Pale | Seas – Stargazing for Beginners (Abbey Records, 24.11.2017)

Hier an der Küste regnet es gefühlt seit Tagen durch. Der Herbst knallt hier wie eine depressive Wolke über den Strand und bringt eine Sturmflut nach der anderen mit. Ich bin ein Freund von melancholischer Stimmung und verfalle regelmäßig in teenagermäßige Euphorie sobald die Touris mit ihren garstigen Partnerjacken verschwunden sind und man mit guter Musik auf dem Ohr die Nordsee wieder für sich hat. Und dann kommt das verspätete Debutalbum von Pale | Seas und transportiert genau das, was dieser Blick aus dem herbstlichen Fenster so verspricht.

Mein erster Berührungspunkt mit der Band war die Single / das Video zu “Someday” und direkt beim einsetzenden Gesang von Jacob Scott hatte mich der Sound an der Angel. Die dem Beipackzettel eingefügten Beispielbands wie die Smashing Pumpkins und Co werfe ich zwar fast über Board, aber irgendwie bleibe ich direkt in der großen Zeit entsprechender Bands hängen. Die 90er. Die Zeit in der man noch gepflegt bekifft depressiven Alternative Rock hören konnte, ohne lange suchen zu müssen.

 

 

Ich höre zwar relativ viele Gitarren und feiere das Songwriting mega, aber völlig ohne negativen Beigeschmack würde ich den Sound eher im düsteren Indiepop ansiedeln. Düsterer Indiepop mit vielen gebrochenen Herzen, Lebenskrisen und einer Menge Gefühl. Zwar nicht die Art Gefühl die dich wie das Bienenmädchen bei Blind Melon über die Wiese hüpfen lassen, aber auch negative Gefühle können im richtigen Moment schön wirken.

Pale | Seas beweisen hier in 10 Songs wie großartig Pop sein kann. Wie handgemacht und großartig. Und dafür hat sich die Band Zeit gelassen. Nach den ersten Erfolgen und kurz vor der Veröffentlichung dieser Scheibe hat man sich komplett zurück genommen und mit “The Verve” Produzenten Chris Potter auf eine einsame Insel zurückgezogen. So erscheint “Stargazing for Beginners” erst zwei Jahre später, was vermutlich diverse Leute beim Label wahnsinnig gemacht haben dürfte, ist dafür aber in dieser Art und Weise ganz großartig.

Düstere Melodien, die mit einer so bittersüßen und verzweifelten Note soviel Charme versprühen, können nicht viele Bands. Ob es jetzt die ruhigen und schon fast cineastisch wirkenden Songs wie der Titelsong sind oder die rockigeren Teile wie “Animal Tongue”, bekommen sie immer den Spagat gekonnt hin. Sie klingen großartig hymnisch düster, ohne dabei nervig abzudriften.

Wie man meiner Euphorie vielleicht entnehmen kann, gibt es von mir eine dicke fette Kaufempfehlung für dieses Album. Ich wurde lange nicht so traurig und gleichzeitig so schön unterhalten. Hallo Herbst!

 

 

  1. Into the Night
  2. My Own Mind
  3. Someday
  4. In A Past Life
  5. Blood Return
  6. Bodies
  7. Stargazing for Beginners
  8. Animal Tongue
  9. Heal Slow
  10. Evil is Always One Step Behind

 

(Beitragsbild: Hollie Fernando)

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