Tag 1: Columbia Theater Berlin

Am Freitag komme ich dann also gegen 10:00 Uhr eine Stunde zu früh am Columbia Theater Berlin an und treffe da gleich auf Ralf, den Chef der Bühne. Quasi.

Um 11:00 Uhr folgt dann das große Kennenlernen und bis alle wissen wer ich bin und warum ich überhaupt mitkomme, kommt auch schon Buddy Matze an der Venue an.

Als dann der Nightliner mit unserem ostfriesischen Fahrer ankommt, freuen sich erstmal alle Raucher, da der Gute uns diverse Rauchgelegenheiten bei sich im Bus in Aussicht stellt. Die Fahrten sind gerettet.

Nach den Soundchecks geht es für mich erstmal mit Pascal von Evil Greed / End Hits Records und den Herren von Swain zum Ramones Museum. End Hits Records hat sich für die Tour etwas besonders Cooles ausgedacht. In vielen Städten gibt es am Nachmittag schon kleine Akustik-Sets in ausgewählten Locations und dazu Merchandise, den es tatsächlich nur hier gibt.

Das Ramones Museum war gut gefüllt und so konnten sich Swain mit leichter Verspätung durch vier Songs spielen, während die Leute nebenbei, davor und danach Testpressungen, Tour-Sampler usw. kaufen konnten.

Zurück am Columbia Theater ging es dann auch bald mit den Buchmachers (Norbert Buchmacher) los. An dieser Stelle sei erwähnt, dass ich die große Schlange vor der Tür zunächst verwechselte, da nebenan in der Columbia Halle die Strokes spielten. Kann ja mal passieren.

Für mich war es das erste Norbert-Buchmacher-Konzert und ich gestehe, dass ich schwer begeistert war. Die mehr als sympathische Band um „Nobbi“ spielte sich souverän eine halbe Stunde durch ihre Songs um anschließend an Songwriter Matze Rossi zu übergeben.

Matze, der sein Set wie gewohnt allein bestritt, hatte heute ein wenig mit der Laberlust der Berliner Gäste zu kämpfen. Und das obwohl in den ersten Reihen glückselige Menschen mit dickem Grinsen standen und jeden Song textsicher mitsangen.

Im Anschluss folgte die Band, auf die ich vorher richtig gespannt war. Swain betraten die Bühne und das Publikum musste sich erst an den harten Break im Genre gewöhnen, aber als der typische Swain-Sound explodierte und mit sauberem Lichteinsatz kombiniert seine Wirkung entfaltete, waren so ziemlich alle Gäste genauso begeistert wie ich. Großes Kino!

Was soll man zum Headliner Nathan Gray noch groß sagen? Der Boysetsfire-Frontmann präsentierte hier sein Soloalbum und im Gegensatz zu Boysetsfire-Momenten, die es hier definitiv auch gab, wirkte insbesondere seine neu gewonnene positive Ausstrahlung in Kombination mit seiner unfassbaren Energie großartig. Inklusive anschließendem Eintauchen in die Fans vor der Bühne. Richtig gut!

Nachdem dann die Mengen an Merch, Technik und Koffern verstaut waren, ging es dann auch schon los in Richtung Münster. Meine erste Nacht im Nightliner. Mega Bus, mega Fahrer, super Mitfahrer, aber trotz allem gewöhnungsbedürftig. Da haben mich auch die Drei ??? nicht so gut wie gewohnt in den Schlaf gebracht. Aber nutzt nix. Drei Stunden Schlaf müssen für die erste Nacht reichen.

 

 

 

Tag 2: Sputnikhalle Münster

Nach gerade einmal drei Stunden Schlaf in meiner kleinen, leider etwa 10 cm zu kurzen, Schlafkoje sitz ich dann also morgens um 6.00 Uhr bei unserem ostfriesischen Busfahrer mit Kaffee und Zigarette und unterhalte mich über den Sinn des Lebens. Der Rest vom Fest schläft noch tief und fest.

Als ich dann bei der Einfahrt in Münster wieder das Feeling einer Kleinstadt habe, obwohl Münster gar nicht so klein ist, fühle ich mich deutlich wohler als in Berlin. Kleinstadttyp halt.

An der Sputnikhalle angekommen, werden wir erstmal mit Kaffee und Toilette begrüßt. Das hört sich komisch an, aber wenn man bedenkt, dass im Bus außer dem kleinen Geschäft nix landen darf, macht das Sinn. Tourleben durch Klogeschichte entzaubern in 3,2,1.

Die Sputnikhalle und der Backstagebereich sind deutlich mehr Punk als das Columbia Theater, aber das hat alles seine Vor- und Nachteile. Das Essen das wir hier bekommen werden über den Tag, ist auf jeden Fall erste Sahne! Ach, und Essen. Hatte ich erwähnt, dass wir uns hier auf einer komplett veganen Tour befinden? Nein? Ist aber so.

Der erste Teil des Tages läuft dann so ab, wie vermutlich die komplette restliche Zeit. Frühstück, wach werden, ganz viel Gedöns ausladen. Dann irgendwann Soundcheck. Die Abläufe sind, wie auch das spätere Einladen mitten in der Nacht, immer ähnlich. Spar ich mir hier also mal.

Am Nachmittag steht wieder ein Pop-Up-Event auf dem Plan. Dieses Mal mit Matze Rossi im Cafe Dreiklang. Wie ich schon vorher wusste, ist Münster gutes Pflaster für unseren einzigen Solo-Künstler an Board. So war das Cafe auch mit etwa 60 Leuten gut gefüllt und bevor Matze weiter Werbung machen konnte, waren die hübschen Tour-Sampler auf limitierten Vinyl ausverkauft. Die sehen aber auch schön aus!

Matze spielte hier also ein kleines Akustikset und sofort wurde der Unterschied zu den großen Shows am Abend deutlich. Die aufmerksamen Zuhörer waren still, hörten aufmerksam und dankbar zu und waren an allen wichtigen Stellen, auch beim neuen „Milliarden“, textsicher. Gänsehaut!

Zurück an der Sputnikhalle steht schon die Schlange an Menschen vor dem Einlass, da das Konzert am Abend ausverkauft ist.

Die Reihenfolge für den Abend war heute getauscht. So kam es, dass Matze seine Soloshow nach den wilderen Swain absolvierte, aber Matze kochte irgendwie über vor Energie. Auf meine Frage im Anschluss, ob er irgendwie aggro unterwegs ist heute, gab es aber nur das gewohnt freundliche Lächeln und ein „Nein, wieso? Ich hab Bock“.

