„Die for your Government“, das ist nun eine ganze Weile her. Fast 20 Jahre. Dass Bands über so eine lange Zeit aktiv bleiben, Alben veröffentlichen und um die Welt touren, ist schon keine Selbstverständlichkeit. Wenn dann im Falle von Anti-Flag noch ein stetes, politisches Bewusstsein und jahrzehntelanger Aktivismus mit hinzukommen, kann man wirklich nur den Hut ziehen.
Wir haben uns mit Drummer Pat vor ihrer Show mit Red City Radio, Trophy Eyes und The Homeless Gospel Choir in Dortmund getroffen. Konzertbilder vom Abend findet ihr in dieser Galerie.

Björn:
Hey Pat, ich habe gehört dass diese Tour mit ein wenig Stress verbunden ist, sind trotzdem alle noch gut drauf?

Pat:
Ja, es ist ein wenig stressig weil wir momentan sehr viele Interviews geben und uns mit vielen verschiedenen Leuten treffen. Das hängt damit zusammen, dass wir ja gerade ein neues Album herausgebracht haben. Die Stimmung ist aber super und wir verstehen uns alle gut, sowas gehört halt einfach zu einem Release mit dazu.

Björn:
Habt ihr als Band auf Tour bestimmte Rituale, gegen den Stress oder allgemein?

Pat:
Wir machen relativ wenig gemeinsam, weil es bei den Terminen selten möglich ist, uns alle zusammen an einen Ort zu bekommen. Aber wir haben alle so unsere eigenen Rituale. Ich gehe nach dem Aufstehen gerne auf einen Spaziergang und schaue mir die Stadt in der wir am Abend spielen an. Ich bin heute zum Beispiel auf einem riesen Mittelalter-Festival in der Dortmunder Innenstadt gelandet und habe so meinen Morgen verbracht.

Björn:
Dann läufst du einfach vom Konzertgelände los und schaust, auf was du so triffst?

Pat:
Ja genau. Es ist wirklich interessant, wie unterschiedlich Städte in den verschiedenen Ländern und Kulturen überall auf der Welt gebaut sind. In den USA zum Beispiel bestehen die meisten Stadtzentren lediglich aus Finanzdistrikten mit riesigen Bankgebäuden und gestressten Menschen, die in ihren Anzügen von A nach B hasten. In vielen europäischen Städten ist die Innenstadt häufig das ökonomische und das kulturelle Zentrum. So hat man die Chance, viel mehr über die Stadt zu erfahren.

Björn:
Weil die Städtearchitektur einfach eine andere ist?

Pat:
Genau. Städte sind entweder für Autos oder für Menschen konzipiert. Europäische Städte sind viel öfter auf Menschen zugeschnitten als amerikanische. Das sagt viel über die Kultur eines Landes aus. Ok, das hatte jetzt alles nichts mit Rock’n’Roll zu tun, aber das geht halt gerade so in meinem Kopf vor.

Björn:
Wenn wir aber gerade von verschiedenen Städten und Kulturen sprechen: Gibt es einen bestimmten Ort, an dem du am liebsten spielst?

Pat:
Die Shows an sich verschmelzen irgendwann auf so einer Tour. Was es besonders macht, ist die Interaktion mit den Menschen vor und nach der Show. Das ist das, was hängen bleibt. Eine ganz besondere Show haben wir vor einigen Jahren auf der Gegendemonstration zum Parteitag der Republikaner in Minneapolis gespielt. Das tolle daran war, mit tausenden Demonstranten und politischen Aktivisten gemeinsam dort zu sein und gegen die Republikaner zu demonstrieren. Das Gemeinschaftsgefühl, das durch das Teilen politischer Ideale auf dieser Demo entstand, hat es wirklich erinnerungswürdig für uns gemacht.

Björn:
Was sagst du zum gegenwärtigen Wahlkampf, gerade im Hinblick auf die Republikaner und ihren Kandidaten Donald Trump? Wenn der Typ tatsächlich Präsident werden sollte….

Pat:
…dann sind wir alle am Arsch. Das Interessante an Donald Trump ist, dass er genau weiß, wie er Interessen zu seinen Gunsten manipulieren kann. Er ist sehr clever darin, genau das zu sagen, was ihm Aufmerksamkeit in den Massenmedien einbringt. Was seine politische Kompetenz angeht: Er hat natürlich überhaupt keine Ahnung vom Regieren oder dem politischen Tagesgeschehen. Er wäre lediglich in der Lage für die kleine Elite der Reichsten der Reichen zu sorgen. Und dann würde er vermutlich unser Land wieder in irgendeinen sinnlosen Krieg führen, wie Bush Jr. es vorher schon getan hat. Was im Endeffekt zu ISIS geführt hat und das wiederum zur aktuellen Flüchtlingskrise.

Björn:
Die in Deutschland gerade dazu führt, dass die politische Rechte derzeit sehr erstarkt, was eine absolute Katastrophe für unser Land darstellt.

Pat:
Ja, das glaube ich. Es wäre so wünschenswert, dass sich die Mehrheit der Bevölkerung dafür entscheidet, die Flüchtlinge willkommen zu heißen. Ich kann über mein Land nur sagen: Das, was die USA so stark gemacht hat, war das Zusammenkommen so vieler verschiedener Kulturen. Da prallen eine Menge unterschiedlicher, guter Ideen aufeinander und das führt dann zu einer starken ökonomischen Basis. Wenn du immer nur die gleichen Ideen und Konzepte verfolgst, ist ein Weiterkommen einfach nicht möglich.

