Thomas Barnett ist in der Welt des Punk/HC schon lange ein bekanntes Gesicht. Als Sänger von Strike Anywhere zeichnet sich der charismatische Mann aus Virginia vor allen Dingen durch seine distinktive Stimme, die mühelos den Spagat zwischen Aggressivität und Melodie schafft, aus. Mit seiner neuen Band Great Collapse ist er gerade in Europa unterwegs um das Debütalbum „Holy War“ vorzustellen. Eine ausgezeichnete Gelegenheit mit Thomas über den Entstehungsprozess der Band und ein Paar seiner Lieblingsplatten zu quatschen.

Nachdem wir uns im ausverkauften Münsteraner Skaters Palace einen abgelegenen Garderobenraum für das Interview gesucht haben (Boysetsfire geben hier heute den Headliner), sitzt mir ein strahlender Great Collapse-Sänger gegenüber

Thomas:
Wow, diese Show ist einfach riesig, sowas hatte ich nicht erwartet.

Björn:
Ja, es ist wirklich voll hier, was?

Thomas:
Es ist unglaublich. Ich kenne Boysetsfire seit gut 20 Jahren. Ich bin ja ursprünglich aus Virginia und die Jungs kommen aus Delaware. Es ist wirklich großzügig von ihnen, meine kleine, neue Band mit auf eine so riesige Tour zu nehmen.

Björn:
Ja, die sind in Europa gefühlt viel größer als in den Staaten.

Thomas:
Den Eindruck habe ich auch. In den USA ist es für Bands, die Punk und Hardcore spielen sehr schwer geworden, weil es nur noch um die neuesten Musiktrends geht. Da gehört Punk/HC nicht mehr dazu und ist wieder im Untergrund verschwunden. Das ist eigentlich auch gut so, denn es fördert die Kreativität. Auf der anderen Seite können sich viele Bands das Touren nicht mehr leisten. Alles eine zweischneidige Sache. Wir kommen in Nordamerika einfach nicht mehr viel rum, hier in Europa hingegen schon.

Björn:
Wie ist das so, mit euren Freunden von Boysetsfire unterwegs zu sein. Und kennt ihr die Silverstein-Jungs auch?

Thomas:
Es ist einfach nur genial, man trifft viele alte Freunde wieder. Strike Anywhere waren beispielsweise schon fünfmal mit Silverstein auf Tour, ich konnte die Jungs vor meinen Augen aufwachsen sehen. Nathan (Gray) hat mal in Richmond gewohnt, den kenne ich praktisch mein halbes Leben. Es fühlt sich einfach an wie eine riesige Family-Reunion: Wir zeigen uns gegenseitig Fotos von unseren Kindern etc.

Björn:
Great Collapse ist ja nun ein recht neues Projekt, allerdings mit alten und bekannten Gesichtern. Wie habt ihr euch zusammengefunden?

Thomas:
Diese Geschichte ist ein wenig kompliziert. Also: Ich bin nach Los Angeles zu meiner Freundin gezogen und habe dort angefangen, als Verwaltungschef in einem Warenlager von Epitaph zu arbeiten.

Da habe ich Joe (Bass bei Great Collapse und Set Your Goals) kennengelernt, der dort auch kurzzeitig gearbeitet hat. Der hat mir von einem Nebenprojekt erzählt, in dem er Bass spielt und mich gefragt, ob ich mir nicht ein Paar Demos anhören möchte. Ich meinte „klar“, aber nach kurzer Zeit war Joe wieder auf Tour und ich bin nach Nord-Kalifornien gezogen.

Nach fast einem Jahr schickte mir Joe dann einige Demos zu, und mir gefielen die Songs wirklich gut. Allerdings hatten sie zu der Zeit immer noch keinen Sänger und meinten, ich solle doch mal ein Paar Gesangsdemos aufnehmen. Das habe ich dann bei mir zu Hause gemacht und ihnen die Demos zugeschickt.

