Interview mit Tom und Andreas von VERITATES – zeitgemäßer Power Metal der düsteren und harten Art

Vor zwei Jahren sind Vertitates mit ihrem Debütalbum „Killing Time“ recht selbstbewusst in der Metalszene aufgetreten. Angefeuert durch die große Facebook-Gruppe „Heavy Metal Fans“ breitete sich der Name langsam aus. Kürzlich hat die zum Quintett angewachsene Band ihr zweites Album „Silent War“ bei Doc Gator Records veröffentlicht, welches die Truppe wesentlich düsterer und härter präsentiert. Von US-amerikanischen Power-Metal-Bands im Fahrwasser von Iced Earth beeinflusst, gibt es zehn brandneue (in der Vinyl-Version sind es nur acht) Songs zu hören, die neugierig auf ein Gespräch mit den beiden Sprachrohren von Veritates machen. Das wäre zum einen der in Lörrach beheimatete Gitarrist und Bandgründer Thomas Winter, zum anderen der Kölner Sänger und Textschreiber Andreas von Lipinski, welchen man auch von den Bands Wolfen und den quasi Nachfolgern WarWolf kennt. Daneben gehören zur Band noch Bassist Jörg Belstler, Lead-Gitarrist Frank Noras (Wolfen, WarWolf) und Grave-Digger-Drummer Marcus Kniep. Lest hier im nachfolgenden, langen Gespräch mit Veritates über die Entstehung der Band, der neuen Musik und ihrer Texte und was Musiker derzeit besonders umtreibt.

 

 

Hallo Tom und Andreas, Glückwunsch zum neuen Album. Wie ich mitbekommen habe, bin ich nicht der einzige, der es gut finde. Das Echo schien bisher doch recht positiv.

Tom: Das was kam war gut, ja. Ich bin von den Reaktionen her sehr zufrieden. Es ist ja immer ein schönes Gefühl, wenn nach einem Jahr Arbeit das Ding endlich rauskommt. Das ist immer noch das schönste. Ich kann es kaum erwarten, bis das Vinyl da ist.

Euer Debüt kam vor zwei Jahren in der Szene recht gut an. Das hat euch sicher motiviert Veritates fortzuführen und es nicht als einmalige Sache zu betrachten.

Andreas: Da fing so an, als die Reaktionen auf das erste Album ganz gut waren und auf einmal haben wir dann nachgelegt. Ich weiß gar nicht mehr, wie es dazu gekommen ist.

Tom: Wir haben einfach gesprochen: Machen wir nochmal eins? Und dann haben wir einfach angefangen. Das Album ist komplett neu entstanden. Da ist nichts Altes von mir verwendet worden, sondern es sind alles brandneue Sachen. Und auch die Sachen von Andreas und Frank sind relativ neu gewesen.

Veritates wirkte immer wie so eine Gruppenband der Facebook-Gruppe „Heavy Metal Fans“. Habt ihr euch vorher schon gekannt oder wie kam die Idee mal was gemeinsam zu machen?

Tom: Die Grundidee stammt von mir. Ich hatte ein paar Songideen, die ich mit ein paar verschiedenen Musikern ausprobieren wollte. Dabei hat es sich rausgestellt, dass das mit Andreas einfach gut passt und funktioniert. Und deshalb hat er auch den größten Anteil am Debüt eingesungen. Nur bei zwei Songs ist jemand anderes zu hören. Die Leadgitarren stammen von verschiedenen Musikern, die ich schätze und die auch helfen wollten.

Andreas: Es hatte damals noch mehr Projektcharakter. Eigentlich war geplant, dass ich nur einen Song singe. Und irgendwie hat das einfach gepasst. Er hat den ersten Song geschickt und ich fand das gleich toll. Es hat mir total gelegen und mir sind direkt tausend Sachen eingefallen. Dann war es auch noch so, dass sich irgendwelche Sänger nicht gemeldet hatten. Ich bat ihn dann einfach, er soll mir direkt den nächsten schicken. Und es ging nacheinander sehr schnell. Und ich meinte dann, komm schick alles was du hast. (lacht)

Tom: Die zwei Sänger, die damals schon zugesagt hatten, habe ich den entsprechenden Slot gegeben, weil abgemacht ist abgemacht. Aber wir haben gemerkt, dass Andreas und ich als Songwriting-Duo gut harmonieren. Dann haben wir mit Frank Noras einen festen Leadgitarristen gefunden, wodurch der Projektcharakter nun auch verschwindet.

