Da saßen wir also, zwei Metal-Fans mit Kreator Frontmann Mille Petrozza in der Estrel-Lobby – vermutlich ein etwas seltsamer Anblick. Nachdem uns der nette Lobby-Boy, der im übrigen wie wir erfahren haben auch ein Metal-Fan ist, zu Miland an den Tisch eskortiert hat, ging unser nettes kleines Interview auch schon los.

Herzlichen Glückwunsch zu Eurem neuen Album „Gods of Violence“. Wie fühlt sich das an, sein eigenes Album erstmals auf Platz 1 der Alben-Charts zu sehen?
Gut, also es hatte natürlich auch eine lange Vorarbeit. Man kann als Band ja eigentlich nur hoffen, dass das Publikum auf die Musik anspringt die man macht. Es ist jetzt nicht so, dass man es irgendwie kalkulieren kann und dann ein Lied schreibt, wo man dann die Garantie hat, dass es irgendwo in irgendwelchen hohen Chartpositionen laden wird, sondern man macht einfach als Band, dass was du denkst machen zu müssen und das was aus deinem Herzen kommt und wenn das dann funktioniert, freut man sich natürlich. Aber man macht es nicht, damit es funktioniert.

Der Vorgänger „Phantom Antichrist“ war auch schon ziemlich erfolgreich. Hattet ihr dadurch mehr Druck vor der neuen Platte?
Druck nicht, eher eine Erwartungshaltung der Fans oder auch an uns. Wir haben dann auch eine bestimmte Erwartungshaltung an uns selbst, wenn wir ein Album geschrieben haben wie Phantom Antichrist, was viele Leute mochten und was wir auch selber mochten, wo wir dann auch eine musikalische Messlatte uns selbst vorgelegt haben. Dann ist das so, dass du dich selber als Künstler wieder neu erfinden willst. Aber dann nicht so, dass man denkt, das Album hat jetzt so viele Einheiten verkauft, dass müssen wir jetzt wieder schaffen. Das ist auch der falsche Gedankenweg. Ich glaube man versucht dann eher so diesen Weg weiter zu gehen und sich selbst einfach noch einmal herauszufordern. Es ist eine Herausforderung die du mit jedem Album hast.

Ihr habt ja auch ziemlich lange an dem Album gearbeitet. Was ist der Grundgedanke bzw. wer oder was sind die „gewalttätigen Götter“?
Die gibt es nicht, die habe ich mir selber ausgedacht oder beziehungsweise gabs die schon in der Antike. Es geht um Kornen, um Kornen, die immer noch eine Relevanz haben, es geht um die Gewalt in der Welt. Es geht darum, dass man diese ganzen von Menschen ausgedachten Titanen und Götter hinterfragt. Was ist das eigentlich, gibt es das wirklich, sollte das heute noch Relevanz haben, ist das was, was die Realität widerspiegelt oder ist es einfach nur Fantasie? Also für mich ist das einfach Fantasie, deswegen versuche ich das mit meinen Texten etwas zu brechen, zu entwerten quasi und das in Frage zu stellen.

Die Texte sind gesellschaftskritisch, politisch und du hast dich von Terrortheorien von Hannah Arendt inspirieren lassen. Wollt ihr damit eine bestimmte Botschaft vermitteln?
Botschaften finde ich immer etwas schwierig. Ich finde Botschaften sollte man sowie so nicht vermitteln wollen. Es ist mehr – ich mag das Wort nicht so gern, aber es ist mehr ein Denkanstoß. Ich glaube, wenn man die Möglichkeit hat durch seine Texte viele Leute zu erreichen, dann versuchst du es natürlich auf eine Art und Weiße, die dann deinen Geist inspiriert, wenn du das hörst. Natürlich bin ich da auch inspiriert worden durch Leute wie Hannah Arendt aber auch durch andere Autoren und Autorinnen und andere Leute. Ich versuche dann ein eigenes Bild bzw. eine eigene Reflexion dessen, was ich so an Informationen absorbiere weiter zu geben, dass ist glaube ich der Schlüssel. Das ist wie so eine Art Spiegel.

