Kim Myhr & Kitchen Orchestra – Hereafter (Sofa – 23.02.2024)

Der 1981 in Trondheim gaborene norwegische Gitarist Kym Myhr hat inzwischen schon eine Vielzahl an Solo- und Kollabrationsalben veröffentlicht, bei denen er meistens auch als Komponist in Erscheinung tritt. So ist es auch bei seinem neuen Doppelalbum „Hereafter“, welches er für das 15-köpfige Kitchen Orchestra komponierte und mit diesem aufnahm. Das Kitchen Orchestra ist eine besondere Mischung aus Instrumenten, denn hierunter finden sich elektronische Klangerzeuger ebenso wie klassische Instrumente und typische Rockinstrumente.

Auch die Entstehung des über 70 Minuten langen Werks war ungewöhnlich: das Hauptwerk wurde am 27.02.2020 in einem Rutsch quasi live eingespielt und Myhr bearbeitete es dann in den letzten drei Jahren bis zu seiner jetzigen Vollendung und Veröffentlichung.

Und das merkt man dem Album auch an. Es ist wesentlich rockiger und erdiger als viele seiner wundervoll melodiösen Soundlandschaften. Es gibt eine Menge an elektronischen Sounds, die den Hörer umflirren, langsam schwebende Synthiepassagen umspielt von hineingetupften Noten, aber auch ausufernde, psychedelisch-rockige Parts wie z.B. „VI“. Hieran schließen sich die typischen perlenden Myhr-Gitarrenklänge, umrankt von Harmonien, schwebender Elektronik und einem wundervollen Harmonium. (Ich beginne langsam, dieses Instrument mehr und mehr zu mögen). Hieraus schält sich eine Mischung aus kontemporären Harmonium-Klängen, begleitet von einem jazzigen Bass, Bläsern und nach wie vor dieser wundervollen Gitarrenspur. Nach dieser sphärischen, aber auch experimentellen Passage gibt es das erste Mal eine kleine Pause.

Nach dieser erwarten den Hörer elektronische Sounds und das Harmonium, unterstützt von sanften Jazzschlagzeug, bis nach kurzer Zeit ein Bass einsetzt und die Keyboardsounds eine psychedelische Form annehmen, die ein wenig an die frühen Pink Floyd um 1968/69 erinnern, allerdings in einer postrockigen Ambient-Version, die von dem wummernden Bass aufgelockert wird. Aus dem psychedelischen Gewirr entsteht eine Melodie und ein Rhythmus, der mich sehr an Kraftwerk zu “Autobahn”-Zeiten erinnert. Die Musik wird treibend, rockig und viele elektronische Elemente versprühen noch mehr Psychedelik.

Aus diesem Part erwächst eine schwebende Melange aus Elektronik, Schlagzeug, Gitarre und Bass, die ambient mit kontemporär verbindet und es schafft, irgendwie sanft und doch unglaublich druckvoll zu sein. Die Klänge bauen sich immer mehr auf und saugen den Hörer tief in sich hinein.

Ihr merkt schon, diese Musik lässt sich wenig bis gar nicht beschreiben. Kim Myhr ist es mit diesem Album gelungen, eine großartige Komposition aus Experimentalmusik, Elektronik-Rock und vielen mehr zu formen, die ein großes Ganzes wird. Das ist ihm in anderer Form auch schon auf anderen Alben gelungen, für meine Ohren aber noch nie so überzeugend in der Verküpfung von Experiment und Hörbarkeit. Vermutlich werden das manche anders hören, denn das Album ist an manchen stellen experimenteller und noisiger als andere seiner Arbeiten. Aber hier trifft er genau meinen psychedelischen Nerv. Ein Album, das mit jedem Hören neue Welten eröffnet.

 

  1. I
  2. II
  3. III
  4. IV
  5. V
  6. VI
  7. VII
  8. VIII
  9. IX
  10. X
  11. XI

https://www.kimmyhr.com/

https://sofamusic.bandcamp.com/album/hereafter

 

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