Björn:
Wir haben jetzt ein wenig über Politik gesprochen. Ich würde noch gern ein wenig über Musik und eure lange, musikalische Karriere sprechen. Ich habe nämlich auch gehört, dass ihr abseits eurer ernsten Inhalte eigentlich ganz entspannte und witzige Typen sein könnt. Stimmt das? Was für Typen seid ihr in der Band?

Pat:
Naja, also ich bin schon sehr ernst. Chris Head ist ein sehr stiller Typ und redet eigentlich kaum. Justin und Chris #2 glauben von sich, dass sie die witzigsten Typen der Welt sind (lachen). Manchmal sind sie das auch tatsächlich. Das Problem bei uns ist jedoch: Wenn du viel über ernste Themen und Aktivismus sprichst, dann glauben die Leute sehr schnell, dass du überhaupt keinen Sinn für Humor besitzt. Es funktioniert einfach nicht, wenn wir versuchen, Witzig zu sein. Das heißt allerdings nicht, dass wir nicht auch albern sein können.

Björn:
Ihr habt jetzt eine ziemlich lange Karriere hingelegt. Gibt es bestimmte Punkte, an die du dich besonders gern zurück erinnerst oder die besonders waren?

Pat:
Recording-Sessions sind bei uns in der Regel sehr intensiv. Das macht auch nicht immer Spaß, aber ich erinnere mich trotzdem immer sehr gern an solche intensiven Momente. Und eine sehr spannende Zeit war auch unser erstes Major-Label-Album. Denn in dieser Zeit konnten wir Geld unserer Plattenfirma für politische Projekte verwenden. Die haben uns einfach nichts verwehrt. Wir waren wie kleine Kinder in einem riesigen Süßigkeitenladen.

Björn:
Wie bist du denn zu dem ganzen Musikding gekommen? Kannst du dich an ein einschneidendes Erlebnis erinnern?

Pat:
Ja, das muss so Mitte bis Ende der 80er gewesen sein. Ich glaube Justins ältere Schwester hat ihn und mich auf eine Show mitgenommen. Und da war ein nackter Typ, der mit seiner Gitarre von der Eingangstür runterbaumelte und einfach nur Lärm gemacht hat. Das war für mich damals das genialste, was ich je gesehen hatte und ich dachte mir „du musst auch Teil dieser verrückten Szene werden“.

Björn:
Was hältst du von Punkrock in der heutigen Zeit, gibt es junge, neue Bands, die du verfolgst? Ist Punk tot oder nicht?

Pat:
Ich denke, Punk is dead (lacht), also zumindest im Mainstream. Heutzutage interessiert sich niemand mehr für Punkmusik. Die Leute wollen elektronische Musik und/oder Tanzmusik hören. Das finde ich aber gar nicht schlimm. Wir wollten nie Teil des Mainstreams sein. Wir wollten einfach immer nur unser Ding machen. So wie Derrick von The Homeless Gospel Choir, der auf dieser Tour der Opening-Act ist. Der ist ein Außenseiter, der einfach sein Ding durchzieht. Sowas finden wir toll, deswegen haben wir auch sein Album rausgebracht.

Punkrock ist immer dann am besten, wenn er von Leuten gemacht wird, die einfach sonst nichts in ihrem Leben anzufangen wüssten. Leute, die das um der Sache selbst wegen machen, nicht weil man damit eine Menge Geld verdienen könnte.
Und jetzt ist Punk wieder Underground und findet überwiegend in den Basements und kleinen Clubs statt. Und das ist super.

Björn:
Thomas Barnett von Strike Anywhere und Great Collapse hat uns kürzlich etwas Ähnliches erzählt

Pat:
Ich mag Thomas total, ein super Kerl.

Björn:
…und zwar, dass jetzt wieder viel mehr Kreativität im Punk möglich ist, weil es wieder Underground ist.

Pat:
Klar, das siehst du allein daran, dass diese riesigen, sehr erfolgreichen Punkbands wie NOFX oder Bad Religion auch mal winzige Bands waren. Die kamen auch aus dem Untergrund und haben lange Jahre Basement-Shows gespielt. Die haben das auch immer gemacht, weil sie an Punkrock geglaubt haben, nicht weil sie damals wahnsinnig viel Geld damit verdient hätten.

Björn:
Glaubst du, dass es jetzt erstmal im Untergrund bleiben wird?

Pat:
Nein, nichts bleibt je, wie es war. Alles ändert sich ständig. Punk wird wieder interessanter für den Mainstream werden und dann wieder verschwinden und dann wieder interessanter werden usw.. Das ist einfach der Lauf der Dinge. Ich bin mir ziemlich sicher, dass momentan eine neue Generation großartiger Punkbands in den Proberäumen und Kellern auf diesem Planeten etwas Neues, Aufregendes erschaffen, das uns alle umhauen wird.

Lieber Pat, das hoffen wir vom Handwritten-Mag natürlich auch. Wie sagt man so schön, Totgesagte leben länger. Da ist Punk keine Ausnahme.