Klein, familiär und mit massig guten Bands. So hat sich dieses Jahr das Großefehn Open Air in Ostfriesland präsentiert. Zwischen Leer und Aurich im hohen Norden der Republik gelegen, versprüht dieses kleine Eintagesfestival und ihre Besucher mächtig Charme.

Ich war vor Ort und habe mich für euch umgesehen und natürlich ordentlich getanzt.

 

Anfahrt

Mit massig Vorfreude im Gepäck, machte ich mich von Bremen auf die knapp 1,5-stündige Reise nach Ostfriesland. Dort angekommen war vom üblichen Festivalstau nichts zu sehen und ein Parkplatz für das Punkrockmobil war dank der sehr netten Einweiser sehr schnell gefunden.

Geparkt wurde auf einer Wiese, die bei der Anreise dank des vorherigen Regens bereits in einen Matschspielplatz verwandelt wurde. Das war aber aufgrund der guten Einweisung der Ordner kein Problem. Selbige halfen auch tatkräftig beim rausschieben des Autos beim Verlassen Geländes, denn das Wetter wurde zwischenzeitlich nicht wirklich besser. Dazu aber später mehr.

Noch einen kurzen Schauer abwarten und ab ging es zum Einlass. Auch hier war von Warteschlangen nichts zu sehen und so konnte es schnell auf das Gelände gehen, nicht ohne zu bemerken wie freundlich und engagiert Kassenpersonal und Security waren. Das habe ich auf vielen Festivals schon anders erlebt. Daher hier nochmal ein großes Lob in diese Richtung.

Location und Preise

Matschente

Die Matschente

Das Festivalgelände ist ein rechteckiger, abgezäunter Bereich auf einem Feld. Von der klassischen Bratwurst über Chinesisch, Pizza und Waffeln, bis hin zu bayrischem Leberkäse gibt es hier alles, um eine gute Grundlage für die Versorgung mit Flüssignahrung zu schaffen. Längere Wartezeiten gibt es hier höchstens, wenn die Bühne umgebaut wurde.

Die Preise sind dabei festivaltypisch eher hoch. So kommt das 0.25 l Bier auf 2,50 €. Bratwurst für 2,00 bis 2,50 € ist dabei aber vollkommen im Rahmen. Die Tickets gab es für 35 € an der Tageskasse, im Vorverkauf lag der Preis bei rund 30 €.

Matsch

Landunter in Ostfriesland

Gespielt wurde auf zwei Bühnen. Auf der Hauptbühne fand das eigentliche Geschehen statt. Die Strandbühne, die in diesem Jahr neu war, wartete mit Unterhaltungsprogramm und kurzen Konzerten während den Umbaupausen auf.

Bands und Sound

Wer jetzt denkt, dass sich im tiefen Ostfriesland nur kleine Bands die Ehre geben, liegt komplett falsch. Der Blick auf das Line-Up fördert einige Highlights zu Tage:

Hauptbühne:

ZORROWS
ANTIHELD
HI ! SPENCER
A TRAITOR LIKE JUDAS
LOTTE
LEONIDEN
KILLERPILZE
MR. HURLEY & DIE PULVERAFFEN
JUPITER JONES (Abschiedsshow)
DONOTS
LE FLY

Strandbühne:

KNALLFROSCH ELEKTRO
FAT BELLY
THE NEW ACCELERATORS

 

Um eins vorweg zu nehmen: Über den Sound konnte man zu keiner Zeit meckern, hier stimmte einfach alles.

Da ich mir mit der Anreise etwas Zeit gelassen hatte, kam ich erst zum Beginn von Antiheld auf den Platz und habe Zorrows verpasst.

Antiheld

Antiheld beim Großefehn Openair

Zugegeben Antiheld hatte ich vorher noch nie wirklich auf dem Schirm, es dauerte aber nur zwei, drei Takte und das Festivalfeeling war sofort da. Angesiedelt zwischen Pop und Punk lieferten die Stuttgarter Jungs ein sehr kraftvolles Konzert ab. Spätestens als „Ficken für den Weltfrieden“ gespielt wurde, verselbstständigten sich die Füße und die Menge tanzte und sang, was das Zeug hält.
Antiheld muss ich mir auf jeden Fall nochmal genauer ansehen, hier ist definitiv Fanpotential existent.

Hi! Sepncer Großefehn

Hi! Spencer liefern ordentlich ab

Im Anschluss folgte mein erstes Highlight Hi! Spencer. Die Indie-Punks aus Osnabrück habe ich irgendwann 2016 für mich entdeckt und wer auf charakteristische, kernige Stimmen steht, sollte hier unbedingt mal rein hören. Das erste Mal konnte ich Hi! Spencer in einem kleinen Club in Oldenburg live sehen, was leider nicht die beste Erinnerung hinterlassen hat.

Dieses Konzert sorgte erst mal für Enttäuschung, da der Sound echt schlimm war und man von der grandiosen Stimme nichts hören konnte. In Großefehn gab es also die zweite Chance mein Herz als Liveband zu erobern und das hat voll geklappt. Grandioser Sound, großartige Stimme und Songs, ich war zum ersten Mal für diesen Tag im siebten Musikhimmel.

A trator like Judas

A traitor like Judas

Wie bekommt man die letzten schlafenden Festivalgänger wach? Richtig mit einer kraftvollen Portion Metalcore. Diesen Weckdienst haben A traitor like judas aus Braunschweig erfolgreich übernommen. Auch der starke Regen konnte niemanden vom Tanzen und Pogen abhalten.

