Am 20. August jährt sich zum 20igsten Mal der Tod „des“ deutschen Künstlers, der die politische Rockmusik der 70iger und 80iger in unserer Republik massiv prägte und selbst mit seinen späteren gesellschaftskritischen Pop-Balladen noch einiges zu sagen hatte!

Ich erinnere mich gut an den Tag, als die schreckliche Nachricht über das Radio bekannt gegeben wurden und mich in eine gewisse Schockstarre versetzte, die über mehrere Tage anhalten sollte – war ich doch damals dem politischen Kampf und meiner punkgeprägten Jugend gerade erst kurz vorher entflogen und hatte ich doch unzählige Stunden mit den Songs unseres Idols verbringen dürfen!

Der Tag als das Herz von Ralph Christian Möbius, besser bekannt unter dem Namen Rio Reiser für immer aufhörte zu schlagen war der Tag, als ich die ersten Stunden meines Studiums zum Sozialarbeiter in Dortmund antrat… aber das ist eine ganz andere Geschichte!

Aber zurück zu den Anfängen und dem Grund, warum Rio Reiser so viele Jugendliche geprägt hat und schlussendlich zum „König von Deutschland“ werden sollte:

Am 09. Januar 1950 in Berlin geboren, zog die Familie durch den Beruf des Vaters immer wieder quer durch die Republik und Rio verpackte die dadurch entstehenden Verluste bereits früh in Songs, brach die Schule ab und brachte sich neben einer Fotografen-Ausbildung mal eben das Gitarren- und Klavierspielen bei.

Nach dem Abbruch der Ausbildung und der Flucht nach Berlin gründete Rio Reiser dann 1970 gemeinsam mit R.P.S. Lanrue, Kai Sichtermann und Wolfgang Seidel die Band Ton Steine Scherben, mit welcher er bis zur Auflösung fünfzehn Jahre später unzählige Konzerte spielte und zunächst mit „Warum geht es mir so dreckig?“ (1971) und „Keine Macht für Niemand“ (1972) zwei Studioalben über das selbst gegründete erste deutsche Indie-Label (David Volksmund Produktion) in Berlin aufnahm und produzierte.

Relativ schnell versuchten die radikalisierten Linken der 68iger Bewegung die Scherben für sich zu instrumentalisieren und spätestens nach dem „Rauch-Haus-Song“, welchen sich die westdeutsche Hausbesetzter-Szenen zu eigen machte, wurde es Rio und dem Rest der Band in Berlin zu eng bzw. zu heftig und sie zogen aus der Großstadt auf einen ehemaligen Bauernhof in die Schleswig-Holsteinische Idylle nach Fresenhagen.

Gleichzeitig mit dem Umzug zogen sich die Scherben auch weitestgehend aus der aktiven politischen Arbeit zurück, die besonders Rio Reiser in der heißen Phase viel Kraft und Energie abverlangt hatte. Des Weiteren wandte sich die Band eher den Belangen der Schwulenbewegung zu – Rio hatte sich bereits 1970 zu seiner Homosexualität bekannt und stand, trotz der damaligen gesellschaftlichen Haltung zu diesem Thema,  seitdem offen hierzu!

Nach den drei weiteren Alben „Wenn die Nacht am tiefsten…“ (1975), „IV (Die Schwarze)“ (1981) und „Scherben“ (1983) zeichnete sich nach 15 Jahren die Trennung von Ton, Steine, Scherben ab, da man sich im Laufe der vergangenen Jahre finanziell grob verkalkuliert hatte und auch das neue Management um Claudia Roth nicht endgültig dafür sorgen konnte, dass der Schuldenberg merkbar kleiner wurde.

Nach fünf Alben, diversen Singles und den Revoluzzer Songs „Keine Macht für Niemand“ oder „Macht kaputt was Euch kaputt macht“, sowie den eher ruhigeren Nummern, wie z.B. „Halt dich an deiner Liebe fest“ verabschiedete sich die Band (bis zur Reunion im Jahr 2012) von der Bühne und Rio Reiser machte sich an seine zweite große Karriere als Solokünstler… der „König von Deutschland“ wurde geboren!


„Wenn niemand bei dir ist und du denkst, daß keiner dich sucht,
und du hast die Reise ins Jenseits vielleicht schon gebucht,
und all die Lügen geben Dir den Rest:
Halt dich an deiner Liebe fest!“
(Halt dich an deiner Liebe fest)


Das erste Soloalbum „Rio I.“ erblickte, dank der Unterstützung von Annette Humpe (Ideal), welche den Kontakt zu dem Musikproduzenten und späteren Rio Manager George Glueck herstellte, kurze Zeit später das Licht der Welt… und mit den beiden Hits „König von Deutschland“ und „Junimond“ erreichte er spätestens jetzt Kultstatus, sogar die Schulden waren durch das Erfolgsalbum nach kürzester Zeit Geschichte!

