Wie ein Neuanfang – so klingt das vierte, selbstbetitelte Album der sächsischen Band Alpha Tiger. So hat man nicht nur den Sänger ausgetauscht sowie die knallbunten Coverartworks und die typischen 80er-mäßigen Klamotten über Bord geworfen. Nein, die Musik unterzog man eine kräftige Neujustierung. Was früher schon irgendwie als Powermetal klassifiziert werden konnte, hat man jetzt gegen ein ziemlich offenes Klangbild jenseits aller Klischees eingetauscht. Von groovigen modernen Sounds bis zu Classick-Rock-Einflüssen geht hier einiges das auch Musikfans jenseits der manchmal viel zu eng gesteckten Metalszene munden könnte. „Alpha Tiger“ ist eine emotionale Achterbahnfahrt, auf die man sich einlassen können muss. Dann ist der Hörspaß garantiert. Als Überraschung des Sommers kann man die Platte durchaus bezeichnen. Kein Wunder, dass wir das neugierig wurden und Gitarrist und Song-/Textschreiber Peter Langforth etwas auf den Zahn fühlen mussten.

 

 

 

Mein erster Gedanke als ich die neue Platte gehört habe war: „Oh mein Gott, das Ding wird so manchen engstirnigen Metalfan ganz schon anpissen.“ Was z.B. die Beiträge im Deaf-Forever-Forum auch bestätigt haben.

Dass manchen Leuten die Freizeit nicht zu schade ist, um sich in irgendwelchen Foren über Bands auszulassen, werde ich wohl nie verstehen. Früher hätte ich mir das wahrscheinlich alles ganz genau durchgelesen und mich versucht zu rechtfertigen, heute sehe ich das aber zum Glück alles mit Gelassenheit. Wo du aber schon das Deaf Forever ansprichst, muss ich aber auch die 9,5 Punkte Review von Lothar Hausfeld erwähnen. Da erkennt man wer sich wirklich scheuklappenfrei und intensiv mit dem Album beschäftigt hat und wer schon beim ersten Song aufgegeben hat, weil ihm das schon zu viele Veränderungen auf einmal waren.

 

Durchaus. Das Ding klingt doch ganz schön anders, als Eure ersten drei Alben. Fast wie eine gute Kombination aus Powermetal und Classic Rock. Warum dieser Richtungswandel?

Mit der Platte wollten wir uns keinem Retrotrend anbiedern. Das hat sich einfach in die Richtung entwickelt, die einzige Entscheidung, die wir wirklich bewusst getroffen hatten, war, dass wir dieses Mal analog aufnehmen wollten. Als die Marschrichtung damit feststand, hat sich der Rest dann einfach in die Richtung entwickelt. Dadurch, dass wir die Gitarren im Grunde etwas zurückgefahren haben, hatten wir auf einmal viel mehr Möglichkeiten den Sound zu gestalten. Die Orgel hat sich da bei vielen Songs einfach angeboten. Für einige Songs wie „Feather In The Wind“, oder „My Dear Old Friend“ ist die Orgel sogar essentiell, bei anderen Songs wie „Comatose“ eher ein Gimmick, aber meiner Meinung nach harmoniert die Orgel selbst mit den harten Songs. Hätten die Leute damals genau hingehört, hätten sie aber gehört das wir selbst auf unserem letzten Album „iDentity“ schon drei Songs mit dominanter Orgeluntermalung hatten, von daher versteh ich den „Aufschrei“ nicht ganz.

 

Einige Änderungen sind auch für musikalische Laien sehr offensichtlich. Die erwähnten Orgelklänge, die Gitarren scheinen etwas rotziger, kantiger gespielt und die Melodien sind noch präsenter, nicht selten auf richtigem AOR-Niveau. Was habt ihr sonst bewusst anders gemacht, was man vielleicht nicht gleich beim ersten Mal hört?

Bewusst anders haben wir gar nichts gemacht, unterbewusst hingegen wahrscheinlich ziemlich viel. Über irgendwelche Stilistiken oder produktionstechnische Dinge hab ich mir beim Schreiben der Songs überhaupt gar keine Gedanken gemacht. Aber es war schnell klar, dass es ein sehr emotionales und persönliches Album wird, da sich in der Zeit ziemlich viel angestaut hat und es viel zu bewältigen und zu verarbeiten gab. Die musikalische Verpackung hat sich dann daraus ergeben. Dieses Bauchgefühl was ich in der Zeit hatte, zieht sich durch die gesamte Platte, was wohl den melancholischen Unterton erklärt. Aber für mich hat es auf jeden Fall Funktioniert. Melodie und Eingängigkeit waren mir schon immer wichtig. Das war diesmal nicht anders, bei manchen Songs ist die Eingängigkeit ein wenig subtiler, andere kann man schon beim ersten Hören mitsingen.