Headliner Nathan Gray und Band haben dann die Hütte komplett abgerissen. Kann sein, dass ich mir das einbilde, aber im Gegensatz zu Berlin war die Show in Münster nochmal großartiger, das Publikum gieriger auf die Songs vom neuen Album und entsprechend krasser der ganze Auftritt.

Während ein Teil der Crew nach dem üblichen Packen die Gelegenheit nutzte und die angrenzenden Partys besuchte, zog es mich tatsächlich schon um 1.30 Uhr in die Koje und Justus, Peter und Bob begleiteten mich ziemlich fix in den Schlaf. Gute Nacht Münster! Bis morgen Köln!

 

 

Tag 3: Kantine Köln

Köln! Als erfahrener Frühaufsteher bin ich um 7 Uhr auf dem Weg zum Busfahrer, um den Tag mit Kaffee und Zigarette zu beginnen. Wir sind irgendwo in NRW auf der Autobahn. Die Nacht war besser als meine erste in einer Nightliner-Koje. Das liegt wohl daran, dass ich jetzt richtig müde war. „Drei ???“-Titelmusik über Kopfhörer und weg.

Zu meiner Überraschung bin ich aber nicht allein.

Do you start your day now?“ werde ich verwundert gefragt, als ich auf die letzten Biertrinker aus der Nacht treffe. In Münster startete der Bus erst morgens, wir standen unmittelbar vor diversen Locations in denen Samstagnacht gefeiert wurde und der Rest ist Geschichte.

Als wir dann im schönen Köln ankommen, werden erstmal die sanitären Anlagen und die Location besucht und die Gegend erkundet. Die Kantine ist super, aber irgendwie weit draußen, so dass ich in Köln und irgendwie doch im Outback bin.

Im Laufe des Vormittags pellen sich dann nach und nach die restlichen Crew-Mitglieder aus den Kojen und es läuft wie jeden Tag. Frühstück, Ausladen, die Technik-Dudes arbeiten und ich rauche, trinke Kaffee und mach Fotos. Heute auch von besonders vielen müden Augen. Siehe Münster.

Irgendwie für mich aber schon lockerer als bisher, da ich mittlerweile die Leute alle kenne und man dabei ist, sich aneinander zu gewöhnen. Das Schöne für mich ist auf dieser Tour, dass alle Mitstreiter Bock auf Fotos haben und Bock darauf haben, dass die Tour am Ende wie eine Story dokumentiert wird. Zu keinem Zeitpunkt hat man das Gefühl zu stören und die Wellenlänge ist jetzt so, dass man weiß wann man sich mit seiner Kamera zurückzieht. Ohne viele Worte. Obwohl dieses Gefühl eigentlich fast nie aufkommt.

Wo ich schon am nettes Zeug schreiben bin, muss ich hier nochmal erwähnen, dass wirklich die gesamte Crew mega sympathisch ist! Alles Profis, die wissen was sie tun und dabei aber komplett geerdet sind. Ich habe selten soviele lachende Gesichter gesehen.

Am Nachmittag zieht es mich dann mit Pascal und einem Teil der Band Swain in die Kölner Innenstadt. Im Frieda steht heute der Pop-Up-Store an. Das Frieda ist eine alternative Kneipe, die sofort Bock darauf macht am Tresen zu versacken. Geht aber leider nicht! Bei mir bleibt es dann bei einem Jever Pils in Köln, wofür ich mir über Social Media gleich ein paar wüste, aber süße Beschimpfungen einfange. Also wird im rappelvollen Laden ein kleines Akustikset von Swain gespielt und die Leute stürzen sich auf die limitierten Platten und Shirts. Das Konzept, die Label-Tour durch diese Events aufzuwerten, funktioniert einwandfrei.

Zurück in der Kantine geht es dann auch gleich weiter. Norbert Buchmacher eröffnen den Abend und die Kantine ist rappelvoll!

Konzerte mit so unterschiedlichen Acts sind manchmal eine Gratwanderung. Eigentlich dadurch immer ziemlich spannend, aber auch schwierig, weil die Leute zum großen Teil für „ihre“ Band kommen. Ich habe allerdings hier in Köln das Gefühl, als würde das Konzept „End Hits Records“ grandios funktionieren. Wir haben hier z.B. Norbert Buchmacher, der wie der missratene Punk-Sohn von Herbert Grönemeyer wirkt und live als Band unfassbar gut funktioniert.

Dann haben wir Matze Rossi, der heute Abend selbst bei einem so vollen Laden ein wohliges Gefühl in die letzte Ecke transportieren kann und im Anschluss Swain, die anspruchsvolle und an Grunge erinnernde Alternative-Musik machen. Die Reaktionen im Publikum, die sich später auch am Merchtisch zeigen, zeigen ein deutliches Bild. Nämlich das es funktioniert! Die Leute schätzen die Mischung und schätzen vor allem auch, dass sie bei allen Facetten darauf vertrauen können, dass die Bands auf diesem Label ein bestimmtes Gefühl vermitteln. Eine Message die nicht selten politisch ist, immer mit Empathie zu tun hat und die Faust aber auch nicht immer in der Tasche lässt. Hört sich komisch an, ist aber so.

Headliner Nathan Gray reißt dann den Laden anschließend wieder komplett ab. Ich nutze die Gelegenheit und postiere mich auf dem Balkon, den scheinbar nicht alle in der Location kennen. Auch wenn ich kurz darüber nachdenke, bleibe ich aber da oben nicht sitzen und genieße die Show, sondern mach mich wieder an die Arbeit.

Ein echt großartiger Abend geht dann auch langsam zu Ende, während Nathan es sich wieder nicht nehmen lässt und jeden einzelnen Fan begrüßt und Fotowünsche und Co. gerne erfüllt. Und ich meine hier übrigens wirklich jeden! Ich brauche immer einen Moment, um ihn überhaupt in der Menschenmenge zu finden. Ich werde bei Oise von End Hits mal ein Nathan-Gray–Wimmelbuch anregen. So als Special Edition zur nächsten Platte. Finde den Nathan!

Morgen dann Frankfurt! Ick freu mir!

 

 

Tag 4: Batschkapp Frankfurt

Frankfurt also. Ich muss gestehen, dass ich mit Frankfurt nix bis nix Gutes verbinde, war allerdings auch noch nicht im Batschkapp.

Da habe ich offensichtlich was verpasst, denn die Location zeigt sich mega gut für eine Halle. Mal ganz abgesehen von dem grandiosen Essen, was uns hier frisch gekocht wird.

Wir richten uns also in dem großen, sauberen Backstagebereich ein und genießen erstmal ein bisschen die Ruhe und das Essen.

