H2O und mich verbindet eine lange gemeinsame Geschichte. Sie waren die erste Hardcoreband die ich Live gesehen habe, das muss so ’96 oder ’97 rum gewesen sein. Damals spielten sie als erste von drei Vorbands vor Dog Eat Dog, die damals grade auf dem Höhepunkt ihres Erfolgs waren. Ich war direkt geflasht von ihrer Energie und der positiven Message. Über die Jahre hinweg habe ich die Jungs immer wieder live gesehen und ich besitze jedes Album der Band. Dementsprechend groß war die Vorfreude bei mir, die neue H2O Platte rezensieren zu können und als genau so schwer stellte es sich dann auch raus. Normalerweise versuche ich, das Review immer pünktlich zum Veröffentlichungstermin fertig zu haben, doch das wollte mir hier einfach nicht gelingen. Zu hin und hergerissen war ich.

Warum? Vermutlich weil H2O mit „Nothing to prove“ wohl DAS Album ihrer Karriere abgeliefert haben, mit dem sich jetzt jede Platte messen muss. Und auf’s erste Hören war ich dann von „Use your voice“ enttäuscht. Vom Sound her näher an der Cover-Platte „Don’t forget your roots“ gelegen, fehlt der Platte irgendwie der große Ohrwurm. Aber im Grunde hat sie alles, was man von einem H2O Album erwartet: Songs, die sofort ins Ohr gehen, reichlich Singalongs und Shouts, genug Stellen zum Fingerpointen, Themenmäßig ist von PMA, über Freundschaft & Liebe bis hin zum Skateboarden alles dabei. Und auch aktuelle Themen wie der Einfluss der Social Media Networks auf unser Leben oder Tobys Rolle als Vater finden Einzug. Die Songs gehen gut nach vorne, sind aber noch melodiös, etwas mehr Punk als Hardcore, vielleicht sogar noch etwas poppiger als die Vorgänger (In „Popage“ singt Toby Morse auch „Pop music is what I’m playing“).

Warum wurde ich also mit der Platte verdammt noch mal nicht warm? Im Grunde war es ganz einfach: Der Vergleich mit der „Nothing to prove“. Das ist, wie wenn man jede Gaslight Anthem Platte mit der „’59 Sound“ misst. bei Pennywise immer wieder die „About time“ zum Vergleich zieht oder bei Social Distortion die „White Light, White Heat, White Trash“. Und seitdem ich diesen Vergleich ausgeblendet habe,  ist die „Use your voice“ gewachsen. Plötzlich machen die 11 Songs richtig Spaß, man bekommt unweigerlich Lust mal wieder durch die Menge zu springen und laut mitzushouten, während die Band auf der Bühne alles gibt. Oder sich sein Skateboard zu schnappen und mal wieder ein paar Runden durch die Stadt zu heizen.

Ich bin froh, dass ich mir mit dem Review so lange Zeit gelassen habe, sonst hätte ich der Platte vielleicht unrecht getan. Natürlich hat sie immer noch kein „What happened?“ oder „Nothing to prove“, aber H2O haben dennoch geschafft, den Fluch, quasi schon alles erreicht zu haben, zu brechen und liefern eine grundsolide Platte ab, die zwar typisch H2O ist, aber dennoch auch über den Tellerrand blickt und nicht versucht, eine Kopie vom Erfolgsalbum zu sein. Manche Alben sind eben „grower“ und wachsen mit der Zeit.

Anspieltipps sind „Thick and thin“ und „From the heart“

h20

Use your Voice
1. Black Shell
2. Skate!
3. Thick and thin
4. Use your voice
5. Father figure
6. From the heart
7. Popage
8. LYD
9. Still dreaming
10. #NotRealLife
11. True romance

H2O - Use your voice (Bridge Nine Records, 09.10.2015)
4.0Gesamtwertung