Für das diesjährige Uncle M Fest haben sich die Veranstalter einen eher ungewöhnlichen Headliner ausgesucht. Durch die Show von Foxing schloss das Mini-Festival mit einer träumerisch, melancholischen Stimmung, anstatt mit einem Punkrock-Knall. Das Quintett aus St.Louis, Missouri veröffentlichte vergangenes Jahr mit „Dealer“ den wesentlich düsteren, ruhigeren und emotional intensiveren Nachfolger zum Erstling „The Albatross“. Die Band schloss sich in einer Hütte mitten im Nirgendwo ein, um das neue Album in vollkommener Isolation und Abgeschiedenheit zu schreiben. Herausgekommen ist dabei ein ruhiges aber unglaublich intensives, schwermütiges Werk voller Sehnsucht und Melancholie. Kurz vor Anpfiff des Mini-Festivals hatte ich die Möglichkeit in entspannter Atmosphäre auf den Bierbänken im Innenhof des Münsteraner Skater’s Palace mit Sänger und Blechbläser Connor zu sprechen.

Björn:
Gestern fand das Uncle M ja schon in Berlin statt. Wie lief es gestern, habt ihr die Party überlebt?

Connor:
Ja, es war ziemlich gut. Diese ganze Tour sind wir ja mit This Town Needs Guns unterwegs. Das sind sehr gute Freunde von uns, wir haben mit ihnen schon 6 Wochen in den Staaten getourt. Der Tourmanager von The Bennies war auf unserer letzten Europatour unser Tourmanager. Es ist auch schön, ihn jetzt für ein paar Tage wieder zu treffen. Alle Bands auf diesem Festival sind so gut.

Björn:
Was das Überleben anbetrifft: Wie geht’s deiner Nase? (Connor hatte sich auf der letzten US-Tour in Chicago die Nase gebrochen)

Connor:
Hehe, es ist ok. Wenn ich mir die Nase putze merke ich noch, dass es weh tut aber abgesehen davon ist wieder alles in Ordnung. Das ist auf der Chicago-Show der US-Tour passiert, als jemand beim Crowdsurfen mit seinem Fuß mein Gesicht getroffen hat. Die Nase ist sofort gebrochen und überall war nur noch Blut, ziemlich scheiße. Es war aber keine böse Absicht oder so. Die Presse hat das dann aufgebauscht und Schlagzeilen wie „Foxing-Sänger wird auf der Bühne attackiert“ fabriziert. Das ist aber totaler Schwachsinn, es war einfach nur ein Unfall.

Das Problem an der ganzen Geschichte war, dass ich nicht wirklich Zeit hatte das in Ruhe verheilen zu lassen. Wir mussten schließlich die Tour weiterspielen. Den Tag danach bei einer Studio-Session (Audiotree.tv, großartige Plattform) konnte ich nicht Trompete spielen, habe dann aber schnell wieder damit angefangen. Das hat am Anfang unglaublich wehgetan. Naja aber der Schmerz ist auch jedes Mal schnell wieder weggegangen, also war es schon ok.

Björn:
Hatte das jetzt mehr mit einer professionellen Einstellung zu tun, oder war es einfach unausweichlich, dass du trotz Schmerzen jeden Abend wieder Trompete gespielt hast?

Connor:
Ich denke eher letzteres. Auf der ersten Europashow dieser Tour in Amsterdam haben Leute den Promoter angerufen und gefragt, ob wir live weiter Trompete spielen oder nicht, und dass sie überlegen, nicht zu kommen, wenn die Trompeten-Parts ausfallen. Irgendwie ist das komisch. Klar, mir ist schon bewusst, dass das ein Aspekt unserer Live-Show ist, aber es ist ja nun auch nicht das Wichtigste. Für uns war jedoch dann auch klar, dass etwas verloren geht, wenn wir die Trompete weglassen und aus dem Grund haben wir uns entschieden, sie so schnell wie möglich wieder einzusetzen. Von einem professionellen Standpunkt aus gesehen wäre es wahrscheinlich besser gewesen, es erstmal verheilen zu lassen.

Björn:
Das hat irgendwie schon was Waghalsiges, mit gebrochener Nase weiterzuspielen.