Am Nachmittag geht es dann für mich mit Nathan Gray zum Pop-Up-Event in einem Frankfurter Ticket-Store. Der schon fast an einen Smartphoneladen erinnernde Laden wird durch die herzlichen Leute vor Ort gleich ein bisschen wärmer. Wir kommen dank üblichem Frankfurter Verkehr ein wenig spät an der Location an, die schon bis auf den letzten Platz gefüllt ist. Pascal, die Merch-Maschine, richtet sich ein und los geht es mit einem kleinen und eher seltenen Akustikset von Nathan. Was hier total auffällt, ist die Nähe zu den Menschen, die Nathan nicht nur zulässt, sondern sucht. Die Songs, in Kombination mit der Nähe, entfalten nochmal eine ganz andere Wirkung, als im Fullband-Format auf der großen Bühne.

Nach diversen Gänsehautmomenten fahren wir dann auch nach einer Stunde, um einige Platten erleichtert, wieder zum Batschkapp, wo es kurz darauf mit Norbert Buchmacher auch schon startet.

Heute ist übrigens der Tag, an dem ich meine Familie das erste Mal ziemlich schlimm vermisse. Und das schon nach wenigen Tagen. Obwohl man hier auf der Tour mit 18 Personen in einem Bus so gut wie nie Privatsphäre hat, sind da diese Momente, in denen man sich allein fühlt. So, genug der Philip-Poisel-Lyrics. Kommen wir wieder zur Musik und zum Bier.

Die Halle ist an diesem Montag also nicht so gefüllt, wie wir es bisher gewohnt sind. Ich hab keine Ahnung woran das liegen kann. Am Montag? An der Menge der Live-Acts? Ich sag einfach mal es liegt an Frankfurt. Allerdings ist die Stimmung bei den Anwesenden durchgehen so gut, wie es doppelt so viele in anderen Läden nicht schaffen.

Wenn ein Matze Rossi sein Kabel zieht und die Halle geschlossen „All for one and one for all“ mitsingt, sind das so Momente, in denen ich wieder weiß warum Musik so einen hohen Stellenwert in meinem Leben hat. Und Matze natürlich auch.

Am Ende bleibt für das Zusammenpacken übrigens eine gute halbe Stunde. Mittlerweile ist man aber so eingespielt, dass das hier kein großes Problem ist. Also noch ein Sandwich und ein Bier für mich, während man auf der Autobahn ist und gute Nacht.

In diversen Gesprächen mit allen Acts, die sich zum Tourstart teilweise selbst untereinander nicht kannten, kam übrigens immer wieder zur Sprache, wie cool es ist, in dieser Truppe unterwegs zu sein. Die letzten Leute sind aufgetaut und man hat das Gefühl, als würde man sich schon ewig kennen. Umso größer die Vorfreude auf das was da noch kommt. Und das ist morgen Hamburg! Die Stadt, die für mich am meisten Zuhause ist auf dieser Tour. Darauf einen Helbing Kümmelschnaps!

 

Tag 5: Grünspan Hamburg

Hamburg! Wir kommen am Dienstagmorgen in Hamburg an. Die Reeperbahn zeigt sich morgens von der… irgendeiner Seite. Parken vor dem Grünspan und die Zeit bis zum Get-In überbrücken. Und Bumms ist der Kram ausgeladen, man hat seinen mittlerweile stellenweise müden Kadaver unter die Dusche geschleppt und stürzt sich auf das Frühstück.

Für uns geht es heute dann auch relativ früh los, da Nathan einen Termin beim Digitalvertrieb The Orchard hat. Bürokonzert. Kannte ich so bisher auch nicht. Aber hat was. Also wenn man dort arbeitet.

Mit dem Taxi zurück zur Venue und bei Backstagefotos auf den nächsten Termin warten. Der steht am Nachmittag an, da Matze Rossi heute im Überqell den Pop-Up-Store spielt. Das Überquell ist ein Brauhaus mit Gastro. Ziemlich direkt an den Landungsbrücken. Mega guter Laden! Auch wenn das von uns probierte fruchtige Bier fruchtig war. Bleibt also beim einmaligen Probieren.

50 – 60 Leute finden sich dann auch zum Kaufen der limitierten Platten und Shirts ein und dürfen einem gut gelaunten Herrn Rossi bei einem kurzen Akustikset in einer großartigen Location lauschen. Das macht auch alles Sinn. Also Matze hier in Hamburg. Das ist immer ein schönes Gefühl.

Als wir wieder am Grünspan ankommen, ist schon Einlass. Man munkelt, dass Turbostaat heute auch in der Markthalle spielen, was im Norden und überhaupt für Veranstaltungen in der Regel nicht sehr förderlich ist, da die Herrschaften (zu Recht) eine Menge Publikum ziehen. Umso erfreulicher ist es, dass der Laden trotzdem gut gefüllt ist. Und so mache ich es mir in der ersten Etage gemütlich, richte mich auf einem Ledersofa als Arbeitsplatz ein und begleite die Shows aus einer perfekten Lage.

Auf die Art verfolge ich die Buchmachers und den Matze Rossi, bei dem stellenweise tatsächlich der komplette Club die Songs mitsingt, was in einer Location wie dem Grünspan jedes Mal Gänsehaut mit sich bringt.

Am Ende vom Set kommen dann Teile von Swain und Norbert Buchmacher zu „Best Friends“ auf die Bühne, so dass ich in Hamburg das erste Mal auch auf der Bühne das „Revival Tour“-Feeling bemerke. Eigentlich ist es schon die ganze Zeit da. Nach wenigen Tagen zum Eingewöhnen und an einander gewöhnen, haben hier alle Mitreisenden zueinander gefunden. Oder um mit den Worten von Gitarrist Alan zu sprechen „Das fühlt sich an, als würde man sich schon ewig und nicht erst drei Tage kennen“.

Anschließend ist wieder Headliner-Zeit und Nathan Gray reißt mit Liveband die Hütte komplett ab. Jeden Abend bin ich wieder neu beeindruckt von den emotionalen Ansagen von Nathan. Dass jedes Wort auch genau so gemeint ist, daran besteht kein Zweifel. Dass sein aktuellen Album eine mehr als positive Einstellung vermittelt, steht genauso fest. Dass alles in Kombination mit den grandiosen Musikern, ein Publikum das jeden Song mitsingen kann, obwohl die Platte noch nicht lange draußen ist, macht dann dieses neue Nathan-Gray-Feeling komplett. Und das genieße ich jeden Abend. Auch in Hamburg.

Heute steht dann für den einen oder anderen noch eine kurze Runde über den Kiez an, bevor wir in der Nacht in Richtung Leipzig aufbrechen. Connewitz! Hier war ich seit 2018 mit Matze und Chuck Ragan nicht mehr. Ich freu mich! Gute Nacht Hamburg, guten Morgen Leipzig.

