Alle guten Dinge sind sechs… könnte man meinen, wenn man (wie ich) das neue Pascow-Album in den Händen hält und zum ersten Mal gespannt die Start-Taste des mittlerweile in die Jahre gekommenen heimischen CD-Players bedient, um den Klängen von „Jade“ lauschen zu können.

Ja klar, stimmt schon, zweimal durften wir alle ja schon aufhorchen – nämlich erstens, als im Oktober die erste Single „Silberblick & Scherenhände“ veröffentlicht wurde und als uns die Rheinland-Pfälzer bzw. Saarländer Punks dann letzte Woche mit der Ballade „Wunderkind“ überraschten… eine sehr ungewöhnliche Nummer, welche die Punks nochmal von einer ganz anderen, ruhigen und sensiblen Seite zeigt.

Nach „Diene der Party“ nun also der nächste Longplayer der Herren Alex, Sven, Flo und Ollo, die aber entgegen ihrer früheren Werke weniger kryptisch und verkopft daher kommen – so sagte es zumindest schon vor Monaten der liebe Jürgen von Rookie Records… und da möchte bzw. kann ich ihm nur beipflichten.

Quasi als Nach-Geburtstagsgeschenk (feierten Pascow doch erst im letzten Jahr ihr zwanzigjähriges Bandjubiläum) haben sie – genau wie die Jungs von Turbostaat, die erst letzte Woche mit „Nachtbrot“ das erste Live-Album der Bandgeschichte präsentiert haben – nun ganz früh im Jahr eine Scheibe am Start, welche die Messlatte für das „Punk-Albums des Jahres“ schon jetzt recht hoch legt und andere Genre-Bands ordentlich in Zugzwang bringen wird.

Für die Aufnahmen verantwortlich zeichnete sich erneut der liebe Kurt Ebelhäuser, der bereits damals „Alles muss kaputt sein“ zum Leben erweckte. Geschäftstüchtig wie eh und je wird die Scheibe natürlich über das bandeigene Label Kidnap Music vertrieben werden… die Liebhaber von Vinyl können sich über zwei verschiedene Ausführungen mit allerlei Gedöns freuen.

Musikalisch bietet „Jade“ zwölf Songs, die klassische Pascow-Elemente mit dem einen oder anderen Soundexperiment verbinden – denn musikalischen Stillstand gab es für die Jungs ja bekanntlich noch nie. Beginnend mit einem entspannten Klavierintro („Prolog„) setzt kurze Zeit später beinahe spontan die schrammelnde Gitarre ein und spätestens wenn Alex seine – ihm ganz eigene und markante – Stimme erhebt, werden „Silberblick & Scherenhände“ real und bedrohlich.

„Silberblick und Scherenhände
und mein alter Herr, der spricht
„Wenn du Sirenen hörst, dann lauf!“
Etwas ging kaputt vor Jahren
das muss verdammt noch mal so sein
Wette verloren, Babo
ich werd noch bleiben„

Und als gäbe es kein Morgen mehr, geht es direkt mit Vollgas in die nächste Nummer, den Titeltrack „Jade“ – denn düster geht es auf den Abgrund zu und wenn selbst der Frisör keine Antwort mehr hat, warum denn dann bitte wir? Aber auch „Marie“ verbreitet Kummer, denn ein Leben ohne sie fällt schwer – nur im Endeffekt ist ja sowieso alles egal, denn wenn man der „Kriegerin“ Glauben schenken mag, dann ist es um uns ja sowieso arg gestellt und das Ende mag näher sein, als wir es uns nur vorstellen können.

Ganz im Western-Style werden dann „Die Backenzähne des Teufels“ gezogen, quasi als wäre man „Unter Geiern„… gemeinsam mit dem „Track der Toten“ gewinnt man den Eindruck, dass die Herren Pascow sich gerade in einer düster-melancholischen, bisweilen gar depressiven Phase befinden – da passt dann direkt auch das lebensbejahende Artwork, welches ganz im schicken positiven Schwarz gehalten ist.

Verzweiflung, Resignation, „Schmutzig Rot“ als hellste Farbe und die sinnlose Suche nach einem anderen ‚Ich’… wer sich bei diesen Begriffen zuhause fühlt, der sollte sich „Jade“ in den Arzneischrank stellen und regelmäßig in hohen Dosen zu Gemüte führen. Und Leute, hört bitte auf den „Sturm, der durch die Erlen zieht„! Manchmal ist Flucht doch die richtige Wahl, denn wie kann man wissen wie es war, wenn man es nie probiert hat?

Verabschiedet wird sich dann ordnungsgemäß mit den besten Wünschen an das beinahe verlorene „Wunderkind“ – so balladesk wie man es noch nie von den Jungs gehört hat, denn…

„Weil du weißt
dass du alleine stirbst
wie es all die Deinen tun
Sacred Wunderkind
das raucht und hurt und trinkt“

Also eins kann man sagen, die Herren von Pascow sind auch über zwanzig Jahre nach ihrer Gründung immer wieder für eine Überraschung gut! Den einen oder anderen wird „Jade“ vielleicht irritieren, manch einer wird es nicht wirklich mögen, für mich ist die Scheibe eine interessante Weiterentwicklung und auch wenn ich die Jungs erst seit der „Alles muss kaputt sein“ – also seit 2010 – kenne, mir gefällt genau die Art, wie sie den Punk so schön eigenständig und kompromisslos durch überaus bedrohliche Zeiten schippern.

Der Tanz auf den Gräbern hat schon längst begonnen… und Pascow liefern die überaus passende Abschiedsmelodie!

 

Tracks:
1. Prolog
2. Silberblick & Scherenhände (Gastgesang: Frau Wolf)
3. Jade
4. Marie
5. Kriegerin (Gastgesang: Nadine Nevermore)
6. Die Backenzähne des Teufels
7. Unter Geiern (Gastgesang: Nadine Nevermore)
8. Treck der Toten
9. Schmutzigrot
10. Heute Jäger, morgen Taucher (Gastgesang: Nadine Nevermore)
11. Sturm, der durch Erlen zieht
12. Wunderkind (Gastgesang: Nadine Nevermore)

 

Und wer darüber hinaus noch Bock hat die Jungs von Pascow live zu sehen, der sollte sich im April auf den Weg machen:
25.01.19 Neunkirchen, Gebläsehalle (Release Party)
17.04.19 Hannover, Faust
18.04.19 Jena, Kassablanca
19.04.19 CH-Zürich, Dynamo
20.04.19 Freiburg, Waldsee
22.04.19 München, Strøm
23.04.19 Stuttgart, Universum
24.04.19 Erlangen, E-Werk
25.04.19 Köln, Gloria
26.04.19 Berlin, SO36
27.04.19 Hamburg, Uebel & Gefährlich
28.04.19 Leipzig, Conne Island

Pascow auf Festivals:
22.06.19 Scheeßel, Hurricane Festival
23.06.19 Neuhausen ob Eck, Southside Festival
18.-20.07.19 Glaubitz, Back To Future
07.09.19 Wiesbaden, Schlachthof (Angst macht keinen Lärm)

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PASCOW - Jade (Rookie Records/Kidnap Music, 25.01.2019)
4.9Gesamtwertung