„Herzlich willkommen zum Komplott der Melodien“, so beginnen Fuckin‘ Faces in der ersten Zeile ihr Album „Licht und Schatten“. Damit sind wir mitten drin in meinem Handwritten-Classic und zurück in meiner Jugend, als diese Scheibe Tag ein Tag aus aus meinen Boxen schallte.

Veröffentlicht wurde die „Licht und Schatten“ 1997 bei Nasty Vinyl. Damals war ich zarte 14 Jahre alt und entdeckte den Deutschpunk gerade neu. Neben den Klassikern wie Wizo, der Terrorgruppe oder Normahl, suchte ich damals schon nach den eher exotischeren Bands. So kam mir Fuckin‘ Faces zumindest damals vor. Auf dem Schulhof kannte sie keiner und ich stolperte eher zufällig in einem kleinen Plattenladen in der nächsten Stadt über das Album, welches unter den Neuerscheinungen zu finden war.

Genug Nostalgie und rein in die Platte. Den Anfang macht das Lied „Knechte des Klischees“. In den 1990er Jahren galten viele Bands schon als Kommerz und der Punk längst als tot. Nach den bekannten Chaostagen 1984 in Hannover schien es relativ ruhig geworden zu sein um die Szene. Der Schrecken der bunthaarigen Sonderlinge war bei weitem nicht mehr so stark und irgendwie hatte sich die Gesellschaft an den Punk gewöhnt. Punk wurde einfach totgeredet. Gegen diese Kritiker aus der eigenen Szene richtet sich das erste Lied. Mit schnellem Schlagzeug, schrappeligen Gitarren und dem Gesang von Sänger „Butz“ begeistert dieser Song vom ersten Takt an und man möchte den damaligen Kritikern ins Gesicht rufen „Ja Leute, genau das ist Punk wie er sein muss“.

Hart ins Gericht mit ihrer Heimat gehen die drei Jungs im zweiten Stück „Werratal-Song“. 1990 wurde Fuckin‘ Faces in Heringen, einer Kleinstadt in Hessen gegründet. Wie man sich vorstellen kann, nicht grade das Paradies für eine Truppe Punks. Damals, als naiver junger Typ, bildete ich mir immer ein, das Werrartal müsste irgendwo in den Alpen liegen, singen die Jungs doch von einem Ort „wo weiße Berge den Himmel spalten“. Erst heute, im Rahmen der Recherche zu dieser Rezession, wird mir klar, dass sie eigentlich einen Berg meinen, der aufgrund des Kalibergbaus entstanden ist. Nach vielen Jahren korrigiert sich hier ein Irrglaube.

Der Tod ist Gegenstand vom dritten Stück auf „Licht und Schatten“  und kommt ruhiger daher. Der Text erinnert mehr an ein historisches Gedicht, als an klassisches Punklied und zeigt, dass Fuckin‘ Faces definitiv zu den intelligenteren Punkbands der damaligen Zeit zu zählen sind.

Mit der Ruhe ist es schnell vorbei. „Angst“ startet mit schnellen Gitarrenrifs und lässt einen direkt mit den Händen mittrommeln. Anders als man erwarten würde, wird eine gewisse Angst hier aber positiv gesehen, die uns weise agieren lässt.

Das Ängste aber anders gesehen werden können, wird direkt im nächsten Lied „Unzufriedenheit tötet“ klar. Es behandelt das Thema Depression und Suizid und geht hart mit der Gesellschaft ins Gericht, die es allzu oft verhindert, dass Menschen so leben, „dass man glücklich auf der Welt ist“.

Düster geht es weiter mit „Fleisch und Blut“. Der Song entführt uns in den Kopf eines Mädchens, dass nachts den sexuellen Missbrauch durch ihren Vater erlebt. Dieses Lied unterstreicht ein weiteres Mal, dass es sich bei Fuckin‘ Faces nicht um eine stumpfe Parolenband handelt.

Die drei Jungs werden nicht müde, das auch weiter zu beweisen. Das Lied „Auto, Alk + Tod“ ist bis heute aktuell geblieben.