Connor:
Genau, haha und irgendwie sind waghalsige Aktionen ja auch aufregend.

Björn:
Was jetzt Professionalität angeht: Ihr habt in letzter Zeit unglaublich viel getourt und mit Größen wie Brand New die Bühnen geteilt. Habt ihr aus diesen Erfahrungen etwas lernen können?

Connor:
Definitiv. Besonders von Brand New. Die sind in den Staaten einfach so eine große Nummer und eine meiner Lieblingsbands seit meiner Jugendzeit. Und es ist ja immer etwas schräg, wenn du Helden deiner Jugend tatsächlich mal kennen lernst. Als wir dann auf dieser Tour waren, haben wir einfach ein ganz neues Level in Sachen Zuschauerzahlen, Merch-Verkauf, Arbeitsabläufe und Organisation kennen gelernt. Und, wie Künstler in dieser Größenordnung operieren. Obwohl wir uns darüber im Klaren sind, dass wir nie eine derartige Größe erreichen werden, haben wir doch gelernt, dass es objektiv betrachtet möglich ist, eine solche Größe zu erreichen und in diesen Größenordnungen zu arbeiten. Für uns zwar unwahrscheinlich, aber ganz generell möglich. Nachdem wir diese Erkenntnis gewinnen konnten sieht jetzt, auf dem Level auf dem wir operieren, alles viel einfacher und entspannter aus. Wir sind viel sicherer geworden.

Björn:
Man lernt daraus ja auch, dass letztlich alle nur mit Wasser kochen.

Connor:
Ganz genau.

Björn:
Wenn wir über Weiterentwicklungen und Progress sprechen: Ihr habt euren Sound von „The Albatross“ hin zu „Dealer“ durchaus ein wenig modifiziert. Ich habe in einem Interview gelesen, dass „Dealer“ wirklich die Platte ist, die ihr machen wolltet, ganz ohne Kompromisse. Mich würde interessieren, woher die Inspiration für die ruhigeren, sanften und traurigeren Songs auf diesem Album stammt?

Connor:
Die Themen auf diesem Album sind gar nicht zwingend so aktuell. Wir wollten uns für diese Platte an die dunkelsten und schlimmsten Situationen und Erfahrungen unseres gesamten Lebens zurückerinnern und dann darüber schreiben. Daher ist das Album mehr von der Vergangenheit als der Gegenwart inspiriert. Was die musikalische Ebene angeht: Die Songs sind denke ich deswegen so ruhig und langsam, um eine passende Atmosphäre für diese Themen zu schaffen und die entsprechenden Emotionen musikalisch einzufangen.

Björn:
Könnte man also sagen, dass „Dealer“ vor allen Dingen auch ein sehr kathartisches Album für euch ist? Wenn man über negative Emotionen schreibt hilft es ja häufig, diese dann zu überwinden.

Connor:
Definitiv, ja. Das hat allerdings auch einen Nachteil: Zwar fühlst du dich erstmal besser, wenn du über etwas geschrieben und es dann aufgenommen hast, es wird dann aber wieder schlimmer, wenn du das ganze Material auf Tour Nacht für Nacht wieder spielen musst.

Björn:
Weil du es dann immer wieder durchleben musst?

Connor:
Teilweise auch das, aber es geht vielmehr darum, dass du dich unglaublich schuldig fühlst. Du verkaufst Merch und Tonträger, die alle irgendwie etwas mit diesen emotionalen Themen zu tun haben. Es fühlt sich an, als ob du diese Emotionen, die teilweise aus sehr persönlichen Situationen entstanden sind, ausnutzt.

Björn:
Es geht also hauptsächlich um moralische Bedenken in diesem Zusammenhang?

Connor:
Ja genau, und ich habe diese Zweifel und Bedenken die ganze Zeit. Ich bereue auf der anderen Seite aber auch nicht, diese Musik geschrieben zu haben. Ich fühle mich nur jede Nacht wieder schuldig, wenn wir sie spielen. Aber auch Schuld ist wieder eine negative Emotion, die dann das Performen von so emotionalem Material ein Stück weit authentischer werden lässt. Denn das Ziel jeder Performance sollte es sein, Emotionen auszudrücken, denn nur so erreichst du dein Publikum. Zumindest geht mir das immer so, wenn ich auf Konzerten bin und mir eine Band anschaue.

