Vier Jahre ist es mittlerweile her, dass Nick Caves damals 15-jähriger Sohn Arthur auf unglückliche Art und Weise verstarb. Der Musiker befand sich gerade mitten in den Arbeiten zu seinem Album „Skeleton Tree“. Zwar waren die Songs an sich bereits fertig geschrieben. Aber natürlich hatte der Verlust trotzdem Auswirkungen auf das Endergebnis.

Recht überraschend verkündete Nick Cave vor kurzem die Veröffentlichung eines Nachfolgers, der den Namen „Ghosteen“ tragen und ein Doppelalbum sein wird. Und letzten Freitag ist jener über digitale Vertriebskanäle und Streamingportale erschienen. Eine physische Veröffentlichung auf CD und LP folgt am 8. November.

Dass der Tod des Sohns noch nachwirkt, wird zuerst beim Titel und dann spätestens beim Hören der Songs sofort klar. Sie sind in zwei Teile gesplittet. Die ersten acht Stücke sind „die Kinder“, die letzten drei „die Eltern“. Die Teilung fällt tatsächlich auf. Denn es scheint fast so, als hätte der Musiker die Worte der einen Hälfte seinem Sohn in den Mund gelegt. Im Rest spricht der Vater. Am Ende ist es nichts anderes als eine Art Traueralbum, was nicht gerade überrascht, wenn man sich vor Augen hält, wie nahbar der Künstler in den letzten Jahren geworden ist. Sei es während seiner letzten Tour, auf der er Songs spielte und Fanfragen beantwortete oder in seinem Blog „The Red Hand Files“, bei dem er fast als eine Art Seelsorger zugange ist.

Musikalisch wirkt „Ghosteen“ dagegen wie die Fortsetzung der Trilogie, die mit „Push The Sky Away“ begann. Weg vom intensiven Bandsound, hin zu fragilen, zurückhaltenden Klanggebilden. Gesang und Piano, dazu viel Klang- und Effektezauberei von Warren Ellis. Die restlichen Bad Seeds bekommt man an den Instrumenten nicht zu hören. Das gesamte Soundbild hat etwas Sakrales, Erhabenes, was zusätzlich immer wieder durch die auftauchenden Chöre unterstützt wird, welche dieses Mal eher nach Gospel, als nach Kneipenchor klingen. Auch Cave setzt seine Stimme anders ein. Verstärkt agiert er im Falsett, steht auch zu seiner Brüchigkeit, mit der er die intensiven Texte vorträgt – gerade bei der 14-minütigen Abschlussnummer „Hollywood“. Schmerzhafte Erkenntnis, gegossen in düstere Molltöne.

„Everybody’s losing someone. It’s a long way to find piece of mind…“.

Traditionelle Songwritingformeln scheinen zudem weniger wichtig zu sein, auch wenn die ersten Stücke fein komponierte Songs sind. Gerade das helle „Bright Horses“ und das bildreiche „Sun Forest“ wissen zu gefallen. Danach verliert der erste Teil etwas seine Linie und wirkt leicht zerstreut. Dafür beeindruckt der zweite mit den beiden überlangen Stücken „Ghosteen“ und „Hollywood“ sowie dem Gedicht „Fireflies“ umso mehr. Trotz der ausgedehnten Spielzeit kommt hier keine Langeweile auf.

Am Ende weiß man trotzdem nicht so richtig, was man von „Ghosteen“ als Ganzes halten soll. Ist das jetzt große Kunst oder ein überzogenes Trauerspiel? Meisterwerk oder eine überflüssige Veröffentlichung eines in sich versunkenen Musikers? Wahrscheinlich irgendwas dazwischen. Aufgrund der Polarität entzieht sich das Album einer üblichen Bewertung. Deswegen lasse ich sie an dieser Stelle offen. Die elf Stücke verlangen nach etwas mehr Beschäftigung.

Trackliste

Part 1:
1. Spinning Song 4:44
2. Bright Horses 4:53
3. Waiting for You 3:54
4. Night Raid 5:08
5. Sun Forest 6:46
6. Galleon Ship 4:15
7. Ghosteen Speaks 4:03
8. Leviathan 4:48

Part 2:
1. Ghosteen 12:11
2. Fireflies 3:23
3. Hollywood 14:12

Photo-Credit:  Matt Thorne