Und wieder einmal ist es Zeit die Rubrik „Handwritten meets…!“ mit Leben zu füllen! Dieses Mal konnte ich Alex Tsitsigias überreden – was nicht wirklich ein großes Problem war 😉 – mir ein paar Fragen zu beantworten.

Was soll man da noch groß drumherum labern… viel Spaß beim Lesen!

 

Moin Alex, als alter Schrottgrenze-Fan habe ich mich vor einiger Zeit ziemlich darüber gefreut als ich hörte, dass ihr erstens wieder aktiv und zweitens nach eurer Best-Of Scheibe wieder ein neues Album aufnehmen würdet. Deshalb bin ich ziemlich begeistert, dass du uns heute für ein Interview unserer neuen Reihe „Handwritten meets…!“ zur Verfügung stehst und dir ein wenig auf den Zahn fühlen lässt!
Gerne, freut mich!

Wenn man sich deine Vita so anschaut, dann fällt auf, dass du bisher eigentlich immer irgendwie mit Musik zu tun hattest, sei es als Bandleader von Schrottgrenze, als Gitarrist und Schlagzeuger bei den Elektro-Punks Das Bierbeben, bei Station 17 oder damals auch bei Kommando Sonne-nmilch. Wurde dir dieses Talent in die Wiege gelegt, oder wie kam es dazu, dass du schon sehr früh mit Musik begonnen hast… oder war das Leben in Peine einfach zu langweilig, als dass man groß Alternativen gehabt hätte?!
Es war einfach langweilig und trist Anfang der 1990er in Peine. Ich bin zum Schlagzeugspielen gekommen, da ich als Kind dringend etwas brauchte um meine Aggressionen abzubauen und um überhaupt mal ein Hobby zu haben. So irre viel Talent ließ sich die ersten 5-6 Jahre auch nicht erkennen, es war vielleicht im Laufe der Zeit vor allem der Wille immer was neues auszuprobieren, der mich dann zu einem gewissen musikalischen Know-How geführt hat. Kunstwille vor Talent, quasi.

Wer hat dich in deiner Jugend musikalisch inspiriert bzw. geprägt – oder anders gefragt, welches war damals dein erstes Album?
Meine allererste CD war Michael Jackson „Bad“ 1988 und das erste Album mit alternativer Musik war ein Jahr später „Disintegration“ von The Cure. Beide hab ich über die BRAVO und MTV kennengelernt, also ganz klassisch. Ich hab solche Alben damals obszessiv rauf und runter gehört, und in völliger Fanliebe mein Zimmer zugepostert. Mit Nirvana und Slime gings dann 1991 Richtung Grunge und Punk und dann haben Timo und ich auch schon angefangen Musik zu machen. In der 7. bzw. 8. Klasse…

Mittlerweile hast du ja – wie ich – ein abgeschlossenes Sozialarbeiter-Studium in der Tasche, aber kam damals nicht früh schon der Hinweis deiner Eltern, erstmal etwas „vernünftiges“ zu lernen als sich direkt in eine ungewisse Musiker-Karriere zu schmeißen… oder wurde dein Talent ihrerseits von Anfang an unterstützt?
Meine Eltern haben mich und uns letzten Endes immer unterstützt. Sie fanden die Musik anfangs furchtbar und fanden das als Berufsweg immer indiskutabel. Seit „Chateau Schrottgrenze“ hört sich meine Mutter die Platten aber gerne an und kommt zu den Konzerten. Ich glaube sie hat eine niedrige Toleranz was Gitarrenverzerrung angeht. Sorry, Mum!

In den Folgejahren hast du ja mit Schrottgrenze die Republik rauf und runter gespielt und „Belladonna“ oder auch „Fernglas“ landeten sogar im Fernsehen bzw. in diversen Radio-Stationen… wann kam der Moment als du dachtest, dass nun die „große Karriere“ kurz bevor stehen müsste?
Eigentlich nie. Bei den TV-Auftritten hatte ich unerträgliches Lampenfieber und außerdem war unser Bandname ganz offensichtlich immer viel zu ungeschliffen für das Radio und die Massenmedien. Schon Anfang der 2000er haben wir gemerkt wie die Industrie inhaltlich arbeitet und das wir es nie schaffen würden uns da anzupassen und mit unserer Musik da durchzuwurschteln.

