Als alternatives Musikmagazin kann man doch gerne mal den Blick in andere musikalische Sphären wagen, die sich gerne selbst als Alternative zum Mainstream sehen – auch wenn sie lokal vielleicht etwas begrenzt scheinen. Und diesem Fall geht es um die bayerische Mundartrock- und Popszene. Hier gibt es genügend Bands und Künstler die etwas mehr Aufmerksamkeit bekommen sollten. Die Firma BSC Music tut sich hier mit seinem MundArt-Label besonders hervor und fischt aus der Masse Sachen heraus, die es verdient haben ins Lampenlicht gerückt zu werden. Aus dieser Intention hat sich der so genannte „Bavaria Vista Club“ entwickelt, der diese Bands – frei von jeglichem Genre – im größeren Rahmen auf die Bühne bringt.

Das haben wir uns mal genauer angeschaut, da am 1. Oktober 2016 zwei besondere Exemplare mit dabei waren: die Folkrocker von IRXN und Crossover-Quartett Oansno. Statt fand die Veranstaltung im beschaulichen Wolnzach, mitten im weltweit größten Hopfenanbaugebiet der Welt: der Hallertau. Heimat des Deutschen Hopfenmuseums und damit wohl auch ein besonderer Hort der Gemütlichkeit. In diesem Sinne: Wohl bekomm‘s!

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Nachdem das dadaistisch angehauchte Trio MUC³ sowie das heimatliche Kabarett-Duo Sauglocknläutn erste musikalische Visitenkarten abgegeben hatten, standen sie auch schon auf der Bühne, die Lokalmatadore IRXN. Der altbayerische Begriff bedeutet so viel wie Kraft und passt auf die Musik der Truppe wie der oft zitierte Hintern auf den Eimer. Musikalisch ist das schon ein Ding: keltische treffen hier auf mittelalterlich beeinflusste Folk- und zeitgemäße Rocksounds, dazu mitreißende Geschichten, die manchmal etwas archaisch wirken, aber am Ende doch nur Metaphern für die heutige Zeit darstellen. Geige und (E-)Gitarre (mit der in Wolnzach stadtbekannten Künstlerseele Reinhold Alsheimer hat man sogar einen ehemaliger Punk in seinen Reihen) stehen hier gleichberechtigt nebeneinander. Für Lokalkolorit sorgen nicht nur die bayerischen Texte, sondern der E-Bass wird auch mal gegen eine Tuba getauscht. Dreh- und Angelpunkt ist Sänger Bernie Maisberger. Seine Worte versteht man auch, wenn man nicht von hier kommt.

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Dass der kernige Typ in seiner Heimatsprache singt ist sogar äußerst positiv. Sorgt das alleine doch schon für die ach so oft beschworene Authentizität. Denn diese wird hier kostenlos mitgeliefert. Bei Songs wie „Irgendwo und Irgendwann“, „Schatten hinter Dir“, dem instrumentalen „Wuiderer“ oder der sprachlich angepassten Coverversion von Steve Millers „Joker“ kann man einfach nicht stillstehen. Das muss man mal gehört und gesehen haben. Dass die einheimischen Fans recht schnell und euphorisch die Tanzbeine schwangen, war obligatorisch. Der Jubel war verständlicherweise groß, als die Band die Bühne wieder verließ.

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Der Münchener Vierer Oansno (Bayerisch für „Noch eines, bitte!“) musste sich den Jubel anfangs noch etwas erarbeiten, was allerdings keinesfalls an der musikalischen Qualität lag. Denn die vier noch jüngeren Herren sind musikalisch ziemliche Cracks. Nein, man war einfach noch nicht so bekannt, was es aber zu ändern gilt! Akkordeon, Trompete, Tuba und Schlagzeug (auf einem Sackkarren bzw. Bierwagerl montiert) klingen erstmal nach Volksmusik. Das ist aber nur die halbe Wahrheit. Denn Oansno spielen eine derbe Mischung aus traditionellen Klängen, Pop, Ska, Reggae, Techno, Balkansounds, Weltmusik und noch vielem mehr, was man eben im Vorbeischlendern so findet. Die Wurzeln der bayerischen Wirtshauskultur kann man auch nicht verleugnen, was man mit ausgelassener und unbedarfter Spielfreude paart.

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Das klingt durchaus etwas wie die räudige Straßenmusikversion der bayerischen Superstars LaBrassBanda. Textlich werden dem Gerstensaft und der Heimatstadt gehuldigt – aber ironischerweise auch der Klimaerwärmung. Für Songs über das Reinheitsgebot oder „Liaber da i dadirrn, als a Beck’s Bier probier’n“ gehört ihnen glatt ein Orden verliehen! Und ihre Nummer „Oane moan i pack i no“ ist ein grandios eingängiger Hit aus Sauflied, Afro-Beats und Hast-du-nicht-gehört, während ihr „Musikanten Techno“ immer wieder erstaunt. Die Wirkung der Band ganz allgemein: euphorisierend. Dagegen konnte sich selbst Wolnzach, das die Band am Ende doch noch gebührend feierte, an diesem viel zu kurzen Abend auch nicht wehren. Manchmal dauert es eben etwas länger, bis es klick macht.

Man sieht, die süddeutsche Szene ist äußerst aktiv und bringt spannende und musikalisch durchaus andersartige Gruppen und Künstler hervor, die mit ihrer frischen und kreativen Musik überzeugen können. Wir bleiben dran und werden sicher noch weitere Perlen finden, die man auch jenseits des Weißwurstäquators toll finden kann!

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