Kürzlich verkündete die US-amerikanische Band Heart Of Cygnus, dass sie ihre vier Alben auf Bandcamp als kostenlose Downloads anbietet. Ein feiner Zug der beiden Herren, denn die Musik des Duos ist auch nach über einer Dekade seit der Veröffentlichung des Debüts immer noch genauso frisch und großartig. Und damit bekommt man die Gelegenheit kostengünstig etwas Feines kennenzulernen, das leider in seiner aktiven Zeit viel zu wenig beachtet wurde und lediglich in der Underground-Metal- und -Prog-Szene für Aufmerksamkeit sorgte. Und das ganz ohne Werbung und nur durch Mund-zu-Mund-Propaganda, der Unterstützung von Fans und ein paar Magazinen.

Seit Ende 2007 kredenzten Multiinstrumentalist und Sänger Jeff Lane sowie Schlagzeuger Jim Nahikian ihre Musik im Eigenvertrieb, ohne Label im Rücken, vier hochwertige CDs die es ohne Probleme mit ihren ganz großen Verwandten aufnehmen konnten. Zu diesen zählen insbesondere Rush, Iron Maiden, Queensryche, Kansas und Queen. Und hinter diesen brauchten sich Heart Of Cygnus spätestens mit ihrem Zweitwerk „Over Mountain, Under Hill“ nicht mehr verstecken, welches das progressiv angehauchte Hard-Rock- und Metalkino des Debüts „Utopia“ noch ein ganzes Stück weiterführte. Für einen Newcomer hatte bereits dieses Debütwerk ein außerordentlich hohes Niveau, klang gleichzeitig ausgeklügelt und doch frisch genug, so dass man den beiden hierzu nur gratulieren konnte. Im weiteren Verlauf erschien noch die humorige EP „Tales From Outer Space“ sowie das umfangreiche „The Voyage Of Jonas“, bevor es doch recht ruhig um das Projekt wurde.

Mit viel Genuss werfen wir hier nun einen Blick zurück auf das Oeuvre der Band, das sich lohnt, neu zu entdecken.

 

Utopia (2007)

Am Anfang von Heart Of Cygnus stand eine Utopie. Das Herzstück des Debütalbums des Duos bilden elf zusammenhängende Songs unter der Überschrift „Utopia Book One“ und handeln von Alexander, der in einem totalitären Überwachungsstaat dahinvegetiert und versucht aus einer Gesellschaft auszubrechen, in der einem sogar die nächtlichen Träume staatlich verordnet werden. Der Ruf nach Freiheit ist in ihm größer als ein Zurücklehnen in kontrollierter Sicherheit. Utopia besitzt dadurch eindeutige Bezüge zu Rushs2112“ und George Orwells „1984“, während die musikalische Seite mit seinen Zwischenspielen und Stimmungsschwankungen an ein Meisterwerk wie „Operation: Mindcrime“ (Queensryche) denken lässt. Und auch von der Qualität kann man fast an dieses Werk aufschließen.

„Utopia“ beginnt ebenso mit einer instrumentalen, schwungvollen Overtüre und geht in „Metropolis“ über. Maiden-Riffing und Brian May-ähnliche Gitarrensounds bestimmten bei dieser flotten Nummer das Bild. „Elementary“ ist sogar noch einen klein bisschen aggressiver, bevor man das Tempo ein wenig heraus nimmt. Dabei erinnert die starke Ballade „Alexander’s Lament“ gesanglich ein wenig an Spock’s Beard vor Neil Morse‘ Predigerzeit. Trotz dieser Verweise kristallisiert sich recht bald ein recht eigener Sound von Heart Of Cygnus heraus, der auch die folgenden Stücke von „Utopia“ zu einem richtigen Vergnügen werden lässt. Neben den Songs selbst begeistern auch immer wieder die tollen Gitarrenläufe und -soli sowie die ausgeklügelten und liebevollen Gesangsharmonien, die sich bis zum Ende hin durchziehen.

