Die letzten Jahre schienen etwas turbulent für die japanische Band Envy zu sein. Mittlerweile ist das Bandgefüge allerdings wieder gefestigt und man meldet sich gestärkt zurück. Zumindest soweit ich das beurteilen kann. Denn das komplette Oeuvre der Band ist mir nicht bekannt. Aber ich sage so viel zur neuen Platte „The Fallen Crimson“: Ich hatte null Bock darauf und sie hat mich dann komplett umgehauen!

Im Post-Hardcore-Lager fühle ich mich überhaupt nicht zu hause. Aber Envy sind auch alles andere als eine gewöhnliche Post-Hardcore-Band. Hier treffen wild ausbrechende Breitseiten mit Geschrei und viel Wut auf wunderschöne Klangflächen und Spielereien, welche einer ausgewachsenen Postrock-Truppe zur Ehre gereichen würde. Aus der Spannung dieser beiden Pole beziehen die Songs von Envy ihre Faszination.

Dabei beginnt die Platte mit „Statement Of Freedom“ schon fast generisch – oder täuscht es zumindest vor. Heavy schleppend und garstig wie ein mustergültiger Hardcore-Track geht es los. Doch nach kurzer tauchen diese kleinen Elemente auf, die beständig für Dynamik sorgen. Der gerade Weg wird glücklicherweise nicht genommen. „Swaying Leaves And Scattering Breath“ nimmt den Faden auf und zeigt wie warm und einnehmend diese Band klingen kann. Während die Instrumentalisten tolle Klangwälle formen, ist die Stimme obendrauf eher gesprochen als gesungen. Ein Stilmittel, welches immer wieder auftaucht und aufgrund der japanischen Sprache etwas befremdlich, aber auch irgendwie faszinierend wirkt.

Die überwiegende Anzahl der Titel finden ein gesundes Maß zwischen verzweifeltem Aufschrei und melodiösem Schönklang, ohne dass eine Seite zu sehr überwiegt. Man hat ein gutes Händchen dafür, den Hörer immer wieder mit großen Melodiebögen zu überrumpeln. Am besten vorexerziert beim großen „Dawn And Gaze“. Und doch bricht man immer wieder aus seinem nicht gerade engen Korsett aus. „Fingerprint Mark“ ist zu Beispiel ein fast reinrassiger Punksong, während „Rhythm“ mit weiblicher Gastsängerin schon regelrechter Dreampop ist. Später darf sie die Harmonien von Sänger Tetsuya Fukagawa effektvoll unterstützen („Marginalized Thread“).

Ein virtuoses und mitreißendes Album jenseits üblicher Strukturen, aber weit davon entfernt progressive Kompliziertheit zu erreichen. Alles ist im Fluss. Ein emotionaler Brocken. Trotz spielerischer Großartigkeiten: Gefühl vor Technik!

 

Trackliste:
1. Statement of Freedom
2. Swaying Leaves and Scattering Breath
3. A Faint New World
4. Rhythm
5. Marginalized Thread
6. HIKARI
7. Eternal Memories and Reincarnation
8. Fingerprint Mark
9. Dawn and Gaze
10. Memories and the Limit
11. A Step in the Morning Glow

 

Envy - The Fallen Crimson (Pelagic Records, 07.02.2020)
4.5Gesamtwertung