Tag 6: Conne Island Leipzig

Leipzig! Wir kommen früh in Leipzig an und finden uns nach Einparkmanöver zwischen Skatepark, Venue und Backstage wieder. Conne Island! Hier mal ein Lob an unseren Busfahrer Alan, der trotz aller Zweifel der rumstehenden Leute wie eine Eins mit Nighliner und Anhänger rückwärts einparkt. So kann ich das selbst mit meinem Hyundai nicht.

Wir richten uns also im Backstage ein und warten auf unser Frühstück. Zum Ärger einiger Veganer, steht auf dem Frühtückstisch auch Rührei, auf das sich dann die Nicht-Veganer wie die Geier stürzen. Sorry!

Wer das Conne Island, bzw. Connewitz an sich kennt, weiß wie bunt, alternativ und schön dieser Leipziger Stadtteil ist. Trotz der momentan schlechten Presse treffen wir hier auf haufenweise gute Leute, die mit ihrer Einstellung eine Insel im Bundesland Sachsen darstellen. Trotz allem Punk, ist man aber auch hier professionell. Bis auf das Rührei.

Der Tag wird nach den üblichen Pflichten für ein paar Fotos und Luftholen genutzt. Also bei mir. Einige nutzen den Tag, um die Nacht zu kompensieren. Tourgeschichten halt. Mit dem Teil halt ich mich an dieser Stelle aber ein bisschen bedeckt.

Am Nachmittag steht, nicht schwer zu erraten, ein Pop-Up-Event an. Und zwar darf ich mit Pascal und Nathan in eine mir schon bekannte Location fahren. Den Highfield Festival Store direkt in Connewitz. Als wir da ankommen, ist der Laden schon mehr als gut gefüllt. Man muss dazu wissen, dass es sich bei den Locations für die Events ja in der Regel um sowas wie heute handelt. Ein Ticket-Shop quasi. Also ein kleiner Laden. Der ist dann mit 50 Leuten auch bis auf den letzten Platz gefüllt, als Nathan einige Songs zum Besten gibt und auf Augenhöhe mit den Leuten quatscht.

An dieser Stelle hoffe ich, am Ende der Tour noch einen Toursampler mit nach Hause nehmen zu können, da die bei diesen Events weggehen wie warme Semmeln.

Anschließend geht es mit veganem Apfelstrudel unter dem Arm zurück zum Conne Island. Hier wird sich auf das geile Essen (Hut ab Conne-Island-Küche!) gestürtzt und anschließend gleich auf die Show. Die „Buchmachers“ eröffnen den Abend wie immer und das Conne Island ist schon mehr als gut gefüllt.

Mittlerweile gibt es auch bei mir eine gewisse Routine. Ich weiß wer wann was spielt und welche Dinge ich wie einfangen möchte. Da aber jede Location anders ist, bleibt es nicht aus mit der Kamera unterwegs zu sein. Fotos machen, Laptop, Bilder hochladen, Show, Fotos machen, Laptop, Bilder hochladen usw. Was man allerdings heute deutlich merkt, ist wie man sich aneinander gewöhnt hat. Wie sich Dinge im Team eingespielt haben. Soundmann Andi, der sich vermutlich vorher bei vier Soundchecks jeden Tag und ohne Off-Day die Haare gerauft hat, ist mittlerweile, bzw. noch immer, tiefenentspannt. Das merkt man auch ziemlich deutlich, wenn er jeden Tag bei jeder Band eine Tanzperformance am Mischpult abliefert. Guter Typ!

Heute wird übrigens Matze Rossi von Noam, Sänger von Swain bei „Best Friends“ unterstützt. Und Norbert Buchmacher macht bei „Kein Zweifeln und Bedauern“ den Hardcore-Anheizer. Großes Kino!

Der anschließende Auftritt von Headliner Nathan Gray und Band ist dann wieder der krönende Abschluss. Das Conne Island, bzw. die Gäste, waren hier zuerst ziemlich verhalten. Ein verkaterter Sonntag und schau’n wir mal. Dann aber überrascht von der Energie, hat das gesamte Conne Island plötzlich getanzt, gesungen und jede Ansage von Nathan euphorisch gefeiert.

Nach einer After-Show-Pizza wurde dann fast schon kollektiv beschlossen, dass am sechsten Tag ein bisschen Schlaf ganz cool wäre und dank der kurzen Strecke nach Nürnberg, war der fast so ruhig wie im heimischen Bett. Adios Leipzig, ola Nürnberg!

 

Tag 7: Der Hirsch Nürnberg

Nürnberg! Wir kommen in Nürnberg an und ich stelle fest, dass ich mehr als acht Stunden geschlafen habe. Sonst bin ich ja immer pünktlich um 7.00/7.30 Uhr wach und rauche mit dem Busfahrer eine Runde im Führerhaus und trinke Kaffee. Heute wach ich um 9.30 Uhr auf und bin erstmal erstaunt. Also den verspäteten Kaffee in die Hand und raus aus dem Bus und Rauchen.

Nach dem Erkunden der Location gibt es das wohl bis hier beste vegane Frühstück auf der Tour. Und die waren alle ziemlich gut. Da zeichnet sich schon ab, was da später beim Abendessen das kulinarische Highlight auf der Tour wird.

Der Tag heute sieht ein klein wenig anders aus übrigens. Es gibt in Nürnberg keinen klassischen Pop-Up-Store (klassisch?), sondern nur den Sonderverkauf bei der Show. Bedeutet für mich mehr Zeit und nicht schon ab dem Nachmittag Termine. Also nutze ich die Zeit und zerre Matze Rossi, Norbert Buchmacher und Nathan Gray abwechselnd vor die Kamera, als ich eine Tür mit schmuddeligen Fenstern und großartigem Licht entdecke. Portraits! Mein Lieblingsthema!

Auch Ben Christo und Alan von Norbert Buchmacher und Live-Basser bei Nathan Gray müssen dran glauben und geben dann aber eher die Kasper. Ergebnisse davon könnt ihr in der Galerie sehen.

Nach dem großartigen Abendessen startet später dann die Show. Für mich war die Zeit, in der ich auch mal eine halbe Stunde auf dem Sofa rumliegen und die Füße hochlegen konnte, die Zeit ein erstes Resümee zu ziehen. Meine erste Nightliner-Tour und dann auch noch zwei Wochen. Ohne Off-Day. Zwei Wochen weg von der Familie. Puh. Jetzt am Tag 6 setzt dann doch noch stärker das Vermissen ein. Nicht das klassische Heimweh, weil man genug zu tun hat, aber stumpf das Vermissen. Mein Tochter und meine Frau berichten mir am Telefon von ihrem Alltag und selbt die normalen Kleinigkeiten hätte ich gern miterlebt. Richtig doof ist, wenn es mal nicht so gut läuft, man aber nicht trösten kann, weil man unterwegs ist. Naja. Jammern auf hohem Niveau, denn schließlich bin ich als Fotograf, der auch und vor allem Musikfan ist, mit dieser großartigen Truppe unterwegs und jeden Tag bedanken sich alle mehrfach für die Arbeit. Und schnorren Kippen.

