Classic Time. Heute bin ich wieder an der Reihe. Eines der Probleme, die bei einer Classics-Besprechung aufkommen, ist, eine Entscheidung zu treffen. Über welche Platte soll ich schreiben. Wer die Wahl hat, hat bekanntlich auch die Qual, und im Falle dieser Rubrik ist die Wahl groß. Denn großartige Alben gibt es so viele. Daher fällt meine Wahl auch diesmal wieder auf eine Platte mit persönlichem Hintergrund für mich.

Ich muss 14 Jahre alt gewesen sein, als ich Millencolins „Pennybridge Pioneers“ zum ersten Mal hörte. Der Nachfolger „Home From Home“, sowie der Erstling „Tiny Tunes“, respektive „Same Old Tunes“ (Die Band war gezwungen das Debüt-Album nach einem Rechtsstreit mit Warner Brothers aufgrund des Titels (Tiny Tunes – Tiny Toons) mit geändertem Albumnamen wiederzuveröffentlichen. Fuck Major Corporations) waren mir zu dem Zeitpunkt bereits bekannt.

Im Internet, das zu diesem Zeitpunkt nicht von sozialen Netzwerken dominiert war und generell noch eine unwichtigere Rolle spielte als Heute, las ich auf einer Millencolin-Fanseite (Fanseiten…vor Myspace, Facebook und Hipstergram gab es sowas noch…erfrischend), dass ein Großteil der Fans „Pennybridge Pioneers“ als das großartigste Album der Band feierte.

Die Platte katapultierte Millencolin damals in die Premiere League der internationalen Punkszene. Es war für die Band das erste Album, das außerhalb der skandinavischen Heimat eingespielt und zudem von Melodypunk-Guru und Epitaph-Labelchef Brett Gurrewitz produziert und gemischt wurde. Nicht schlecht für eine schwedische Punkband aus dem beschaulichen Örebro (Der Name des schwedischen Städtchens lässt sich mit „Pennybridge“ ins Englische übersetzen und diente als Inspiration für den treffenden Albumtitel. Ich entschuldige mich bei den Punkfans, die das natürlich wissen und jetzt gelangweilt gegähnt haben).

Im folgenden Urlaub (ironischerweise tatsächlich in Schweden, glaube ich jedenfalls) suchte ich also den nächsten Plattenladen auf, um eine Kopie zu erstehen. Die stärkste Erinnerung die ich von diesem Urlaub habe, ist: Ich in meinem kleinen Iglu-Zelt auf einer Luftmatratze mit aufgesetzten Kopfhörern und dieses Album auf Dauerschleife. Ich war Einzelkind und machte trotzdem keine Anstalten auf dem Campingplatz den Kontakt zu Gleichaltrigen zu suchen. Alles was ich brauchte war der Uraltdiscman meines Vaters aus den 80ern und diese Platte.

Angefangen mit einem verheißungsvollen Snare-Wirbel zu Beginn  des Openers „No Cigar“ macht dieses Album einfach alles richtig, was es nur richtig zu machen gilt. Antizipation, Spannung und Energie aufbauen und diese dann perfekt bedienen. Mit einer kraftvollen, hochauflösenden, sauberen aber dennoch energetischen, dichten Produktion, Melodien, die sich weigern die Gehörgänge wieder zu verlassen, Sarcevics unverwechselbarer Stimme und einem Songwriting, das jede große Pop-Punk-Kapelle damals wie heute vor Neid erblassen lassen dürfte. Dazu hervorragend gewählte Singleauskopplungen und im Falle von „Fox“ ein, man kann es nicht anders sagen, herzzerreißend süßes Video über die Liebe zu einer Schwalbe (das Moped, nicht das Tier). Politische Themen bei „Material Boy“ oder soziale Unsicherheit bei der perfekten Abrundung des Albums mit „The Ballad“ werden aber ebenso behandelt. Wer nicht spätestens während des großen Finales in letzterem Song Pippi in den Augen hat, wird handgemachte, emotionale Musik vermutlich grundsätzlich nicht verstehen. In diesem Fall kann man wohl nichts mehr machen, außer das eigene Underdogtum mit „I don’t care where I belong no more“ zu kommentieren und den Pionieren aus Örebro dafür auf ewig dankbar zu sein.