Am vergangenen Freitag haben Jupiter Jones ihr sechstes Studioalbum veröffentlicht, welches einen großen Stilwechsel innehält. Mit neuem Sänger und neuen Klängen ist „Brüllende Fahnen“ sozusagen der Befreiungsschlag der Band. Ich habe mich am vergangenen Donnerstag mit Bassist Andreas Becker (Becks) – André Becker interviewt Andreas Becker – über die neue Platte und die neuen Jupiter Jones unterhalten.

André:
Moin Becks, wie läuft es bei euch?

Becks:
Moin! Gut läuft es, aber du kannst dir sicherlich vorstellen, dass im Moment, also in den letzten Wochen, alles so ein bisschen auf Hochtouren lief zum Album VÖ. Wir haben ja zum ersten mal so richtig Zeit gehabt das Album vorzubereiten, weil wir seit Oktober auf dem fertigen Album hier sitzen. Deswegen haben wir dann auch zwei vorab Videos gemacht, wovon die erste Single dann auch rauskam, weil wir dachten, dass man den Leuten wahrscheinlich ein bisschen mehr Musik vorher zeigen muss, damit sie sich schon mal an das gewöhnen können, was sie erwartet.

André:
Ein kleiner Sprung zurück. Euer erster Song mit Sven „Plötzlich hält die Welt an“ war ein klarer und glatter Popsong. Jetzt höre ich mir „Brüllende Fahnen“ an und das klingt komplett anders. Klar ist es immernoch als Popmusik zu definieren, jedoch dreckiger und nicht so glatt. Wie kam es nun zu diesem neuen Sound?

Becks:
Zu „Plötzlich hält die Welt an“ muss man erstmal sagen, dass zu dem Zeitpunkt ein bisschen die Hölle auf uns hereingebrochen ist. Da war sehr, sehr viel was wir gleichzeitig machen mussten. Dann kam der Song den wir für den Bundesvisions Songcontest schreiben wollten. Wir haben da dann einfach auf die vertrauten Mechanismen zurückgegriffen: Produzent, das ganze drumherum einfach. Das war zu dieser Zeit auch genau das richtige.
In der nachfolgenden Zeit haben wir dann aber gemerkt, dass wir in Zukunft doch was anderes machen wollen, weil wir ein bisschen genervt waren von dem Radio-Einheitsbrei den viele deutsche Künstler derzeit produzieren. Das klingt alles sehr gleich und austauschbar, davon waren wir genervt und haben für uns selbst neue Sachen entdeckt. Sascha z.B. ist ein rieisger Jack White Fan, die letzte Arctic Monkeys Platte ist uns über den Weg gelaufen, auch die vorletzte Bloc Party. Das klingt alles nach einer Band die in den Proberaum geht und zusammen spielt. Daran wollten wir uns orientieren, im Laufe des Prozesses ist das dann ausgereifter geworden und wir wurden immer mutiger das tatsächlich so in die Tat umzusetzten. Da kam dann das bei raus, was nun letztlich zu hören ist.

André:
Ich bin auch der Meinung, dass die Formel: neuer Sänger = neuer Bandsound sehr logisch ist.
Was waren denn die Eckpfeiler dieses Prozesses?

Becks:
Sascha ist hauptverantworlich für die Songs und bei ihm hat dieser Prozess als erstes eingesetzt. Wir anderen waren alle Feuer und Flamme als es darum ging einen neuen Sound zu finden und etwas neues auszuprobieren. Unser neuer Produzent Olaf hat dann auch noch seinen Teil dazu beigetragen und uns dazu ermutigt, mutig zu bleiben und diesen neuen Sound durchzuziehen. Vielleicht hätte das mit anderen Produzenten nicht so gut geklappt und man hätte diesen mutigen Weg schnell wieder verlassen. Man weiß es nicht.

André:
Ihr habt jedoch generell sehr viel Kritik einstecken müssen in den letzten Monaten. Auch sehr viel unsachliche Kommentare waren dabei. Wie seid ihr denn mit dieser Situation umgegangen?

Becks:
Da geht jeder von uns ein wenig anderes mit um. Ganz krass wurde es, als wir das Video zu „Brüllende Fahnen“ veröffentlicht haben. Am Anfang ist man ziemlich enttäuscht darüber, dass so viele Leute irgendetwas schreiben, worüber sie eigentlich nur Halbwahrheiten oder gar kein Wissen haben. Was ich überhaupt nicht schlimm finde ist, wenn Leute schreiben: „das gefällt mir nicht mehr“, „das ist nicht mehr mein Sound“, „damit kann ich nichts anfangen“. Wenn Leute uns aber dann in etwas reinreden wollen, von dem sie dann meinen mehr Ahnung zu haben als wir selbst, dann nervt das schon sehr. Deshalb haben wir uns dann irgendwann entschlossen darauf zu antworten, um den Leuten auch mitzugeben, dass man nicht irgend einen Scheiß irgendwo hinschreiben kann, ohne darüber nachzudenken.

André:
Was habt ihr schon an Kritik zur neuen Platte bekommen? Deckt sich eure Begeisterung mit der von externen Leuten?

