DAS deutschsprachige Indie-Rock-Album des Jahres – das bisher beste MADSEN-Album… ja, in Sachen Superlativ bin ich nicht verlegen. Aber ich stehe dazu, dass die Wendländer mit „Lichtjahre“ ihrem Schaffen die Krone aufgesetzt haben. Umso größer war die Freude, als wir die Gelegenheit hatten, die äußerst sympathische Band in gemütlicher Runde zu interviewen. Dabei entwickelte sich in kurzer Zeit ein äußerst launiges Gespräch, das wir euch, liebe Leser, nicht vorenhalten möchten. Hier, bitteschön – Bühne frei für:

 

 

Moin die Herren, wie geht’s Euch? Danke, dass ihr euch ein wenig Zeit für unser kleines Magazin nehmt und extra für uns nach Hamburg gekommen seid. Schön das ihr da seid!
Alle: Schön, dass IHR da seid!
Perfekt… ihr habt schon eine lange Fahrt hinter euch, oder?!
Johannes: Ja, das ist hier in Hamburg immer recht schwierig mit der Fahrerei. Aber jetzt wo ich beruflich häufiger hier bin kennt man das ja schon.

Was machst du beruflich?
(Schallendes (Eisbrechendes 😉 ) Gelächter in der Rockstar-Suite der Superbude, wo Nico, Johannes und Sascha gerade mit mir in der einen Ecke beim Interview saßen und Sebastian MADSEN gemeinsam mit Manager Diak es sich in der Sofa-Ecke gemütlich gemacht hatten, um sich ein wenig vom Interview-Marathon des Tages zu erholen!)
Sascha: Ja es ging aber… es war echt entspannt – dadurch, dass wir zu viert sind und ein bisschen durchwechseln können. Wir kennen hier die Superbude (www.superbude.de) eh schon in und auswendig.
Johannes: Wir hatte eine lange und schöne Mittagspause mit Schnitzel. Schnitzel geht immer!

Ihr habt ja jetzt das neue Album „Lichtjahre“ am Start. Bald geht’s damit los… nächsten Monat dann ein paar Gigs und dann kommen ja die ganzen Festivals. Ihr seid doch bestimmt schon ein bisschen heiß, oder?!
Alle: Ja, wir sind total heiß!
Ihr hattet ja jetzt auch ein wenig Pause!
Sascha: Ja, wir hatten jetzt die längste Live-Pause in unserer Band-Geschichte.
Wir haben euch im letzten Jahr beim MAMF in Stade gesehen.
Johannes: Ja, das war das letzte Konzert.
Unsere beiden Kleinen waren da auch dabei und das erste Mal überhaupt auf einem Festival – die waren total begeistert.
Sascha: Aufregend!

Viel über das Album sagen darf ich ja noch nicht. Ich hab’s gehört, klar… wollt ihr vielleicht ein bisschen sagen – was erwartet uns?
Sascha: Das ist immer so blöd zu sagen. Was wir auf jeden Fall gut erzählen können, ist der Entstehungsprozess. Denn das haben wir dieses Mal ein wenig anders gemacht. Wir machen das normalerweise so, dass Sebastian die meisten Songs schreibt und wenn wir das Gefühl haben, dass aus dem Fundus der Songs ein gutes Album entstehen könnte, dann fangen wir an das Album aufzunehmen – so in einer Rutsche, kriegen dann nach zwei Wochen den totalen Koller, können überhaupt nicht mehr entscheiden was gut und schlecht ist und das Album muss dann irgendwie trotzdem fertig gemacht werden.
Und dieses Mal haben wir das so gemacht, dass wir im März letztes Jahr zum ersten Mal ins Studio gegangen sind – aber nicht mit dem Konzept des fertigen Albums, sondern wir hatten acht Lieder bei denen wir uns absolut sicher waren und die haben wir dann aufgenommen. Die Songs haben wir liegen lassen und dann immer wenn wir mehr oder weniger Bock hatten gemeinsam mit unserem Produzenten Simon Frontzek im Wendland oder in Berlin dran weiter gearbeitet. So haben wir das reifen lassen und waren uns dann irgendwann bei dem einen oder anderen Lied doch nicht mehr so sicher. Das Lied „Bumm Bumm Bumm“ fanden wir dann so zeitgemäß und so wichtig, das musste schon vorher raus – weil das irgendwie die Zeit dafür war… wir hatten das Gefühl wenn wir jetzt noch länger warten, also besser wird’s nicht.
Johannes: Das war gerade zum G20-Gipfel…
Nico: …das passte dann einfach auch thematisch perfekt – so wie die Faust aufs Auge!

