Ungefähr eine halbe Stunde später als geplant stolpere ich hektisch ins Luxor in Köln (danke Deutsche Bahn, hier wird Unzuverlässigkeit wirklich noch groß geschrieben), um mich mit Andrew von Basement zu einem Gespräch zu treffen. Dieser ist absolut entspannt und locker drauf, was mir hilft, schnell in den Interviewmodus zu kommen. Noch ist es fast Menschenleer, das soll sich aber recht schnell ändern. Die fünf Briten aus Ipswich sind heute der Headliner und werden von ihren Labelkollegen Tigers Jaw aus Scranton, PA supported, mit dessen Sänger/Gitarrist Ben Walsh ich später auch noch sprechen darf (Es handelt sich bei diesem Artikel also um einen Mehrteiler). Die Show ist ausverkauft, und spätestens als Basement zu fortgeschrittener Stunde auf der Bühne loslegen, weiß ich auch, warum. Naja, ihr großartiges, neues Album „Promise Everything“ könnte auch etwas damit zu tun haben. Aber zurück zum hier und jetzt: Wir schnappen uns zwei Stühle im Backstageraum und kommen sofort ins Gespräch:

Björn:
Hey Andrew, schön euch wieder zusammen zu sehen, wie geht es euch allen?

Andrew:
Danke, uns geht es allen super.

Björn:
Kannst du dich noch an das letzte Mal in Köln erinnern?

Andrew:
Ja, wir waren Ende letzten Jahres als Support für Brand New unterwegs und haben an einem Off-Day hier die Straße runter im Blue Shell gespielt. Normalerweise waren diese Shows  in riesigen Hallen, aber an dem Abend haben nur wir alleine gespielt, vor ca. 90-100 Leuten, als Extra-Date. Das war eine gelungene Abwechslung, weil es klein und intim war.

Wir haben letztes Mal leider nicht so viel von Köln gesehen, wir sind nämlich irgendwie in die falsche Richtung gelaufen und im Nirgendwo gelandet. Heute sind wir aber in die richtige Richtung gegangen, hatten hier um die Ecke einen Kaffee und konnten uns ein bisschen umsehen.

Björn:
Köln ist auch eins der kulturellen Zentren von Deutschland

Andrew:
Und genau das habe ich meinen Jungs auch erzählt, als wir das erste Mal hier waren. Ich war vor vier oder fünf Jahren nämlich schon mal mit einer anderen Band in Köln und konnte mich noch daran erinnern, wie lebhaft die Stadt war. Davon haben wir dann nichts gesehen, weil wir in die falsche Richtung gelaufen sind und daraufhin hat sich natürlich jeder über mich lustig gemacht.

Björn:
Dann hattest du also die Chance, das heute für deine Jungs richtig zu stellen?

Andrew:
Absolut, heute war es dann so, wie ich es in Erinnerung hatte.

Björn:
Es fühlt sich also gut an, wieder auf Tour zu sein?

Andrew:
Auf jeden Fall, wir sind ohne große Umwege direkt wieder eingestiegen und es fühlt sich großartig an.

Björn:
Was ist das Beste am Touren, was das Schlimmste?

Andrew:
Das Beste ist mit allen Zeit verbringen zu können. Das machen wir zuhause natürlich auch, aber auf Tour ist das nochmal was anderes. Die gemeinsame Zeit ist viel konzentrierter, wenn man außerhalb des Alltags ist. Live zu spielen ist nach wie vor mit das großartigste daran, in einer Band zu sein und vermutlich auch der Hauptgrund, warum wir das alles überhaupt machen. Meine zwei Lieblingsmomente in einer Band sind einmal, wenn du eine neue Idee für einen Song hast und daran arbeitest, und dann, wenn du den Song später immer wieder live spielst. Deswegen ist touren so wichtig und das macht es so toll.

Was das Negative angeht: Die Notwendigkeit, eine gewisse Routine zu entwickeln und dann genervt davon zu sein, wenn diese Routine manchmal nicht aufgeht. Und einfach so ganz generelle Dinge, wie der Schlafmangel, auf sich und seinen Körper Acht zu geben und mit dem ganzen Stress umzugehen.