Daraufhin haben wir dann in L.A. angefangen zu Proben, mussten uns aber immer kleine Zeitfenster suchen, da wir ja alle auch immer wieder mit unseren anderen Bands unterwegs waren. Aus diesen Proben ist dann irgendwann die Elements-EP entstanden. Unsere erste Show haben wir dann im Vorprogramm von Propagandhi, The Flatliners und War on Women gespielt.

Alles in allem ein langwieriger und komplizierter Entstehungsprozess, das macht es dann aber auch immer zu etwas ganz besonderem, wenn wir die Zeit finden, gemeinsam zu spielen.

Björn:
Da kommen jetzt einige Leute, die schon länger Musik auch in anderen Konstellationen machen, zusammen. Wie schreibt ihr Songs?

Thomas:
Wir versuchen so natürlich wie möglich gemeinsam die Songs zu erarbeiten. Dass Vergleiche zu unseren anderen Bands gezogen werden, gehört automatisch dazu. Ich denke es ist wichtig da auch ehrlich und offen mit umzugehen, und nicht krampfhaft zu versuchen, vollkommen anders zu klingen. Wir spielen alle einfach die Musik, die wir schon immer geliebt haben. Ich glaube heute noch genauso stark an Hardcore-Punk und seine Message, wie in den 80ern, als ich angefangen habe Musik zu machen.

Björn:
Es wäre vermutlich auch komisch gewesen, wenn ihr jetzt eine vollkommen andere Musikrichtung eingeschlagen hättet

Thomas:
Richtig. Wir lieben diese Musik einfach immer noch, warum sollten wir sie dann nicht auch in anderen Bands spielen. Und für mich ist auch ganz klar: Nur weil ich jetzt Teil dieses Projekts bin, habe ich Strike Anywhere nicht abgeschrieben. Wir haben einige neue Songs mit Strike Anywhere geschrieben und aufgenommen. Die Band ist immer noch aktiv. Aber dort ist es einfach schwieriger geworden, Zeitfenster zum Touren zu finden.

Björn:
Wie dankbar seid ihr da der digitalen Technologie und der zunehmenden Vernetzung des Planeten? Ideen aufzunehmen und Files um die Welt zu schicken spielt Euch doch sicherlich in die Hände, wenn ihr häufig in alle Winde verstreut seid oder?

Thomas:
Natürlich ist das unglaublich praktisch. Ich muss allerdings auch sagen, dass wir auch schon vor dem Zeitalter der mobilen Aufnahmegeräte und Mp3-Filesharing so gearbeitet haben. Wir hatten früher auch immer eine Boombox mit Leerkassette dabei und haben Ideen dann einfach auf Tape aufgenommen und sie den anderen Bandmitgliedern in die Hand gedrückt, damit die damit arbeiten konnten.

Aber klar: Eine Mp3 als Anhang in einer E-Mail zu verschicken und dann am Laptop damit etwas zu machen ist schon viel einfacher.

Björn:
Du machst ja nun schon ziemlich lange Musik. Wie siehst du dieses Punk-Ding heute, gibt es neuere Punk-Platten die dir gefallen? Denn falls ja, könntest du mir fünf deiner Lieblingsplatten Punk und Hardcore-Platten, die nach 2000 erschienen sind, verraten?

Thomas:
Ja klar, da gibt es so viele, die in den letzten 15 Jahren rausgekommen sind. Das wird jetzt nicht einfach. Also: Tragedy – Vengeance, Modern Life Is War – Witness, A Global Threat – Where The Sun Never Sets….ehm…Bane – Give Blood, ein Wahnsinns-Album, Dead To Me – Cuban Ballerina ist wunderschön….es gibt echt viel. Das neue War On Women-Album ist super….ich könnte jetzt noch immer so weitermachen. Auch wenn du auf die letzten paar Jahre schaust: Propagandhi – Supporting Caste, das ist ein Album für die Ewigkeit. Das ist einfach Wahnsinn.
Es gab und wird immer hervorragende Punk-Alben geben, egal auf welche Ära du schaust.