Da die Geschichte von „Utopia“ selbst nur eine gute halbe Stunde lang ist, hat das Duo noch zwei weitere Titel mit auf die CD gepackt. Und die Songlängen von jeweils siebeneinhalb Minuten lassen es schon vermuten, dass es hier ein wenig verproggter zugeht. „The knight“ und „Winter“ setzen diesem Album am Ende noch die Krone auf und sind mehr als nur zwei Anhängsel. Hier toben sich Heart Of Cygnus noch mal richtig aus und fassen das vorher gehörte in komprimierter Form zusammen.

1. Prelude
2. Metropolis
3. Elementary
4. Another Day
5. Alexander’s Lament
6. The Dream
7. A Call to Arms
8. Conditioning
9. Before the Court
10. Escap
11. The Knight
12. Winter

Spielzeit: 45:47

 

Over Mountain, Under Hill (2009)

Mit „Utopia“ haben sich Heart Of Cygnus vor eine Hürde gestellt, die es mit dem Nachfolger zu überspringen galt. Und sie haben es mit Leichtigkeit geschafft! „Over Mountain, Under Hill“ ist im Ganzen sogar noch besser als das Debüt, auch wenn einem das erst nach ein paar Runden im CD-Player auffällt. Das Duo hat sein Spektrum mit dem zweiten Album noch etwas ausgebaut und den eigenen Stil weiter ausgelotet. Konsequenz davon ist, dass die Tendenzen Richtung Progrock auf der einen Seite noch weiter ausgebaut wurden und man gleichzeitig auch an der Härteschraube gedreht hat, was zusammen mit dem etwas verbesserten Sound einfach richtig gut kommt.

Einen thematischen Zusammenhang zwischen den einzelnen Stücken gibt es dieses Mal nicht, auch wenn sich das meiste in die Kategorien Fantasy und Sagenwelt einordnen lässt. So schaut man bei „Black Riders“ beim Herrn der Ringe vorbei und bei „Erik“ bei den alten Wikingern. Es wird also mehr auf die einzelnen Songs, anstatt auf das große Ganze geschaut. Wobei die ersten beiden Titel „Over Mountain“ und „Under Hill“ sich nahtlos zu einem zweiteiligen Stück zusammensetzen. Harte Riffs, dazu sanfter Gesang und ein melodischer Chorus, progressive Songstrukturen und längere instrumentale Teile – das sind die Zutaten hiervon.

„Black Riders“ ist etwas luftiger. Ein reinrassiger und hitverdächtiger Metalsong, der auch auf einem Maiden-Album eine gute Figur abgegeben hätte. Ähnliches gilt für „Erik“ – ersetzt man hier Metal gegen Hardrock und Iron Maiden gegen Rush. Ähnlich flott ist auch „The King And His Steed“; allerdings rein instrumental. Herzstück des Albums ist „Lost At Sea“. Eine grandios epische Nummer mit jeder Menge Gefühl und Fantasie, abwechslungsreich und mitreißend. In die gleiche Kerbe schlägt das ebenso überlange „The Mountain King“. Lediglich „Blue Planet“, ein melodischer Rocksong, hält das hohe Niveau der restlichen CD nicht ganz, ist aber weit davon entfernt schlecht zu sein. Auf der Erstauflage ist auch noch eine gute Coverversion von Iron Maidens „Revelations“ enthalten, der Heart of Cygnus ihre eigene Note verleihen.

Zusammenfassend ist „Over Mountain, Under Hill“ schwer empfehlenswert. Gerade da Heart Of Cygnus sich songschreiberisch ein ganzes Stück steigern konnten. Egal ob man sich als Progger oder Metaller sieht, hier findet jeder das richtige Futter!

