Neulich stand ein Sonntag in der beliebten Facebook-Gruppe „Heavy Metal Fans“ ganz unter dem Motto „Die 90er“. Also genau das Jahrzehnt der musikalischen Erweckung des Rezensenten. Dabei fiel mir auf, dass ein Album, welches ich bei Erscheinen besonders gerne hörte, in ein paar Monaten sein 25-jähriges Erscheinen feiert. Eines das mich in meinem Geschmack zudem auch noch prägte und welches sich über all die Jahre als ziemlich zeitlos erwies: „Youthanasia“ von Megadeth.

Zugegeben, dieses Werk gehört vielleicht nicht zu den beliebtesten im reichhalten Katalog von Dave Mustaine & Co., da es auf dem Weg von der Abkehr vom reinen Thrash und Speed Metal eine deftige Wegmarke darstellte. Aber ist das wichtig? Sollte es nicht viel mehr um die Songs gehen? Und in der Hinsicht lässt sich das Quartett nicht lumpen, welches sich in dieser Besetzung mit dem Vor-Vorgänger „Rust In Peace“ (1990) unsterblich gemacht hat.

Mit „Countdown To Extinction“ ging man schon den 1991 von Metallica so erfolgreich eingeschlagenen Weg: voluminöse Produktion, Füße runter vom Gas, hin zum Midtempo-Metal mit einfacheren, eingängigen Songs. Das funktionierte mit „Countdown To Extinction“ und der Hitsingle „Symphony Of Destruction“ schon ziemlich gut und Megadeth fuhren endlich reiche Ernte ein. Das sollte mit dem Nachfolger natürlich so weitergehen. Und so überließen die Band und ihre Produzent Max Norman nichts dem Zufall und setzten voll auf eine relativ gleichbleibende, erfolgversprechende Formel. Glücklicherweise entstand dabei dann kein durchgängig gleichschmeckender Brei, sondern eine Sammlung guter Songs mit kleinen, verschiedenen Nuancen, die deswegen so gut funktionieren, da Dave Mustaines Gespür für feine Melodien und Riffs anno 1994 besonders ausgeprägt zu sein schien.

Mit rollenden, donnernden Drums geht es los. „Reckoning Day“ ist eine standesgemäße Eröffnung und Simplizität wird nur vorgetäuscht. Denn der dynamische Song hat es tatsächlich in sich. Das folgende „Train Of Consequences“ steht noch mehr für das ganz Album. Grooviges Grundriff, eine warm wummernde Rhythmusgruppe, tendenziell überraschend locker im Ton und mit eingängigem Refrain und feinen Gitarrenharmonien. „Elysian Fields“, „I Though I Knew It All“, „The Killing Road“ oder auch „Blood Of Heroes“ sind vom selben Schlag. Dass Megadeth (vor allem textlich) nicht den Biss verloren haben, zeigen der düster-hymnische Titeltrack und das schleppend kantige „Black Curtains“.

Gut, wirklich schnelle Nummern waren da jetzt noch nicht dabei. Dieser Wunsch wird einem höchstens ganz am Ende mit „Victory“ erfüllt. Ein selbstreferenzieller Song, der sich fast ausschließlich aus alten Songtiteln von Megadeth zusammensetzt. Zum Abschluss noch einmal kämpferisch. Überhaupt scheint sich Dave Mustaine in den Texten immer wieder mit sich selbst zu beschäftigen. Und das kritisch.

An mancher Stelle wurden seine Worte allerdings fehlinterpretiert. Insbesondere bei der sich auch musikalisch ziemlich abhebenden Powerballade „À tout le monde“. Beim Hit der Platte ging man fälschlicherweise davon aus, er würde sich um Selbstmord drehen. In Wirklichkeit schrieb Mustaine den Text aus dem Blickwinkel seiner verstorbenen Mutter. So oder so eine ziemlich emotionale Nummer, die eine bisher nicht bekannte Seite der Band zeigte. 12 Jahre später spielte die Band für das Album „United Abominations“ eine neue Version des Songs sein, die allerdings trotz des Gastauftritts von Cristina Scabbia (Lacona Coil) nicht so packend wie das Original klang.

Nach dieser anfangs vielleicht etwas unscheinbar scheinenden Platte hatten Megadeth ihren Zenit in Sachen Songwriting und Erfolg erreicht. In Teilen sogar schon überschritten. Ein langsamer Abstieg sollte folgen. Aber darum geht es heute nicht. Sondern: „Youthanasia“ einlegen und die Zeitmaschine in die 90er anwerfen!

 

Trackliste:
1. Reckoning Day
2. Train of Consequences
3. Addicted to Chaos
4. À tout le monde
5. Elysian Fields
6. The Killing Road
7. Blood of Heroes
8. Family Tree
9. Youthanasia
10. I Thought I Knew It All
11. Black Curtains
12. Victory