Björn:
Ist es für dich dann einfacher, in nicht-englischsprachigen Ländern zu spielen, wo vielleicht nicht jeder den gesamten Text versteht und mehr an den Gesangsmelodien interessiert ist? Wenn du die Möglichkeit hast, dich ein bisschen hinter der Sprachbarriere zu verstecken?

Connor:
Das hilft definitiv. Als wir in Island gespielt haben hatte ich das Gefühl, dass kaum jemand versteht, was ich da eigentlich singe. Das hat sich großartig angefühlt.

Björn:
Hat euch die Tatsache, dass ihr in Missouri und somit dem sogenannten „Midwest“ der USA aufgewachsen seid in irgendeiner Weise besonders geprägt? Denn die Gegend ist ja durchaus für emotionale Musik bekannt mit einer Menge Bands, die von dort stammen?

Connor:
Sicher, das stimmt. Eine Band aus St. Louis zu sein hat definitiv einen Einfluss darauf, wie und was wir für Musik schreiben. Der Umstand, mitten im Nirgendwo zu wohnen, ohne großartige Anbindung zu größeren Städten oder kulturellen Zentren, in einer Gegend, die von Vielen als schlimmste des ganzen Landes angesehen wird, und es definitiv viele Orte gibt, die attraktiver sind, macht es manchmal wirklich schwer, das was du an deinem Zuhause hast auch zu schätzen und die positiven Dinge deiner Heimatstadt zu erkennen. Das sorgt definitiv für eine Grundstimmung. In St. Louis gibt es viel Musik und eine Menge Bands, die ähnlich klingen wie wir. Ich denke das liegt daran, dass, wenn du von den gleichen Dingen umgeben bist, du auch häufig über Ähnliches schreibst.

Björn:
Hast du Lieblingsbands aus dieser Gegend?

Connor:
Ich habe früher nie wirklich viel Emo gehört, sondern mehr Indie-Rock und elektronische Musik. Ich bin erst nach und nach zu all diesen Midwest-Emo-Bands gekommen, auch dadurch, dass wir so viel in dieser Szene spielen. Ich liebe Third Eye Blind, aber vor allen Dingen Lokalbands mit DIY-Ethos: The Reptilian aus Michigan, Castevet oder Jowls, auch aus Michigan. Deren 10inch „Cursed“ ist für mich der beste Post-Hardcore-Release aller Zeiten.

Björn:
Wenn wir über das Aufwachsen in dieser Gegend und musikalische Sozialisation sprechen: Was ist deine früheste, musikalische Offenbarung?

Connor:
Ich habe mit 7 angefangen, Brass-Instrumente zu spielen. Hauptsächlich weil meine Geschwister das auch gemacht haben und ihr ganzes Leben in Bands gespielt haben.

Björn:
Dann kommst du aus einer sehr musikalischen Familie?

Connor:
Naja eigentlich nur mein Bruder und meine Schwester. Meine Eltern sind keine Musiker, aber meine Geschwister sind unglaublich talentiert und waren ein großer Einfluss auf mich als Kind. Die größte, musikalische Offenbarung hatte ich aber mit 12. Ich habe damals Eric (Gitarre) kennen gelernt und wir und ein paar Freunde sind zu einem Do Make Say Think-Konzert gegangen. Das war die erste Instrumentalband, die ich je gesehen habe und eine der besten Shows, auf der ich je gewesen bin. Das Gefühl, das ich damals auf dieser Show durch die Musik hatte, wollte ich von da an auch anderen Menschen durch meine eigene Musik vermitteln.

Björn:
Wenn du mal die Bühne mit jemandem teilen könntest, noch lebend oder bereits verstorben, wer würde das sein?

Connor:
Lionel Richie
. Das ist mein Lieblingskünstler.

Björn:
Lionel Richie
? Echt? Das kommt jetzt überraschend für mich. Das ist interessant.