Andreas: Im Prinzip ist es ja ähnlich bei allen bekannten Bands. Man denkt immer, da sitzt man monatelang im Proberaum und arbeitet zusammen Songs aus. Das mag bei ganz jungen Leuten so sein, wo die Zeit dazu da ist. Sogar bei einer Band wie Grave Digger ist das so, das machen zwei Leute. Der Rest bekommt das dann vorgespielt und hat quasi seine Parts draufzusetzen. Sie können sich zwar einbringen, aber im Prinzip ist es dann meisten so, dass die Leute die die Songs geschrieben haben auch gewisse Vorstellungen haben. Das ist ein sehr langwieriger Prozess und ich bin der Meinung, dass viele Köche den Brei verderben. Wenn das durch Zufall, wie bei Tom und mir, in eine Richtung geht ist das wunderbar. Klar, anfangs haben wir einige Mal über Dinge diskutiert, aber es hat nie jemand einen Egotrip gefahren. So muss das sein.

Das kommt jetzt schon so rüber: Proberaumromantik ist dann doch etwas für jüngere Leute, in einer Lebensphase, in der Verpflichtungen nicht so groß sind.

Andreas: Ehrlich gesagt kann ich das auch nicht mehr ertragen. Das sind einfach Zeitkiller. Wenn man ein gewisses Alter und – ich weiß das klingt jetzt ein bisschen angeberisch – ein gewisses Können hat, dann brauchst man das auch gar nicht mehr. Man muss sich dann für einen Auftritt natürlich mal treffen und das zusammen spielen. Wenn du dich mit vernünftigen Leuten eingelassen hast, dann ist dir aber schon klar, das wird funktionieren.

Kommen wir zurück zum Album. Tom, bei Deinem langen Facebook-Post, den Du zur Veröffentlichung geschrieben hast, klang schon an, dass es „Silent War“ fast nicht gegeben hätte. Der Weg von „Killing Time“ war kein einfacher und Du hattest einige Stolpersteine aus dem Weg zu räumen. Magst Du uns das vielleicht ein bisschen erläutern?

Tom: Das betrifft nur mich. Ich hatte privat einige Dinge finanziell zu verdauen, was die Finanzierung des zweiten Albums arg in Bedrängnis brachte. Das konnte aber geregelt werden, so dass wir das Album fertig bringen konnten. Das zweite war, dass mir kurz vor der Fertigstellung mein Studio ausgeraubt wurde. Es war alles weg.

Sowas nimmt einen mental, von der finanziellen Frage abgesehen, bestimmt auch ganz schön mit.

Tom: Da hat mir der Andreas immer geholfen und an Lösungen gearbeitet und letztendlich auch gefunden. So soll’s einfach sein. Das ist das was mir an Veritates gefällt. Man ist nicht alleine. Dann haben wir gesagt, komm, wir ziehen es durch. Wir haben eine andere Lösung. Und ich glaube, so schlecht ist das Album trotz allem nicht geworden.

 

 

Das Engagement von Grave-Digger-Frontmann Chris Boltendahl als Produzent wurde im Vorfeld besonders hervorgehoben. Was war letztendlich seine Rolle bei der Entstehung von „Silent War“?

Andreas: Das hat sich so ergeben, da ich mit Chris gemeinsam mit meiner anderen Band WarWolf unser Debüt aufgenommen habe. Er hat sich da sehr engagiert, was er früher nie getan hatte. Obwohl ich ihn persönlich sehr lange kenne hat er sich immer rausgehalten und ich habe auch selbst immer versucht es zu vermeiden, weil wir befreundet sind. Mit der Zeit hat er dann selbst gefallen daran gefunden zu produzieren. Letztendlich hat er gefragt, ob wir Veritates nicht auch bei ihm machen möchten. Dadurch, dass wir immer unterbrochen worden sind, teils durch Toms Probleme, waren noch nicht alle Songs fertig. Er hat dann einfach sehr viel Input gegeben. Beim Gesang hat er mir ständig in den Hintern getreten. Da ist eigentlich auch dieser Härtegrad entstanden. Wir waren hin und her gerissen. Eigentlich wollten wir das gar nicht. Da waren Tom und ich bis zuletzt unsicher, ob das der richtige Weg gewesen ist, weil wir es eigentlich eher wie auf „Killing Time“ angeben wollte, da ist der Gesang auch eher klar und unverzerrt. Das ist ganz klar auf Chris’ Mist gewachsen. Die Songs sind teilweise viel aggressiver. Immer wenn der Lipinski härter singt, klingt der halt ein bisschen nach Matt Barlow. Und er meinte, das ist doch geil. Wenn’s nach im gegangen wäre, hätten wir alles, jeden Song, jeden Gesangspart hart gesungen. Das wollten wir nicht. Und wir haben ganz am Ende sogar alles wieder rückgängig machen wollen. Wenn ich das jetzt so höre, die Songs die hart gesungen sind brauchen das auch so. Es ist ja sowieso auch textlich viel härter und düsterer geworden, als das davor. Deswegen passt das.

