Montage. Wer hasst sie nicht. Genau aus diesem Grund ist es so wichtig, an Montagen etwas Schönes zu machen. Zum Beispiel, zu einer Punkshow mit ganz viel Herz zu fahren. Im Chéz Heinz in Hannover spielen heute Spanish Love Songs, dessen neues Album „Schmaltz“ eine der schönsten Überraschungen des Jahres für Freunde melancholischen Punkrocks war. Außerdem mit an Bord: Unsere Lieblingsengländer von Ducking Punches. Beide Bands sprechen sich immer wieder für einen offeneren Dialog über mentalgesundheitliche Probleme aus. Bevor die Türen sich öffnen haben wir Gelegenheit, mit Dylan von Spanish Love Songs genau darüber und über Musik, Gefühle und Problembewältigung zu sprechen.

Björn:
Hey Dylan, ich hab schon auf Instagram gesehen dass ihr sehr viel Spaß mit euren Freunden von Ducking Punches auf dieser Tour habt. Gehe ich recht der Annahme, dass die Stimmung super ist?

Dylan:
Haha, ja, absolut. Wir haben vor einem Jahr mit denen in den Staaten getourt und im Gegenzug haben sie jetzt hier einige Shows gebucht. Wir sind alles gute ‚mates‘, um ihren Terminus zu verwenden. Also wir sind gute Freunde, haben ähnliche Vorstellungen und ähnliche Sounds und auch ähnliche Trinkgewohnheiten, haha. Besonders Dan [Allen, Gitarre und Gesang bei Ducking Punches] und ich haben sehr viel Spaß.

Björn:
Du sagtest gerade, ihr wart schon in den Staaten gemeinsam auf Tour. Kannst du mir den Unterschied zwischen Touring in Nordamerika gegenüber Touring in Europa beschreiben? Was sind Gemeinsamkeiten, was sind Unterschiede?

Dylan:
Also die Gemeinsamkeiten sind, dass es jeden Abend unglaublich viel Spaß macht zu spielen. Es sind immer tolle Leute da, die alle sehr leidenschaftlich im Umgang mit Musik sind. Der Unterschied ist, dass die Staaten nun mal wesentlich größer sind und die Wege daher länger. Außerdem gibt es mehr Spots an denen uns wirklich niemand kennt, was okay ist, wir sind nur eine kleine Band. Aber in Deutschland spielen wir immer vor mehr als zehn Leuten. Und dann ist da noch der Unterschied in der Gastfreundschaft in der EU. Das ist hier einfach was ganz anderes – nichts gegen US-Promoter, aber das kann man nicht vergleichen. Ich meine, dass sich richtig um einen gekümmert wird mit Verpflegung, Duschen und Schlafplatz, das gibt es in den USA halt nur für die größeren, sehr erfolgreichen Bands, die sich das leisten können. Ich habe das Gefühl, hier in Europa gilt das auch schon für kleinere Bands wie uns.

Björn:
Habt ihr sowas wie einen besonders erinnerungswürdigen Moment auf Tour in eurer bisherigen Karriere?

Dylan:
Ja ich denke schon, das war in der Schweiz in einem kleinen Club, der einem Kumpel von uns gehört. Er hat eigentlich den Dachboden seines Wohnhauses mitten in einer kleinen Stadt zu einem Konzertort umfunktioniert. An dem Morgen sind wir in Italien aufgewacht und haben erfahren, dass Trump gewählt wurde.

Björn:
Oha

Dylan:
Wir konnten es nicht glauben, hatten den ganzen Tag beschissene Laune und waren total demotiviert auf dem Weg zur Show. Wir hatten einfach keine Lust zu spielen, weil wir so angepisst waren. Und dann sind auf einmal unglaublich viele Leute zu dieser Show gekommen und es wurde das genialste Konzert was wir je gespielt haben. Da sind so viele freundliche Menschen auf uns zugekommen und haben uns Mut zugesprochen und uns versichert, dass ihnen bewusst ist, dass nicht alle Amerikaner wie Trump sind.

Björn:
Tja also wir hatten so im Gefühl, dass amerikanische Bands, die hier unterwegs waren dringend ein paar warme Worte gebrauchen könnten….

Dylan:
….haha, ja genau das war es halt auch. Ein verregneter Mittwochabend und so viele Leute sind dahingekommen und haben mit uns gefeiert. Das war einer dieser Momente, in denen ich begriffen habe, dass es das alles Wert ist.