 

„My Dear Old Friend“ hat mich erst mal umgehauen. Zuerst beginnt es sehr nostalgisch und dann nimmt der Text eine ganz schön krasse Wendung. Ich hoffe das Lied hat kein wahres Vorbild… oder ist eine Reflektion auf echte Personen?

Ja, man kann das Lied auf echte Personen beziehen, aber es ist auf jedem Fall nicht unserem Ex-Sänger Stephan gewidmet. Im Kern dreht es sich um eine wirklich innige, langjährige Freundschaft, der metaphorisch gesehen schwere Zeiten bevorsteht. Es geht darum, manchmal auch loslassen zu müssen. Der Text sollte aber nicht zu kitschig werden, weshalb ich da lieber auf ein paar, sagen wir mal, dramaturgische Mittel zurückgegriffen habe. Der Song bedeutet mir persönlich auch sehr viel und ich erinnere mich sehr gern an die Studiosession zurück. Zum einen mit Johannes Walenta, der die Orgel auf der Platte gespielt hat, zum anderen an die Berliner Jungs von Street Hawks, die den großartigen Chor zu dem Song beigesteuert haben. Da bekomme ich noch immer jedes Mal Gänsehaut! Es gibt ja nicht sonderlich viele Gitarrensoli auf der Platte, da hab ich mich diesmal sehr zurückgehalten, aber in dem Song liefert sich die Gitarre mit der Orgel ein Duell, da hab ich dann natürlich alles gegeben. (lacht)

 

Wenn Du schon euren Ex-Sänger Stephan Dietrich erwähnst: Als Beobachter von außen kam es schon ziemlich überraschend, als er kurz nach dem Release von „iDentity“ Alpha Tiger verlassen hat. Begründet wurde es gegenüber der Presse mit persönlichen Gründen. Kam die Entscheidung für euch ebenso überraschend und kannst bzw. willst Du etwas Licht ins Dunkel bringen, wie es damals abgelaufen ist? Es war sicher eine schwere Zeit.

Ja, es kam in der Tat für uns alle sehr unerwartet überraschend. Vielleicht hätte man es wirklich kommen sehen können und wir hätten die Zeichen schon früher deuten sollen, dann wäre es vielleicht nicht gekommen wie es gekommen ist. Vielleicht wollten wir es auch gar nicht erkennen, es hat sicherlich auch an der Kommunikation gehapert, das kann man nicht anders sagen, dann erreicht man irgendwann mal einen gewissen Punkt, wo der Schaden zu groß ist um ihn noch beheben zu können. Ich möchte nicht zu sehr ins Detail gehen, aber es hat sich schon irgendwie angedeutet. Aber man muss auch berücksichtigen, dass wir damals gerade mitten in der extrem stressigen und belastenden Albumproduktion von „iDentity“ steckten. Da fliegen natürlich ab und an mal die Fetzen, es wird diskutiert, es sind nicht immer alle einer Meinung, usw. Aber das ist doch ganz verständlich in einem hochkonzentrierten Kreativprozess. Wir haben wohl gehofft, dass sich alles wieder entspannen wird, vor allem als man dann sehen konnte, dass sich die harte Arbeit langsam auszuzahlen schien, aber dem war leider nicht so. Nach der zweiten Record-Releaseshow hat er uns seine Entscheidung mitgeteilt, daraufhin mussten wir auf den restlichen Konzerten der Tour noch den Schein wahren. Danach war’s das dann.

 

 

Wie aus dem Nichts kam dann Benjamin in die Band. Mit ihm scheint ihr einen echten Glücksgriff gemacht zu haben. Nicht nur, dass er die Powersongs der Frühphase super singt, vor allem die Melodielinien der neuen Platte kommen bei ihm super zur Geltung. Ich denke Du bist auch sehr zufrieden mit ihm. War es schwer ihn in die Band zu integrieren und wie groß war sein Input in die neuen Songs?

Ich denke die Europatournee mit Battle Beast war das beste Integrationsprogramm was man sich vorstellen kann, zuvor hatte er ja nur zwei oder drei Shows mit uns gespielt, bevor es dann vier Wochen am Stück, quer durch Europa ging. Da wurde er von Show zu Show besser, konstanter und selbstsicherer. Das gelernte konnte er auf dem Album dann gleich mit vollem Einsatz einbringen.
Auf jeden Fall sind wir sehr happy mit Benji. Er ist ein sehr ruhiger und angenehmer Zeitgenosse, der auf der Bühne aber einen Orkan entfesseln kann wenn er gut drauf ist. Ich freu mich für ihn, dass er jetzt seine „eigenen“ Songs zum Singen hat und sich nicht jedes Mal mit Stephan vergleichen lassen muss wenn er die alten Songs singt. Ein Sänger drückt dem Song natürlich immer einen dicken Stempel auf, auch wenn ich nach wie vor für die Texte und die Songs verantwortlich war, hat Benji sich die Lieder trotzdem zu eigen gemacht und seine eigene Note eingebracht. Ich denke es war nicht einfach für ihn, beim Singen in meine Gefühlswelt einzutauchen. Wie bereits erwähnt, wurde es diesmal sehr persönlich, deshalb habe ich auch großen Wert drauf gelegt, dass die jeweiligen Passagen mit der richtigen Emotionalität und Intensität gesungen werden, dabei ist Benji teilweise über seine Grenzen gegangen. Er hat das in meinen Augen großartig gemeistert, dafür bin ich ihm sehr dankbar!