Die Show läuft heute bei Norbert Buchmacher ein wenig langsamer an. Gefühlt ist das Publikum erstmal nicht auf große Reaktionen eingestellt (fränkische Zurückhaltung nennt man das, mein Guter… – Anm.d.Red.) und möchte dann doch lieber erstmal das Bier in Ruhe trinken. Dann eben so.

Allerdings zeigt sich bei Swain in der ersten Reihe eine Fan-Base, die jeden Song so laut mitsingt, dass Sänger Noam und Basser Steffen aus dem Grinsen nicht mehr rauskommen. Scheiß auf 100 Uninteressierte Leute, wenn da eine Truppe Menschen ist, die womöglich eine lange Anfahrt in Kauf nehmen und so abgehen. Gute Typen.

Ähnlich geht es bei Matze Rossi weiter. Es wird mitgesungen, aber das euphorische Feeling wie z.B. in Frankfurt ist es irgendwie nicht. Egal. Matze und die meisten Gästen haben trotzdem mega Spaß und feiern das 30 Minuten Set, wie jeden Abend.

Nathan Gray ist Nathan Gray ist Nathan Gray. Dieser Typ ist so ein großartiger Sänger und Performer! Auf der einen Seite hat man das Gefühl, als würde er bei jeder Bewegung die er auf der Bühne macht Profi sein und wissen was gut aussieht, aber auf der anderen Seite sind seine emotionalen Ansagen, Tränen in den Augen und alles was er in seinen neuen Songs singt, super persönlich und packt einen.

So eine Show von Nathan Gray nimmt einen an die Hand, sagt dass alles gut wird und wir nicht allein auf der Welt sind. Nathan ist, genau wie ich, ein privilegierter weißer Dude, dem es besser geht als vielen anderen Menschen. Menschen die auf Grund ihrer Hautfarbe, Sexualität, Geschlecht, Religion oder was auch immer einen Nachteil im Leben haben. Und darauf macht ein Nathan Gray bei seiner aktuellen Tour bei jeder Gelegenheit aufmerksam. Und das ist auch gut so!

Auch morgen in Wien! Gute Nacht!

 

Tag 8: Szene Wien

Wir kommen morgens in Wien an. Mein erstes Mal Wien. Und dann aber nicht in den hübschen Gegenden, die man so von Bildern kennt, sondern eher im Bitterfeld der Stadt. Der Club „Szene“ liegt weit außerhalb und ist auch ansonsten nicht das hübscheste Stück im schönen Österreich. Ein bisschen in die Jahre gekommen, ist der Club allerdings vom Aufbau ziemlich nett anzusehen und mir als Fotograf winkt nach einer ersten Inspektion mal wieder ein Balkon, auf dem ich mich für Fotos und Videos austoben kann.

Gut gelaunt wird dann erstmal das Frühstück in Angriff genommen, was nun aber leider auch nicht die Tofu-Wurst vom Brötchen zieht. Aber was soll’s. Wir sind halt ein bisschen verwöhnt von dem fürstlichen Essen in Nürnberg.

Duschen? Ich hab die Dusche bis zum Ende des Tages nicht gefunden. Daher gibt es eine stilechte Punkerdusche mit Zähne putzen und Deo und los geht es mit Backstagefotos, Fotos diverser Musiker in der ungeilen Umgebung und all sowas.

Am Nachmittag stehen dann Pop-Up-Store und Interview auf dem Plan. Und das führt mich dann doch endlich in die Innenstadt und zeigt, dass Wien einiges zu bieten hat. Für mich zwar nur aus dem Taxi im Vorbeifahren, aber immerhin.

Der Store ist heute in einem Platten-/Audioladen in der Wiener Innenstadt und mit Kaffee und Mini-Bierchen steigt die Stimmung auch sofort.

Am späten Nachmittag geht es dann wieder zurück und nach dem Abendessen, auch nicht so geil, werden Fotos bearbeitet bis die Show wieder mit Norbert Buchmacher startet. Die Buchmachers haben heute das Pech auf Wiener Publikum zu treffen. Also das Pech ist eigentlich, dass davon noch nicht soviel da ist. Man sagte mir, dass die Wiener erst spät losgehen und so muss die Opener-Band das ausbaden. Schade.

Bei Matze Rossi im Anschluss füllt sich der Saal dann und die Stimmung steigt auch gleich. Ein bisschen reservierter als das Publikum bisher, lässt man sich von Matze und seiner lockeren Art dann aber doch einfangen.

Bei Swain ist der Laden dann recht gut gefüllt und die Party kann beginnen. Diese Band ist von Tag zu Tag geiler. Das liegt laut Noam, Sänger der Band, an der Tatsache, dass man die Songs vorher nur sechsmal live gespielt hat und langsam im Training ist. Das äußert sich dann in immer heftiger werdender Performance. Großes Kino! Im Backstage stehen dann die anderen Musiker, tanzen und singen mit. Auch schön. Meistens.

Als Nathan heute mega gut gelaunt die Bühne betritt, brechen die Wiener Dämme und es kann richtig losgehen. Der Ablauf ist, ohne zuviel zu verraten, dass die Show mit einem ruhigen Song startet und auf Platz 2 gleich was zum Abgehen kommt. Und das funktioniert jedes Mal wie Faust aufs Auge. Ich merke von Tag zu Tag wie auch ich die Songs immer mehr verinnerliche und genau weiß wann was passiert, jeden Song beim Fotografieren mitsinge und mit dem Hintern wackele. Im Publikum hört man immer wieder ergriffene Reaktionen auf den Mann, der so einen krassen Wandel vollzogen hat und mit seiner positiven Art alle mitnehmen kann. Auch kann man in den ersten Reihen jeden Abend die Tränen in den Augen sehen, die dann von der Faust in der Luft abgelöst werden. Krass. Ich denke, wenn man als Musiker mit seiner Kunst solche Reaktionen hervorrufen kann, ist das schon Königsklasse.

Nach der Show hat man das Gefühl, als würde King of the Stage „Ralf“ langsam einen Rekord nach dem anderen aufstellen und das „Load in“ geht so fix von der Hand, dass nach 20 Minuten alles fertig ist, wenn alle mithelfen.