War da nicht die Befürchtung, dass am Ende Veritates einen leichten Grave-Digger-Touch abbekommen könnten?

Andreas: Sowas sehe ich da überhaupt nicht, nicht eine Sekunde klingt da irgendwas nach Grave Digger oder überhaupt nach altem Heavy Metal. Im Gegenteil, es klingt ziemlich modern. Und auch das war für uns ungewohnt, für mich zumindest. Ich höre hier irgendwie drei Millionen Gitarren, wie wird sich das nachher anhören? Wenn man aber jetzt den Endmix hört, begreift man eigentlich, dass viele harte Bands es genauso machen. Die knallen da teilweise 10, 15 Gitarren übereinander und der Hörer denkt, er hört nur zwei, weil das so fett ist. Ich werde das nicht vergessen, als mir Tom vor drei Wochen die CD geschickt hat. Mein Abspielort ist immer das Auto. Ich hab das reingetan und gedacht: wow, das ist fett! Da war die Sache für mich erledigt. Alles richtig gemacht.

Den Eindruck hatte ich am Anfang auch. Da war ich schon sehr überrascht, wie hart das eigentlich rüberkommt. Der Vergleich mit Iced Earth war natürlich sehr stark. Und wie du schon selbst sagst, klingt es auch wesentlich moderner, als die genannten Grave Digger. Den Eindruck, denn Du von Deiner eigenen Musik hast, kann ich schon auch teilen.

Andreas: Es ist ja auch so, dass ein paar Songs auf den letzten Drücker entstanden sind. Wir haben irgendwann gemerkt, wir haben nur soundso viel Songs, wir brauchen noch was. Da hat der Chris gedrängt, mach doch noch zwei so geradlinige. Dabei entstand „For My Thoughts“, der Opener. Er fände es gut, wenn wir was härteres, kurzes am Anfang hätten. Das hatten wir am Anfang nicht. Wenn wir das mit „Evil“ begonnen hätten, hätte es nicht denselben Effekt gehabt. Dann hatte Tom noch dieses Wahnsinnsriff von „My Own Way“. Da hab ich eigentlich nur aus Spaß in der Art von Metal Church oder Overkill drüber gesungen. Dachte zuerst, das geht eigentlich gar nicht, da klingt die Stimme komplett anders. Aber das ist wieder so ne Sache. Das ist eigentlich nur uns beiden so gegangen, hab ich das Gefühl. Da schreibt keiner was drüber: der Song der klingt aber anders. Für die Leute ist das eins.

Kommen wir mal auf die Texte zu sprechen, Andreas. Viele Songs scheinen ziemlich unter dem Eindruck der Pandemie entstanden zu sein, wenn ich an den Titeltrack „Silent War“ denke oder auch „Lies“ oder ganz deutlich „Alone“.

Andreas: „Silent War“ stand ganz am Anfang fest.

Tom: Die Phrase hab ich irgendwo aufgeschnappt und ich dachte, „Silent War“ ist ein cooler Titel, da könnte man einen Song daraus machen.