Bei den alten Fans kamen Rio`s „Kommerz-Songs“ nicht sehr gut an, wobei ihnen scheinbar verborgen blieb, dass es sich um ursprüngliche Scherben Songs handelte, die nur in ein neues, etwas sanfteres Gewandt gepackt worden sind.

Leider konnte das 87iger Nachfolge Album „Blinder Passagier“ die hohen Erwartungen des Debüts nicht erfüllen, jedoch geriet die Tour nicht zuletzt durch die beiden Gigs in Ost-Berlin zu einem absoluten Erfolg…. auch wenn „Der Traum ist aus“ für die Radio-Aufzeichnung herausgeschnitten wurde, da die Textzeile „Gibt es ein Land auf der Erde, wo der Traum Wirklichkeit ist? […] Ich weiß es wirklich nicht – Ich weiß nur eins, und da bin ich sicher: Dieses Land ist es nicht!“ zur damaligen Zeit beim Politbüro nicht wirklich gut ankam!

Das Album „***“ aus 1990 brachte die Nummer „Zauberland“ und diverse Abstecher ins Filmgeschäft (z.B. der Schimanski Tatort „Der Pott“ aus 1989) und eine weitere Veröffentlichung später – das 1991er Album „Durch die Wand“ war wieder ein wenig rockiger, was die Kritiker zwar begeisterte, aber die Zuhörer nicht sonderlich ansprach – kam es zu ersten gesundheitlichen Einschränkungen bei Rio, die sogar zur Absage der „Durch die Wand“ Tour 1991 führte.


„Ich hab geträumt, der Krieg wär vorbei,
du warst hier, und wir war’n frei
und die Morgensonne schien.
Alle Türen war’n offen, die Gefängnisse leer.
Es gab keine Waffen und keine Kriege mehr.
Das war das Paradies!“
(Der Traum ist aus)


1993 veröffentlichte er sein fünftes Album „Über Alles“, welches eine Mischung verschiedenster Stile, aber mit „Irrenanstalt“ auch eine alte Scherben Nummer beinhaltete und eher zufällig entstand zwei Jahre später das sechste, und somit leider letzte Rio Reiser Album „Himmel und Hölle“… die darauf folgende Tour musste dann leider wegen des zusehends schlechter werdenden Gesundheitszustandes bereits vor dem ersten geplanten Open-Air Auftritt in Berlin abgebrochen werden.

Sein letztes Konzert spielte Rio Reiser am 24.Mai 1996, kurze Zeit später erlag er am 20. August 1996 im Alter von nur 46 Jahren einem Kreislaufversagen aufgrund innerer Blutungen, welche möglicherweise auf seinen jahrelangen Alkohol- bzw. Drogenkonsum zurückzuführen gewesen ist.

Beigesetzt wurde Rio auf dem Grundstück in Fresenhagen, sein Haus wurde als Rio-Reiser-Haus bekannt und Jahre lang quasi als Pilgerstätte genutzt, bevor das Grundstück verkauft wurde und die sterblichen Überreste im Februar 2011 auf den Alten St.-Matthäus-Kirchhof in Berlin umgebettet wurden.

Unzählige Kompilations und Best-Of`s, sowie diverse Veröffentlichungen anderer Künstler, welche sich die Hits des  unvergesslichen Songpoeten vornahmen und auf ihre eigenen Art interpretierten folgten in den letzten zwanzig Jahren und ließen Rio Reiser somit unsterblich werden…

…ganz nach dem Motto „Der König ist tot – es lebe der König“!


Mein Name ist Mensch

Ich habe viele Väter.
Ich habe viele Mütter,
und ich habe viele Schwestern,
und ich habe viele Brüder.
Meine Väter sind schwarz
und meine Mütter sind gelb
und meine Brüder sind rot
und meine Schwestern sind hell.

Ich bin über zehntausend Jahre alt,
und mein Name ist Mensch!
Ich bin über zehntausend Jahre alt,
und mein Name ist Mensch!


 

Ton, Steine, Scherben – Alben
1971: Warum geht es mir so dreckig?
1972: Keine Macht für Niemand
1975: Wenn die Nacht am tiefsten …
1981: IV (Die Schwarze)
1983: Scherben

Rio Reiser – Studio-Alben
1986: Rio I.
1987: Blinder Passagier
1990: ***
1991: Durch die Wand
1993: Über Alles
1995: Himmel und Hölle

HOMEPAGE