haben. Aber diese Kontraste zwischen beschaulichen, meist melancholischen (Artrock-)Melodien und wüsten Parts machen „In Absentia“ so spannend. Als Highlight irgendwo dazwischen steht „Strip The Soul“. Es beginnt etwas an Tool erinnernd groovend und zurückhaltend, der Gesang dezent unheimlich. Mit laufender Spielzeit schlingert der Song immer mehr in progressive Sphären vor und reißt unheimlich mit. Auch hier haben wir es mit einem Stück zu tun, das sich live besonders stark entfaltete.

Mit der Klavierballade „Collapse The Light Into Earth“ endet die Platte ruhig und versöhnlich. Steven Wilsons Weg zum Prog-Superstar – der er heute irgendwie ist – wurde spätestens hiermit geebnet und der Name Porcupine Tree war nicht mehr nur für Eingeweihte ein wohlklingender. „In Absentia“ hat die Zeit gut überdauert und der Meister selbst bezeichnet es immer wieder als den Favoriten seiner (Ex-)Band.

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Trackliste:
1. Blackest Eyes
2. Trains
3. Lips of Ashes
4. The Sound of Muzak
5. Gravity Eyelids
6. Wedding Nails
7. Prodigal
8. .3
9. The Creator Has a Mastertape
10. Heartattack in a Lay by
11. Strip the Soul
12. Collapse the Light into Earth