Schon Anfang des Jahres trafen wir in Köln die Punkrock-Überflieger von Beach Slang im Interview. Nach nur einem halben Jahr sind die Arbeitstiere erneut zu Gast. Diesmal treffe ich mich im Backstage des Dortmunder FZWs mit Frontmann James Alex allein, um über das bevorstehende Album „A Loud Bash Of Teenage Feelings“, seine Leidenschaft für Jawbreaker und einige Themen des letzten Interviews zu sprechen.

Björn:
Hi James, es ist gar nicht lange her, dass wir uns unterhalten haben. Jetzt seid ihr wieder hier und habt ein neues Album in den Startlöchern stehen. Das ging ganz schön schnell. Ihr scheint sehr beschäftigt zu sein oder?

James:
Definitiv. Es ist trotzdem seltsam, denn für mich macht es Sinn, einmal im Jahr ein Album zu veröffentlichen. Für viele ist das aber scheinbar ungewöhnlich. Ich kann mich erinnern, dass unser Label recht überrascht war, als ich ihnen den Zeitplan für das neue Album angekündigt habe. Wir werden aber einfach unruhig, wenn wir zu lange nichts Neues machen. Wir wollen einfach diese Energie, die zurzeit da ist, am Leben erhalten. Ich schreibe jeden Tag und das ist schließlich auch mein Job als Songwriter. Wo soll ich sonst mit dem ganzen neuen Material hin, wenn nicht auf ein neues Album. Wir haben Glück, dass unser Label da sehr unterstützend ist und sofort den Weg für einen neuen Release frei gemacht hat.

Björn:
Ich hatte das Vergnügen, das neue Album vorab schon mal zu hören und mir ist sofort aufgefallen, dass es stellenweise etwas rauer klingt als der Vorgänger. War das etwas, dass ihr bewusst geplant habt oder ergab sich das während der Produktion?

James:
Ich denke letzteres. Wir waren so in diesem Tour-Mode und haben so viel Live gespielt, dass sich diese Live-Energie dann auf die Aufnahmen übertragen hat. Ich habe das gesamte Album auf der letzten Europatour geschrieben. Als wir dann nach Hause gekommen sind, hatten wir nur ein sehr kleines Zeitfenster. Ich habe den Jungs die Mp3s geschickt, wir haben zweimal geprobt und das Album in neun Tagen aufgenommen. Es gab einfach keinen großen Präproduktionsvorlauf bei dieser Platte, was dann zu diesem rauen Sound geführt hat, der dem Album denke ich sehr gut tut.

Björn:
Habt ihr auch Live aufgenommen, mit nur sehr wenigen Overdubs?

James:
Genau, wir sind als Band in den Aufnahmeraum gegangen und haben es Live eingespielt. Das ist das Fundament, auf dem diese Energie dann aufbauen kann, wenn du nur noch wenige Dinge hinzufügen musst.

Björn:
Was hast du für Musik gehört, während du dieses Album geschrieben hast. Ich werfe mal Jawbreaker in den Raum?

James:
Absolut, ich meine die waren schon immer ein großer Einfluss für uns, aber auf diesem Album hört man es noch viel intensiver als zuvor. Es fühlte sich einfach richtig an. Die Intimität von Blake’s Lyrics, die fett verzerrten, gemuteten Gitarren, das sind einfach ehrliche Momentaufnahmen einer Band, die ich immer schon geliebt habe und mich dazu inspiriert, Alben schreiben und veröffentlichen zu wollen.

Björn:
Also ist diese Ähnlichkeit auch als Hommage an eine Band, die du liebst, zu verstehen?

James:
Absolut, selbst wenn wir es an der einen oder anderen Stelle vielleicht etwas übertrieben haben. Das ist auch der Grund, warum ich mittlerweile gar nicht so viel neues Zeug höre. Weil ich nicht in die Gefahr kommen will, unterbewusst ständig Sachen zu klauen von anderen Bands, die ich liebe. Aber die Musik, mit der ich aufgewachsen bin, die ist so tief in meine Knochen eingekerbt, da kann ich es einfach nicht mehr verhindern.

Björn:
Tja, seine Ursprünge wird man wohl niemals mehr verleugnen können, das wird vermutlich immer bleiben.

James:
Richtig. Unsere letzte US-Tour haben wir mit Adams neuer Band (California Anm. d. Autors) gespielt und das war so ein Moment, wo deine Helden zu Freunden werden. Das hat mich dazu gebracht, nach der Tour nochmal ganz intensiv alle meine Jawbreaker-Platten rauszukramen und anzuhören.

Björn:
Auf der einen Seite habt ihr also diesen rauen Sound auf der Platte, auf der anderen Seite habe ich aber auch eine ganze Reihe an sehr melancholischen, traurigen und teilweise fast schon düsteren Stücken bemerkt. Mehr als auf eurem vorherigen Material, oder täuscht dieser Eindruck?