Björn:
Was für eine Kombination von Menschen seid ihr in der Band? Ihr hattet über die Jahre ja auch ein paar Lineup-Wechsel? Wie überlebt ihr auf Tour, wenn ihr so eng zusammenhocken müsst?

Dylan:
Es hat eine Weile gedauert, bis wir rausgefunden haben wie man’s am besten macht. Unsere erste Tour war einfach nur verrückt. Über die Jahre haben wir denke ich allmählich unsere Macken kennen gelernt und einen Weg gefunden damit umzugehen. Das ist ein bisschen wie in einer Beziehung. Und da kann es auch schonmal krachen. Derzeit sind wir im Line-Up aber glaube ich ganz gut aufgestellt. Außerdem sind die Touren auch angenehmer geworden. Die Shows werden immer größer und es läuft einfach viel besser als noch vor ein paar Jahren. Das sorgt natürlich dafür, dass jede_r grundsätzlich besser gelaunt ist.

Björn:
Woher kommt ihr musikalisch so, wenn es darum geht, kreativ zu werden. Welche Künstler inspirieren euch beim Songwriting?

Dylan:
Puh, gute Frage. Wir kommen aus verschiedenen Richtungen. Kyle hat einen Pop-Punk-Background und steht auf The Copyrights und Teenage Bottlerocket, arbeitet aber auch in einem Studio und ist dort sehr viel von Hip-Hop und Pop umgeben. Der Rest von uns hört nicht mehr so viel Punkrock und mehr traurige Indie-Musik, sowas wie The National oder LCD Soundsystem. Ich persönlich bin außerdem großer Bruce Springsteen-Fan und mag Tom Petty. Bei Singer-Songwriter-Kram kommen wir gewöhnlich alle dann zusammen. Ich glaube, unsere Musik orientiert sich auch ein bisschen daran, mit dem Unterschied, dass wir laute Gitarren verwenden und den gelegentlichen Pop-Punk-Song schreiben.

Björn:
Kannst du dich noch daran erinnern, wie du ursprünglich zur Musik gekommen bist?

Dylan:
Vermutlich dadurch, dass ich mit meinem älteren Bruder und seinen Freunden abgehangen habe. Er hat in einer Band gespielt und ich fand das cool. Mein Vater hat mir eine Gitarre gekauft als ich acht war, die habe ich aber nicht angerührt bis ich 13 war, weil ich so ein verwöhntes Kind war. Aber als mein Bruder und seine Freunde dann einer Band gespielt haben und mir einige Riffs gezeigt haben wurde mir endlich klar, dass ich das ja auch mal probieren könnte. Naja, und dann war da natürlich noch die Vorstellung, dass die Mädels da voll drauf abfahren werden. Was natürlich unglaublich dämlich ist. Ich glaube ich bin noch nie bei einer Frau gelandet nur weil ich Musiker bin. Und ich bin froh, dass das nie passiert ist, weil das ziemlich lame ist. Das ist einfach nur eine Teenager-Fantasie und in Wirklichkeit finden Mädels glaube ich nichts unattraktiver als ein komisch aussehender 13-jähriger mit Emo-Friese, der ihnen schlechte Thursday-Cover vorspielt.

Björn:
Hihihi. In dem Alter erscheint einem das aber als total gute Idee. Ich glaube, Lemmy hat das mal in einem Interview gesagt, dass es ein absolut valider Grund ist, mit Musik anzufangen, es sollte aber nicht die einzige Motivation sein.

Dylan:
Witzig, dass ausgerechnet Lemmy das gesagt hat. Klingt eigentlich so als ob das seine Motivation gewesen ist.

Björn:
Haha, ja oder? Naja, vielleicht war es der Grund anzufangen, aber am Ball bleibt man dann aus anderen Gründen.

Dylan:
Klar, und ganz ehrlich: Kein Achtjähriger will unbedingt Gitarre spielen. Am Anfang ist alles schwer, die Finger tun weh und man macht nur langsam Fortschritte. Da braucht man schon einen Grund, sich zu motivieren. Und die Aussicht, jemanden beeindrucken zu wollen, die oder den man attraktiv findet, ist am Anfang ein guter Grund denke ich. Bei manchen funktioniert’s ja auch.