Björn:
Habt ihr eine spezielle Bandfreundschaft oder eine Band, mit der ihr gern auf Tour seid?

Andrew:
Tigers Jaw
gehören definitiv dazu. Die allererste Tour, die wir gemacht haben, war gemeinsam mit ihnen. Wir kennen uns also schon seit gut fünf Jahren und haben eine enge Verbindung. Als wir angefangen haben, waren wir auch viel mit More Than Life unterwegs, bei denen ich zeitweise auch ausgeholfen habe. Dadurch bot sich dann an, viel zusammen zu machen.

Björn:
Kannst du dich schon auf sowas wie die beste Show seit der Reunion festlegen?

Andrew:
Vermutlich die Show in London letzten Samstag. Wir haben in Camden im Koko’s gespielt. Ich war selbst noch nie da und war total überwältigt. Es war die größte UK-Show, die wir je als Headliner gespielt haben. Große Teile unserer Familien waren da, wir hatten einen guten Sound und das ganze Erlebnis war einfach umwerfend. Entweder diese Show, oder der Auftritt im Alexandra Palace als Support für Brand New letztes Jahr. Da gehen 10.000 Leute rein, das ist nochmal ein ganz anderer Level von Wahnsinn. Wir waren dermaßen aufgeregt, weil wir noch nie in so einem großen Laden gespielt haben. Und dann ist da noch die Show in Manchester letzte Woche, die einfach nur genial war, ohne dass wir das im Vorfeld erwartet hatten. Diese drei fallen mir spontan ein.

Björn:
Wie sieht ein Kreativprozess bei Basement aus, wie schreibt ihr eure Songs?

Andrew:
Wir haben immer schon in unterschiedlichen (Universitäts-)Städten in England gewohnt und mittlerweile an verschiedenen Orten über den Globus verteilt. Alex (Gitarre) wohnt zum Beispiel in Boston: Deswegen nutzen wir die Möglichkeiten der modernen Technik: Wenn jemand eine Idee hat, nimmt derjenige schnell etwas mit dem Smartphone auf oder filmt es ab und schickt es dann per Email oder Gruppenchat an die Anderen, so dass jeder damit weiterarbeiten kann. Irgendwann versuchen wir dann, so viele von uns wie möglich an einen Ort zu bekommen, um alles zusammen zu fügen. Also wird viel hin und her gesendet und die finale Version eines Songs entsteht dann wirklich erst im Studio, wenn wir alle zusammen sind.

Björn:
Also nutzt ihr das Studio auch ein bisschen als Songlabor?

Andrew:
Ja genau, viele Sachen vom neuen Album sind erst im Studio fertig geschrieben worden. Momentan haben wir uns alle frei genommen von unseren Jobs außerhalb der Band, um die Gelegenheit zu haben, zusammen zu schreiben. Das ist auf jeden Fall ein Ziel, weil wir diesen Luxus selten hatten.

Björn:
Verteilt ihr verschiedene Aufgaben innerhalb der Band, ganz generell?

Andrew:
Vieles ergibt sich. Wenn jemand gut in etwas ist, macht er es einfach. Das passiert ganz natürlich. Alex ist zum Beispiel sehr kreativ und macht viel für Artwork und Merchandise. Sowas könnte ich zum Beispiel nicht. Aber fest verteilt sind die Aufgaben nicht, wir versuchen jeden gleichermaßen zu involvieren. Das gilt auch fürs Songwriting: Im Idealfall braucht es für einen fertigen Basement-Song alle fünf Mitglieder und jeder hat seinen Teil beigetragen und ist glücklich mit dem Endergebnis. Das mag ich daran, in einer Band zu spielen.

Björn:
Wie seid ihr zu dem Grunge-lastigen Sound gekommen, den ihr habt?

Andrew:
Mit der Antwort zu dieser Frage tun wir uns immer etwas schwer. Wir forcieren das eigentlich nicht, jedenfalls nicht bewusst. Das ist einfach der Sound, der dabei rauskommt, wenn wir Fünf zusammen Musik machen. Natürlich hören wir alle viel alternative Rockmusik und das findet logischerweise dann auch seinen Weg in unsere Musik. Aber dieser Einfluss variiert auch. Manche Songs klingen in der Tat nach Grunge, andere sind etwas poppiger, dann haben wir auch eine Reihe ruhigerer Songs. Es ist einfach die Musik, die entsteht, wenn wir Songs schreiben.