Ralf ist sowieso ein mega Typ. Der kümmert sich auf der Bühne um einfach alles und sorgt so für einen reibungslosen Ablauf.

Genau wie Andi. Der Österreicher ist der Tonmann der Tour und neben seiner lockeren Art, seinem trockenen Humor und guten Musikgeschmack, sorgt er jeden Abend für einen Sound, der unfassbar großartig ist und allen Musikern Abend für Abend Herzchen in die Augen treibt.

Wien. Wir hatten nur einen kurzen Flirt, aber ich denke wir sollten unsere Beziehung irgendwann aufwärmen. Unter anderen Umständen. Morgen München! Backstage! Mit Duschen!

Tag 9 – Backstage München

München! Meine Erinnerungen an München sind meistens sehr verschwommen. Weil ich entweder betrunken oder so genervt bin, dass ich da alles ausblenden möchte.

Heute kommen wir früh in München an und meine schon zum Ritual gewordenen Abläufe bleiben. Kaffee und Zigarette bei Alan, unserem großartigen ostfriesischen Busfahrer.

Es geht am Backstage in München schon so los, dass die Parkplätze nicht freigehalten wurden. Wir rangieren also hin und her und brauchen noch ca. 30 Minuten bis der Bus an einem festen Platz steht. Vor dem Backstage des Backstage. Quasi.

Bis wir die Location betreten können ist es dann mittlerweile auch nach 11 Uhr und wir sind erstmal verwundert, da kein Frühstück und keine funktionierende Kaffeemaschine bereit ist. Man muss dazu vielleicht wissen, dass das Backstage eine Art „Eventfabrik“ ist. Also hier werden am Fließband Veranstaltungen aller Art durchgeführt. Das bedeutet, dass hier eigentlich alles auch sehr routiniert laufen sollte. Man bekommt allerdings durch unmotivierte bis unfreundliche Mitarbeiter eher den Eindruck, dass hier nichts läuft wie es sollte.

Als wir dann fast schon zur besten Kaffeezeit Brötchen und Aufstriche bekommen, man uns eine Senseo-Kaffeemaschine für 19 Personen hinstellte, da der Kaffeeautomat kaputt ist, kann man auch nach einer Dusche starten. Zwischenzeitlich wurde auch schon ausgeladen, was in der Regel nach Frühstück und Co. passiert. Die kleinen bis mittelschweren Pannen heute kommen aber quasi mit Ansage. Ebenso wie das nicht ganz auf sterneklasse gekochte Essen.

Nach den üblichen Abläufen geht es für Norbert Buchmacher mit Gitarrist Fips, Matze Rossi, Pascal und Oise zur Bierkneipe „Frisches Bier“ in die Münchener Innenstadt. Irgendwo da.

Die sympathische Kneipe hat ein Bekannter von Oise vermittelt und passt supergut zu unseren Pop-Up-Stores. Selbst eine Stunde vor Start der ganzen Sache stehen auch schon die ersten Leute vor der Tür. So verwundert es nicht, dass zum Start der kleine Laden bis auf den letzten Platz gefüllt ist. Es wird wieder munter eingekauft und als Norbert Buchmacher mit dem ersten Song, auf dem Tresen der Kneipe, starten, sind sofort alle dabei. Man wechselt sich mit Matze Rossi Song für Song ab, um als Zugabe zwischen den Leuten „Best Friends“ zusammen zu singen. Und zwar zusammen mit der kompletten Kneipe. Großartig! Gänsehaut!

Es geht dann auch gleich danach mit dem Taxi zurück zum Backstage, wo um 19.15 Uhr die Show startet. Norbert Buchmacher spielen schon vor einem gut gefüllten Club. Das liegt vermutlich auch am Samstagabend, wo die Leute auf Ausgehen eingestellt sind. Das Konzert nimmt mit gut gelauntem Publikum so seinen Verlauf. Da heute besonders viele Familienangehörige, inkl. Kinder, der Band da sind, ist das alles noch eine Spur aufregender und fühlt sich irgendwie noch besser an.

Mittlerweile hat sich auch das „Revival Tour“-Feeling eingespielt, so dass jeder bei jedem irgendwie mal einen Song mitsingt, mitspielt. Auch werden die ersten Stimmen laut „Ich freu mich auf Zuhause, aber ich möchte auch nicht, dass die Tour bald schon vorbei ist“. Geht mir ähnlich. Ich für meinen Teil vermisse meine Familie sehr und plane schon die Rückreise mit dem Mietwagen.

Heute spielt als zweiter Act Matze Rossi. Und auch hier muss ich sagen, dass das Publikum in München echt großartig ist. Es wird mitgesungen, aber auch respektvoll die Klappe gehalten, wenn es leiser wird.

Bei Swain wird es dann wieder gewohnt lauter und ein bisschen verkopfter. Aber die bunte Mischung der Genres kommt insgesamt auf der Tour sowieso viel besser an, als ich gedacht hätte. Und so berichtet eigentlich auch jeder Act von der gemeinsamen Basis, auf der sich alle im Bus begegnen. Und ich kann das bestätigen. Das Geheimnis dieses Label ist vermutlich, dass alles auf Augenhöhe passiert. Man macht die Dinge miteinander. Auch wenn Oise mich bis heute ehrfüchtig zusammenzucken lässt, sobald ich seine Schlüssel um die Ecke klappern höre. Das liegt vermutlich aber auch daran, dass man einfach weiß was der Typ schon gemacht hat. Und auch mit wem. In meinen vielen Jahren in denen ich Leute aus dem Musikgeschäft getroffen habe, ist Oise auf jeden Fall einer der beeindruckendsten. Und der witzigsten.

Nathan Gray eröffnet seinen Teil des Abends wie gewohnt mit dem ruhigen „Refrain“, um dann lauter und nach vorne zu gehen. Zur Überraschung vieler Gäste taucht bei „The Markings“ plötzlich Robert, Basser bei Boysetsfire, auf und spielt mit. Live-Basser Alan wechselt an das Piano, das er abwechselnd davor sitzend und darauf stehend spielt. Wilde Show! Und das bestätigt sich auch in den Reaktionen im Publikum. München macht mit und geht ab wie ein Zäpfchen. Großes Kino!

Anschließend wird es ungemütlich. Der gerade noch gefüllte Club sollte im Anschluss für eine Party mit DJ dienen und so wurden quasi mit dem letzten Ton die Kabel aus den Verstärkern gezogen und die Stimmung zwischen Club- Mitarbeitern und Crew wurde eisiger. Relativ rücksichtslos wurde hier der Umbau stressig über die Bühne gebracht, da es jetzt mit DJ Abrissbirne (oder wie der auch immer hieß) weitergehen sollte. Na dann.