1. Over Mountain
2. Under Hill
3. Black Riders
4. The King and his Steed
5. Lost at Sea
6. Erik
7. Blue Planet
8. The Mountain King
9. Revelations

Spielzeit: 51:59

 

Tales From Outer Space (2009)

Eine neue CD, ein neues Thema. Bei „Tales From Outer Space“ saß den Herren Lane und Nahikian wohl ein wenig der Schalk im Nacken. Warum sonst sollten sie eine B-Movie-artige Platte mit verrückten Weltraumgeschichten machen, bei deren Innencover sie sich selbst als gegen Bugs kämpfende Starship Trooper darstellen? Von den Liedern her hat es dieses Mal nur für eine gut halbstündige EP gereicht, was allerdings voll in Ordnung ist, wenn man bedenkt, dass dies bereits die zweite Veröffentlichung im Jahr 2009 war. Noch dazu eine mit einem etwas spezielleren Thema. Aber trotz der engen Veröffentlichungsdaten, glüht die Band noch, und es ist kein kreatives Abflauen in Sicht.

Klanglich wurde nochmals draufgelegt und man braucht sich keinesfalls hinter der von Labels unterstützten Konkurrenz zu verstecken. In Sachen Soundtüftlerei hat man in den letzten Monaten wohl so einige neue Erkenntnisse hinzugewonnen. Wo bei den Vorgängern ein Überhang in Richtung Maiden zu vernehmen war, hatte Songschreiber Jeff Lane beim Komponieren dieses Mal wohl ein wenig mehr Queen im Hinterkopf. Es wimmelt geradezu von Brian-May-ähnlichen Gitarrensounds und -soli. „In The Days Of The Galactic Alliance“ klingt schon fast wie eine symphonische Hard-Rock-Version der britischen Königin. Während auf dem Vorgänger ein Longtrack in der Mitte das Herzstück bildete, gilt das auch bei „Tales From Outer Space“. Hier hört das Lied auf den Namen „Space Trilogy pt. 3 – Sleeper“.

Noch orchestraler anmutend und gleichzeitig noch metallischer ist dieser Song ein echter Brocken, der einen erst einmal bewundernd zurücklässt. Ein starkes Stück Musik! Etwas Space-Feeling gibt es beim dritten Teil der Weltraumtrilogie („Pelendra“) und bei „Starship troopers“; etwas 70er-Jahre-Progkitsch dagegen bei „The last man“. Das ganze Konzept der CD wirkte schon etwas spaßig, ihren Humor lassen Heart Of Cygnus allerdings erst beim flotten Rocktrack „XBSN“ freien Lauf. Schlechte Küche und Weltraumprogramm sind hier die anfangs unpassenden Komponenten des Textes.

Die dritte CD, der dritte Volltreffer. Zwar nicht so stark wie sein Vorgänger „Over Mountain, Under Hill“, aber eine sehr spaßige halbe Stunde bekommt man hier serviert. Spätestens damit hätten sich Heart If Cygnus einen gut situierten Platz in der Rock- und Metalgemeinschaft, die es auch etwas niveauvoller mag, verdient gehabt.

1. Tales From Outer Space
2. In The Days Of The Galctic Alliance
3. Space Trilogy Pt. 1 – Maiden Voyage
4. Space Trilogy Pt. 2 – Perelandra
5. Space Trilogy Pt. 3 – Sleeper
6. The Last Man
7. Starship Troopers
8. XBSN

Spielzeit: 31:37

 

The Voyage Of Jonas (2014)

Ohne Konzept macht es das Duo selten. Und deswegen geht es im Vergleich zum vorherigen Weltraumausflug bei „Voyage Of Jonas“ nicht viel weniger phantastisch zu. Auf einer Odyssee-gleichen Reise über die Meere trifft der Protagonist auf allerlei zauberhafte Gestalten und wilde Kreaturen. Ein typisches Fantasy-Epos, bildreich und in einfachen, aber treffenden Worten erzählt. Ähnlich ausladend ist auch die Musik dazu – und das nicht nur aufgrund der überlangen Spielzeit von 15 Stücken in rund 67 Minuten. Musikalisch bleiben sich Heart Of Cygnus vollkommen treu, erweitern ihr Spektrum aber in Nuancen ein wenig. Noch immer bekommt man leicht progressiv angehauchte Hard-Rock- und Metalsounds irgendwo in der Schnittmenge zwischen Iron Maiden, Rush und Queen(sryche). Und trotz der kaum von der Hand zu weisenden Einflüsse klingt das Ganze recht eigen. Etwas das man der Band durchaus zugutehalten sollte.

