Es gibt solche und solche Samstagabende. An manchen passiert nicht viel, an anderen hat man plötzlich nicht nur die Chance, eine seiner Lieblingspunkbands anzuschauen, sondern auch noch interviewen zu können. Die Rede ist natürlich von den großartigen Propagandhi aus Winnipeg, Kanada. Nach einigem zeitlichen Durcheinander (danke Deutsche Bahn, wie immer ein Traum) sitze ich endlich in einem kleinen schön abgelegenen Kämmerchen im Backstage der Live Music Hall zu Köln. Perfekt für ein kleines Gespräch mit Bassist und Vocalist Todd Kowalski.

Björn:
Hey Todd, danke dass du Zeit für uns hast.

Todd:
Ist mir eine Freude.

Björn:
Ihr kommt gerade aus den Niederlanden, richtig?

Todd:
Ja genau, vom Sound Of Revolution, das ist ein Festival ohne große Sponsoren, sowas ist uns sehr wichtig. Gestern waren Dag Nasty und Life Of Agony da, ich glaube heute spielen Comeback Kid aus Winnipeg und Gorilla Biscuits.

Björn:
Wie geht’s denn allen so, alle zufrieden und happy? Soviel ich weiß seid ihr mit euren Tourpartner_innen Dead To Me und RVIVR gut befreundet?

Todd:
Absolut, heute ist der erste richtige Tag auf Tour. Ich glaube, RVIVR hatten eine ziemlich lange anreise und sind etwas erschöpft aber mit Sicherheit bereit, gleich alles zu geben. Dead To Me habe ich eben nur für ein paar Sekunden gesehen, wir stehen alle noch in den Startlöchern und warten darauf, dass es losgeht.

Björn:
Mit wem tourt ihr denn am liebsten?

Todd:
Also RVIVR sind auf jeden Fall super. Wir spielen sonst auch viele Shows mit Iron Chic.

Björn:
Ja, das habe ich mitbekommen, mit denen seid ihr ziemlich viel unterwegs. Eine super Band.

Todd:
Unglaublich nette Leute und sehr angenehm mit denen abzuhängen.

Björn:
Ihr seid jetzt schon sehr lange eine Band und macht zusammen Musik. Wie schafft ihr es nach all den Jahren nicht das Interesse zu verlieren und die Energie aufrecht zu erhalten, besonders auf Tour, sowas ist ja auch immer anstrengend, oder?

Todd:
Persönlich muss ich sagen: Einfach immer versuchen alles zu geben. Ich weiß, dass die Songs gut sind, wir haben hart an ihnen gearbeitet, jeder hat hart an seinen eigenen Parts gearbeitet. Das schwierigste ist jetzt, all die Energie in die Live-Shows zu packen. Naja, schwieriger ist vermutlich noch, Songs zu schreiben, aber auf Tour ist dann das anstrengendste, geistig und körperlich voll da zu sein für jede Show.

Björn:
Aber wo nehmt ihr diese Energie her?

Todd:
Ach, wir wollen einfach einen guten Job machen, weißt du. Wir empfinden sehr viel für Musik und wir wollen etwas mit dem Publikum teilen. Wenn ich die Leute auf einer Show sehe, dann ist es für mich unvorstellbar, nicht mein allerbestes zu geben. Oder es zumindest zu versuchen. Klar wirst du nicht jeden Abend die beste Performance abliefern. Aber du kannst es immer versuchen.

Björn:
Was für eine Kombination an Menschen seid ihr innerhalb der Band? Auf Tour hockt man ja schon sehr viel sehr lange aufeinander. Wie bekommt ihr das hin?

Todd:
Wir streiten eigentlich so gut wie nie. Ab und zu geht man sich vielleicht mal kurz auf die Nerven. Aber das ist für gewöhnlich nichts Schlimmes. Die meiste Zeit hängen wir eigentlich entspannt rum, so wie du und ich hier jetzt.

Björn:
Dann seid ihr euch alle ziemlich ähnlich?

Todd:
Nein, nicht wirklich, wir sind teilweise schon unterschiedliche Persönlichkeiten, aber wir wollen alle das Gleiche. Wir hängen hier zusammen drin und wollen eigentlich alle nur Spaß haben.

Björn:
Gibt es einen Unterschied zwischen Touren vor 20 Jahren und Touren heute?