 

„Don’t be a jukebox“ heißt es im Spoken-Word-Intro zu „The Last Encore“. Es klingt auch ganz so, als seid ihr mit den üblichen Szenekonventionen nicht mehr wirklich zufrieden. Die Musik der neuen Platte ist alles andere als typischer Metal, das Coverartwork ebenso. Fühlt ihr euch überhaupt noch als typische Metalband? Wie siehst Du den derzeitigen Zustand der Metalszene und wohin soll die Reise von euch noch gehen?

Das kann ich nicht wirklich beantworten, da ich mich kaum mit irgendwelchen Szenen beschäftige. Natürlich rede ich viel mit Leuten über Musik und freue mich wenn uns Leute anschreiben und uns ihre Gedanken zum neuen Album mitteilen. Aber als Musiker fühle ich mich einfach wohl damit, tun und lassen zu können was ich will, denn nur so kann ich Musik schaffen die wirklich von Herzen kommt. Diese Freiheit nehme ich mir einfach heraus. Ob das dann die Leute hören wollen oder nicht, steht natürlich auf einem ganz anderen Blatt. Ich kann es keinem Fan der ersten Stunde verübeln, wenn wir uns musikalisch gesehen in gewisser Weiße „auseinander gelebt haben“. Aber dann soll er uns doch bitte so in Erinnerung behalten wie er es gern hätte, dazu die „Man Or Machine“-Platte auflegen und andere Bands unterstützen, die mehr seinem Geschmack entsprechen, anstelle seinen Unmut laut und öffentlich kund zu tun. Das sind doch verschwendete Ressourcen. Was ich auf jeden Fall sagen kann ist, dass wir mit unserer neuen Platte trotzdem den Nerv vieler Leute getroffen haben, und dass die Songs ein paar Leuten sehr viel bedeuten. Das ist für mich das Einzige was zählt und wenn wir damit auch nur das Leben von einem Menschen bereichern konnten, wäre es schon als Erfolg zu werten.

 

Ich erinnere mich noch gut an euren Auftritt auf dem Metalheadz Open Air im letzten Jahr, bei dem ihr euer Debüt komplett durchgespielt habt. Das wirkte allerdings auch wie eine Art „Jukebox“. Oder war es für euch eine Art innerer Abschied von den alten Tagen?

Persönlich habe ich auch absolut kein Problem mit unseren alten Songs. Ganz im Gegenteil, im Liveset haben die alten Songs mittlerweile schon den Stellenwert eingenommen, den früher bei uns die Coversongs als Zugabe hatten. Das ist doch ein gutes Zeichen. Wir sind ja dahingehend auch flexibel. Bei einem Festival wie dem „Metalheadz Open Air“, wo wir das letzte Mal zuvor 2011, genau zwei Wochen nach dem Erscheinen von „Man Or Machine“, gespielt haben, kann man so eine Aktion ja schon mal machen. Es ist ja nicht so, dass wir der Szene komplett den Rücken gekehrt haben. Wir wollen uns auf Platte halt nur nicht wiederholen. Ich denke bei den Shows kommen alle auf ihre Kosten, da wir immer versuchen alle Phasen abzudecken und wie gesagt, je nach Art der Veranstaltung versuchen wir bei der Gestaltung der Setlist schon so gut es geht auf die Besucher Rücksicht zu nehmen. Bei mittlerweile vier Alben haben wir ja auch genügend Auswahl.

 

Viele Texte auf der Platte wirken ziemlich deprimiert oder zumindest trotzig und melancholisch. Da lässt auch den Schluss nahe, dass sie während einer persönlich nicht ganz einfachen Phase geschrieben wurden. War das schreiben dieser Songs eine Befreiung für Dich, eine Art Katharsis? Klingt natürlich auch etwas klischeehaft. Kannst Du auch gute Songs schreiben, wenn Du gut drauf bist?

