Im Rahmen der Hamburg-Show im Logo habe ich Nathan Gray und Daniel Smith zum Small Talk im Backstagebereich getroffen. Da Nathan oft die Punkgemeinde ein wenig spaltet mit seinen Ansichten, prominentes Mitglied in der Church of Satan und das neue Album so völlig anders ist, war ich entsprechend gespannt auf den Mann hinter Boysetsfire und diversen anderen Projekten. Hier also unser Smalltalk.

 

 

Sven:

Die Reaktionen auf „Until the Darkness Takes us“ waren sehr unterschiedlich. Es gab viele Leute die Platte und vor allem Atmosphäre sehr mögen, aber es gab auch die „Oh nee“ Reaktionen. Habt ihr damit gerechnet?

Nathan:

Ja, wir haben damit gerechnet. Es kann nicht für jeden etwas sein. Ich akzeptiere ihre Meinung, wenn sie tun wollen was sie lieben und ich akzeptiere sie, wenn sie mich darin genauso akzeptieren. Man muss sich einfach nur gegenseitig respektieren. Wenn es dir nicht gefällt, bleib halt weg. Aber wenn Jemand kommt und sagt „Das ist völliger scheiß, weil es nicht Boysetsfire ist!“, dann sag ich auch „Ach komm, fick dich!“. Aber wenn er sagt „Oh, das ist nichts für mich!“, dann ist das cool. Kein Ding. Wir wollten nun auch nicht alle Boysetsfire-Fans abgreifen und mitnehmen.

Daniel:

Als wir die EP mit den ersten vier Songs veröffentlicht haben, war das für uns auch eine Art Test. Wir wussten das wir etwas völlig anderes machen. Nicht nur in Bezug auf Boysetsfire, sondern auch gegenüber einer Menge Musik da draußen. Es passt in keine Kategorie und in kein Genre. Wenn es nach der EP alle gehasst hätten….

Nathan:

Dann hätten wir wohl verkackt.

Daniel:

Genau. Aber wir haben besseres Feedback bekommen, als wir erwartet hätten. So hatten wir dann den Rückenwind für dieses Album. Und wie bei jedem Nebenprojekt oder Soloding haben wir halt auch andere Fans dabei. Es ändert sich eben einiges. Also kann man schon sagen es war ein „Liebt es oder hasst es“. Von daher hat es uns nicht überrascht.

Sven:

Hat sich denn eure Fanbase merklich verändert und treiben sich auf der Tour nicht nur Hardcore-Punkkids rum, die lieber Boysetsfire hören wollen?

Nathan:

Ja, so ist es. Und das begrüßen wir sehr. Wir wollten ja auch ein wenig neue Pfade einschlagen. Wir wären auch tatsächlich enttäuscht gewesen, wenn wir hier nur Boysetsfire-Fans sehen würden. Was wir machen ist auch völlig anders und für uns auch einzigartig. Wir wollen neue Leute anlocken, denen gefällt was wir tun.

Sven:

Also ich persönlich kenne viele Leute, die eigentlich aus der Punk- oder Hardcorerichtung kommen, aber diese Art von atmosphärischer Musik auch lieben. Aber eben auch die, die sagen „Hau mir ab mit dem Satanistenscheiß“. So wie meine Mutter.

Nathan:

Also mit der Band ist es so, dass hier nicht irgendwo steht „Ich bin ein Satanist!“. Das ist meine persönliche Art der Inspiration. Das ist meine Sache. Aber diese Band ist keine satanistische Band. Und selbst wenn sie es wäre, wär es auch völlig egal. Ich bin nicht hier um Satanismus zu predigen. Was wir tun, ist Musik zu machen und eine Philosophie zu transportieren, die Menschen mögen und annehmen können. Wenn du jetzt hier rausgehen würdest und sagen würdest „Roooahh ich bin ein Satanist“ (dabei werden wilde Gesten gemacht)….

Sven:

Das wär mega witzig.

Nathan:

Ja genau. Das wär witzig. Und außerdem würdest du Leute verstören. Und wir wollen Leute nicht verstören oder uns auf dieses Ding reduzieren. Und am Ende ist die Philosophie hinter dem was Daniel und ich zusammen machen die Selbststärkung. Es ist die Selbststärkung mit einem dummen Namen, den die Leute nicht verstehen.

Was mich wirklich interessiert ist Inspiration für Menschen zu sein. Die Schädel und dieser ganze Kram ist nicht im morbiden Sinne dabei, sondern im Sinne der Philosophie. Nämlich an den Tod zu erinnern. Zum Erinnern an den Tod und die Vergänglichkeit des Lebens. Theoretisch könnten wir auch Blumen und bunte Farben dabei haben und das so alles ein wenig romantischer machen.

Also wir sind wirklich keine satanistische Band und müssen das auch nicht sein. Wir wollen etwas komplett anderes machen und etwas was noch nicht gemacht wurde. Es gibt auch die Bands die Satanismus benutzen um sich selbst zu bewerben. Das machen wir nicht und haben das auch nicht vor.