Nachdem ich Schrottgrenze eher zufällig kennen gelernt hatte – ich hatte eine Foto der Jungs von Spandau gesehen und Gitarrist Bernd hatte zufälligerweise ein Band-Shirt von euch an, woraufhin ich erst auf euch gestoßen war – habe ich quasi jedes eurer Alben abgefeiert und war untröstlich, als es dann nach „Schrottism“ zu Ende sein sollte. Wie kam es damals zu der Trennung und der späteren Auflösung, hattet ihr euch doch anfangs erstmal eine kreative Pause auferlegt, oder?!
Shoutout an Bernd! ☺ Wir waren 2007 nach 3 Alben und 3 Touren in Folge einfach total ausgebrannt und zudem ziemlich genervt voneinander. Im Nachhinein ist mir völlig klar, das 4-5 Jahre nebeneinander im Tourbus zu verbringen, einfach sehr ungesund für jede Beziehung ist. In der Kreativ-Pause sind dann viele Bands abseits von Schrottgrenze entstanden: Timo hat Tusq gegründet, Benni arbeitete mit Jochen Distelmeyer und ich bin bei Station 17 und Das Bierbeben eingestiegen. Dann wurde aus der Pause im Endeffekt doch eine Auflösung, weil wir alle viel zu tun hatten.

Kurz zwischendurch… hast du eigentlich noch Kontakt zu deinen damaligen Bandkollegen?
Ja, die E.Deege und Hans, unsere ehemaligen Bassisten, waren auch auf der Glitzer-Tour. Das war sehr schön.

Vor der Trennung habe ich Schrottgrenze damals in Essen und kurze Zeit später im früheren FZW in Dortmund gesehen, vielleicht erinnerst du dich ja noch an den alten runtergerockten Schuppen, der aber vom Charme und der Gemütlichkeit her ein gutes Stück weiter vorne war, als es das heutige FZW am Dortmunder „U“ ist – warst du schon dort… wenn ja, sehe ich das vielleicht zu kritisch?
Ich kann mich ehrlich gesagt nur noch sehr vage an das alte FZW erinnern, da ich nur zweimal da war. Meine Erinnerungen an Dortmund sind aber alle durchweg positiv. Schon unser erster Gig 2003 in einer kleinen Bar in Dortmund war sehr wild. Die Anlage bestand aus einem 4-Spur-Rekorder und Dirk Wilberg (u.a. Mit Vergnuegen) hat veranstaltet und gemischt. Die Leute in Dortmund waren immer so angenehm feierwütig, da wurde einfach alles rausgeschrien oder auch mal der Merch-Stand vollgekotzt. Das neue FZW ist natürlich noch nicht so schön abgerockt wie das alte, aber grundsätzlich sind Clubkultur und Freiräume irre wichtig und überall ständig in Gefahr, daher bitte fleißig weiter bespielen und Spuren von Subkulturen hinterlassen!

Was war eigentlich die Initialzündung, dass ihr euch – teilweise in neuer Besetzung – wieder zusammen gefunden habt… anfangs sollte es ja nur ein Konzert im Rahmen des 10 jährigen Bühnen-Jubiläums von Herrenmagazin werden, oder?! – was passierte dann?
Genau, der Abend bei Herrenmagazin im Uebel und Gefährlich war die Initialzündung. – Schon die ganze Vorbereitung hat uns soviel Spaß gemacht, dass wir wieder Lust hatten als Schrottgrenze was zu starten.

Im Januar dieses Jahres kam dann mit „Glitzer auf Beton“ endlich das lange erwartete und heiß ersehnte neue Schrottgrenze Album über Tapete Records in die Plattenläden! Wieviel Bammel hattest du davor, nach so vielen Jahren wieder ein Album zu veröffentlichen… man konnte ja vorher nicht wissen, dass es quasi ein gefeierter Selbstläufer werden würde, oder?!
Nee, konnte man ganz und gar nicht. Ehrlich gesagt, waren wir sehr erleichtert als wir die ersten positiven Feedbacks auf „Sterne“ und das Album bekamen. Wir waren zwar selbst nach der Produktion sehr zufrieden – aber man weiß eben nie wie ein neues Album ankommt. Thematisch hat ja schon eine Erweiterung stattgefunden, aber man darf die Zuhörer*Innen eben auch nicht unterschätzen. Indie-Rock ist oftmals monoton und thematisch eingeschränkt, weil die Künstler*Innen selten was riskieren. Das finde ich schade.