Becks:
Ja, tatsächlich. Wir haben das Album vielen Leuten vorgespielt. Haben meistens die Leute zu uns in den Proberaum/Studio nach Hamburg eingeladen, Bier getrunken und ihnen das Album vorgespielt. Die meisten waren tatsächlich begeistert und sagten, dass sie das nicht erwartet hätten, was auch irgendwie klar ist. Viele Leute, die wir eingeladen haben, haben auch direkt verstanden was wir damit wollen, wohin wir mit dem Album wollen und was der Sound bedeuten soll und alles. Das waren auch ganz unterschiedliche Leute, teilweise Musikjournalisten, teilweise Leute aus unserem „Straßenkampf“-Team, das Spektrum der Leute war wirklich weitegefechert und trotzdem fanden 90% derjenigen, die wir eingeladen haben, das Album richtig gut. Das hat uns natürlich sehr bestärkt in dem was wir tun. Deswegen glaube ich auch, dass viele Leute die bei Facebook im vorhinein was schlechtes schreiben, auch was schlechtes schreiben wollen. Vielleicht setzt ja bei denen nach mehrmaligem hören der Platte doch auch so ein Prozess ein, der sie das alles besser einordnen lässt.

André:
Wie lange habt ihr an „Brüllenden Fahnen“ gearbeitet?

Becks:
Insgesamt von Stunde Null, also dem leeren Blatt Papier, war es dann tatsächlich fast genau ein Jahr. Der Bundesvision Songcontest war Ende September 2014. Relativ zeitnah danach hat Sascha dann angefangen vor dem Computer die ersten Ideen zu entwickeln. Dann sind wir im Juli 2015 für eine Woche ins Studio Nord gegangen, um das Schlagzeug aufzunehmen. Den Rest haben wir bei uns in Hamburg gemacht und über den Sommer dann das Album aufgenommen. Mit Mix und Master und allem was dazugehört war es dann im Oktober 2015 fertig.

André:
Für mich ist „Brüllende Fahnen“ textlich kritischer und direkter geworden. Ihr weist deutlicher auf Missstände hin und haut auch mal drauf. Ist das alleine Sven geschuldet oder ist es so, dass ihr alle gesagt habt „zu dieser Thematik muss jetzt was gemacht werden“?

Becks:
Die Texte sind nicht von Sven, wir haben hauptsächlich mit Niclas Breslein zusammengearbeitet, der früher bei Junges Glück gesungen hat. Bei einem Text auch mit Jörkk von Love A. Wir haben schon bei „Das Gegenteil von Allem“ versucht damit anzufangen, aber es war dieses mal wirklich so, dass die komplette Band Einfluss auf die Texte nehmen und man vorher sagen konnte wohin sich der Text entwickeln soll.
Zum Beispiel „Alle Türken heißen Ali“ war eine Idee von Sascha, der Nachts eine Doku über Fassbinder gesehen hat. Da gibt es den Film aus den 70ern „Angst essen Seele auf“. Der Arbeitstitel des Films war „Alle Türken heißen Ali“ und da hat Sascha sich gedacht, dass das ein guter Songtitel wäre und vor allem die Thematik mit den Gastarbeitervorurteilen würde gut in die Zeit passen. Diesmal konnte man als Band komplett auf die Texte Einfluss nehmen, in dem Niclas Texte rumgeschickt hat und man sich dann gemeinsam damit auseinandersetzten konnte. Teilweise wurde sogar jedes einzelne Wort auseinander genommen. Daher sind auch sehr kritische Texte dabei. Man kommt als Band an dem Thema derzeit gar nicht vorbei und ich glaube auch, dass man als Künstler nicht darüber hinwegsehen sollte was derzeit in diesem Land und auf der Welt vor sich geht.

André:
Durch die Zusammenarbeit mit Nicals kam dann sicherlich auch das Cover von „Sicher nicht“ zustande, oder?

Becks:
Genau, das war damals für die Single zu „Plötzlich hält die Welt an“. Da brauchten wir eine B-Seite (lacht) und den Song von Junges Glück fanden wir alle gut.

André:
Deine größte Vorfreude auf 2016? Worauf freust du dich am meisten?

Becks:
Tatsächlich freu ich mich jetzt erstmal auf die Clubtour im April. Wir sind seit 2013 nicht mehr wirklich auf Clubtour gewesen. Letztes Jahr nur ein kleines eigenes Clubkonzert gespielt und 2014 nur drei Shows in Clubs. Als Band sind wir noch gar keine richtige Tour gefahren, darauf freue ich mich jetzt am meisten.

André:
Eure Ziele für 2016?

Becks:
Das größte Ziel ist mit der Album-VÖ erstmal erreicht, danach kommen dann neue Ziele. Erstmal den Saison-Endspurt hinter uns bringen. (lacht)

André:
Dann war es das von meiner Seite aus! Ich danke dir vielmals für deine Zeit!

Becks:
Und ich danke dir!

 

Jupiter Jones im April auf Tour:

20.04.    Hamburg, Molotow
21.04.    Berlin, Musik & Frieden
22.04.    Dresden, Beatpol
23.04.    Hannover, Faust
24.04.    Osnabrück, Kleine Freiheit
27.04.    Saarbrücken, JUZ Försterstraße
28.04.    Stuttgart, Im Wizemann
29.04.    Augsburg, Kantine
30.04.    München, Strom
01.05.    Wiesbaden, Schlachthof

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