Björn:
Wenn man dann erwachsen wird, realisiert man aber vielleicht auch, dass man doch lieber als der Mensch, der man ist, geliebt werden möchte und nicht, weil man auf irgendeiner Bühne steht.

Dylan:
Ouh, ja, absolut.

Björn:
Euer neues Album ‚Schmaltz‘ ist in Europa und besonders in Deutschland sehr populär geworden. Ich höre ständig aus allen Ecken „Hey, du musst diese Band auschecken“. Hat sich das für euch irgendwie angekündigt oder was ist eure Reaktion darauf?

Dylan:
Absolut nicht. Wir haben es einfach aufgenommen und waren erstmal zufrieden mit uns selbst. Haben darüber hinaus aber nichts erwartet. Dass es den Leuten jetzt gefällt und darauf reagiert wird macht uns unglaublich stolz und froh, auch auf unser Team beim Label, das sich so viel Mühe gibt, uns eine Plattform zu verschaffen.

Björn:
Es ist ein Album, dass sich sehr mit Themen mentaler Gesundheit auseinandersetzt, allen voran Selbstzweifel, Depression und der Möglichkeit, da irgendwie mit umzugehen. Ich habe mich gefragt, ob das etwas Kathartisches darstellt oder einfach nur der künstlerische Ausdruck ist?

Dylan:
Ein bisschen von beidem. Kathartisch ist es in dem Moment, wo der Song geschrieben wird, weil es eine Möglichkeit bietet, negative Gefühle niederzuschreiben und sie loszuwerden. Ich schreibe einfach nur auf, wie ich mich fühle und versuche es so zu montieren, dass es eine Geschichte erzählt, die vielleicht interessant oder hilfreich sein könnte. Zumindest für mich. Und das hilft durchaus dabei, nicht mehr so viel an diese Dinge zu denken und weiterzumachen. Denn wenn einem das nicht gelingt und man keinen Weg findet, damit umzugehen, kann es einen zerstören.

Björn:
Dann ist das Schreiben darüber schon ein Weg des Umgangs?

Dylan:
Ja genau, es folgt dieser Idee, wenn du wütend bist, einen Brief zu schreiben, den man vielleicht gar nicht abschickt. Mit dem Unterschied, dass man ihn in diesem Fall dann an alle sendet, aber das ist okay.

Björn:
Es steht ja auch immer offen zur Interpretation.

Dylan:
Genau.

Björn:
Du hast es eigentlich schon beantwortet. Was sind deine Strategien im Umgang mit negativen Gefühlen? Was würdest du denen empfehlen, die Probleme haben, vielleicht mit Depressionen kämpfen und denen es nicht gut geht? Ich habe das Gefühl, dass das nicht nur eines der zentralen Themen unserer ‚Szene‘ ist, sondern ein gesamtgesellschaftliches Problem unserer Zeit. Was würdest du Betroffenen sagen?

Dylan:
Rede mit jemandem darüber. Finde jemanden der zuhört. Vorzugsweise natürlich jemand mit einer professionellen Ausbildung, der/die gelernt hat, sich dieser Probleme anzunehmen. Manchmal ist das mit Freunden nicht so einfach. Und wenn du dir keine professionelle Hilfe leisten kannst, gibt es Hotlines, die du anrufen kannst. Ansonsten hilft es manchmal schon, einfach nur mit Freunden darüber zu reden. Ich weiß, es ist unangenehm und vielleicht auch peinlich. Aber man kommt nicht weiter, wenn man alles nur für sich behält und es in sich hineinfrisst bis es irgendwann ungewollt herausbricht und Schaden anrichtet.

Und ganz generell müssen wir mehr darüber reden. Dan spricht auf der Bühne immer viel darüber, dass wir dieses Stigma aufbrechen müssen, das mentalgesundheitliche Probleme umgibt. Je schneller sich die Menschen sicher fühlen darüber reden zu können, desto schneller wird es besser. Offen sein ist so wichtig. Zu sagen, „ja, vielleicht ist das jetzt unangenehm, aber wir müssen mal darüber sprechen, das hier ist das, was ich fühle und was ich durchmache, kannst du mir vielleicht helfen oder mir eine Richtung aufzeigen?“. Manchmal wird es schon besser, wenn man es sich von der Seele redet. Manche Sachen sind auch ernster und dann ist es immer das Richtige, sich professionelle Hilfe zu suchen. In jedem Fall ist Reden sehr wichtig. Das ist mein Rat.