Ohne Vorwarnung poltert es heavy schleppend los. Wie ein Mahlstrom zieht einen der Titeltrack „Given To The Rising“ mit…

Als ich Neurosis damals im Jahr 2007 das erste Mal bewusst zu hören bekam, tat sich eine komplett neue Welt für mich auf. Von dem Namen und, dass sich kraftvolle, einst im Hardcore wurzelnde Musik dahinter verbarg, hatte ich noch mitbekommen. Ebenso, dass die Band als Inspiration für Acts wie Cult Of Luna, Disbelief, Mastodon oder Isis diente. Aber wirklich vorstellen konnte ich mir darunter nichts. Und was mich letztendlich hier erwartete, war einen anbetungswürdiger Monolith aus Doom, Hardcore, Ambient, Prog und Metal.

Nachdem Neurosis auf den beiden Vorgängern „A Sun That Never Sets“ und vor allem „The Eye Of Every Storm” verstärkt ruhigeren und kontrollierteren Tönen Platz einräumten, war „Given To The Rising“ wieder ein rauer und dunkler Moloch, welcher so manchem Fan vielleicht etwas überraschte. Aber von einem Blick zurück konnte trotzdem nicht unbedingt die Rede sein.

Der Einstieg als Doomwalze mit mitten ins Gesicht tretenden Gitarrnriffs, die sich mit der Urgewalt eines Bulldozers ins Bewusstsein des Hörers fressen, war nur die eine Seite. Im weiteren Verlauf wechseln sich zurückgezogene Soundscapes mit weiten Gitarrenwänden ab und es wird eine Atmosphäre geschaffen, der man sich nicht so einfach entziehen kann. Mal verstörend, mal hypnotisch, inspirierend, psychedelisch oder von Zeit zu Zeit sogar entspannend. Ein Gefühl welches schwer in Worte zu fassen ist. Nur eines ist es nicht: langweilig. Die Band begeht niemals den Fehler sich in schwebenden Klangflächen zu verlaufen. Gleichzeitig setzte Mischpultguru und Bandintimus Steve Albini den Neurosis-Sound abermals perfekt ausbalanciert und warm klingend in Szene.

„Given To The Rising“ sollte man in seiner ganzen Erhabenheit genießen, doch möchte ich noch ein paar Songs herausstellen. Zum einen „At The End Of The Road“, ein regelrechter Psychotrip, der es in sich hat. Beginnt etwas brummig ambientartig, gleitet langsam dahin, während im Hintergrund gesprochene Wortfetzen zu vernehmen sind, bevor der Song, durch massive Gitarrenriffs angefeuert, sein Ende findet. „To The Wind“ hätte sich zu einem Art Hit des Albums entwickeln können. Der Titel wirkt anfangs mit seinen positiv klingenden, gezupften Gitarrenakkorden regelrecht friedfertig, bevor die Band ihn in eine Midtempo-Metalnummer verwandelt. Auch hier darf ein beschwörender Mittelteil nicht fehlen, um dem harschen Gesang am Ende einen guten Kontrast gegenüber zu stellen.

„Hidden faces“ ist die kürzeste und für Neueinsteiger einfachste Nummer auf „Given to the rising“. Ein treibender und intensiver Song im Laut-/Leise-Format mit 70s-artigen Keys, die unauffällig im Hintergrund agieren. Sehr stark. „Distill“ bringt kurz vor Schluss noch einmal die postrockige Essenz der ganzen CD zu Ausdruck. Atmosphärische Klänge wechseln sich mit der akzentuierten Gitarren- und Schlagzeugarbeit ab, die zum Besten der Platte zählt. „Origin“ ist der perfekte Schlusstrack. Er ist fast bis zum Ende wie ein stiller Fluss, bevor er sich in einen reißenden Strom verwandelt und ganz abrupt endet, wie das Album auch begonnen hat. Anschließend steht/sitzt man emotional ausgezehrt da, schnappt nach Luft und wundert sich in welchen Sphären man sich die letzte Stunde lang aufgehalten hat.

Sucht man nach der Bezeichnung Katharsis im Duden, findet man Neurosis wohl als akustische Entsprechung dessen.

 

Trackliste:
1. Given To The Rising
2. Fear And Sickness
3. To The Wind
4. At The End Of The Road
5. Shadow
6. Hidden Faces
7. Water Is Not Enough
8. Distill (Watching The Swarm)
9. Nine
10. Origin

 

 

P.S.:  Mehr mehr zu Album und Band erfahren möchte, der schaue doch einfach in unser historisches Interview rein, welches im Rahmen der Albumveröffentlichung geführt wurde.