„Nach der Party schwingt man sich in seine Kiste rein.
Laufen geht recht schwierig, doch fahren, das klappt geil;
denkt man sich, den Motor an und dann geht’s durch die Nacht.
Die erste Kurve schafft man noch, bis es dann endlich kracht.“

Dieser Song ist für mich bis heute von besonderer Bedeutung, wurde er doch leider nicht nur einmal zur bitteren Realität. Wenn ich heute die CD von Zeit zu Zeit rauskrame, denke ich bei diesem Song immer wieder an die Jungs und Mädels von damals zurück, die den Leichtsinn leider nicht überlebt haben und frage mich, wie ihr Leben wohl heute aussähe.

Auch der achte Song scheint zwanzig Jahre später Realität geworden zu sein. Geprägt von den Erfahrungen der Golfkriege beschreibt er ein Szenario in dem es zwischen der arabischen Welt und der westlichen Welt zum letzten Krieg kommt. „Doch diesmal ist es anders, die Kräfte ausgeglichen die Panzerfäuste sind der Atombombe gewichen“.

Das Thema fanatische Religion wird in „Sklaven des Glaubens aufgegriffen“. In diesem Lied erheben Fuckin‘ Faces mahnend das Wort gegen die Seelenfänger diverser Sekten, die insbesondere schwache Menschen in ihren Bann ziehen können.

Mein absolutes Lieblingslied von „Licht und Schatten“ (und auch das 1997) folgt als zehntes Stück.

„Du bist wie ein Chamäleon, wechselst die Farbe wie’s grad‘ kommt und ist mal einer nicht wie du – intolerant.“ 

Diese Zeilen setzen sich bis heute bei mir immer wieder als Ohrwurm fest. Ich wette jeder findet mindestens eine Person in seinem Umfeld, die er diesen Song liebend gerne um die Ohren feuern möchte. Ich weiß zumindest noch ganz genau, an wen ich damals so alles gedacht habe.

„Ich geb auf‘“ handelt vom Scheitern und Aufgeben und geht ebenfalls gut nach vorne. Der erhobene Zeigefinger fehlt in diesem Lied. Eine Aufforderung seine Zeit zu genießen folgt aber direkt im nächsten Lied. „D.K.S.M.D.S.T.“ ist eine schnelle, tanzbare Hymne an die Positivität.

Das dreizehnte Lied „Ich werde sein“ ist ein Punkcover von „I’m Gonna Be (500 Miles)“ von der Band The Proclaimers. Ich denke, viel muss man zu diesem Lied nicht sagen, jeder wird es genau jetzt im Ohr haben.

Wie es sich für eine Punkband gehört, darf natürlich das Thema Rassismus nicht fehlen. In „Fasizme Ölüm“ wird dieses Thema behandelt. Ölüm ist türkisch für Tod. Fasizme soll sicher Faşizm heißen, was so viel wie Faschismus bedeutet. Warum der Titel auf Türkisch gewählt wurde, wird aus dem Text nicht wirklich klar.

Das sich die Jungs auch auf Ska Punk verstehen, zeigen sie im vorletzten Lied „Ronja goes Ska“.

Was soll man hier groß zum Text sagen? Mit „LALALALA LALALA LALALALA“ ist er vollständig zitiert. Also schauen wir aufs musikalische. Der Song macht einfach tierisch Bock zu tanzen und zu grölen und das am besten mit einem Bier in dem einen und einem Kumpel in dem anderen Arm.

Zum Schluss wird es dann nochmal ernst. „Großstadtfenster“ beschreibt das Leben eines 16-jährigen Obdachlosen, der sein Leben in der Ignoranz der Großstadt fristet.

Für mich zähl „Licht und Schatten“ definitiv zu den besten Deutschpunkalben aller Zeiten. Die Scheibe hätte auch dieses Jahr veröffentlicht werden können und man hätte an keiner Stelle gemerkt, dass sie eigentlich schon über 20 Jahre alt ist. Wer intelligenten, cleveren Punk mag, sollte sich die Scheibe definitiv in seine Sammlung stellen.

Wer sich jetzt fragt, ob es die Band noch gibt, dem sei gesagt, dass sie 2017 eine Menge Konzerte gespielt haben. Vor einigen Wochen durfte ich sie das erste Mal live sehen. Sie waren auf dem Apen Air zu Gast und für mich definitiv das Highlight des Tages.