Woher nimmst du als Songwriter deine Inspiration?
Ich mache ja mein ganzes Leben lang nichts anderes. Ich denke mir immer Geschichten bzw. Texte aus, denke mir Lieder aus und Melodien, Riffs usw. Und damit das nicht zur Routine wird, lass ich mir dafür natürlich ganz lange Zeit. Ich sammle dann irgendwann, wenn ich merke ich habe wieder eine Idee und schreibe das kurz ins iPhone oder schreibe es irgendwo auf. Irgendwann entsteht daraus dann ein Song. Das baut sich dann wie so eine Art Puzzle immer mehr auf und irgendwann gibt es einen Titel und man versucht den Titel mit Sinn zu füllen. Im Idealfall kommt dann ein gutes Lied dabei rum. Manchmal ist es auch so, dass ich eine Idee habe für einen Song und das wird dann nur für den Mittelteil für einen anderen Song, den ich mir dann wieder neu ausdenke verwendet. Dafür gibt’s keine Formel oder eine Art Ritual, dass ich dann vollziehe und danach kommt ein Song raus. Ich kann mich nicht den ganzen Tag in einem Raum einschließen und komme dann raus und habe drei Lieder. Das stellt man sich immer so vor, aber eigentlich ist das eine ständige Reflexion und ein ständiger innerer Dialog.

Deine Inspiration zum Song „World War Now“ war unter anderem der Terror-Anschlag auf das Pariser Bataclan. Nächstes Wochenende spielt ihr selbst dort, was ist das für ein Gefühl?
Super. Der Club ist super schön, dass ist ein altes Theater. Ich blende natürlich diesen schrecklichen Terror-Angriff aus, dass musst du auch, sonst wird man ja verrückt. Und ich glaube auch, dass ist der einzige Weg damit umzugehen.

Mit „Wir vergessen nicht, was war“ in „Fallen Brother“ hast du erstmals eine sehr prominente deutsche Textzeile untergebracht. Was hat es damit auf sich?
Ich habe ab und zu mal Zitate in anderen Alben verwendet, aber nicht so präsent. Meistens war es schon eher versteckt, auch auf den zwei Alben davor. Aber dieses Mal ist es, wie du sagst, sehr präsent im Chorus. Weißt du, du schreibst Lieder und versuchst einen gewissen Twist da rein zu bekommen. Man überlegt dann oft, wie kann ich jetzt einen Song schreiben, der noch interessanter wirkt und wo sich noch eine andere Dimension auf tut. So entsteht sowas. Es war nicht geplant eine Zeile auf deutsch zu schreiben. Es war eine spontane Idee während der Gesangsaufnahmen. Mein Produzent war der Meinung, der Song sei noch nicht stark genug. Dann haben wir gesagt, wie wäre es denn wenn wir eine deutsche Zeile verwenden und dann haben wir einfach die englische Zeile ins deutsche übersetzt.

Ihr habt einige Gastmusiker auf euer Platte. Wie kam es zu den Gastbeiträgen?
Wir haben bestimmte Teile gehabt, wo wir dachten es wäre doch schön, wenn noch etwas passiert. Zum Beispiel haben wir einen Dudelsack von In Extremo, ein Gedicht von Dagobert und eine Harfe von einem kleinen Mädchen aus Schweden. Auch eine italienische Symphonie-Band hat noch mitgespielt. Das ist alles sehr spontan entstanden. Auch nur weil man das nicht selber machen wollte und ich kann nicht so gut Harfe spielen.

Du selbst hast auf zahlreichen Platten als Gast mitgewirkt, unter anderem auf dem „Beyond Hell / Above Heaven“ Album von Volbeat in dem Song „7 Shots“. Wie kam es dazu?
Michael und ich sind sehr gut befreundet. Ich kenne ihn schon bevor er mit Volbeat so einen Erfolg hatte. Das erste Mal als wir zusammen gespielt haben, war auf dem Summer Breez Festival, da gab er mir seine Alben und seit dem sind wir eigentlich ziemlich gut befreundet. Ich spiele jetzt auch demnächst im Sommer wieder mit ihm in Kopenhagen.

Was ist das für ein Gefühl, wenn bekannte Bands dich nach einem Gastauftritt fragen?
Ich mache das nur, wenn ich die Musik mag. Ich bekomme gefühlt einmal im Monat eine Anfrage von Bands, die sich dann irgendwie mehr Aufmerksamkeit erhoffen. Das mit Volbeat zum Beispiel ist ein Kenn-Ding. Michael ist ein großer Fan meiner Band und ich bin ein großer Fan seiner Band und wir sind befreundet. Da war das einfach so und wir haben es gemacht. Ich finde auch den Song gut, sonst hätte ich es nicht gemacht.

Wie bist du damals eigentlich zum Gitarre spielen gekommen?
Das ist so lange her. Ich war ein Fan von Kiss und irgendwie habe ich dann eine elektrische Gitarre geschenkt bekommen und wollte das auch machen. Ich hatte ein halbes Jahr lang Akustikgitarren-Unterricht. Das war okay, dadurch habe ich so ein paar Grundregeln gelernt. Aber ich glaube Regeln und kreativer Ausdruck sollten gar nicht zusammen gehören. Um die Griffe zu lernen war es gut. Kreativität entsteht nur dadurch, dass du bestimmte Dinge nicht weißt und du es einfach ausprobierst.