Genau!
Sascha: Genau! Und dann sind wir ein halbes Jahr später nochmal ins Studio gegangen, haben nochmal acht oder neun Lieder aufgenommen und aus diesen 16 Liedern ohne „Bumm Bumm Bumm“ haben wir dann das Album geformt.
Johannes: Was den großen Vorteil hatte, dass wir so viele und lange Pausen dazwischen gemacht hatten ist, dass wir den Fokus nicht verloren haben – wenn du sonst sechs Wochen am Stück im Studio bist und das gesamte Album von vorne bis hinten aufnimmst, dann ist die Gefahr da, dass du so, Scheuklappen sage ich immer, auf hast und gar nicht mehr so richtig beurteilen kannst ob das jetzt wirklich gut wird. Dieses Mal haben wir uns die Zeit gegönnt, weil wir sie auch einfach hatten und das auch ganz wichtig als Prozess für uns war, dass es auch so geht. Die Stücke auch mal ein paar Wochen einfach liegen zu lassen und dann mit ganz frischen Ohren nochmal zu hören um sicher zu gehen, dass sie sich wirklich auch nach so langer Zeit noch stark anfühlen und so richtig sind. Wir hatten wieder eine tierische Auswahl an Stücken – so vierzig Lieder – die in Frage gekommen sind und wir hatten dann wirklich die Zeit zu schauen welche Stücke wirklich im Kontext zusammen passen, die dann schön fürs Album sind. Da sind wir uns jetzt extrem sicher… wir haben da ein sehr sehr gutes Gefühl!
Sascha: Und vor allen Dingen Sebastian hatte in der Zeit die Möglichkeit, alles nochmal zu hören, sich nochmal alles durch den Kopf gehen zu lassen. Vor der zweiten Studio-Session sind nochmal einige Lieder entstanden… davon ist auch mindestens eins noch auf dem Album gelandet.
Nico: Der Ansatz war aber nicht, dass wir sagten „da fehlt jetzt noch ein Lied zum Kontext auf dem Album!“ – es war einfach die Zeit noch ein paar Lieder zu schreiben… so kann man die kreative Phase gerade dafür nutzen.

Habt ihr vorher eigentlich schon den Namen des Albums im Kopf – oder entsteht der dann während der Aufnahmen… schmeißt ihr Namen in den Ring, oder wie funktioniert das bei euch?
Nico: Das ist eigentlich immer unterschiedlich… wir hatten da dieses Mal ziemlich schnell.
Sascha: Wir haben uns schon mal schwerer getan.
Nico: Also so wirklich beantworten warum das Album jetzt „Lichtjahre“ heißt – das ist immer eine sehr schwierige Frage. Aber der Song zum Beispiel hat einfach richtig gepasst. Er repräsentiert das Album ganz gut und es ist ein Wort was heraussticht, einprägsam ist und einfach das Album ganz gut wieder spiegelt.

Auch das Cover finde ich total geil!
Sascha: Schön!
Johannes: Das ist so toll gelungen! Das hat Thilo gestaltet.
Sascha: Ja, das ist halt ein ganz toller Grafiker der unglaublich viele Ideen hatte – wir waren gerade in Dänemark im kreativen Bandurlaub. Da haben wir uns dann auch wirklich lange Zeit mit den verschiedenen Ideen die er hatte beschäftigt – dann kamst du nochmal mit dem Beastie-Boys-Cover, mit dem gemalten Flugzeug.
Johannes: Ja, genau. Es hatte schon im Ansatz Ähnlichkeiten – man konnte das damit assoziieren. Dieses Cover finden wir halt extrem geil, das ist unser Lieblings-Cover und dann meinte er „ja geil“, dann hätte er in dieser Richtung auch noch eine Idee und dann kam es zu der Zusammenarbeit.
Sascha: Dann hat er die Rakete mal eben gemalt… das ist alles per Hand gemalt.
Nico: Erst hat er einen Entwurf geschickt, so nach dem Motto „hier direkt – so ähnlich könnte das aussehen. Aber das male ich nochmal richtig!“
Sascha: Und wenn du so einen Typen hast der Bock hat, der so begabt ist und der so was Tolles aus der Musik und aus den Texten machen kann, das ist dann schon echt richtig cool!
Johannes: Dieser Entwicklungsprozess konnte auch nur entstehen, weil wir mit einbezogen worden sind. Klingt blöd, aber normalerweise ist es so, dass ein Grafiker Vorschläge macht und dann muss es irgendwann einfach schnell schnell gehen und man entscheidet sich schnell für etwas – und das ging dieses Mal hin und her und wir waren mit einbezogen. Das war auch nur möglich weil wir uns Zeit genommen haben und gerade auch Zeit dafür hatten. Wir waren wie gesagt in diesem kreativen Bandurlaub wo wir zusammen gekocht haben und Rezepte entwickelt und geschrieben haben.

