1987 : Willy Brandt gibt den Vorsitz der SPD ab, Matthias Rust landet mit einer Cessna auf dem Roten Platz von Moskau, die Barschel-Affäre erschüttert Schleswig-Holstein. Alles verdammt lange her, oder?

Der HSV wird DFB-Pokalsieger – nun ja, haben die danach eigentlich noch was gewonnen? Egal! Der gerade wachsende Kultklub in Hamburg, der FC St. Pauli, frisch in die 2. Liga aufgestiegen, scheitert in der Relegation knapp am Aufstieg in die Bundesliga (ein Jahr später gelingt es). Aber das Schlimmste ist, Modern Talking läuft im Radio und im TV rauf und runter – schlimm.

Eines Tages, der 13-jährige und spätere Handwritten-Mag.de-Redakteur sitzt vor dem Radio und lauscht der Fußballübertragung als allen Ernstes ein Song namens “Am Tag als Thomas Anders starb” erklang. Im Radio! Wahnsinn, und heute irgendwie undenkbar! Man ist verwundert, es ist ja doch schon starker Tobak, aber meinen Humor trifft es irgendwie – ich mochte noch nie vollkommen gehypte Musik und Modern Talking schon gar nicht –  und der Country-/Punkstil der Band! Klasse! Also benötige ich dringend das Album der Band. Dafür musste ich einen Ausflug in die größere Nachbarstadt unternehmen!

Nun ja, das Plattencover verspricht einiges: vier Punks flüchten offenbar vor einer Horde Demonstranten, die Plakate mit den Titeln “Porsche, Genscher, Hallo HSV” in der Hand halten. Auf der Rückseite, ziehen die Demonstranten ab und lassen die Band vermöbelt und übel zugerichtet zurück! Unfassbar!

 

29 Songs beinhaltet die heutige CD, teilweise wurden diese als Maxi-Single schon vorab veröffentlicht, wie beispielsweise das Juliane-Werding-Cover “Am Tag als Connie Kramer starb”, was ja dann bekanntlich zur Modern-Talking-Goldkette Thomas Anders umgedichtet wurde. Die damalige LP hatte 17 Songs, dazu kommen die Maxis “Am Tag als Thomas Anders starb/Doris ist in der Gang” sowie “Das ist Rock – Live in Japan”. Witzig: Diese Platte war weiß mit rotem Innenlabel und sah aus wie die japanische Flagge!

Die Platte (ja, ich hatte es wirklich als Schallspielplatte – CDs waren zwar schon im Verkauf, aber noch nicht sehr verbreitet) hatte noch viele weitere Höhepunkte: mit der Alphaville-Coverversion von “Forever young” zu “Für immer Punk” gelang ein Punkrock-Klassiker für die Ewigkeit, der mit vielen Gastmusikern bestückt wurde (beispielsweise von Slime, den Ärzten und den Toten Hosen).

Weitere Höhepunkte des Albums sind: “Punklektion” – hier geht es schnell und hart zur Sache. “St. Pauli Boys” war besonders eingängig. “Zu alt” ist eine tolle Hymne für verlassene, männliche Teenager.

Die Zitronen haben auch gerne gecovert, neben den oben erwähnte Songs finden sich Cover zu Volker Lechtenbrinks “Ganz doll dich” (bei den Zitronen “Ganz Doll Schnaps”) – “Rocken durch die ganze Welt” – ist eigentlich Status Quos “Rockin all over the world”, für den Liveauftritt in Japan wurde sogar eine Strophe in Japanisch eingespielt.

Auch textlich hat „Porsche, Genscher, Hallo HSV“ einiges zu bieten: Da wäre zum einen der Titelsong selbst, “Was heißt Porsche, Genscher, Hallo HSV?”. Man hört den Text und wundert sich, aber wie Sänger Schorsch Kamerun mal später im Interview mit der Taz zum Tode Genschers erklärte, stehen alle drei Namensteile für Dinge, die man nicht gerade angenehm empfindet: Porsche für die Macht der deutschen Industrie, Genscher für den Politiker, der heute zwar für seine Verdienste rund um die deutsche Einheit gesehen wird, aber diese war 1987 nunmal noch Zukunftsmusik. Hier steht der Name für einen Politiker, der die FDP von dem (Rest-)Sozialen und zu einer konservativen Partei eines als streng empfundenen Staates machte. Und der HSV: nun ja, wer die Fanszene – insbesondere der 80er Jahre – kennt, weiß auch, dass sich gerade im Stadtteil St. Pauli der HSV nicht größter Beliebtheit erfreut. Und wenn Sänger Schorsch auch noch jemanden in der U-Bahn trifft, der sich “Hallo HSV” auf die Stirn hat tätowieren lassen, dann muss sowas einfach in einen Song verarbeitet werden! Gut gemacht, Zitronen!