Todd:
Ja auf jeden Fall. Besonders im Vergleich zu den 90ern zum Beispiel. Damals war alles viel mehr Underground und es gab mehr besetzte Häuser und sowas. Das hat natürlich alles sein Gutes und sein Schlechtes. Es gab schon früher Venues, die die Bands ausgenutzt haben, das finde ich nicht richtig. Aber heute sind wir an einen Punkt gelangt, an dem große Sponsoren und dubiose Firmen Events sponsern und es gibt Punk-Firmen für alles Mögliche. Das fühlt sich manchmal mehr wie eine Einkaufsmeile an. Weißt du was ich meine?

Björn:
Ich denke du sprichst von dem generellen Problem der Kommodifikation von Subkultur.

Todd:
Ja, richtig. Naja, damals in den 90ern waren wir auch noch ziemlich idealistisch und haben überhaupt nicht nachgedacht über das, was um uns herum geschieht. Wir waren jung und hatten überhaupt keine Ahnung, was auf Tour alles passieren kann. Damals gab es ja auch noch keine Handys. Wir haben uns, wenn wir in Europa auf Tour waren, auch einfach Monatelang nicht Zuhause gemeldet und das war kein Problem. Man war viel zu sehr damit beschäftigt alles zu entdecken, meistens mit einer Landkarte unter der Nase.

Björn:
Kein Google Maps mit dem du jederzeit schauen konntest, wo du gerade genau bist.

Todd:
Ja, und damals hat man auch einfach überall gespielt, in jedem Ort. Heute fahren wir ja nur noch ein paar Städte an und das war es dann.

Björn:
Wenn du noch weiter zurückdenkst: Was hat dich dazu inspiriert, Musik machen zu wollen, ein Instrument in die Hand zu nehmen und dieses Leben leben zu wollen?

Todd:
Die erste große Sache überhaupt für mich war Kiss.

Björn:
Kiss
?

Todd:
Haha, ja, Kiss. Als kleiner Junge haben ich und mein Bruder die im Fernsehen gesehen. Und ich wusste in der Sekunde, in der ich sie zum ersten mal sah, dass ich Musik machen will. Der Vater von einem Kumpel aus der Nachbarschaft spielte damals Gitarre in Progbands in den 60ern und irgendwann hat dann auch mein Kumpel gespielt. Als meine Mum das mitbekommen hat, dachte sie sich „Hey, das könnte mein Kind doch auch lernen“. Ich war zwar nicht so gut wie mein Kumpel und sein Dad, aber ich habe mich angestrengt.

Björn:
Also ist eigentlich deine Mum schuld, dass du Musik machst?

Todd:
Irgendwie schon schätze ich, sie hat mich da einfach immer unterstützt. Ich habe dann auch Unterricht bekommen. Irgendwann fand ich das doof und wollte aufhören aber meine Mum meinte nur „Du wolltest Musik machen, jetzt musst du das auch durchziehen“. Das war ziemlich gut denke ich.

Björn:
Das sehe ich auch so. Kannst du dich denn noch an dein allererstes Konzert, auf dem du jemals warst, erinnern?

Todd:
Haha, ja, Kiss.

Björn:
Ha, au man, zur gleichen Zeit von der wir gerade gesprochen haben?

Todd:
Ne, ich glaube das dürfte so in der sechsten Klasse gewesen sein. Ich hatte in der dritten Klasse angefangen, sie zu hören.

Björn:
Bist du denn alleine dahin, nein oder?

Todd:
Ne, meine Mum ist mit mir hin. Sie waren schon ein paar Mal vorher da gewesen aber in der dritten Klasse wusste ich noch gar nicht, dass es sowas wie Konzerte und Live-Shows überhaupt gibt. Ich habe aber immer meine Hausaufgabenhefte mit Kiss vollgekritzelt und als sie dann wieder bei uns in der Nähe waren, hat meine Mum darauf bestanden, dass wir hingehen.

Björn:
Ist oder war sie denn auch Kiss-Fan, dass sie mit dir dahingegangen ist?

Todd:
Nein, überhaupt nicht, sie hat das tatsächlich nur für mich gemacht.

Björn:
Das ist ne coole Mum….

Todd:
Yeah…..