Andreas: Da war aber schon die Pandemie und das passte. Wir haben die Songs Anfang 2021 aufgenommen. Wir haben in der Regel zuerst die Musik. Danach lasse ich mir grob ein paar Gesangsmelodien einfallen. Und dann muss sich kucken, was könnte man dazu schreiben. In der Tat sind alle Texte stark von der Pandemie beeinflusst. Es war ja nicht zu ertragen, was aus der Presse und vor allem den sozialen Medien auf einen einprasselte. Ich hätte am liebsten alles ausgeschaltet. Der Chris sagt auch, wenn du noch einen Text über die Pandemie schreibst, flipp ich aus. (lacht) Letztendlich war es aber so, dass alles irgendwie auf die Pandemie übertragbar war, auch wenn es nicht so ist. Das Problem ist, ich bin der Meinung man sollte als Band nicht politisch sein. Aber man kann ja trotzdem Sachen die gerade aktuell sind, ob es nun politisch ist oder nicht, aufgreifen und versuchen seine Meinung zumindest in einer Art und Weise zu verpacken ohne, dass es direkt politisch ist. Ich kann jetzt zum Beispiel wie bei der Ballade „Alone“ über einen Mann schreiben, der alleine ist und leidet. Ob er jetzt in Quarantäne ist oder warum der da jetzt alleine sitzt ist mir erst einmal komplett egal.

Tom: Das war im Winter 2020 auf 2021. Das war die Hauptzeit, in der wir am Album gearbeitet haben. Das hat einfach geprägt. Ich denke das hat jeden von uns geprägt.

Andreas: Es ist ja genauso wie bei „For My Thoughts“, der erste Song. Das war lustig, als wir dieses Lyrik-Video online gestellt hatten, was die Leute für Kommentare geschrieben haben, speziell über den Text. Es kann ja jeder selbst hinein interpretieren, was er sich darunter vorstellt. Ich hab für mich einfach entschieden, ich kann denken was ich will. Das kann mir keiner verbieten. Und darum geht es auch: „For My Thoughts“.

Das finde ich interessant, zu dem Song habe ich mir im Vorfeld notiert „die Gedanken sind frei“. Das scheint genau der Inhalt zu sein. Das kann ich mir gut vorstellen, dass das manche gerne in die Querdenker-Schublade stecken möchten. Das muss man ja heute immer vorsichtig sein, was ich aber etwas schade finde, denn im Metal schwingt ja immer ein etwas revolutionärer Geist mit, Skepsis gegen Obrigkeiten etc. Das scheint derzeit nicht so gut zusammen zu passen.

Andreas: Das ist in einem Text immer ein bisschen überspitzt. Slayer haben über Auschwitz „Angel of Death“ geschrieben. Das wäre heute nicht mehr möglich.

Dafür würde man heute wohl mehr als nur ein bisschen angegriffen werden.

Tom: Das hat ja damals schon Wellen geschlagen.

Andreas: Dabei geht es ja nur um die Verbrechen. Es wird dann sofort unterstellt, schau her, die verherrlichen das. Jeder zweite Korn-Song handelt von irgendeinem Serienmörder. Weil der Typ so fasziniert davon ist.

 

 

Gut finde ich auf jeden Fall, dass sich die Texte durchaus von typischen Drachen- und Schwerter-Klischees abheben. Darum bin ich ganz froh, dass Du mehr bodenständige Themen behandelst.

Andreas: Ich habe früher bei Wolfen immer aktuelle Themen aufgegriffen. Ich habe nie über Fantasy, Drachen, Rüstungen oder so was geschrieben. Und genau das muss ich bei WarWolf jetzt machen – volles Brett Klischee. Es ist jetzt sogar bei neuen Ideen so. Komm Jungs, über was schreiben wir jetzt? Vampire, Werwölfe und der ganze Scheiß! Bei Veritates ist es mir eigentlich das liebste, dass ich es so machen kann, wie ich es früher gemacht hab. Mir ist es wichtig, in irgendeiner Art und Weise anspruchsvolle Texte zu schreiben. Das muss nicht rhetorisch hochtrabend oder intelligent sein. Aber es muss ein bisschen zeitgemäß sein.

Tom: Das ist auch das einzige was ich Andreas gesagt hatte. Mach, was du für richtig hältst. Aber bitte vermeide, Fire-Desire-Reime. Da bekomm ich Würmer.

Dann ersetzen jetzt Veritates die ursprünglichen Wolfen und mit WarWolf hast Du eine Fantasy-Version von Wolfen.

Andreas: Es hieß ja jetzt schon öfter, dass WarWolf das neue Wolfen wäre. Das ist aber überhaupt nicht so. Es gibt natürlich gewissen Parallelen. Und zwar dann, wenn ich hart singe. Es wird ja immer Überschneidungen geben. Das Rad wird ja nicht neu erfunden werden. Aber ich finde, dass der Tom es einfach drauf hat – er sieht das vielleicht selbst gar nicht so – dieses Melancholische, dieses Düstere zu machen. Er hat Gitarrenmelodien, die ich so noch nicht präsentiert bekommen habe, die ich aber genau so gerne mal gehabt hätte. Das ist auch der Grund, warum es so gut funktioniert. Dem Tom musste ich so was gar nicht sagen, nur weiter hören was er aufgenommen hat. Und dann kam genau das, was ich mir selbst gedacht hätte. Deswegen ist das für mich einzigartig.