Lotte

Lotte performt mit einer großartigen Stimme

Etwas ruhiger ging es danach mit Lotte weiter. Eigentlich mit Band angereist, sorgte der Starkregen dafür, dass sie nur mit Gitarre und Keyboardbegleitung auf der Bühne stand. Hätte sie es nicht selbst erzählt, hätte es wohl keiner mitbekommen. Was das Publikum zu hören bekommen hat, war ein unglaublich gutes Singer/Songwriter-Konzert, einer überaus talentierten und sympathischen Musikerin. Einen neuen Fan hat sie damit auf jeden Fall gewonnen!

Leoniden

Leoniden trommeln die Menge wach

Für das zweite Gewitter des Tages sorgte nicht das Wetter, sondern die Leoniden. Mit einem hyperaktiven Sturm aus flotten Beats und feinstem Indie-Rock wurde das Publikum nochmal ordentlich zum Regentanz animiert.

Killerpilze

Killerpilze Großefehn

„Verdammt, ist der alt geworden“, war mein erster Gedanke als die Killerpilze die Bühne betraten. Meine letzte musikalische Erinnerung an die Truppe ist 16 Jahre alt und ich habe sie bloß als Bravocover-Band wahrgenommen. Eine direkte Antwort auf meinen inneren Gedanken lieferten die Band direkt mit „Wir sind immer noch jung“ ab. Was das Publikum hier gesehen hat, war eine sehr solide Pop-Punkshow.

Mr Hurley und die Pulveraffen

Piratenspaß auf dem Großefehn Openair

Die Piratenflagge hoch und Segel setzen Richtung Tortuga, hieß es danach mit Mr. Hurley & Die Pulveraffen. In authentischen Kostümen, und einem klasse Bühnenbild feuerten die Jungs ein Feuerwerk an Piratensongs ab. Die Stimmung war hier ordentlich am Kochen. Für mich definitiv eins der Highlights an diesem Tag.

Auf den nächsten Auftritt war ich echt gespannt. Seitdem Nicholas Müller die Band Jupiter Jones verlassen hat, habe ich mich davor gedrückt die Band nochmal live zu sehen. Das lag insbesondere daran, dass die Texte von Nicholas seit vielen Jahren zu meinen Lieblingsliedern gehören. Die Zeile „Auf das Leben“ hat es sogar in eins meiner Tattoos geschafft. Verweise auf Hermann Hesse, das gehobene Glas für John Keating (Dem Lehrer aus „Club der toten Dichter“), wie man sie zum Beispiel auf „Raum um Raum“ findet, sind für mich mit weitem Abstand die besten deutschsprachigen Musiktexte, die je geschrieben wurden. Hat man die spätere Leidensgeschichte von Nicholas verfolgt, wird einem umso mehr klar wie viel Echtheit in jedem einzelnen Wort seiner Texte steckt.

Jupiter Jones

Jupiter Jones Großefehn

Seitdem hatte ich die Angst, dass ein Konzert mir die Freude an der Band nimmt. Leider ist es auch irgendwie so gekommen. Das liegt sicher nicht daran, dass ich den Gesang nun schlecht finde, es fehlt bei den alten Texten aber schlichtweg die Authentizität und das pure Wahre, wie Nicholas es transportiert hat. Um fair zu bleiben, hatte ich versucht mir wenigstens die neuen Songs objektiv anzuhören. All das, was früher Jupiter Jones ausmachte, fehlte mir hier leider komplett. Einerseits eine passable Coverband der alten Lieder und anderseits eine neue Band die sich musikalisch und von der textlichen Finesse auf dem einfach gestrickten Niveau von Revolverheld bewegt. Ich glaube, es war von vornherein einfach unmöglich als Band hier das eigene Erbe anzutreten. Vielleicht ist die Band auch deswegen momentan auf Abschiedstour. Trotz meiner kleinen Fanmotzerei bin ich auf jeden Fall gespannt, was wir zukünftig von den einzelnen Bandmitgliedern hören werden. Hier schlummert definitiv noch eine Menge Potential.

Donots

Donots

Lauter als Bomben“ ging es dann auf den Höhepunkt des Abends zu. Die DONOTS haben auf gewohnte, kraftvolle Art ein klasse Konzert abgeliefert. Dabei hatte Ingo jedoch noch Glück, dass er lebend davongekommen ist, hat er es doch tatsächlich gewagt Nord- und Ostfriesland zu verwechseln. Ihm wurde dies aber schnell verziehen und so endete der Abend für mich mit einer grandiosen Show.

Le Fly habe ich mir nicht mehr mit angesehen. Liegt einerseits daran, dass ich die Jungs schon diverse Male erleben durfte und andererseits daran, dass ich mein Auto noch aus dem Matschspielplatz abholen musste.

 

Fazit

Es hätte mich nicht gewundert, wenn es hier auch einen Getränkestand nur mit Ostriesentee gegeben hätte. Das Großefehn Open Air bietet alles was man von einem Eintagesfestival erwartet.

Klasse Bands, tolles Rahmenprogramm und genug für Magen und Leber. Der besondere Charme entsteht sicher auch aus der Mischung von typischen Festivalgängern und dem Besuchern aus der Nachbarschaft. Hier entsteht eine ganz eigene Mischung, die man sonst nirgends auf einem Festival findet.

Daher lautet meine klare Empfehlung für nächste Jahr: Hin zum Großefehn Openair!