Die einst als Soloprojekt des Franzosen Gautier Serre gestarteten Igorrr haben sich über die Jahre zu einem der Geheimtipps für Fans von Weirdo-Sounds gemausert. Vor drei Jahren fand man überraschend eine neue Heimat bei Metal Blade. Hier sah man wohl kommerzielles Potential – oder wollte mal etwas Außergewöhnliches in seinem Stall haben.

So schlecht scheint es nicht gelaufen zu sein, denn „Spirituality And Distortion“ ist bereits die zweite Runde in dieser Geschäftsbeziehung. Und mittlerweile findet man in all dem Krach und Seltsamkeiten tatsächlich so etwas wie Songs. Aber Vorsicht: das heißt natürlich nicht, dass es hier nicht weiter musikalisch drunter und drüber geht!

Hier wird experimentiert und sich musikalisch ausgelebt, dass die Schwarte kracht. Jegliche Stilschubladen sprengt man bereits mit den ersten Tönen. Wenn Igorrr richtig loslegen, treffen Flamenco-Sounds auf Death Metal, tiefe, markerschütternde Growls auf dramatischen, weiblichen Operngesang, Breakcore-Einsprengsel stehen wie selbstverständlich neben kammermusikalischen Barockklängen. Und wäre dieser Taumel nicht schon ungewöhnlich genug, taucht plötzlich tänzelnde, französische Folklore auf. Und wie es sich gehört, das alles nicht sortenrein getrennt, sondern am besten alles auf einmal. Hat man sich mal kurz mit einem Element angefreundet, überfallen einen Igorrr auch schon mit dem nächsten und spielen mit dem Hörer Pingpong – und das mit diebischer Freude.

Stilistisch und musikalisch Chaos pur. Aber man muss anerkennen, dass man das Ganze in durchaus in überraschend flüssige spannende Stücke packt. Überwiegend instrumental, wenn Gesang dabei ist, sogar mit eingestreuten Hooks gesegnet – auch wenn man im klassische Refrains einen so weiten Bogen macht, wie der Teufel um das Weihwasser. „Hollow Tree“ ist zum Beispiel ein solch cooles Ding mit lässigen Bass-Grooves und barocken Sounds. „Camel Dancefloor“ wirft grinsend mit afrikanisch wirkenden Beats um sich. Beides kurze Titel. Dafür haut man mit „Himalaya Massive Ritual“ etwas in epischer Breite raus, welches mal im vorbeigehen alle Versatzstücke im Igorrr-Kosmos streift und in komprimiert spaßig in sieben Minuten verpackt.

Wenn man wollen würde, könnte man hier einen ganzen Roman verfassen und jede noch so große Seltsamkeit in aller Breite beschreiben. Aber dann würden wir morgen noch hier sitzen. Und das kann keiner wollen. Gebt euch lieber diesem Monster hin und bewundert (oder schüttelt den Kopf über) Monsieur Serre wie er das sonst so Unvereinbare unter einen Hut bringt.

Nicht immer schön, in seiner Verschroben- und Hässlichkeit über weite Strecken faszinierend.

 

Trackliste:
1. Downgrade Desert
2. Nervous Waltz
3. Very Noise
4. Hollow Tree
5. Camel Dancefloor
6. Parpaing
7. Musette Maximum
8. Himalaya Massive Ritual
9. Lost in Introspection
10. Overweight Poesy
11. Paranoid Bulldozer Italiano
12. Barocco Satani
13. Polyphonic Rust
14. Kung-Fu Chèvre

 

Igorrr - Spirituality And Distortion (Metal Blade, 27.03.2020)
3.8Gesamtwertung