Also Tom, doch eine unerwartete Seelenverwandtschaft. Ist doch klasse, dass ihr euch so gefunden habt.

Tom: Doch schon. Ich muss ehrlich sagen, ich mache auch schon lange Musik. Habe ja nicht erst seit drei Jahren angefangen. Aber so wie das jetzt gerade läuft, soviel Spaß hat es bis jetzt noch nie gemacht. Auch weil es relativ ohne Druck stattfindet. Kommt was, dann kommt was. Kommt nix, dann kommt eben nix.

Andreas: Obwohl wir uns dieses Mal schon etwas Druck gemacht haben.

Tom: Ja, klar. Ganz ohne Druck geht es nicht. Sagen wir mal so, der Druck dass ich jetzt zweimal die Woche im Proberaum stehen muss oder jenes machen muss, fiel alles weg und das ist für mich extrem befreiend. Und die wie immer unkomplizierte Zusammenarbeit mit dem Andreas, aber auch mit den anderen. Das funktioniert und macht einfach Spaß. Punkt.

Gibt es jetzt noch weitergehende Pläne mit der Band – doch mal ein paar Livekonzerte, ein weiteres Album?

Tom: Jetzt sind wir dann erst mal froh, wenn der Release endgültig erfolgt ist. Die Vinylversion steht bekanntlich noch aus. Das mit den Gigs ist schwierig. Schon alleine wegen der räumlichen Distanz. Grundsätzlich steht einem dritten Album meinerseits aber nichts entgegen.

Andreas: Ich bin jemand, der immer sagt, man sollte nicht zu lange Pause machen, wenn man gerade mal in aller Munde ist. Diesen Fehler hab ich schon sehr oft begangen in meiner langen Musikerzeit. Aber das ist natürlich auch immer eine finanzielle Sache. Ich denke, da müssen wir das auch ein bisschen anders aufteilen. Am Anfang mit der ersten Platte, war’s einfach Thomas’ Ding. Damit hatte er auch die meisten Kosten getragen. Beim zweiten war es eigentlich auch noch so, auch wenn wir uns bei ein paar Sachen beteiligt oder auf andere Art und Weise nützlich oder erkenntlich gezeigt haben. Aber das kann ja nicht so weitergehen. Da müssen natürlich alle mitziehen. Grundsätzlich bin froh, dass der Tom gerade gesagt hat, dass er Interesse daran hat. Ich bin der Meinung, dass man das unbedingt fortsetzen muss. Da heutzutage alles ewig lange dauert, mit Vinyl und was weiß ich und zwei, drei Monate Promo-Vorlaufzeit, musst du ja im Prinzip, wenn du das eine rausgebracht hast, gleich das nächste in Angriff nehmen. Aber sich zu zwingen produktiv zu sein, innovativ zu sein, das funktioniert meines Erachtens nicht bei uns.

Jetzt kommt nach der CD erst mal die Vinyl-Version raus und ich hoffe die Vorbestellungen waren ordentlich, so dass Postminister Tom ordentlich Arbeit mit dem Verschicken hat.

Andreas: Grundsätzlich läuft gerade ein bisschen weniger als sonst. Bei WarWolf ist es genauso. Die Hälfte an Bestellungen weniger als erwartet. Das kann man ruhig mal ehrlich kommunizieren. Das ist kein Geheimnis. Es ist ähnlich wie bei den Ticketverkäufen. Es halten sich die Leute auch bei so was zurück.

Merkt man das doch so stark? Hier bewegen wir uns doch in einem Kosmos, der noch sehr stark auf das physische Produkt setzt.

Andreas: Es kommt ja auch so eine unglaubliche Masse an Platten raus. Zudem noch viel gutes Zeug, das muss man schon sagen. Und die Leute überlegen halt dann tatsächlich. Es ist einfach so, dass wenn da Machine Head, Manowar und Iron Maiden dastehen, dann kaufen die Leute erst einmal das. Sie sagen zwar, Veritates ist geil, aber wichtig ist erstmal, dass ich die neue Maiden hab.