Gibt’s dann demnächst noch ein Kochbuch?
Sascha: Genau! Ja, es gibt ein zweites Kochbuch zum Album. Dieses Mal noch wertiger – mit Hardcover und mehr Rezepten.
Johannes: Gezupfte Musik ist bei den Rezepten auch dabei – und Videos dazu! Wir haben für uns gemerkt, dass wir uns einfach für bestimmte Sachen einfach mehr Zeit nehmen müssen – es war auch schon etwas länger so, dass wir uns immer nur zum Proben getroffen haben wenn wir ein Konzert gespielt haben und uns sonst auch gar nicht mehr so viel gesehen haben.

Ja genau, ihr wohnt ja alle ein wenig auseinander – Sascha du in Wien (zustimmendes Nicken), Sebastian in Berlin…
Johannes: Und da haben wir gemerkt, dass es wichtig war sich einfach auch mal wieder so zu treffen – einen gemeinsamen Bandurlaub zu machen. Irgendwas jammen und nicht nur Stücke üben für das nächste Konzert, das übermorgen stattfindet. Wir haben auch gestern einfach mal im Proberaum alte Stücke angespielt – das hat tierisch Spaß gemacht.
Sascha: Einfach ungeplant!
Johannes: Das ist ganz wichtig, so was auch mal wieder zu machen – das muss man dann auch erstmal wieder lernen.

Ihr trefft euch dann ab und zu im Proberaum und dann… (zustimmendes Raunen) der Raum ist dann bei euch im Wendland?
Sascha: Genau… bei unseren Eltern! Die Band ist im Wendland zuhause!
Nico: Ja da machen wir alles… proben, Demos aufnehmen – Sebastian schreibt da viel.
Sascha: Wir kommen da alle zusammen – da trifft sich quasi die Band-Familie.
Nico: Wir grillen dann schon mal… trinken mal ein Bier.

Ihr habt ja auch zum Teil Familie, Kinder usw. – das muss ja irgendwie auch alles unter einen Hut! Das geht mit dem Touren ja auch nicht mehr so einfach… oder wie schaut das bei euch aus?
Sascha: Wir touren mittlerweile anders – wir machen das Ganze jetzt zum Beispiel nicht mehr wie früher fünf, sechs Wochen am Stück. Wir sagen dann eher, wir spielen Donnerstag bis Sonntag und machen dann wieder drei Tage Pause. So, dass man dann zu seinen Kindern kann – dann machen wir uns auch nicht kaputt. Wir haben gemerkt, wenn wir – egal zu welcher Jahreszeit – ein paar Wochen am Stück unterwegs sind, dann ist man ja doch immer mit allen Leuten zusammen in so einem Tour-Bus…
Johannes: …irgendeiner wird dann krank. Gerade Sebastian wird als erster mit krank, weil er seine Stimme sehr belastet und daher – ohne jetzt paranoid zu sein – wirklich auch viel angreifbarer für so etwas ist. Das ist ein Lernprozess den wir für uns herausgefunden haben… es geht so besser und es ist auch organisatorisch gesehen nicht schlimmer, deswegen machen wir es jetzt so.

Ich habe im Sommer mit den Donots gesprochen, die sagen auch, dass sie ihre Tour haben und sich dann wieder ihre Pause gönnen.
Sascha: Die machen das ja auch schon lange genug.
Wie ihr ja auch… ihr wisst ja mittlerweile wie der Hase läuft und was man sich zumuten kann – den Stress muss man sich heute gar nicht mehr geben.
Johannes: Ja genau, Stress ist ungesund.
Sascha: Und Stress tötet ja auch Kreativität, da muss man dann auch einfach aufpassen.
Johannes: Man muss sich einfach diese Freiräume schaffen, um sich das Ganze zu erhalten. Das haben wir extrem gemerkt und Konsequenzen daraus gezogen.