Ja, das Schreiben der Songs hat schon viel Last von der Seele genommen. Ich bin auch mit der Umsetzung sehr zufrieden. Das heißt wenn man so viel von sich preis gibt, sollte auch der musikalische Rahmen stimmen. Das finde ich, ist und diesmal gut gelungen. Die Musik spiegelt die Texte wieder und die Texte reflektieren die Musik. Klar kann man auch Songs schreiben wenn man gut drauf ist, aber inhaltlich bleibt das dann alles immer etwas oberflächlicher. Ich brauche extreme Emotionen wie Trauer, Wut oder Sehnsucht, um wirklich bis zum Kern durchzudringen und um mich wirklich mit mir und meinen innersten Problemen auseinandersetzen zu können. Diese Ebene bleibt einem meist verschlossen wenn alles easy ist und stets nach Plan verläuft. Dann will man sich mit so was gar nicht auseinander setzen, da es einem nur den Tag versauen würde. (lacht)

 

 

Nochmals zum Song „The Last Encore“: „We learned that dreams can’t pay the rent“ – nur eine Floskel stand wirklich mal zur Disposition Alpha Tiger als professionelles Unternehmen zu führen, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen? Ehrlich gesagt kann ich mir das gar nicht vorstellen. Die Branche ist mittlerweile schon mehr als hart. Aber irgendwo schlummert in einem sicher auch so ein bisschen Rockstar-Romantik.

In dem Song geht es darum, dass jeder Träumer irgendwann mal von der Realität eingeholt wird. Die letzten Jahre seitdem wir irgendwann 2010/2011 Durchgestartet sind, vergingen wie im Flug. Es gab viele Höhen, es gab aber auch ein paar schwere Rückschläge, aber die gesamten Jahre hat man wie in einer Blase verbracht. Es ist ja immer irgendwas passiert und es war Bewegung im Spiel, weshalb man sich über so etwas kaum Gedanken gemacht hat. Privat konnte man das schon alles irgendwie hinbiegen, dass das mit der Band funktionierte und am Laufen gehalten werden konnte. Erst als der Zug dann auf einmal stillstand und für eine Zeit gar nichts mehr passierte, dann kamen die ganzen unliebsamen und unangenehmen Gedanken, die man vorher gern Verdrängt hat, oder vor sich her geschoben hat. Dann hinterfragt man so einiges, man stellt fest, dass ja doch schon einige Jahre ins Land gezogen sind und man fragt sich, ob man wirklich noch auf dem richtigen Weg ist. Diesen Moment der Selbstreflexion wollte ich mit dem Song „The Last Encore“ einfach festhalten.

 

Am Ende würde ich gerne noch ein kleines Brainstorming mit Dir machen. Ich werfe einen Begriff in den Ring und Du schreibst, was Dir als erstes dazu einfällt.

Tattoos – Bin ich bisher der einzige in der Band, die Muster meines Tattoos sind auch in das Albumartwork mit eingeflossen um dem ganzen nochmal eine ganz persönliche Note zu geben.

Keep-It-True – Das war der Startschuss unserer Karriere, die Festivalanfrage kam damals für uns genau zur richtigen Zeit und auch wenn wir uns musikalisch vielleicht ein wenig entfremdet haben, sind wir Olly und dem Festival auf Lebzeiten zu Dank verpflichtet.

Politik – Ich bin politisch sehr interessiert, aber ich habe es aufgegeben das in die Musik einfließen zu lassen, bzw. anderen Leuten in irgendeiner Art und Weiße aufzwingen zu wollen. In der Beziehung haben wir auf „iDentity“ alles gesagt, was es zu sagen gibt

Games Of Thrones – Da bin ich wiederum der einzige in der Band der noch nicht eine Folge gesehen hat. Ich tu mich aber generell schwer mit Sachen, die die ganze Welt bejubelt und speziell mit solchen umfangreichen Serien, da diese der ultimative Zeitfresser sind. Ich habe so schon zu wenig Zeit um alles zu erledigen was ich mir vornehme. Das werde ich alles als Rentner nachholen. (lacht)

Und zum Schluss ein Zitat: Amateure warten auf Inspiration, Profis setzen sich hin und arbeiten. – Jeder Musiker benötigt Inspiration, auch Profis, zumindest wenn man etwas Bedeutungsvolles schaffen möchte. Inspiration bedeutet ja nicht Musik zu klauen, man kann sich ja auch von der Natur, von Gesprächen oder vom Leben an sich inspirieren lassen. Aber ich würde mal in den Raum stellen, dass Profis wissen, wie sie sich gezielt inspirieren lassen, bzw. was nötig ist, um in eine bestimmte Stimmung zu gelangen, in der man kreativ und produktiv zugleich sein kann.

 

Vielen Dank für das Interview, Peter!

 

Diskografie:
Man Or Machine (2011)
Beneath The Surface (2013)
Lady Liberty (EP, 2014)
iDentity (2015)
Alpha Tiger (2017)