Ihr seid unter anderem wieder auf dem Wacken Open Air dieses Jahr zu sehen. Auf welchem Festival spielt ihr am liebsten und was macht die Festivals für euch besonders?
Es gibt kein Festival, was wir favorisieren. Ich würde nicht sagen, wir spielen am liebsten beim Wacken, aber wir spielen da sehr gerne. Aber wir spielen auch gerne beim Summer Breez oder beim With Full Force. Das ist immer Tagesform abhängig. Manchmal spielt man in Wacken nicht unbedingt seine beste Show, weil man einfach nicht so gut drauf ist an dem Tag oder irgendetwas passt nicht, technisch oder so. Aber Festivals sind auch immer eine extreme Situation. Du bist nicht als Headliner da und kannst nicht alles so gut vorbereiten, du hast nur ein bestimmtes Zeitfenster. Aber wir arbeiten mit einer professionellen Crew zusammen und meistens läuft alles gut.

Was ist das verrückteste, was dir während einer Tournee je passiert ist?
Man muss natürlich unterscheiden. Es gibt einen Alltag auf Tour, der ist total langweilig, der ist überhaupt nicht verrückt. Es gibt immer so kleine Dinge, die man dann gar nicht mehr als verrückt empfindet, weil man schon daran gewöhnt ist. Aber meistens muss ich dich enttäuschen, weil das meiste was auf Tournee passiert ist warten. Es ist echt 90 Prozent warten.

Wie sieht denn so ein normaler Tour-Alltag aus?
Ich bin meistens in irgendwelchen Hotels und versuche ein Sport-Programm durchzuziehen. Mache wie jetzt zum Beispiel ein Interview oder häng rum, versuche mich zu entspannen vor dem Konzert, dass ist eigentlich das wichtigste.

Gibt es eine Stadt oder ein Land, wo ihr besonders gerne spielt?
Ich mag es eigentlich in allen Ländern zu spielen. Für mich ist es immer wichtig, dass der Abend stimmt und das alles funktioniert, dass die Atmosphäre schön ist und das die Fans bock haben. Da ist es egal in welchem Land man ist. Natürlich favorisieren wir ein Publikum, was aufmerksam ist und Spaß hat.

Das weltweite touren ist sicher auch sehr anstrengend. Wie schaffst du dir einen Ausgleich und wie entspannst du dich?
Sehr viel Wasser trinken, sehr viel gesunde Sachen essen und kein Alkohol, keine Drogen. Ich habe früher alles mitgemacht, aber mittlerweile bin ich sehr vorsichtig.

Letzte Woche haben wir Doyle von Misfits interviewt, der genauso wie du Veganer ist. Wie kam es damals zu der Umstellung?
Den mag ich gerne, ist auch ein Freund von mir. Also bei Doyle weiß ich, kam es durch Alissa seine Freundin und bei mir war es so, ich war vorher schon vegetarisch und habe dann auch eine Freundin gehabt in Amerika, die bei so einer Hardcore Band gespielt hat und da bin ich das erste Mal mit Veganismus in Verbindung gekommen. Danach hatte ich eine neue Freundin, die auch vegan war und auch ohne Freundin mache ich es jetzt weiter.

Und was isst du zur Zeit am liebsten?
Ich versuche so wenig bearbeitetes Essen wie möglich zu mir zu nehmen, sehr clean. Diesen ganzen Soja-Kram lasse ich weg.

Was Hörst du in deiner Freizeit bzw. was war das letzte Album was du gekauft hast?
Ich habe mir den Soundtrack von La la Land gekauft. Sehr guter Film, der ist mit Ryan Gosling.

Zum Abschluss haben wir noch ein paar Entweder-Oder-Fragen an Dich:
Filme oder Bücher? Filme
Tourbus oder Hotelbett? Hotelbett
Früh aufstehen oder lange schlafen? Früh aufstehen
Berge oder Strand? Strand
Kaffe oder Tee? Kaffe
Leder oder Jeans? Weder noch, aber wenn dann Jeans.
Blond oder Brünett? Brünett
Italienisches Essen oder Deutsche Küche? Italienisch
Komödie oder Drama? Drama
Zopf oder offen? Sowohl als auch, aber meistens Zopf.

Vielen Dank, dass du dir die Zeit genommen hast. Wir freuen uns auf die Show heute Abend!