Wie sieht es überhaupt mit dem Erfolg, mit Sachen wir den Charts und Verkaufszahlen aus?
Johannes: Ach, das war bei uns ja eh immer zweitrangig. Wir haben Musik in erster Linie immer für uns gemacht und ich glaube das ist auch das Konzept von MADSEN – und das ist eigentlich immer aufgegangen. Denn wenn wir das Ganze für uns machen und dann raushauen, nur dann ist es authentisch und so kann man auch wirklich langfristig etwas damit anfangen.
Sascha: Genau… um das Langfristige geht es ja auch. Wenn wir uns so umschauen in unserem Kosmos und auch bei anderen Bands mal gucken, es gibt ja gar nicht so viele Bands die es schon vierzehn Jahre gibt und die sieben Alben rausgehauen haben. Donots ist ein schönes Beispiel… aber es gibt auch einfach echt viele wo man denkt „Bohhh, krasse Band… und die schießen ja voll an uns vorbei“ – zwei Jahre später sind die meisten dann wieder weg vom Fenster.

Die Beständigkeit fehlt dann einfach.
Johannes: Deswegen sind wir ja auch langfristig echt dankbar, dass wir mit der ersten Single nicht den mega Durchbruch hatten – denn daran wirst du als Band immer gemessen und du hast realistisch gesehen gar nicht die Möglichkeit da wieder ran zu kommen. Daran zerbricht so manche Band.
Nico: Das schöne ist auch, dass wir dann dadurch immer stetig steigenden Erfolg in unserer ganzen Karriere hatten. Also, es war irgendwie nie so, dass wir gemerkt haben, dass es bergab ging, dass zum Beispiel weniger Leute zu den Konzerten kommen. Wir haben eigentlich von Anfang an immer leicht steigend – nicht extrem, aber immer so leicht steigenden Erfolg… und das ist eigentlich ein wirklich schönes Gefühl, dass man noch nie wirklich eine große Enttäuschung hatte.
Johannes: Also nicht, dass wir das überhaupt nicht wollen, dass wir im Radio gespielt werden.
Sascha: Wir wollen keinen Erfolg! (Gelächter)
Johannes: Da hat man auf der anderen Seite natürlich totalen Bock drauf. Dass ein Lied von uns total bekannt ist, auf jedem Radiosender gespielt wird und wir dann auch eine Menge Geld damit verdienen. Alles was halt dazu gehört – das will ich gar nicht leugnen, dass ich da auch Bock drauf hätte. Aber wir sehen, je älter wir sind und je erfahrener wir werden, ganz klar die Gefahren die damit einhergehen, und dass es eine Band auch wirklich kaputt machen kann. Wir könnten da wahrscheinlich auch jetzt besser mit umgehen, als wenn das am Anfang unserer Karriere passiert wäre.
Und es gibt ja auch genügend negative Geschichte… die Sportfreunde Stiller zum Beispiel – die kennen wir ja ganz gut. Also die dann ihren Fußball-Hit hatten… man mag die Nummer finden wie man will, für die Band – und das sagen sie auch selber – war das eigentlich gar nicht so gut. Sie haben sich finanziell viel ermöglichen können, aber sie werden seitdem immer auf dieses Lied reduziert und hatten ganz lange Zeit Probleme damit, sich überhaupt wieder daraus zu etablieren.
Sascha: Das ist natürlich ein krasses Beispiel mit den Sporties… das ist bei den Jungs ja immer ein Auf und Ab – aber den Jungs traue ich auch zu, dass sie auf einmal wieder mit einer Platte kommen, die wieder voll durchstartet.
Johannes: Die haben es ja irgendwie auch wieder geschafft sich von diesem Fußball-Ding frei zu strampeln.

Aber genau das ist es doch. Ich kannte die Sporties ja auch von vorher schon und fand sie geil… und dann kam das Lied – das war ja nicht mal mega schlimm. Aber was danach kam war dann schwierig.
Sascha: Aber da kann die Band leider am wenigsten dafür! Das sind ja einfach nur völlige Fußball-Fans, die Bock hatten das Ding zu schreiben.