Björn:
Wer ist denn dein Lieblings-Bandmitglied?

Todd:
Früher immer Ace wegen seinem Spirit und dem Gitarrenspiel. Je älter ich wurde, desto mehr mochte ich aber Paul Stanley, weil ich glaube, dass seine Songs einfach die besten sind. Ich meine, abgesehen davon sind die Typen nicht sonderlich klug. In Interviews denke ich mir immer „Au man, ihr müsst dringend mal die Klappe halten“, aber darum geht es hier gar nicht. Es ist einfach erstaunlich, wie sehr dich so eine musikalische Erinnerung beeinflussen kann.

Björn:
Musik ist einfach wie ein gigantischer emotionaler Speicher. Ich schätze mal, wenn du nen Kiss-Song hörst, bist du wieder in der sechsten Klasse?

Todd:
So ungefähr, ja, sowas hat einfach die Macht, den Verlauf deines gesamten Lebens zu verändern. Wir sitzen hier heute und ich spiele immer noch Musik, nur aufgrund dieses Gefühls. Und wenn du mich fragst, was ich mit meiner Musik bezwecken und ausdrücken will, dann ist das eben genau dieses Gefühl. Wie es war, zum ersten Mal SNFU oder No Means No zu sehen. Du channelst die Gefühle für all die Bands, die du je geliebt hast und sagst „Ok, los geht’s“.

Björn:
Das kann ich absolut verstehen. Was magst du denn heute für Musik?

Todd:
Also eine meiner Lieblingsbands sind Katatonia aus Schweden. Ich glaube Schweden, oder Norwegen? Ich liebe die Stimme des Sängers und die Songs sind einfach so gut.

Björn:
Da sind wir schon an einem interessanten Punkt. Du hast mir jetzt eine Metalband genannt, die du gern hörst, während Propagandhi zunächst einmal als Punkband bekannt wurde, die dann im Laufe der Zeit immer mehr Metal-Elemente in den Sound eingewoben hat. Ich kenne Punk-Fans die auf euch stehen aber ebenso Metalheads die eure Musik cool finden. Jetzt würde mich interessieren: Was ist dir denn wichtiger, Metal oder Punk?

Todd:
Puh, das kommt darauf an. Wenn es um Punk geht, dann liebe ich halt Bands wie RVIVR oder Petrol Girls aber ich liebe auch Metal. Ich habe da viel drüber nachgedacht und bei mir persönlich ist das so: Als ich angefangen habe, Punk zu hören, fand ich immer die sehr schnellen Bands, die Genregrenzen übertreten haben, gut. Sowas wie Corrosion of Conformity als sie noch eine Punkband waren und The Accüsed oder sowas wie The Exploited. Alles, was irgendwie ‚heavy‘ war. Und solche Sachen wie The Clash oder The Sex Pistols waren einfach nicht mein Ding. Schon damals nicht. Genauso wenig wie das ganze Pop-Punk-Zeug, bis auf vielleicht ein Paar…..vielleicht All, die mochte ich.

Für mich musste es immer schnell und heftig sein. Punk, Deathcore, Grindcore, sowas wie Napalm Death. Das war für mich aufregend. Aber auf einmal hat sich das alles verändert mit Bands wie Green Day. Und heute ist Punk nur noch irgend so eine Cartoon-Scheißmusik die mich überhaupt nicht mehr anspricht. Jetzt wo ich älter bin realisiere ich aber auch, dass ich vermutlich nie wirklich Punk gehört habe, sondern eher Crossover, und dass Bands wie The Clash und die Sex Pistols vermutlich eher Punk sind als das, was ich gehört habe.

Für mich war Hardcore Punk. Oder ich dachte, Hardcore wäre Punk, aber vielleicht ist das irgendwie falsch. Und mit Hardcore meine ich jetzt nicht Youth of Today oder die Bad Brains. Das Zeug mochte ich auch, das meine ich aber nicht mit Hardcore. Eher sowas wie MDC. Oder wenn du dir heute zum Beispiel mal The Accüsed anhörst, dann wäre recht klar: Das ist ne Metalband. Aber damals, in meiner Stadt und in meiner Szene haben die Punks das gehört und für uns war das Punk.

