Und weiter geht’s in Sachen Wiederveröffentlichung des alten Noise-Katalogs. Im vergangenen Juni hatte man ja bereits die ersten vier Alben von Kreator in überarbeiteten Versionen wieder in die Welt hinaus geschickt. Jetzt folgen die nächsten vier. Im Einzelnen: „Coma Of Souls“ (1990), „Renewal“ (1992), „Cause For Conflict“ (1995) und „Outcast“ (1997). Findige Leser dürften sich fragen, warum die letzten beiden unter dem Banner „Noise lebt“ erscheinen, wanderten Kreator doch dafür zum Konkurrenzlabel GUN Records ab. Aber sei’s drum… Stilistisch und besetzungstechnisch waren die 90er jedenfalls – wie für viele andere „klassische“ Heavy- und Thrash-Metal-Bands auch – für Kreator eine turbulente Zeit.

Die Neuauflagen erscheinen wieder als Digibook-CDs mit Boni sowie als farbige Vinyl-Versionen. Wie bei der letzten Rutsche hat man auch dieses Mal die Frontcover überarbeitet bzw. angepasst, was vorher schon kontrovers aufgenommen wurde. Allerdings ist das Ergebnis jetzt nicht ganz so schlimm. Die CD-Versionen kommen wieder mit ausführlichen Liner Notes und machen durchaus was her. „Coma Of Souls“ und „Outcast“ hat man je eine komplette Bonusscheibe mit Liveaufnahmen spendiert, die anderen beiden Alben bekamen ein paar einzelne zusätzliche Songs. Der Sound ist nur sanft restauriert worden.

Und weiter geht der kreative Schlingerkurs… und auch das Besetzungskarussell drehte sich nochmals. Nach seiner Auszeit nahm Gründungsmitglied Ventor wieder hinter der Schießbude Platz. Gitarrist Frank Blackfire wurde gegangen, dafür trat Tommy Vetterli, der ehemaligen Schweizer Labelkollegen Coroner, an seine Stelle. Das passte sehr gut. Denn Mille wollte weiter experimentieren und Vetterlis Ex-Band war für ihren technischen, etwas ungewöhnlichen Thrash Metal bekannt.

So ist „Outcast“ das absolute Gegenteil von „Cause For Conflict“. Dem ungehobelten Vorgänger setzt man ein ausgeklügeltes, bisweilen fast schon überladenes Album entgegen. Statt Raserei und purer Wucht arbeitet man hier mit dichten Songs, die sich meist recht gefasst im Midtempo-Bereich bewegen. Das Songwriting wurde ebenfalls wieder traditioneller und man befasste sich viel mit Sounds. Man darf sich nicht wundern, wenn man immer wieder kleine Samples und Effekte in den Nummern findet. Das maschinelle Riffing lehnt sich auch immer wieder an Industrial-beeinflusste Metal-Bands wie Fear Factory oder Prong an. Das klingt durchaus interessant und komplett anders als bisher und geht sogar noch weiter als „Renewal“ ein paar Jahre früher. Der Thrash-Fan findet dafür nicht mehr gerade viel für sich.

Am ehesten noch den zackigen Brecher „Phobia“. Ein wuchtiger und simpler Song, der heute ein Klassiker im Repertoire der Band ist. Vor allem live haut das ordentlich rein. Viel mehr für „Outcast“ steht allerdings der Opener „Leave This World Behind“. Grooviger Midtempo-Sound, Milles veränderter Gesang, der klingt, wie er ihn heute noch praktiziert und ein eingängiger Refrain. Gefällt. „Forever“, „Whatever It May Take“ und „Enemy Unseen“ hauen in eine ähnliche Kerbe. Mit der Zeit schleicht sich allerdings etwas ein Gleichklang ein, so dass man sich über kleine, ausbrechende Farbtupfer freut.

„Black Sunrise“ überrascht als flächiger, düsterer, recht ruhiger Titel, der mehr auf Atmosphäre setzt. Komplett ungewöhnlich im Kreator-Kanon, aber nicht verkehrt. Auch der Titeltrack gibt sich schleppend. Allerdings auch ziemlich garstig, fast würde man das Ding als Doom-Nummer der Band bezeichnen wollen. Und gegen Ende steht dann mit „Against The Rest“ dann doch noch so etwas wie eine Thrash-Nummer auf der Platte, die doch aus der Art schlägt. Schiebt man allerdings die Bandvergangenheit zur Seite, hat sie die Zeit relativ gut überstanden und ist immer noch ein ganz gutes Metal-Album mit einigen richtig guten Songs. Mit dem zwei Jahre später folgenden „Endorama“, das sich noch etwas weiter aus dem bisherigen Schema hinaus bewegte, endete dann diese experimentelle und durchaus interessante Phase der Band. Mit „Violent Revolution“ meldete man sich 2001 als grandioser Thrash-Act wieder zurück und fuhr in den folgenden Jahren so richtig seine Ernte ein.

Auf der Bonusscheibe zu „Outcast“ findet man den 1998er Auftritt beim Dynamo Open Air. Mit rund 40 Minuten ist jener auch nicht besonders lang, klingt dafür aber gut. Aufgrund der Kürze der Zeit wird auch auf echte Ansagen verzichtet und Kreator spielen sich durch neun Songs (+ zwei Intros). Mit vier Titeln wurde das damals aktuelle Album großzügig bedacht. Hinzu kommt noch das knackige „Terror Zone“ von „Coma Of Souls“ und „Lost“ von „Cause For Conflict“ sowie das unverwüstliche „Renewal“ und die beiden alten Brecher „Pleasure To Kill“ und „Extreme Aggression“ als Rausschmeißer. An sich doch eine recht ungewöhnliche Setlist, die man sich so heute nicht mehr vorstellen könnte. Insofern: ein nettes Zeitdokument einer Band in der Umbruchphase.

 


Trackliste:

1. Leave This World Behind
2. Phobia
3. Forever
4. Black Sunrise
5. Nonconformist
6. Enemy Unseen
7. Outcast
8. Stronger Than Before
9. Ruin Of Life
10. Whatever It May Take
11. Alive Again
12. Against The Rest
13. A Better Tomorrow

Bonus-CD: Live At Dynamo Open Air 1998
1. Intro : Dr. Wagner, Part 3
2. Terror Zone
3. Lost
4. Leave This World Behind
5. Phobia
6. Black Sunrise
7. Choir Of The Damned
8. Pleasure To Kill
9. Whatever If May Take
10. Extreme Aggression
11. Renewal