Wie ist das überhaupt bei euch – wenn man überlegt, ihr habt ja damals wahrscheinlich auch im Jugendzentrum vor fünf, vielleicht auch mal vor null Leuten gespielt.
Sascha: Klar, ist alles vorgekommen.
Und jetzt spielt ihr vor 40.000 bis 50.000 Leuten.
Nico: Auf Festivals ja, nicht in Hallen. (schallendes Gelächter)
Ich meine, das ist wahrscheinlich ein megageiles Gefühl, wenn man bis zum Horizont Leute sieht, die einen abfeiern. Auf dem Deichbrand habe ich euch gesehen, da flog der Müll durch die Gegend, da ging die Party ab.
Johannes: Ja, das ist überwältigend!
Nico: Das ist das Geilste!

Wie erdet man sich da wieder – da musst du doch so hoch schweben wenn du von der Bühne kommst, oder?
Johannes: Uns fällt das relativ einfach, glaube ich. Wir haben da nie wirklich ein großes Problem mit gehabt. Wir sind irgendwie immer ganz schnell auf dem Boden und wenn einer mal einen Höhenflug hatte, dann haben ihn die andern immer recht schnell runtergeholt. Weil wir uns eben den Arsch abgespielt haben und wissen, wie es auch ganz schnell wieder sein kann. Und das ist glaube ich das Problem von Bands, die von 0 auf 100 gehen und die kleinen Clubs gar nicht kennen, sich nie den Arsch abgespielt haben, dann hast du den Super-Hit, aber irgendwann ist der Sturm auch wieder vorbei und dann zerbrechen die Persönlichkeiten daran. Das ist vielleicht nicht mal die Band, aber es ist ganz schwer damit klar zu kommen!
Nico: Also ich finde es erdet einen immer total, wenn man alleine vom Hurricane-Festival – wo du dann vielleicht vor 40.000 Leuten gespielt hast – kommt, du dann zu Hause aus dem Tourbus aussteigst und dann einfach mit deiner kleinen Reisetasche wieder „zu Hause“ bist! Dann kommt der Nachbar an und sagt vielleicht „Moin, gar nicht auf Tour?“ Da bist du sofort wieder im normalen Leben. Ich glaube das ist auch ein Grund, warum viele berühmte Leute mit Depressionen oder so etwas zu tun haben, da viele Leute damit vielleicht gar nicht umgehen können, dass es Menschen einfach auch runter zieht. Aber ich finde das total geil, danach einfach zu Hause anzukommen und alles ist wieder eine komplett andere Welt. Ich finde das erdet einen total.
Johannes: Und wir haben halt uns gegenseitig.
Sascha: Das wollte ich auch gerade sagen! Wir kennen uns halt einfach in und auswendig.
Johannes: Wir sind zusammen diesen ganzen Weg gegangen. Somit weiß dann jeder auch wie es für den anderen gerade ist, wenn er dann mal einen trüben Blick hat.
Sascha: Oder wenn er mal über die Stränge schlägt und denkt „Ey, wir haben vor 50.000 Leuten gespielt, wir sind die… ich bin der Geilste!“ (lachen)
Nico: Das machst du doch immer! (Gelächter)
Sascha: Es ist ja so, wenn man Kinder hat und nach dem Festival nach Hause kommt, denen ist es scheißegal ob du die ganze Nacht durchgefeiert hast. Die stehen dann Morgens um 6 Uhr bei dir vor dem Bett (amüsantes Raunen im Zimmer) und wollen, dass du aufstehst – aber das ist doch auch irgendwie geil!
Das ist doch super… das macht man dann doch auch gerne! Irgendwie hat alles halt seine Zeit.