Ich irrte anschließend noch eine Stunde mit Nathan durch München um mir Zigaretten an einer Tankstelle zu besorgen und wechselte dann ziemlich fix ins Bett. Ich habe sowie das Gefühl, als wär ich ein bisschen der Streber in der Runde, wenn ich immer zwischen 2.00 – 3.00 ins Bett gehe und 8.00 Uhr wieder aufstehe. Aber mit einem Kaffee hier alleine morgens zu sitzen und das hier zu schreiben, genieße ich schon sehr. Ruhe in einem Nightliner mit 18 Personen plus Fahrer ist halt Mangelware.

Ab jetzt sind es noch 3 Shows! Auf in die Schweiz!

 

Tag 10: Papiersaal Zürich

Wenn du in so einem Tourbus morgens aufwachst, aus dem Fenster guckst und die schneebedeckten Berggipfel in der Schweiz siehst, die so an dir vorbeiziehen, ist das schon ziemlich cool. Und wenn du dann auch noch mit nur 3 andern Leuten aus der Crew eine Pause auf einem Touristenparkplatz direkt an einem See machst, ist das auch cool. Alle erstmal raus für Fotos.

Wir kommen dann später in Zürich an. Parkplatz in einer Tiefgarage. Der Busfahrer muss den Bus „ablassen“ und hat trotzdem nur einige Zentimeter Platz bis an die Decke der Garage. Aber wer, wenn nicht Busfahrer Alan kriegt das hin.

Über Umwege und Fahrstühle erreichen wir dann die Location. Den Papiersaal. Sehr schöne und auch hochwertige Location. Was ist das los? Sind wir hier richtig? Die Location ist vom Aufbau komplett anders, als alles was wir auf dieser Tour gespielt haben. Die Hälfte ist Bar und die andere Hälfte ist Bühne, um die sich die Gäste verteilen können. Das kann ja spannend werden.

Der Versuch Sightseeing zu veranstalten funktioniert nicht, da wir zwar um uns rum Kinos und riesige Shopping-Center haben, aber keine schöne Natur, schöne Altstadt oder sonstwas. Also ein paar Portraits machen, im Hotel nebenan die Dusche nutzen und dabei fast hängen bleiben. Wenn man nach so vielen Tagen im Bus und in teilweise echt beschissenen (nicht wörtlich!) Duschen verbringt, ist so ein Hotelzimmer mit hochwertiger Ausstattung und riesiger Dusche schon echt verlockend. Aber wir entscheiden uns dann doch dazu die Tour weiter zu spielen.

Als es Abends dann mit Norbert Buchmacher startet, ist der Raum auch relativ gut gefüllt. Die Schweiz ist irgendwie ein anderes Pflaster. Das merkt man heute auch. Aber trotzdem eine gute Show und ein guter Abend. Die Sprachbarrieren, die sich noch beim Einkauf nebenan oder so zeigen, spielen hier auf der Bühne keine Rolle mehr.

Als Swain die Bühne betreten wird klar, hier sind wieder Swain-Fans im Raum. In der ersten Reihe finden sich einige Hardcore-Kids, die hier nicht so richtig reinpassen, was aber der Stimmung herzlich egal ist. So winken uns Fäuste und mitgebrüllte Texte entgegen. Schönes Ding!

Matze schießt dann den Vogel ab, als er am Ende seines Sets mit Noam von Swain in die Menge geht und mit ca. 150 Leuten zusammen die Hymne „Best Friends“ singt. Einer meiner Höhepunkte auf der Tour, weil hier so unerwartet.

Nathan zeigt auch hier auf der deutlich kleineren Bühne, dass 25 Jahre Erfahrung aus ihm einen der besten Entertainer und Liveperformer gemacht haben, die ich so kenne.

Nach der Show wird mit Hilfe eines Fahrstuhls und der kompletten Crew das „Load in“ durchgezogen, während unser Busfahrer Alan rückwärts aus der flachen Tiefgarage rangieren muss. Mit einem Doppeldeckerbus. Hut ab.

Morgen geht es dann schon zur vorletzten Show. Stuttgart! Ich bin gespannt!

 

Tag 11: Im Wizemann Stuttgart

In Stuttgart wache ich auf, während Busfahrer Alan gerade mal wieder mit Bus und Anhänger rückwärts rangieren muss. Aber kein Ding. Das klappt so gut, dass nicht ein anderer aus der Crew wach wird.

Nach dem Parken stelle ich fest, dass ich zwar in Stuttgart, mein Netzteil vom Laptop aber in Zürich ist. Große Scheiße! Vor allem, weil ich morgens in Ruhe mein Tourtagebuch schreibe, Bilder sortiere usw. Das muss nun ausfallen und ich kümmere mich per WhatsApp um Ersatz und organisieren schonmal meine Rückfahrt an die Küste für in zwei Tagen.

Zum Get-In um 10.00 Uhr geht es dann also in die Venue „Im Wizemann“. Ganz geiler Club mitten in einem schön gemachten Industriekomplex. Auch der Backstage, der hier im Keller ist, ist mit drei Räumen, mehreren Duschen und einem Aufenthalts-/Küchenbereich ziemlich schön angelegt. Das aber stumpf vergessen wurde Essen für uns zu bestellen, wussten wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht.

Heute steht ein strammes Progamm an. Mal wieder. Um 12.15 Uhr geht es für die Buchmachers, Pascal und mich zu einem Wohnkomplex der Caritas. Hier spielen die Buchmachers für wohnungslose Menschen ein kleines Set. Die Texte von Nobbi in Kombination mit dem Hintergrund dieser Einrichtung, lassen mir ständig Gänsehaut über den Rücken jagen. Nobbi selbst ist sich bis zum Ende nicht sicher, ob er dämlich rüberkommt, den Leuten die wirklich Probleme haben hier was von „alles wird gut“ zu erzählen. Aber die Sorge ist unbegründet und alles passt zusammen. Die Menschen sind offensichtlich dankbar und ergriffen von der Musik und freuen sich über das kostenlose Konzert.

Später geht es dann in dieser Konstellation zum „Schwarzmahler“. Eine Kaffeerösterei, die hier ein kleines Ladenlokal hat, aber bundesweit für eine gute antifaschistische Einstellung, Nachhaltigkeit und schlicht guten Kaffee bekannt ist. Hier stand der vorletzte Pop-Up-Store der Tour an. Und der Laden füllte sich vor allem mit Freunden und bekannten Gesichtern der örtlichen Hardcore-Szene. Gut so!