Man kauft halt das, was man immer kauft und einen lange begleitet. Das dürfte eine Art Gewohnheitssache sein, das kann ich auch bei mir nicht unbedingt abstreiten.

Tom: Aber Du weißt ja selbst, jetzt im September ist die neue Ozzy gekommen, es ist die neue Megadeth gekommen, ein paar Hochkaräter haben veröffentlicht. Und gerade im Vinyl-Bereich schlagen die Hochkaräter hochpreisig zu Buche. Ich kann es verstehen, dass man Prioritäten setzt, dass man die Maiden z.B. Veritates, WarWolf oder Ghosther vorzieht. Dann reicht mir das Geld halt für was anderes nicht mehr. Es ist jetzt noch nicht dramatisch, aber man merkt es. Aber es ist okay. Dafür dass wir uns noch im Vorbestellbereich bewegen und die Vinylversion noch aussteht, sind die Bestellungen schon ordentlich.

Dann wäre ich mit meinen Fragen relativ am Ende. Gibt es noch was, das euch persönlich auf den Nägeln brennt?

Andreas: Nochmal kurz zu den Livesachen. Das Ziel ist es schon mal live zu spielen. Aber wir sind keine Liveband, wie es so üblich ist. Ich denke es ist irgendwie umsetzbar. Aber es müssen dann Sachen sein, wo man dann sagt, okay, das lohnt sich. Sagen wir mal, ich würde in die Schweiz fahren um da zu spielen. Da kommen wir nun mit drei Leuten von hier. Da hast du schon mal Spritgeld von 300 €. Dann musst du da ja auch übernachten. Das sind dann 150 bis 200 €. Dann bist du gleich bei 500 €. Und dann musst du noch den Laden und die Anlage mieten. Irgendwann hast du da nen Preis, ohne Gage, von fast 1.000 € stehen. Dafür müssen dann mindesten 50 Leute kommen, so dass die Kosten gedeckt sind. Das ist das, was viele Leute nicht verstehen. Da kommt dann oft so, spielt doch mal bei uns, warum spielt ihr nicht in Köln? Na sicher könnte man das. Einen Laden zu finden, in dem man spielen kann ist ja nicht das Problem. Klar, du kannst natürlich sagen, auch das bezahl ich noch und jenes auch. Irgendwann sagen unsere Frauen: alles klar mit euch?!

Tom: Ich kann mir vorstellen, wenn wir Konzerte machen, macht es Sinn wenn wir zwei aus dem Süden Richtung Norden fahren. Das sind deutlich weniger Kosten, als den Rest von Richtung Norden in den Süden zu karren. Das macht wenig Sinn. Wenn sich was ergibt, von dem wir meinen, das lohnt sich oder das könnte klappen, dann machen wir das auch und probieren es. Aber es ist momentan ein bisschen schwierig. Man muss aber auch dazu sagen, im Livesektor ist es ja genauso. Wir haben noch Karten hängen von vor zwei Jahren. Kann ich auch verstehen, dass die Fans erst diese Sachen abarbeiten. Ich habe auch Verständnis, dass sie keine Karten im Vorverkauf kaufen für den Winter, denn man weiß ja nicht, wie es sich politisch in Sachen Pandemiebekämpfung entwickelt. Dann haben sie die nächsten Karten wieder an der Pinwand hängen und das Geld ist weg. Ich kann die Leute verstehen. Und es ist für eine kleine Band wie uns schwierig an Gigs zu kommen. Da stehen noch 50 andere in der Schlange.

Wir haben jetzt auch quasi drei Konzertjahrgänge in einem, die gleichzeitig reindrücken. Das ist bestimmt nicht einfach.

Tom: Es hagelt auch Absagen. Anthrax zum Beispiel haben abgesagt wegen dreifacher Kostensteigerung. Ich sehe den Winter sehr schwierig.