Thematisch geht es beim neuen Album ja besonders um Geschlechterdefinitionen – irgendwo hast da gesagt, dass sich die neue Scheibe an alle richtet, „die die Queer Community unterstützen.“ und sich das Album auch an Leute richtet, „die Vorurteile und keinen Bock auf das Thema haben“.
Hand auf`s Herz, wer war bisher in der Mehrzahl, was hat überwogen – die positive Resonanz, oder eher die Deppen, die immer noch in ihrem klassischen veralteten und verschrobenen Weltbild festhängen.

Die positive Resonanz – bei weitem sogar. Das einzigen negativen Feedbacks, die sich dezidiert auf meine sexuelle Orientierung bezogen, bzw. auf die Texte der neuen Platte kamen von ganz alten Kollegen. So nach dem Motto: „Ich kann mit eurem neuen Film nichts anfangen“ – aber sowas ist uns im Endeffekt egal. Dann muss man sich eben trennen und wenigstens hat dann jeder mal seine Meinung auf den Tisch gebracht.

Gemeinsam mit Sven – dem Mitbegründer des Handwritten-Mag und gleichzeitig auch Hobby-Fotograf – haben wir 2014 ein Foto-Projekt zum Thema Homophobie gemacht wo wir alle mit Plakaten, auf welchen Statements zum Thema geschrieben standen, abgelichtet wurden und das dann entsprechend veröffentlicht wurde. Auf Facebook gab es dann neben den unzähligen positiven Posts tagelang den übelsten Shitstorm – absoluter Wahnsinn und die Sachen hatten stellenweise schon strafrechtlich Relevanz. Hast du mit der Veröffentlichung von „Glitzer auf Beton“ ähnlich negative Erfahrungen gemacht und wie gehst du mit solch einem unterirdischen, inakzeptablen Verhalten um?
Nein bisher gar nicht. Aber ich weiß aus meinem Alltag das schwulen- und transfeindlichkeit allgegenwärtig ist. Nicht nur in ländlichen Gebieten, auch hier in Hamburg mitten auf der Schanze kam es schon zu harten Sprüchen oder körperlichen Angriffen, wenn ich mit meinem Partner offen unterwegs war. Das gehört zum Alltag aller LGBTIAQ’s immer noch dazu, da sollte man sich nicht in die Tasche lügen.

Du hast die ja vor geraumer Zeit geoutet und bist mittlerweile aktiv in der Hamburger Queer-Szene unterwegs… „Lashes To Lashes“ hast du aus Sicht einer Drag Queen geschrieben, als welche du ja auch regelmäßig unterwegs bist – bei „Sterne“ weiß man ja eigentlich auch sofort, worum es geht! – wie sehr ist bzw. war das Ganze bisher bandintern Thema?
Wir gehen oft zusammen aus und verbringen auch ohne den Bandkontext viel Freizeit miteinander, daher kennen meine Mitmusiker die LGBTT*IAQ-Kultur in Hamburg bereits seit Jahren aus eigener Erfahrung. Wir haben einen sehr heterogenen Freundeskreis, was sexuelle Orientierungen angeht. Da treffen sich viele eher über das Inhaltliche: Musik, Politik, Parties etc.

Was würdest du solch engstirnigen Menschen wie Trump, Putin oder anderen Homophoben-Idioten außer „Lieb doch einfach wen du willst!“ gerne einmal zu diesem Thema sagen, wenn du die Chance hättest, sie persönlich kennen zu lernen?
Sorry kein Interesse an einem Meet & Greet mit diesen menschenverachtenden Oberpatriarchen. Die gehören ihrer Ämter enthoben und gerichtlich zur Rechenschaft gezogen.

