Zwei Wochen nach der fulminanten Eröffnung durch die Lokalmatadore The Seer ist der „Sommer am Kiez“ in Augsburg nach wie vor in vollem Gang. Am Vortag sorgte der bayerische Kult-Liedermacher Hans Söllner zusammen mit seinem Bayaman Sissdem mit entspanntem, politisch aufgeladenen Reggae-Sound für einen ausverkauften Helmut-Haller-Platz. Nun hat man sich also eine Ladung Hochkultur in die Stadt geladen, welche gleichzeitig Heimat des Reichs- und Religionsfriedens und Geburtsstadt Bertolt Brechts ist.

Intelligenten, von instrumentalen Koryphäen dargebotenen Punkrock mit eloquenten, nachdenklichen und gar poetischen Texten gab es an diesem heißen Sommerabend in Augsburg… natürlich nicht, verdammt! Schließlich haben wir es hier mit den Kassierern zu tun. Aber man muss schon anerkennen, dass selten eine Band mit solcher Hingabe übers Saufen und geschlechtliche Schmutzigkeiten singt, wie die vier Ruhrpöttler. Und ja, man muss schon einen schön schrägen Humor haben, wenn man zuerst einen Choral gegen Sexismus anstimmt und dann einen Song wie „Mach die Titten frei, ich will wichsen“ runter reißt.

Am besten tut man es der Band gleich und genießt das Ganze nicht ganz nüchtern (Bob’s Team tut dazu nach allen Kräften das seine mit dem selbstgebrauten, leckeren Bier…). Und schon verfehlen Hymnen wie die schon überraschend früh gezockten „Blumenkohl am Pillemann“ und „Sex mit dem Sozialarbeiter“ nicht ihre Wirkung. Und Nummern wie „Besoffen sein“, „Anarchie und Alkohol“ oder das frenetisch bejubelte „Das schlimmste ist, wenn das Bier alle ist“ sind weitere Stufen zur Glückseligkeit. Zahlreiche Bierduschen und ein immer größerer Pogopit waren die Folge.

Das war schon verdammt lustig und im Endeffekt ist die Band kein Haufen von Stümpern, sondern man beweist immer wieder ein bemerkenswertes Talent, was sich in Songs wie „SOS“ oder „Ich töte meinen Nachbarn und verprügel seine Leiche“ niederschlägt. Außerdem erwähnenswert: Man machte sich noch einmal darüber lustig, von seinen Fans für den European Song Contest vorgeschlagen worden zu sein und spielte den dementsprechenden, selbst geschriebenen (Pop-)Song „Erdrotation“ – natürlich standesgemäß im Halbplayback. Wenn schon, denn schon. Und besonders kritisch gab man sich mit einer eigenen Hymne ans Ruhrgebiet („Ruhrpottsonne du gehst unter“), welche nur so von Sarkasmus und Tristesse triefte. Damen nach oben!

Zwischendurch präsentierten die Kassierer natürlich auch jede Menge Mumpitz und Blödeleien, die man dann natürlich doch erwartete (nicht zuletzt mit Songs wie den „Drillinstructor-Song“, „Ich fick dich durch die ganze Wohnung“ oder „Quantenphysik“). Quasi einen Art „Showteil“ (ist das noch Punkrock oder schon Musikkabarett?), den man eigentlich gar nicht weiter beschreiben möchte, bei dem allerdings jede Menge nackte Haut und Donald Trump die Hauptrolle spielten. Ach ja, so viele entblößte Männerglieder wie an diesem Abend, hat der Bahnhofsvorplatz im Stadtteil Oberhausen wohl noch nicht vorher gesehen. Schieben wir es mal auf das heiße, schwüle Wetter. Ein bisschen Abkühlung hätte vielleicht gar nicht geschadet. Es kamen nur ein paar spärliche Tröpfchen vom Himmel. Es müssen wohl Petrus‘ Freuden- bzw. Lachtränen gewesen sein…

Was gibt es sonst noch zu sagen? Organisation und Location wieder mal topp, Publikum äußerst zahlreich erschienen, standesgemäßes Ende mit dem „Partylöwe“, Stimmung richtig schön im positiven Sinne asselig und Sänger Wölfi ließ dieses Mal tatsächlich (im Gegensatz zu seinen Bandkollegen) die Hosen an. Dafür sang er die meisten Songs im Sitzen, aufgrund einer Beinverletzung, welche er sich im Frühjahr zugezogen hat.

Der Abend war auf jeden Fall ein voller Erfolg. Danke an das Team von Bob’s, dass wir dabei sein konnten! Der Kiezsommer ist aber noch nicht zu Ende. Er geht noch bis zum 18. August und hält noch so einige kleine und große Highlights bereit. Vielfach sogar mit freiem Eintritt. Was genau geboten wird, lest ihr hier.

Ach ja, ganz zum Schluss wollen wir nicht unterschlagen: Zwei Vorbands gab es dieses Mal auch noch. Die Riffrocker Riffschmied hatten wir aufgrund der nicht ganz optimalen Zugverbindung verpasst, dafür das Quartett Kalapi mitgenommen. Jenes bot zünftigen, deutschsprachigen Punkrock, der schon für die eine oder andere Pogoaction sorgte. Wirklich markant waren ihre Songs aber leider nicht. Ein Cover des ausgelutschten Ärzte-Songs „Schrei nach Liebe“ bekam den lautesten Applaus. Ob das jetzt was Gutes ist?