Andreas: Du kannst davon ausgehen, dass Bands bei Bands in einer Größenordnung wie Anthrax oder auch deutsche Bands noch einige Tourabsagen kommen. Der Vorverkauf ist schlecht. Es ist klar, die gehen nicht auf Risiko. Du kannst natürlich auf Risiko gehen. Es gibt Bands, die sagen, hey, ich hab da 20 Karten im Vorverkauf gehabt, abends hatte ich 500 Leute in der Halle. Aber wenn die Nightliner um die 600 € am Tage kosten. Was sollen die machen? Dann lässt du 500 T-Shirts drucken, dann kommt nachher ein Drittel von den Leuten. Dann hast du die auch noch an der Backe. Dann hast du keinen Gewinn, dann hast du Verlust. Und für die ist das nun mal ein Geschäft. Wenn wir jetzt sagen, wir machen mal zwei, drei Gigs, einfach mal für uns quasi. Dann mietest dir halt nen Laden, vielleicht kriegt man doch mal den einen oder anderen Slot bei nem Festival. Dann kann man das mal machen. Das ist dann genauso, wie wenn man Geld in ne Produktion reinsteckt. Dann kann man schon mal sagen, komm, da kriegen wir halt mal nix, da kriegen wir ein bisschen Spritgeld.

Tom: Aber die Festivals sind ja auch ausgebucht. Die müssen ihre Absagen, die sie machen mussten mit Bands wieder einhalten. Die Schlange ist sehr lang zum Anstehen.

Andreas: Die ist sehr, sehr lang. Ich habe es jetzt auch nochmal mit WarWolf versucht, weil sich das Album eigentlich ganz gut verkauft hat. Wir haben dann auch so relevante Themen wie das Headbanger’s Open Air kontaktiert. Da kommt immer dieselbe Antwort: stimmt, ihr würdet passen, aber die Schlange an Bewerbungen ist so groß, dass wir gar nicht wissen, wie wir es machen sollen. Ich werde es nicht vergessen, als Chris Boltendahl in der Mitte der Pandemie zu mir sagte: pass mal auf, wenn die Pandemie vorbei ist, wird alles anders sein. Es wird alles Kleine verschwinden. Es werden erst einmal nur die ganz großen Sachen übrig bleiben und natürlich so die ganz kleinen Sachen. So Festivals mit 300, 400 Leuten. Sowas wird noch funktionieren. Aber alles was im mittleren Bereich liegt, wird alles verschwinden.

Für Bands wie Grave Digger oder Rage wird es danach aber schon dünner werden.

Andreas: Das wird sehr dünn.

Tom: Ich hab große Bedenken, auch große Befürchtungen für diesen Winter. Ich habe kein gutes Gefühl, muss ich ehrlich sagen. Nicht wegen uns, sondern wegen den Bands ganz allgemein.

Andreas: Die müssen davon leben. Dann wird es nicht nochmal irgendwie Zuschüsse vom Staat oder so geben. Die sagen, hey, ihr könnt doch spielen. Was sollen wir da machen, wir können ja nichts dafür, dass keiner zu euch kommt. Doch, solange der Gesundheitsminister in den Medien Angst macht, wird sich nichts ändern.

Tom: Nur mal als kleines Beispiel. Ich wohne an der Schweizer Grenze. In der Schweiz gibt es keinerlei Konsequenzen mehr bei einer Corona-Erkrankung. Du darfst arbeiten gehen, du musst nicht zu Hause bleiben. Bei uns bist du fünf Tage weg. Es gibt jetzt bestimmt auch Arbeitgeber, die darauf keinen Bock mehr haben, dass ihnen die Leute zu Hause bleiben, weil sie Corona haben. Und deswegen sagen auch viele, nein, ich gehe nicht in nen kleinen Club, ich gehe nicht in geschlossene Räume mit vielen Personen. Ich habe Angst um meinen Job oder was auch immer. Das verstehen zum Beispiel auch viele Schweizer nicht. Wenn die Konsequenzen mal wegfallen würden in Deutschland, dann wäre der eine oder andere wieder etwas ausgehfreudiger.

 

 

So kulturpessimistisch wollen wir hier aber nicht enden. Die Metalszene ist noch nicht ausgestorben, noch können wir auf Konzerte gehen und dieses kribbelnde Gefühl aufsaugen, wenn mitreißende Musiker auf der Bühne stehen und einen emotional durchschütteln. Und es ist ganz klar, das muss auch so weitergehen! Deswegen auch von uns der Appell: geht raus, besucht weiter Konzerte, egal ob in kleinen oder großen Hallen. Und könnt ihr das nicht oder ihr habt nach wie vor ein etwas mulmiges Gefühl dabei, dann kauft Tonträger. Auch das hilft und euch bleibt dauerhaft etwas, an dem ihr euch erfreuen könnt.

Vielen Dank für die Aufmerksamkeit!

 

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