Es ist kein sonderlich großes Geheimnis, dass ich ein riesiger Descendents-Fan bin. Man mag sich also meine Begeisterung vorstellen, als plötzlich doch noch eine schon uralte Konzert-Anfrage für die Köln-Show der vier Punkrockurgesteine durchgewunken wurde. Also schnell die Schühchen geschnürt und auf zur Live Music Hall.

Schon auf der Anreise wird auf den Autobahnraststätten klar: Es ist Spiegeleizeit. Die Hitze ist (für den sonst so Regen gewöhnten Bielefelder) unerträglich und die Live Music Hall zudem nicht zwingend für ihre kühlen Räumlichkeiten bekannt. Zum einen ist das wohl die Erklärung dafür, dass viele Punkfans zu Hause geblieben sind und die Venue leerer als ich es gewohnt bin wirkt, und zum anderen befinden wir uns in einem illustren Punkrockkochtopf.

Und der hat es in sich. Denn, wer zu Haus geblieben ist, hat alles falsch gemacht. Zunächst stimmen uns March pünktlich und früh auf den Abend ein, leider vor sehr wenig Publikum, dafür mit Spielfreude, Leidenschaft und Können. Kurz danach schließen sich Smoke or Fire an, von denen ich nicht gedacht hätte, sie noch einmal live erleben zu dürfen. Frontmann Joe McMahon wohnt jetzt schon seit vielen Jahren in Münster und hat auch in Deutschland geheiratet. Dementsprechend ist er mittlerweile eigentlich nur noch Solo mit Akustikgitarre unterwegs. Naja, bis jetzt. Denn in diesem Jahr spielen Smoke or Fire endlich wieder Shows, unter anderem als Support für die Descendents.

Sichtlich abgekämpft betreten Joe und seine Mannen die Bühne. Auch die Stimme will nicht mehr so ganz, wie ich es von ihm gewöhnt bin. Das hat aber auch seinen guten Grund: Bei dem mörderischen Wetter spielt das Quartett heute schon seine zweite Show. Die erste fand schon nachmittags auf dem Jera On Air im benachbarten Holland statt. „Bei unserem letzten Song ist der Generator durchgebrannt, wir haben schnell unsere Sachen zusammengepackt und sind jetzt hier“. Tja, kein Wunder, dass die Jungs im Eimer sind. Zwei Shows bei der Hitze plus eine Fahrt von Holland herüber. Das fordert seinen Tribut, ändert jedoch auch nichts daran, dass es wahnsinnig guttut, endlich wieder Smoke or Fire-Songs in voller Besetzung zu hören.

Und damit dann zum Höhepunkt des Abends. Vier steinalte Punks, die uns bei der stehenden Luft mal eben schnell zeigen, wo der Hammer hängt. Als Kalifornier sichtlich unbeeindruckt von den Temperaturen rattern die Descendents ihr Set runter. Und das lässt wenig Wünsche offen. Von alten Klassikern wie „Suburban Home“, „Silly Girl“ oder „I Don’t Want To Grow Up” über All Time Favs wie „Clean Sheets”, “I’m The One” oder “When I Get Old” bis hin zu neuen Songs vom aktuellen Album Hypercaffium Spazzinate wie „Smile“ und „Beyond The Music“ wird dem geneigten Punkfan hier einiges geboten.

Nach all den Jahren und in dem fortgeschrittenen Alter ist bei dieser Band schlichtweg nichts auf der Strecke geblieben. Das Quartett um Frontdrummer Bill Stevenson wirkt jünger, spielfreudiger und vitaler denn je. Und funktioniert wie ein perfekt kalibriertes Uhrwerk. Egal ob Hits oder typisch vertrackte Songs. Alles passt perfekt. Auf den Punkt gespielt, ohne Rümpler, Schnitzer oder Ungenauigkeiten. Hier kann man live dabei zuschauen und -hören, was Jahrzehntelanges Zusammenspiel (auch in den Descendents-Pausen haben Stevenson, Egerton und Alvarez als All ununterbrochen gemeinsam weitergespielt) bewirken kann.

Am Ende des Abends bin ich sprachlos und muss vollkommen neidlos anerkennen, dass wir es hier mit einer der besten Punkbands der Popularmusikhistorie zu tun haben, die über jeden musikalischen Zweifel erhaben sind. Bereits im August kommen die Veteranen wieder zurück in die hiesigen Gefilde. Dreimal dürft ihr raten, wer sich schon jetzt wie ein Schneekönig darauf freut.