Die letzte Handwritten-Classics im Jahr 2017 kommt zum Nikolaustag. Der Tag, an dem die lieben Kleinen ihre Schuhe vor die Tür stellen und am nächsten Morgen ein Schuhfüllhorn kleinerer Geschenke und Aufmerksamkeiten vorfinden. Ganz diesem Konzept folgend habe ich mich dazu entschieden, die definitorischen Grenzen der Handwritten-Classics ein wenig zu verschieben und hier über kein Classic Album, sondern eine Compilation, die in meinen Augen ebenso das Zeug zum Klassiker hat, zu schreiben.

Es handelt sich dabei um eine selbstbetitelte, manchmal allerdings auch unter dem Namen „Singles“ bekannte Sammlung von frühen Aufnahmen, 7inches, Demos und Splits der aus Mesa, AZ stammenden Formation Jimmy Eat World. Eine Band, die mich seit meiner musikalischen Sozialisation der Teenager-Jahre begleitet, schon über 20 Jahre Musik macht und überdies hinaus schon einmal Gegenstand der Handwritten Classics-Reihe gewesen ist. Der Link findet sich hier.

Für einen großen Teil ihrer Bandhistorie schreibt man dem Quartett eine Zugehörigkeit zur Emo-Szene zu. Da der Terminus „Emo“ jedoch nicht ganz unproblematisch hinsichtlich definitorischer Präzision ist und in so gut wie jedem Musik Forum hitzige Debatten um Rahmen, Geschichte, Definition, was ist Emo, was ist kein Emo usw. usf. hervorrufen dürfte, möchte ich an dieser Stelle die Gelegenheit nutzen, meine eigene (absolut subjektive) Sicht der Dinge zu erläutern, und was die großartigen Jimmy Eat World und ihre Compilation früheren Materials damit zu tun haben.

Meines Erachtens tauchte der Begriff „Emo“ erstmals Mitte der 1980er-Jahre auf, als ein Musikjournalist im Skateboard-Magazin „Trasher“ versuchte den Sound von Washingtoner Hardcore-Bands wie Rites Of Spring, Embrace und Dag Nasty zu beschreiben, und dabei den Terminus „Emocore“ als Kurzform für „Emotive Hardcore“ verwendete. Ian Mackaye (früher Sänger bei Minor Threat, zu diesem Zeitpunkt Sänger bei Embrace und später dann Gitarrist und Sänger bei Fugazi) wehrte sich öffentlich zwar vehement gegen den Begriff, nichtsdestotrotz schien dieser sich aber ins kollektive Gedächtnis der Szene einzubrennen. Die Einflüsse der Hardcore-Szene der 1980er-Jahre waren zu diesem Zeitpunkt noch so stark vertreten, dass man im Zusammenhang mit Rites Of Spring und co. auch von Post-Hardcore, mit dem Verweis auf eine aus dem Hardcore-Punk der frühen 1980er hervorgegangene, musikalische Ästhetik sprach.

Die Brücke zwischen dieser frühen Ausprägung emotivem Hardcores und der sich in den 1990er-Jahren aus verschiedenen musikalischen Bewegungen, darunter Hardcore, Punk, Grunge und Indie-Rock, langsam entwickelnden Emo-Szene schlugen dann Anfang der 1990er Formationen wie Sunny Day Real Estate oder Samiam. Auf der Basis der beliebten Mischung aus verzweifelter Hardcore-Energie, dramatischer, wunderschöner Melodieführung und teils poppigem Songwriting entstand besonders im Mittleren Westen der USA eine blühende Bandlandschaft, dessen Wirken heute u.a. gerne noch als 90s-Emo beschrieben wird.

Inmitten dieser Bewegung befinden sich die damals noch blutjungen Jimmy Eat World und schreiben ihr frühes Material, inspiriert von vorangegangenen, kontemporären und befreundeten Bands wie Sunny Day Real Estate, The Promise Ring, Texas Is The Reason, Mineral, Cap’n’Jazz, Penfold, Christie Front Drive oder Jejune. Mit letzteren beiden nahm das Quartett aus Arizona u.a. auch Splits auf, dessen Songs sich auf der Compilation befinden.

Besonders ihre poppige, im Vergleich zu anderen Vertretern leichtfüßigere Herangehensweise sollte auch solche Kollegen wie The Get Up Kids Mitte der 1990er inspirieren. Als die Midwestern-Emo-Bewegung Ende der 1990er-Jahre ihren Zenit überschritten hatte, sollte eine Kommerzialisierung ihrer musikalischen Ästhetik in den 2000er-Jahren leider nicht ausbleiben. Kurioserweise gehören Jimmy Eat World vielleicht noch neben den (leider, weil ebenso großartig) weniger erfolgreichen Sparta und den wesentlich jüngeren Thursday mit zu den wenigen Formationen, die jene Transition auch jenseits des Milleniums überlebten und etwas vom kommerziellen Erfolg einer Emo-Bewegung, die so gut wie nichts mehr mit dem ursprünglichen Pionier- und DIY-Geist der 1990er-Jahre gemein hatte, abgreifen konnten.

Nichtsdestotrotz entstanden auch zu dieser Zeit großartige Alben, ist man bereit die grässliche Kommodifizierung der Teenage-Angst und die schrecklichen modischen Entgleisungen einiger Vertreter der 2000er von der reinen Musik zu trennen. Jimmy Eat World schrieben „Bleed American“, Thursday gelangen mit „War All The Time” ein Geniestreich und Taking Back Sunday waren mit „Tell All Your Friends” schon vor zwei Jahren Thema der Dezemberausgabe der Handwritten Classics.

Ähnlich wie also vielleicht Sunny Day Real Estate den emotiven Hardcore der 1980er mit einer neuen Ästhetik verband und die Brücke zu den 1990ern schlug, sind Jimmy Eat World eine der wenigen Bands, die die Blütezeit der Emo-Szene der 1990er als Zeitzeugen miterlebten und in den kommerziellen Jahren der 2000er bis zur heutigen Zeit durchweg aktiv blieben. Inwiefern dabei immer nur gutes Material entstand, steht noch einmal auf einem anderen Blatt. Was aber immer bleiben wird, ist die Reminiszenz an eine spannende Zeit voll fantastischer, ehrlicher, emotionaler und zeitweise herrlich ungeschliffener Musik, in dessen Wiege Jimmy Eat World aufwuchsen und teilweise auch einen Beitrag leisteten. Und der ist auf „Singles“ festgehalten.

01. Opener
02. 77 Satellites
03. What Would I Say To You Now
04. Speed Read
05. Spangle (The Wedding Present Cover)
06. H Model
07. Ramina
08. Christmas Card
09. Untitled
10. Carbon Scoring
11. Digits