Connor:
Meine Eltern sind große Lionel Richie-Fans und haben ihn ständig gehört als ich noch ein Kind war. Die erste Musik, die ich bewusst gehört habe, waren also Lionel Richie-Tapes. Seine Stimme ist eine der größten, gesanglichen Einflüsse für mich. Ich liebe sie einfach über alles. Er ist einer dieser unglaublich populären Künstler, die aber auch großartige Alben schreiben. Dazu gehört zum Beispiel auch Kate Bush. Wenn ich über die Zeit gelernt habe, dann dass es fast immer einen guten Grund gibt, warum jemand ein gigantischer Popstar ist. Und das wird jetzt nach dem Tod von Prince einmal mehr deutlich. Wenn du dir seine Karriere anschaust, dann wird dir klar, warum sein Tod so ein großer Deal in den Medien war. Und dabei bin ich gar kein großer Prince-Fan.

Björn:
Ich kann die Argumentation schon nachvollziehen. Besonders wenn jemand so lange so erfolgreich bleibt, scheint es dafür Gründe zu geben.

Connor:
Ich denke auch, dass das viel damit zu tun hat, dass diese Stars Leute animieren, zu ihren Konzerten zu kommen, die ganz offen zugeben, dass ihnen Musik nicht wirklich wichtig ist. Wenn jemand auf unsere Show kommt, dann habe ich schon das Gefühl, dass diese Menschen sich selbst als Musikliebhaber sehen und sich wirklich intensiv mit Musik auseinandersetzen. Aber es ist nun mal eine Tatsache, dass ein Großteil sich nicht so für Musik interessiert, lieber das Radio anmacht und Musik grundsätzlich eher als Hintergrundgeräusch betrachtet. Und diese Leute jetzt dazu zu bringen, auf ein Konzert zu kommen, dazu musst du schon was Besonderes haben. Wie zum Beispiel Lady Gaga. Niemand würde Tickets umsonst für Lady Gaga ablehnen. Nicht mal diejenigen, die sie nicht mögen.

Björn:
Ok, kommen wir mal zurück zu Foxing und zu eurer Musik: Was habt ihr als nächstes geplant?

Connor:
Haha, ok. Also: Wir haben eine Menge Festivals diesen Sommer und werden an Musikvideos arbeiten. Wir waren jetzt aber so lange Non-Stop auf Tour, dass wir uns am meisten darauf freuen mal durchzuatmen, wenn wir wieder zuhause sind. Ich arbeite für einen Sandwich-Lieferdienst und kann nicht abwarten, wieder dort anzufangen, in meinem Wagen umherzufahren, Gras zu rauchen und Musik zu hören. Einfach mal nichts tun und an nichts denken für eine Weile. Das ist meine Lieblingsbeschäftigung: Im Auto umherfahren, an nichts denken und Sandwiches ausliefern.

Abgesehen davon brauchen wir glaube ich jetzt einfach Zeit für uns. Wenn du so viel Zeit in einer Gruppe von fünf Leuten verbringst, gehst du dir irgendwann auf die Nerven. Und das ist nicht gut für einen Schreibprozess. Was ich am liebsten tun würde, wäre, jetzt ein Jahr Pause zu machen, um dann wieder zurück zum Bandgeschehen zu kehren. Das Problem dabei ist: Wenn du zu lange wegbleibst, vergessen dich die Leute. Wir leben in einer Gesellschaft, die nur über eine kurze Aufmerksamkeitsspanne verfügt. Wenn wir zu lange warten und erst in ein paar Jahren ein neues Album veröffentlichen, interessiert sich unter Umständen niemand mehr dafür.

Aber mal sehen, wie es so läuft. Wahrscheinlich wird es so sein: Wir machen ein paar Wochen Pause, setzen uns an die Musikvideos und fangen dann sofort an, ein neues Album zu schreiben. Und hoffentlich schaffen wir das, ohne uns dabei umzubringen. Wir haben gerade so etwas wie einen Lauf: Wir spielen sehr viel, sind hier in Deutschland, weit weg von den Staaten und das ist einfach nur genial. Und so lange es so gut läuft, kann man nicht einfach so aufhören. Man muss die Chancen nutzen.