Eine andere Sache. Ich begleite euch auch schon quasi seit ich denken kann – okay, denken kann ich schon noch ein bisschen länger. (wildes Gegröle setzt ein) Hoffe ich zumindest…
Sascha: Ich wollte gerade sagen, kann man nur hoffen!
Na ja, morgens um 5 Uhr bestimmt nicht mehr. Aber… ich habe einfach schon ziemlich viel von euch mitbekommen. Damals noch recht klein und unbekannt im alten FZW, dann das neue FZW und jetzt spielt ihr die ganzen großen Festivals – aber ihr nehmt immer auch noch die kleine Clubs mit, oder?!
Sascha: Auf jeden Fall…
… gerade auch die kleinen Festivals – beim Rock am Beckenrand spielt ihr ja auch demnächst.
Sascha: Na klar, auf jeden Fall!
Das MAMF letztes Jahr in Stade war ja mit 2.000 Leuten auch recht überschaubar, mit cooler Kinderanimation, ein schickes Familien-Festival.
Nico: Das ist halt schön, weil einen das auch wieder auf den Boden zurückholt. Es macht einfach auch unglaublichen Spaß. Ich meine ein Hurricane-Festival zu spielen, so toll das auch alles ist… aber das ist auch alles mega durchorganisiert und alles recht unpersönlich. Auf den kleinen Festivals hast du dann auch ehrenamtliche Helfer die das gerne und mit Leidenschaft machen – unbezahlt.
Sich quasi den Arsch aufreißen.
Nico: Ja, und die dann auch Fans sind und das toll finden, die dann Spaß an der Sache haben.
Sascha: Dann verstehst du das als Band oder Zuschauer auch richtig. Warum die das machen.
Johannes: Man kommt viel eher ins Gespräch, zum Beispiel auch mit dem Koch der dann das Catering gemacht hat. Mit dem rede ich dann immer ganz gerne. Auf den großen Festivals ist es wesentlich unpersönlicher. Ich bin lieber da wo ich mit den Leuten rede und man sich austauschen kann.
Und dann unten steht und sich auch die anderen Bands anschauen kann!
Sascha: Genau, das sowieso. Auf den großen Festivals, wenn man da gerade fertig gespielt hat und nochmal für die nächste große Band von der Seite an die Bühne ran will, dann kommt man mit seinem Ausweis teilweise schon nicht mehr drauf.
Johannes: Haben wir auch schon alles erlebt – und das finde ich auch irgendwie affig!

Wenn ihr dann auf Festivals spielt, welche Bands sind dann die wo ihr sagt „die muss ich jetzt unbedingt sehen, da muss der Nightliner noch stehen bleiben… die schaue ich mir auf jeden Fall noch an!“
Alle gleichzeitig und durcheinander: Viele, da gibt es so viele!
Sascha: Der Nightliner musste schon sehr oft länger stehen bleiben. (Gelächter) „Also Jungs, Abfahrt ist heute um 22:00 Uhr“ – „NEIN, um 23:00 Uhr spielt die Band die ich sehen will“.
Johannes: Von Deichkind, wo ich mir die Show immer noch gerne anschaue – vorne aus der Menge, weil es neben der Bühne keinen Sinn macht. Aber auch…
Nico: Die Foo Fighters in der Schweiz damals…
Johannes: Wo man sonst in die Stadt fahren muss, um ein Club-Konzert zu sehen – wie Foo Fighters oder The Verve… da hatte ich mich Monate vorher drauf gefreut! Oder auch andere Bands… da gibt es tausende Beispiele.
Sascha: Oder auch kleinere Bands… wir freuen uns dann immer wie Kinder. Ich habe mich voll über Heisskalt gefreut, weil ich die erste Platte geil fand – und dann die Chance mit denen zusammen zu spielen und mit denen zu quatschen und sich die Show von denen anzuschauen. Das ist einfach toll.

Ich durfte die Jungs damals in Bremen im Tower interviewen, die waren mir total sympathisch. Die leben das Ganze und schmeißen alle Energie und Kraft in ihre Musik.
Sascha: Ganz genau.
Johannes: Auch unbekanntere Bands. Es gibt zum Beispiel eine Band, die heißen The Truckfighters – da nehme ich mir immer vor kurz mal drauf zu gucken und dann bleibe ich immer das ganze Konzert auf der Bühne stehen und ziehe mir die rein, weil die einfach zu geil sind!

Zwischenzeitlich fällt mir auf, dass ich zwar so viele Fragen habe, aber gleichzeitig auch mittlerweile den Überblick verloren habe. Ich weiß auch gar nicht wie viel Zeit ihr überhaupt noch habt.
Sascha: Dann quatschen wir halt einfach so weiter. Unser Manager ist eh gerade raus gegangen… dann haben wir erstmal noch.