Daniel:

Wenn du dir die Texte auf dem Album anhörst und nicht weißt woher die Inspiration von Nathan kommt, kannst du nie von den Texten auf die Quelle schließen. Und wenn du das Album hörst, ganz egal was deine Philosophie ist, geht es nur um „Du selbst sein“ und sich selbt nicht von irgendeinem System abhängig zu machen. Oder von anderen Menschen oder anderen Organisationen und sein Leben selbst in die Hand zu nehmen und für sich selbst verantwortlich zu sein. Für mich war bei diesem Album wichtig, dass Nathan zu allen Menschen damit sprechen kann und nicht nur zu Leuten mit einem bestimmten Gedanken oder einer bestimmten Lebenseinstellung.

Sven:

Ich denke gerade in den letzten zwei Jahren, mit der EP, war vermutlich jede zweite Interviewfrage zum Thema Satanismus, oder?

Nathan:

Ja, die Leute sind interessiert. Das ist auch ok. Wir haben eine Weile gebraucht um uns selbst als Band zu finden Wir haben das dann auch ein wenig zurückgeschraubt und uns persönlich mehr ins Spiel gebracht. Wir können von Satanismus, Buddhismus oder auch uns selbst als Menschen inspiriert sein. Du brauchst keine Ideologie. Du kannst von allem inspiriert sein. Wichtig ist jetzt nur, wie wir das dann zum Publikum transportieren.

Sven:

Wie würdet ihr die Themen auf „Until the Darkness Takes us“ zusammenfassen? Eine Reise zu sich selbst?

Nathan:

Ja, ich würde sagen von Anfang bis Ende eine Reise zu sich selbst durch die Sterblichkeit. Von der Unterwerfung zur Selbstvergötterung. Also eine Unterwerfung von jeder Art Authorität. Physische Authorität oder spirituelle Authorität. Die eigene Entwicklung und die Person die daraus erwächst. Im Gegensatz zum Buch halten wir das Album offen, so dass jeder seine eigene Reise, sein eigenes Ding daraus machen kann.

Daniel:

Musikalisch ist das Kopfhörer aufsetzen, Play drücken, Augen schließen und ein Abenteuer im Geist erleben. Eine Reise durch Emotionen, Drama und Schmerz, aber auch Freude.

Nathan:

Es ist ein Film aus Tönen.

Daniel:

Es ist ein Soundtrack zu einem Film, den es nicht gibt.

Sven:

Ich habe manchmal das Gefühl, als würde es Leute geben, die auf den nächsten Nathan Gray Facebookpost warten, um diesen wieder missverstehen zu können. Geht es dir auch so, Nathan?

Nathan:

Absolut. Ich hab das Gefühl auch manchmal. Viele Leute suchen die Auseinandersetzung. Sie wollen dir einen Stempel aufdrücken. Einfach weil es einfacher ist. Das ist genau das, über das wir auf dem Album reden. Menschen wollen Schubläden und aufgedrückte Stempel. Aber so einfach ist es nicht. Es ist nicht die Wahrheit. Niemals. Wenn du eine besondere Sichtweise hast, heißt das nur das du diese Sichtweise hast. Und deine Ideen können daraus erwachsen. Ohne das man sich selbst dadurch in eine Schublade steckt. Aber die Leute fühlen sich dadurch sicherer. Wie bei Musik. „Warum magst du diese Musik?“ Es passt nicht in meine Sichtweise, also geht das nicht.

Ja, also Leute suchen den Stress und die Auseinandersetzung. Aber ich habe damit auch manchmal gespielt. Ich bin nicht ganz unschuldig.

Und am Ende des Tages ist es nur scheiß Facebook. Also was soll das. Ein kleiner Kommentar gibt dir kein echtes Bild von einem Menschen. Social Media halt.

Sven:

Die Leute folgen dir ja auch weiterhin und sie interessiert ja scheinbar was du schreibst.

Nathan:

Ja, so ist es. Manchmal schreibe ich ja auch etwas und gucke wer da gleich so drauf anspringt. Du kannst dadurch ja auch etwas über die Leute lernen. Es ist einfach Social Media. Wenn Leute das zu ernst nehmen, führt das zu der größten Scheiße die man sich so vorstellen kann. Menschen können sehr einfach sein.

Sven:

Deine Art des Lebens, deine Art Satanismus hört sich an wie eine Art Freiheit für dich. Ein „für sich selbst verantwortlich sein“. Kein Anführer. Kein Gott.

Ich selbst habe die Religionen mit 16 hinter mir gelassen und fühle mich frei. Warum brauchst du eine Organisation wie die Church of Satan um diese Freiheit zu haben?

Nathan:

Brauch ich nicht.

Sven:

Nein?

Nathan:

Nein!

Sven:

Scheiße. Die Frage fand ich so gut und nun ist sie mit einem Satz beantwortet.