Björn:
Vielleicht gibt es ein unterschiedliches Verständnis davon, was Punk ist in Europa und auf dem amerikanischen Kontinent. Hardcore war in den 1980ern eine Unterart von Punk, die hauptsächlich in Amerika stattgefunden hat und zu diesem Zeitpunkt auch noch oftmals Hardcore-Punk hieß. Und Hardcore war dann einfach als Distinktionsmerkmal gedacht, mit dem man sich von der ursprünglichen Punk-Szene in Europa abgrenzen wollte.

Todd:
Ja, ich denke das ist es. Und dann gab es in den 80ern aber auch noch eine Menge Thrashbands und als einige von denen immer populärer wurden, so wie Testament oder Metallica, gab es dann aber auch wieder eine Untergrundbewegung, die dreckiger war. Und das war genau mein Ding. Ich mag den dreckigen Scheiß.

Björn:
Ich habe mich in einem anderen Interview mal darüber unterhalten, woran es liegen könnte, dass Punk und Metal, obwohl das beide oberflächlich betrachtet ähnliche Musikstile sind, laut, aggressiv, schnell, energetisch, doch so selten Hand in Hand gehen. Und der Gedankengang war, dass Punk aus der Tradition von Folk- und Protestmusik entsprungen ist und Metal auf klassischer Musik basiert. Und darin besteht dieser Konflikt. Was meinst du dazu, passt das oder ist das alles Bullshit weil am Ende eh alles auf den Blues zurückgeht?

Todd:
Ich denke das ist eher alles Bullshit. Ich glaube es geht mehr um Gruppenzugehörigkeiten. Nimm zum Beispiel Katatonia. Die werden als Metalband gehandelt und von Metalfans gemocht, sind aber eigentlich viel langsamer und überhaupt nicht thrashig im Gegensatz zu uns, aber wir werden nicht als Metalband gesehen. Und wenn Katatonia nicht ihren Anteil an bratenden Gitarren hätten und die spektakulären Schlagzeugpassagen, dann würden sie vielleicht gar nicht als Metalband angesehen werden. Im Endeffekt ist alles nur Gerede. Wenn ich Green Day höre, dann ist das für mich einfach nur Popmusik. Langweilige, schlecht gesungene, schlecht gespielte Popmusik. Das interessiert mich einfach nicht. Ich kann irgendwo schon verstehen, warum viele Metalfans keine Lust haben, Punkbands auszuchecken…

Björn:
…und vice versa denke ich. Ich treffe manchmal Punk-Fans die sagen „Ich mag keinen Metal“ und Metalheads die sagen „What the fuck, Punk ist scheiße“ und ich denke mir „Oh, okay“.

Todd:
Das Problem ist halt, wenn jeder immer nur die Bands an der Oberfläche auscheckt…

Björn:
Ja, richtig. In meiner Erfahrung kommst du, je tiefer du irgendwo gräbst immer zu dem Schluss, dass am Ende des Tages alles irgendwie miteinander verbunden ist. Es ist Musik. Und Musik verbindet einfach alles. Wenn du wirklich Musikfan bist, dann wirst du immer wieder rechts und links mal schauen und Sachen finden, die für dich anders und neu sind, die du aber trotzdem gut finden kannst.

Todd:
Grundsätzlich denke ich ist es ganz wichtig, dass man von selbst aus sucht. Jedes Mal, wenn mir jemand eine Band empfiehlt, mag ich sie einfach nicht.

Björn:
Hast du Lust zum Ende des Interviews eine ganz kurze Runde Entweder-Oder-Quatsch zu spielen?

Todd:
Aber sicher.

Björn:
Beatles
oder Stones?

Todd:
Stones
.

Björn:
Cro-Mags
oder Minor Threat?

Todd:
Mehr so die Cro-Mags.

Björn:
Maiden
oder Metallica?

Todd:
Ach ich weiß nicht. Ich liebe all ihr altes Zeug und hasse all ihr neues Zeug. Das ist schwierig. Wenn ich nur noch eine Sache hören dürfte….dann würde ich glaube ich Metallica nehmen.

Björn:
East- oder Westcoast

Todd:
In welchem Zusammenhang?

Björn:
Ganz egal, was auch immer du damit assoziieren möchtest.

Todd:
Dann glaube ich Eastcoast…obwohl ich nicht sicher bin, warum eigentlich, haha.