Kommen wir wieder zurück zur Musik und zu eurer mit dem Hanse-Song-Festival im April beendeten Tour – erinnerst du dich noch an den ungewöhnlichsten Auftrittsort wo du je gespielt hast? Oder gab es sogar von irgendwo schon einmal eine Anfrage, bei der du gesagt hast „nee, da spiele ich nicht!“ bzw. seid ihr schon einmal irgendwo angekommen und habt entschieden, dort nicht zu spielen?… und warum?
Wir haben Bandwettbewerbe immer abgelehnt. Die Idee, dass Bands gegeneinander spielen fanden wir immer ätzend und für Schnapsmarken mit Hirschgeweih o.ä. wollten wir auch nie spielen. Sich als Band so rigoros instrumentalisieren zu lassen, ist mit unserer Musik und Haltung nicht vereinbar. Dann lieber Lohnarbeit, bevor ich meine eigene Musik opfere.

Kein Interview ohne die obligatorische Frage, ob dir irgendein Live-Erlebnis in Erinnerung geblieben ist, was besonders cool war?!
Die Gala-Konzerte in Hamburg, Berlin, Köln nach 7 Jahren Pause waren unglaublich intensiv und gut. Ich finde es auch heftig wie emotional manche Leute auf unseren Konzerten reagieren, mich nimmt das richtig lange mit wenn Leute weinen und völlig enthemmt auf Songs reagieren.

Noch kurz, wie kam es eigentlich zu deiner Mitgliedschaft bei Station 17… und für alle die hier nicht im Bilde sind, was hat es mit der Band auf sich?
Ich bin Ende 2008 über meinen Freund Peter Tiedeken (u.a. Ex-Robocop Krauss) zu der Band gekommen. Peter war damals Bassist bei Station 17. Wir sind eine inklusive Band, d.h. bei uns spielen Menschen mit und ohne Behinderung zusammen und wir spielen zeitgenössischen Krautrock. Jetzt gerade arbeiten wir am 10. (!) Studioalbum, das wir in Kollaboration mit Künstler*Innen wie Faust, Datashock, Andreas Spechtl, Ulrich Schnauss, Andreas Dorau u.a. anderen aufnehmen.

Wie sieht die Zukunft von Alex Tsitsigias aus… wird es nochmal eine Solo-Scheibe geben, wann kommt dein erstes Buch? Sind noch andere Projekte geplant?
Haha, nee, ich hab aktuell kein Buch in Planung. Jetzt gerade ist eine neue LP meiner Band Little Whirls erschienen. Die Platte heisst „Rearrange the comfort zones“ , und wer intime Lo-Fi-Rock-Songs mag, sollte da ggf. mal reinhören: https://littlewhirls.bandcamp.com/releases

Solo Platte – ja vielleicht, aber erstmal liegt mein Fokus auf Schrottgrenze und Station 17 (letztere planen ein neues Album für 2018 bei den reizenden Kollegis von Bureau B).

 

Zum Ende des Interviews würde ich dir gerne ein paar Sätze in den Mund legen, die du vielleicht liebenswürdigerweise zu Ende beantworten möchtest?!

Hamburg ist die schönste Stadt der Welt,
weil wir mit Elphi und G20 Berlin einmal mehr den Rang ablaufen (Hust).

Mein Studium der Sozialen Arbeit hat mich motiviert wieder Texte zu schreiben und Musik und Politik aufzusaugen.

Wenn ich irgendwann einmal ganz viel Zeit habe werde ich ein Tonstudio in Griechenland eröffnen.

Wäre ich kein Musiker geworden, dann wäre ich gerne Visagist oder Sozialarbeiter.

Folgende Person beeindruckt mich und ich würde daher gerne einmal kennenlernen…
Genesis P-Orridge!

Welche Schlagzeile würdest du gerne irgendwann mal in der Zeitung lesen – Trump und Putin legen Ämter nieder und kriechen in Sack und Asche zum IGH nach Den Haag!

 

Vielen Dank für das ausführliche und interessante Interview! Möchtest du unseren Lesern noch etwas auf den Weg mit geben?
Shoutout an alle die immer noch mitlesen – besucht uns auf Tour , es lohnt sich bestimmt! Daten findet man ☺ Feiert sexuelle Vielfalt – seid sichtbar und habt Spaß!

Die Schrottgrenze Homepage