Björn:
Jake (Schlagzeug) von Citizen hat mir vor ein paar Wochen seine Theorie erzählt, dass es heutzutage wesentlich einfacher ist, einen spezifischen Sound einzufangen. Durch moderne Informationstechnologie kannst du dir viel schneller das Wissen darüber aneignen. Das war früher noch nicht so einfach.

Andrew:
Ja, das ist ziemlich interessant, was Jake sagt. In einer Foo Fighters-Doku erklärt Dave Grohl etwas Ähnliches: Bands wie Nirvana und später die Foo Fighters wollten nie absichtlich Grunge kreieren, um eine Marktlücke zu füllen. Das war damals einfach ihre Version von Punkrock. Nirvana selbst haben sich eigentlich immer als Punkband verstanden und wollten einfach nur Punkrock spielen. Dass daraus dann Grunge entstanden ist, war ein Nebeneffekt. Ich stimme aber auch zu, dass es heutzutage einfacher ist, einen bestimmten Sound zu imitieren. Auf der anderen Seite ist es aber auch unglaublich schwer geworden, einzigartig zu klingen.

Björn:
Interessant ist aber auch, dass ihr nicht nur sehr amerikanisch klingt, sondern als britische Rockband auch auf einem amerikanischen Label (Run For Cover Records) gelandet seid. Wie ist dieser Deal damals zustande gekommen?

Andrew:
Das hat sich mehr zufällig ergeben. Jeff (Labelchef bei Run For Cover) hatte irgendwie schon mal von uns gehört und war gespannt, was wir als nächstes machen würden. Einer unserer Freunde war dann zu dieser Zeit in den Staaten und hatte Kontakt zu Jeff. Er hat ihn angesprochen, ob er uns kennt und sich für uns interessieren könnte. Dadurch kam der Kontakt zustande und als Jeff dann ein Demotape von uns gehört hat, entschied er sich dazu einen Versuch mit uns zu wagen.

Björn:
Meine letzte Frage an dich wäre: Hast du so etwas wie ein Alltime-Favorite-Album?

Andrew:
Weißt du was, die Frage kann ich dir glaube ich besser beantworten, wenn ich einfach mal meine Spotify-Playlisten durchgehe (kramt sein Handy raus). Ich suche mal in meinen älteren Sachen. Ah, hier, die typische Plattenladen-Besitzer-Antwort wäre wohl: Van Morrison – Astral Weeks. Ich würde aber lügen, wenn ich sagen würde, das ist mein Alltime-Favorite. Ich habe hier auch tatsächlich fünf Ryan Adams-Alben und einige Sachen von Nick Drake, damit habe ich mich aber erst in den letzten paar Jahren beschäftigt, also zählen die auch nicht.

(Sucht weiter)
Hier haben wir was: Zwei Get Up Kids-Alben, die ich seit der Highschool höre. Das wäre also ein „Vielleicht“. Ein Album, was mir auch sofort einfällt, wäre David Bowie – Hunky Dory. Das ist das Lieblingsalbum von meinem Dad. Am Anfang habe ich es gehasst, weil natürlich alles uncool ist, was dein Dad dir zeigt. Aber mittlerweile liebe ich dieses Album. Es ist irgendwo zwischen Rock und Folk. Es gibt Songs, die könnten auch auf einem Led Zeppelin-Album sein, und Songs, die könnten auf einem Bob Dylan-Album sein. Und wenn ich jetzt noch ganz brutal ehrlich bin: Ich habe hier auch eine Menge schäbiger Pop-Punk-Alben, unter anderem drei Ataris-Alben. The Ataris sind wahrscheinlich die Band, die ich als Teenager am meisten gehört habe. Meine ganz ehrliche Antwort wäre wohl The Ataris – End Is Forever, meine Cooler-Typ-Antwort wäre aber David Bowie – Hunky Dory.