Das ist super! Jetzt mit Kids… Sascha, deine Tochter ist ja mit 10 Jahren (genau wie mein Sohn) auch schon in der Schule. Da ist ja dann auch schon der ganze Terror mit Druck und Stress von oben, mit Mobbing und dem ganzen Kram in vollem Gange. Ihr als gestandene Band, ihr habt ja nicht immer die großen Bühnen gerockt und habt klein angefangen. Was würdet ihr den Kids von heute sagen, wie sie in der heutigen Zeit bestehen können – wie sie es irgendwie schaffen, diesen Druck auszuhalten und auch mit Mobbing und solchen Geschichten umzugehen?
Sascha: Ja, wichtiges Thema, spannende Frage – schwierige Frage! Ich glaube, dass man tatsächlich in dem Fall auch an die Eltern ran muss. Meiner Meinung nach sind Kinder, vor allen Dingen bis zu einem gewissen Alter, dem so ziemlich ausgesetzt. Und wenn sie dann nicht den Background und die Unterstützung von der Familie haben, mit denen sie reden können, auf die sie sich verlassen können, wo sie auch ein offenes Ohr finden können, wo das Vertrauen da ist, dann wird es schwer. Wenn ein Kind da so reinrutscht und – bei Mobbing oder so, da können Kinder gar nichts dafür – das ist halt einfach scheiße! Das ist wegen nichts, da gibt es ja keine Gründe, höchstens vorgeschobene. Das ist dann extrem schwer damit klar zu kommen! Wenn da aus der Familie, aus dem nächsten Umkreis, nicht der allergrößte Support und das Vertrauen da ist – was es ja leider in ganz vielen Familien nicht gibt, da brauchen wir ja gar nichts schön reden – dann ist es halt schwer!

Dann kann man nur hoffen das die Lehrer das checken, oder das nähere Umfeld da irgendwie am Start ist… sonst weiß man ja was passiert! Oder was passieren kann!
Nico: Ich glaube es ist auch wichtig, dass man drüber redet und das die Kinder auch wissen, dass sie zu den Eltern gehen können und man auch mit Ihnen reden kann. Das muss man ihnen einfach auch immer wieder vermitteln – das alles erzählt werden darf!
Egal was es ist, ob es schlimm ist, oder so…
Sascha: … und auch als Teil der Gesellschaft mit gutem Beispiel voran gehen und auch sagen und zeigen, dass es okay ist, Schwäche zu zeigen und Schwächen zu haben. Das ist ganz normal – dass jeder das hat und nicht jeder muss perfekt sein… und nicht jeder sieht im wahren Leben so aus wie auf Instagram, wenn ich tausend Filter da drüber setze.
Das ist ja nicht selbstverständlich!

Ganz besonders der Social-Media-Bereich ist da sehr schwierig heutzutage – Fluch und Segen!
Sascha: Absolut!
Ich meine, wir alle profitieren davon… aber anders herum killt es einen auch auf Dauer!
Alle zustimmend: Ja, auf jeden Fall!
Johannes: Also von mir aus könnten wir es gerne mal ausprobieren das Internet auf der ganzen Welt mal für ein Jahr aus zu machen – mal gucken ob es dann noch irgend jemanden fehlt, außer den ganzen Porno-Affen.
Nico: Und zur Not lässt man es dann einfach aus!
Johannes: Wir profitieren natürlich auch vom Internet. Ich hätte dann natürlich meine ganzen Serien nicht mehr – aber das wäre mir dann auch scheißegal. Das könnte ich missen und das ist eigentlich fast das Wichtigste für mich außer, dass wir mit der Band schon immense Vorteile haben und mehr Leute erreichen. Aber mein Gott, ich würde es trotzdem ausprobieren wollen. Es bringt nämlich viel mehr Negatives mit sich, als Positives… Ernsthaft! Und diese viel zu schnelle Hyper-Entwicklung, dass wird dadurch auch viel zu doll angetrieben.

Oh Gott, wir sind aber auch sehr weltpolitisch unterwegs.
Allgemeines Lachen.
Sascha: Was ja nicht schlimm ist!
Ja, da wären wir ja schon bei meiner nächsten Frage – ich komme ja doch noch zu meine Fragen!
Sascha: Na also!
Johannes: Das ist dann deine Überleitung zu… „Keiner“?