Ähnlich dem Debüt „Utopia“ präsentieren sich die einzelnen Teile atmosphärisch ineinander verwoben. So startet das Album mit einem großen Intro („The King Is Dead“), zieht den Hörer mit einem Halb-Instrumental direkt ins Geschehen („Jonas“), bevor die eigentliche Geschichte noch bedächtig mit fast barocken Akustikklängen beginnt („At The Portside Inn“). Die Musik selbst passt sich natürlich immer wieder den Begebenheiten an – egal ob es ein treibender Song wie „Sailing North“ ist, der das Stechen in die See begleitet, der Sound düster und dramatisch wird („When Wargs Attack“), sich das Ganze mit hochmelodischen Tönen etwas zurücknimmt („Fading“) oder das Abenteuer im großen Epos „Into The Storm“ kumuliert.

Die einzelnen Nummern haben allesamt ihren Reiz, erreichen für sich selbst aber nicht so oft die Magie der ersten beiden Alben, was vielleicht auch an der schieren Menge liegt. Dafür haben sie zahlreiche schöne Momente und stecken einfach voller feiner Melodien und interessanten Details. Der Metalanteil wurde leicht zurückgeschraubt, dafür wurde an den Feinheiten stärker gearbeitet – und auch am Sound. Was Heart Of Cygnus trotz ihrer einfachen Mittel soundtechnisch erschufen, brauchte sich nicht hinter hoch budgetierter Konkurrenz zu verstecken.

„The Voyge Of Jonas“ funktioniert vor allem als Ganzes – das muss man so sagen. Es ist aber ein sehr angenehmes Abenteuer, das einfach Laune macht zu hören.

1. The king is dead
2. Jonas
3. At the Portside Inn
4. Sailing north
5. At the fjords
6. The the abyss of the dragon
7. When wargs attack
8. Fading
9. The white witch
10. Mage
11. Into the storm
12. Siren song
13. The isle of ice
14. Procession of the damned
15. Now to your ships
16. Moonrunner

Spielzeit: 66:43

 

Leider kam von dem Projekt im Anschließenden nicht mehr allzu viel. Es ist wohl leider still und heimlich zu seinem Ende gekommen. Nach einer längeren Durststrecke veröffentlichte Jeff Lane vor gut zwei Jahren den Song „Hydra vs. Leviathan“ unter eigenem Namen, später firmierte der Titel unter dem Bandnamen und fand physisch seinen Weg auf den Sampler „Metalliance Vol. 2“ der Kollegen von Powermetal.de. Und das Lied ist echt bärenstark. Ein feiner Progmetal-Song, moderner und härter als zuvor und doch genauso melodiös und episch wie alte Taten von Heart Of Cygnus. Schade, dass es danach nicht weiterging. In der Richtung mehr zu hören, wäre echt verdammt spannend gewesen.

Stattdessen suchte sich Jeff Lane neue Mitstreiter und startete das Projekt Burningdown, bei dem er dem Alternative Rock frönt. Auch schön, aber nicht so eindringlich und faszinierend, wie die Band davor. Eine Chance sollte man dem sympathischen Musiker trotzdem geben. Auch hier wird auf Bandcamp verwiesen.

 

Bandcamp-Seite Heart Of Cygnus:
https://heartofcygnus.bandcamp.com/music

Bandcamp-Seite Burningdown:
https://burningdown.bandcamp.com/