(an dieser Stelle wird erstmal 5 Minuten herzlich von allen gelacht)

 

Nathan:

Ich finde die Frage sehr gut. So kann ich dazu wenigstens mal Stellung nehmen. Also ich brauche es nicht und es braucht mich nicht. In meinem Buch erkläre ich es ein bisschen. Satanismus ist keine Philosophie von „etwas brauchen“. Es ist nur eine Gruppe von Individuen, die über ein Buch verbunden sind. Also quasi wie ein Buchclub. Wir brauchen aber ein bisschen die Dämonisierung des Ganzen. Am Ende weiß ich sicher, als aktives Mitglied, das wir nicht diese Kapuzen, umgedrehte Kreuze und „aarrrrr Satan!“ suchen, weil das Schwachsinn ist. Es ist eher wie ein sozialer Club für Indiviualisten, wo wir freundschaftlich verbunden sind und ein Buch lesen. Also nicht nur das eine Buch. Es ist kein personenbezogener Kult.

Auf der anderen Seite ist Peter Gilmore ein guter Freund von mir. Ein wunderbarer Mensch. Wir bewegen uns mit der Organisaton momentan nach vorne. Weg von diesem Schwachsinn. Vor allem dem Öffentlichen. (Gelächter). Wir räumen ein bisschen mit den Klischees auf. Wobei auch diese ihre Zeit hatten. Und jetzt ist diese Zeit vorbei.

Ich finde einfach ein wenig zu mir selbst dadurch. Auch in der Satanischen Bibel habe ich einige Dinge gefunden, die mir weitergeholfen haben. Schließlich bin ich ja nun auch ein Satanist. Aber es war jetzt kein „Ah, jetzt habe ich es!“, sondern es war sehr am Boden geblieben. Psychologie.

Egal. Alles was es dazu eigentlich zu sagen gibt ist, dass es nicht wichtig ist. Es ist egal ob ich ein Satanist bin. Wie mit diesem Schluck Wasser hier. Wenn ich es trinke ist es gut für mich, aber dir ist es völlig egal. Also. Und was ich mache und Daniel hilft mir dabei, ist davon wegzukommen und nur uns unter die Leute zu bringen. Und hey, ich werde nicht bezahlt ein Satanist zu sein. Das ist Peters Job. Ich brauch keine Werbung dafür machen. Wovor soll ich dich schon beschützen?

Sven:

Vor mir selbst vielleicht?

Nathan:

Ja, aber was juckt es mich? Ich finde es nicht wichtig das jeder ein Satanist sein sollte oder so. Es ist nicht wichtig für mich das irgendwer irgendwas ist. Ich find es gut wenn Leute irgendwas sind. Buddhist oder sonstwas. Es ist wichtig das Menschen glücklich sind. Ich habe das schon oft gesagt. Glückliche Menschen lassen Menschen glücklich sein. Mehr nicht. Das ist das verdammte Fazit. Denn wenn du unglücklich bist, machst du mich unglücklich. Und das ist scheiße. Also ob du Christ, Buddhist, Moslem oder was auch immer bist. Wenn du glücklich bist, gehst du mir nicht auf den Sack. Und dann ist alles super.

Sven:

Da sind noch andere bekannte Gesichter in der Church of Satan. Z.b. Auch Leute wie Michael Moynihan. Der ist zu Recht sehr umstritten wegen seinem Nazizeug. Ist es für dich kein Problem mit solchen Leuten in einer Organisation zu sein?

Nathan:

Lass es mich so erklären. Die Organisation ist so, dass du keine Ideologien mit anderen teilen musst. Du musst sie auch nicht mögen. Ich muss mich nicht mit den politischen Ansichten anderer Anfreunden. Wenn du auf die Website der Church of Satan gehst, kannst du es lesen. Da steht es sehr deutlich. Menschen verschiedenster politischer Strömungen kommen zu uns und teilen hier unsere Philosophie. Das heißt nicht das wir ihre politischen Gedanken unterstützen. Ich kann dir so sagen, dass Peter, Peggy und alle anderen mit Sicherheit nicht in diese politische Richtung gehen. Ich distanziere mich davon. Ich will keine scheiße über andere Leute reden. Ich habe Leute getroffen und kennengelernt, ohne ihre politischen Ansichten zu kennen, und sie waren sehr freundlich. Also hast du echt nichts gemerkt. Ich kann nur für mich sprechen. Und ich bin kein Nazi. Ich bin nicht rechts. Ich bin nicht dieses oder etwas anderes. Und ich werde es nie werden. Und ich werde nie so einsortiert werden können. Das ist sehr wichtig für mich. Ja, ich bin Teil von einer Organisation, in der auch Menschen mit völlig anderer politischer Einstellung Mitglieder sind, aber die stehen nicht für mich. Und ich stehe nicht für sie. Und du wirst nie erleben das jemand von uns eine politische Richtung fördern wird. Und sollte es so sein, wird er nicht bei uns bleiben können.

Ich schlage keine Schlachten für andere. Die haben ihre Wahl getroffen, in eine sehr fragwürdige Richtung. Das ist alles. Das bin nicht ich. Ich habe damit nichts zu tun.

Und danke das du diese Frage gestellt hast. Jetzt habe ich die Möglichkeit dazu mal etwas zu äußern.

Sven:

Vielen Dank für eure Zeit und eine gute Show!

 

Interview: Sven

Foto: Norman Gosch ( http://angry-norman.de/ )