Da wäre ich eigentlich auch noch viel konkreter drauf eingegangen… den Song meinte ich in diesem Zusammenhang, klar – aber ihr seid ja zum Beispiel bestimmt auch mal bei einer der ECHO Verleihungen gewesen, oder?!
Johannes: Sebastian war sogar jetzt bei der Verleihung. Er hat sich die Aufzeichnung im Fernsehen angeschaut und ist dann noch kurz für eine halbe Stunde hingefahren. Er meinte da war eine ganz grauselige, negative und komische Stimmung.
Sascha: …und dann ist er direkt wieder abgehauen, weil es ganz schrecklich war. Wir waren einmal nominiert. Das war glaube ich 2005 oder 2006. Da waren wir dann da.
Johannes: Sahen da aber schon den Echo recht kritisch, weil es da schon mal so eine Böhse-Onkelz-Nominierung gab.

Und dann Frei.Wild… diese Geschichte!
Johannes: Wegen denen haben wir uns dann auch stark gemacht – gemeinsam mit Bela B. und den Toten Hosen, dass Frei.Wild dort nicht nominiert wurden. Dann sind die aber im Jahr danach einfach wieder nominiert worden und haben dann diesen bösen ECHO wieder gekriegt… ähnlich jetzt wie mit Farid Bang und Kollegah. Ein Unding, dass die überhaupt so viel Platz bekommen haben und dann da auch noch so den Brüllaffen machen konnten!

Dann auch noch Campino zu verarschen! Der Mann ist seit über dreißig Jahren im Geschäft.
Johannes: Und es fiel ihm offensichtlich wirklich schwer das überhaupt zu machen.
Sascha: Weil er eigentlich mal wieder der einzige war der was gesagt hat!
Johannes: Und er hat’s so gut gemacht! Und ich finde auch das viel mehr Bands sofort darauf hätten reagieren müssen – also die Klassiker waren die ersten, die dann den ECHO zurück gegeben haben. Und Helene Fischer hat zwar dann auch fünf Tage später sehr gute Worte gefunden und hat die beiden auch direkt angegriffen, aber hat sich glaube ich auch nur genötigt gefühlt, weil jetzt nun mal die allgemeine Meinung so war.
Ich hätte mir da einfach viel eher viel klarere Meinungen gewünscht! Und auch viel mehr Leute die den Campino hätten unterstützen müssen!

An sich das Thema, nicht nur bei einer solchen Veranstaltung sondern überhaupt passiert da meiner Meinung nach in der Öffentlichkeit viel zu wenig!
Alle: Ja genau.
Da muss mehr kommen… das ist einfach so!
Johannes: Auf jeden Fall!
Eigentlich ist das doch ein schöner Abschluss für ein Interview, oder?!
(Lachen und zustimmendes Kopfnicken)
Ich könnte jetzt noch tausend Fragen stellen, aber ich möchte euch nun nicht weiter belästigen!
Johannes: Belästigen? Überhaupt nicht… es hat voll Spaß gemacht!
Dann sage ich „vielen Dank“.
Alle: Sehr gerne.
Es hat mir sehr viel Spaß gemacht… den Zettel mit Fragen hätte ich mir dann schenken können!
Sascha: Ja, das war dann ja eher wie ein nettes Gespräch mit Freunden!
Sebastian aus dem Off: Dann lass uns noch eben ein Foto zusammen machen, oder?!

 

Titelfoto: Dennis Dirksen

… und hier noch schnell die MADSEN-Tourdaten:
14.06.2018 Trier – Porta Hoch 3
23.06.2018 Scheeßel – Hurricane Festival
24.06.2018 Neuhausen ob Eck – Southside Festival
28.-30.07.2018 Viersen – Eier mit Speck Festival
17.-19.08.2018 Großpösna – Highfield Festival
17.-18.08.2018 Georgsmarienhütte – Hütte rockt Festival
25.08.2018 Wolfshagen – Rock am Beckenrand
16.11.2018 Hannover – Capitol
17.11.2018 Köln – Live Music Hall
23.11.2018 München – Tonhalle
24.11.2018 Stuttgart – Theaterhaus
30.11.2018 Leipzig – Werk 2
01.12.2018 Wiesbaden – Schlachthof
07.12.2018 Saarbrücken – Garage
08.12.2018 Bremen – Pier 2
14.12.2018 Berlin – Columbiahalle
15.12.2018 Hamburg – Mehr! Theater
21.12.2018 Lingen – Emslandarena