James:
Nein, das ist schon richtig beobachtet. In der Vergangenheit findest du in fast jedem Song von uns ein „Alive“, auf diesem Album fast überall ein „Die“ oder „Death“. Ich hatte eine komische Epiphanie, bei der mir meine eigene Sterblichkeit wirklich bewusst geworden ist. Vorher war ich einfach nur ein Anhänger dieser unreifen Teenager-Ideologie, das man ewig lebt und es immer weiter geht. Als ich dann realisiert habe, dass man natürlich nicht ewig weitermachen kann und irgendwann alles ein Ende findet, hat mich das wie ein Schlag ins Gesicht getroffen. Und aus dieser Stimmung heraus habe ich viel für das neue Album geschrieben.

Eine andere Sache ist auch die Tatsache, dass ich mittlerweile Vater bin. Das erste Mal, als ich meinen Sohn im Arm hatte, habe ich zu ihm gesagt „Du bist also mein Nachfolger für diese Welt, was?“. An dem Punkt verstehst du, dass das Leben ein Zyklus ist. Die melancholischen Songs sind gar nicht mal zwingend traurig oder bedauernd gemeint. Meine Perspektive bezüglich Leben und Sterben hat sich einfach nur erweitert.

Björn:
Auch wenn das eine gemeine Frage ist: Was ist dein Lieblingssong auf dem Album?

James:
Die Frage ist in der Tat sehr schwer. So spontan würde ich sagen, meine Lieblingssongs sind immer die, bei denen ich sehr persönlich werde. Auf diesem Album ist das bei dem letzten Song „Warpaint“ der Fall. Der ist für eine Freundin von mir, die versucht hat, sich das Leben zu nehmen, was zum Glück nicht geklappt hat. Ich habe den Song geschrieben, um ihr klar zu machen, dass ich sie sehr mag und nicht möchte, dass sie aus meinem Leben verschwindet. Die Schwierigkeit bei einem so persönlichen Song ist, dass das Ganze nicht peinlich, belehrend oder albern werden darf. Und ich habe das Gefühl, dass ich ihr und ihrer Geschichte gerecht konnte. Es ist mir wichtig, das dazu zu erklären wenn ich sage „Das ist mein Lieblingssong des Albums“.

Björn:
Ist das dann auch dein Lieblings-Live-Song?

James:
Wenn wir jetzt von Live-Songs sprechen, würde ich mich für „Atom Bomb“ entscheiden. Das wird auch unsere nächste Single. Die pure Energie des Songs macht Live einfach so viel Spaß.

Björn:
Kann es sein, dass das auch der härteste Song des Albums ist?

James:
Ich glaube, das ist der härteste Song, den wir bisher haben. Keine Ahnung wo das herkam.

Björn:
Wo wir über Live spielen reden führt mich das zum Touren: Hast du auch auf dieser Tour wieder dein Exemplar von „The Perks Of Being A Wallflower“ dabei?

James:
Aber sicher, ich liebe es. Das Buch erdet mich jedes Mal, wenn ich das Gefühl habe, weg zu schweben.

Björn:
Liest du das dann einfach von vorne bis hinten immer wieder durch oder schlägst du per Zufallsprinzip einfach eine Stelle auf?

James:
Für gewöhnlich schlage ich tatsächlich zufällig irgendeine Stelle im Buch auf und lese einfach nur ein paar Seiten. Das Buch hat eine besondere Wirkung auf mich, ich weiß auch nicht warum.

Björn:
Seit ihr euch nun von Drummer JP Flexner getrennt habt, habt ihr auf zwei Touren mit zwei verschiedenen Ersatzdrummern gespielt. Werdet ihr in Zukunft wieder ein vollwertiges Mitglied am Schlagzeug hinzufügen, oder erstmal als Trio weitermachen?

James:
Wir wollen wieder ein Quartett sein, das ist die beste Konstellation für Beach Slang. Also werden uns in nächster Zeit also für einen dieser beiden Drummer entscheiden müssen, auch wenn das nicht leicht wird, weil wir beide wirklich sehr mögen und schätzen und beide perfekt zu uns passen würden. Sie sind beide gute Drummer, aber noch viel wichtiger ist die Chemie, und die stimmt auch bei beiden. Naja, früher oder später wird diese Entscheidung aber fallen.

Björn:
Eine letzte Frage: Bist du schon weitergekommen in deinem Vorhaben, Bukowskis Wein-Techniker zu werden?

(Wir brechen beide in Gelächter aus)

James:
Das ist super, dass du das noch weißt, dazu muss ich unbedingt etwas in mein zweites Buch schreiben, danke, dass du mich erinnerst. Ich wünschte ich wäre es. Wenn er noch unter uns weilen würde, dann hätte ich den Job, das schwör ich dir.