Auch „Zitronenmord“ zaubert in seiner Abstrusität ein Lachen ins Gesicht. Besungen wird hier eine Mordserie, in der nach und nach alle Sänger in Hamburg ermordet aufgefunden werden – “sie lagen alle tot, mit ner Zitrone im Maul da” – bis letztlich nur die Goldenen Zitronen übrig bleiben. Offen bleibt die Frage, wer denn nun der Mörder war? Wie kommt man auf sowas?

Bei den Texten fällt im Übrigen auf, dass es wohl harte Zeiten auf Hamburgs Straßen waren – die Band wird nicht nur auf dem Plattencover, sondern auch in den Songs irgendwie häufig verprügelt. Teilweise wird dieses beiläufig erwähnt wie beispielsweise in “Porsche, Genscher, Hallo HSV”, “Dein langes Haar” oder “Doris ist in der Gang”.

Besonders hervorheben muss man jedoch “Ihre Faust so fest”. Hier wird besungen, wie man sich in ein “Skinheadmädchen” verliebt, die einem jedoch beim ersten blöd Angrinsen direkt verprügelt. Lustigerweise machte man sogar einen zweiten Song daraus mit “Ich vermisse dich (Skinheadmädchen II)”, in dem der nachfolgende Liebeskummer besungen und durch die Ballade musikalisch transportiert wird. Man könnte fast einen autobiografischen Hintergrund vermuten – man weiß es nicht! Aber großartig sind die Songs allemal.

Stilistisch erinnern viele Songs aufgrund des Gitarreneinsatzes an Country-Musik („Freunde, Tante Dolly, Unsere Heimat“).

Was bleibt 30 Jahre nach Veröffentlichung von „Porsche, Genscher, Hallo HSV“? Damals war ich 13 (nun weiß jeder mein Alter) und meine Tochter ist es heute. Es ist spannend zu sehen, wie sie dieses Album für sich entdeckt wie ich damals – sie wollte mir die CD entwenden. Aber was genau halten wir da nun – inzwischen als CD, mangels Plattenspieler – in den Händen?

Es war Spaß. Die Goldenen Zitronen galten als “Fun-Punk”-Band, sicherlich auch wegen vielen improvisierten Auftritte in Blümchenkleidung. Songs wie “Im Dorfkrug”, was die Kneipenatmosphäre spiegelt oder “Marihuana” spiegeln den Spaßfaktor wieder. Letzterer Song wirkt, als wäre er mal eben spontan im Proberaum eingespielt worden. Man lernt zudem, dass man auch “Ohne Beine” die Sportschau sehen kann – Weltklasse!

Aber war es nur Spaß? Es würde den Goldenen Zitronen nicht gerecht werden, sie als reine Fun-Punk-Band zu bezeichnen. Sie waren gesellschaftskritisch, was auch auf „Porsche, Genscher, hallo HSV“ zu finden ist – beispielsweise im Song “Sklavenkarawane”.

Und sie waren politisch, wie man in der Benennung “Genschers” entnehmen kann. Der Song “Angelogen”, beschäftigt sich auf humorvolle Weise mit der SPD und ist fast schon zeitlos (abgesehen davon, dass Bonn nicht mehr Hauptstadt ist). Also heutzutage wäre es auf der Juso-Tagung sicherlich genauso angebracht wie damals. Ansonsten ist es natürlich auch Geschichtsunterricht, den vieles muss man im zeitlichen Kontext sehen.

Aber eines war es 1987 und ist es 2017 noch immer:

Ein absolutes Meisterwerk! Legändär!

Und so möchte 30 Jahre später nochmals Danke sagen und den nicht vorhanden Hut ziehen vor den Herren Schorsch Kamerun, Ted Geier, Ale Sexfeind und Aldo Moro!

Tracklist:

  1. Diebe sind im Haus
  2. St. Pauli Boys
  3. Der Brief
  4. 12 Jahre hinter Gitter
  5. Im Dorfkrug
  6. Freunde
  7. Ganz doll
  8. Marihuana
  9. Porsche, Genscher, Hallo HSV
  10. Dein langes Haar
  11. Sklavenkaravane
  12. Horst, Schorsch und Dieter
  13. Ich vermisse dich (Skinheadmädchen II)
  14. Tante Dolly
  15. Punklektion
  16. Für immer Punk
  17. Das Punk
  18. Am Tag als Thomas Anders starb (Maxi Am Tag als Thomas Anders starb / Doris ist der Gang)
  19. Doris ist in der Gang
  20. Unsere Heimat
  21. Ihre Faust so fest (Skinheadmädchen)
  22. Zitronenmord
  23. Ohne Beine
  24. Das ist Rock (Maxi: Das ist Rock – Live in Japan)
  25. Zu alt
  26. Rocken durch die ganze Welt
  27. Angelogen
  28. Rocklektion
  29. Nuestro Mexico