Am Abend zurück startete dann das Konzert. Die nicht ganz volle Halle konnte sich zu Norbert Buchmacher und Jungs erstmal an die merkwürdig großartige Kombination der Bands gewöhnen. Dauerte aber nicht lange und Nobbi und die Jungs wurden auch hier gefeiert.

Anschließend spielte sich Matze Rossi in die Herzen der Hörer. Musste er aber eigentlich gar nicht, weil man sofort bemerkte, der Typ ist hier kein Unbekannter. Das zeigte sich auch, als bei „Warum aus mir und meinen Freunden nichts mehr werden kann“ der Strom ausfiel und Matze rein akustisch mit ca. 300 Leuten weitermachte. Hat funktioniert. War verrückt.

Im Anschluss haben Swain, übrigens bei krassem Licht, als lauteste Band den Leuten eingeheizt. „We are Swain and we are a little bit louder than the other bands“. Und ab geht die wilde Achterbahnfahrt. Moderner Grunge, der mir von Tag zu Tag mehr Spaß macht.

Nathan und seine Band waren heute in mega Spiellaune. Ich hab den ersten und einzigen Graben auf der Tour genutzt und mich selbst da sitzend geparkt. Was da auf der Bühne im Laufe der Show los war, war unfassbar. Ergriffene Menschen von Nathans Ansagen und tanzende Menschen bei den Songs. Das war echt großes Kino von allen Beteiligten.

Und jetzt? Abschluss in Saarbrücken!

Tag 12: Saarbrücken Garage

In Saarbücken angekommen wird erstmal die sehr coole Location „Garage“ bestaunt. Und vor allem der Backstage und das Catering. In lehne mich weit aus dem Fenster und sage, dass die Garage Saarbrücken mit der unglaublich guten Catering-Fee einen Volltreffer gelandet hat. Großartiges Essen mit Liebe zubereitet. Das merkt man. An den Kleinigkeiten. Wie sie mir später selber sagte, war sie vorher ziemlich aufgeregt.

Es geht heute zum letzten Pop-Up-Store der Tour zu Tante Guerilla. Ein Skateshop mit politischem Anspruch und ich glaube auch ein Tattoo-Studio im Obergeschoss.

Auf jeden Fall legen Matze Rossi und Norbert Buchmacher (zu zweit) zwei kleine Akustiksets hin und schon hier zeigt sich, dass Saarbrücken dankbares Publikum hat. Aufmerksam und mitfühlend. Schön!

In den Fluren des Backstage in der Garage macht sich langsam eine Stimmung breit, die zwischen Vorfreude auf Zuhause und Wehmut pendelt. Insbesondere die Leute, auf die Zuhause keine Familie wartet, sind ziemlich niedergeschlagen. Das Wort „Post-Tour-Depressionen“ macht die Runde und was ich für nen Gag halte, lass ich mir später genauer erklären. Und es macht Sinn. Stichwort: Decke auf den Kopf fallen.

Um 19.00 Uhr geht es dann ein letztes Mal los. Norbert Buchmacher spielen ihr Set vor einem sich langsam füllenden Club. Der Vorverkauf war sehr gut in Saarbrücken, so dass man schon weiß, hier kommen noch mehr. Aber der Nobbi ist auf der Bühne sichtlich ergriffen. Schließlich geht es hier um den letzten Auftritt auf einer Tour, die mehr Familie als Job ist. Ich finde diesen übertriebenen „Crew Love is true Love“-Kram meistens eher unangenehm, aber hier packt mich das Fieber echt total mit. Nach wenigen Tagen hatten alle das Gefühl sich schon ewig zu kennen und die gemeinsame Zeit ist dann nun vorbei. Krass.

Das Publikum dankt es den „Bookmakers“ auf jeden Fall und macht mit, schweigt aber im richtigen Moment. Gut so!

Anschließend kommen meine Herzmenschen von Swain auf die Bühne und reißen mal wieder ab. So wie Swain sich im Laufe der zwei Wochen eingespielt haben, so habe ich mich eingehört und „Negative Space“ ist tatsächlich zu einer meiner Lieblingsplatten geworden. So kreative und geile Typen!

Danach kommt Matze auf die Bühne. Gedanklich vermutlich auch schon ein wenig Zuhause bei seinen Lieben, hat er zunächst mit mehreren hundert Menschen zu kämpfen, die es einem Songwriter mit seiner Akustikgitarre nicht immer leicht machen. Aber er kann sich durchsetzen. Immer. Und nach einem Song hat er die Halle im Griff und es mitgesungen. Und wie! Als er seinen neuen Song „Milliarden“ spielt, habe ich das erste Mal auf der Tour richtig Tränen in den Augen. Das liegt vermutlich an der Kombination der Vorfreude auf das eigene Kind, der Wehmut zum Ende der Tour und den hunderten mitsingenden Gästen im Raum. Ach, Matze.

Am Ende vom Set wird es noch ganz besonders! Die gesamte Crew kommt auf die Bühne und es gibt das erste Mal eine Band-Liveversion von „Best Friends“ mit Bass, Schlagzeug und E-Gitarre zu hören. Und natürlich einem End-Hits-Records-Chor. Als dann am Ende auch noch Label-Chef Oise Ronsberger und Nathan Gray auf die Bühne gerannt kommen, brechen alle Dämme. Die Leute sind genauso dabei und ergriffen wie die Menschen auf der Bühne. Krasse letzte Show!

An dieser Stelle möchte ich nochmal Matze danken! Wir sind seit vielen Jahren befreundet und treffen uns immer wieder auf einer Wellenlänge. Matze ist ein Typ mit dem man super lachen kann. Aber auch weinen, wenn es sein muss. Und mit ihm zusammen diese Tour zu fahren, war mit eine besondere Ehre, ein besonderes Fest und eine große Freude. Danke Matze!

So! Jetzt, aber! Headlinerzeit! Nathan Gray kommt mit Band auf die Bühne und lässt die Stimmung nochmal richtig hochkochen. In den leisen Songs und Ansagen hängt quasi fast jeder an seinen Lippen. Bei den lauteren Songs tanzt so ziemlich die komplette Garage. Und Nathan Gray? Wirkt dabei so sympathisch wie immer. Oder anders. So sympathisch wie früher! Er macht aus seiner dunklen Phase selbst kein Geheimnis, aber wenn man sich so wieder nach oben zieht und auf solche guten Freunde bauen kann, dann reisst dieses Feeling mit. Und das sieht die komplette Garage. Crew hinter der Bühne, neben der Bühne, hunderte Fans vor der Bühne und insbesondere die Band auf der Bühne geben alles und so wird diese Show ein würdiger Abschluss für zwei Wochen voll mit Musik, Freundschaft und… ja. Auch mit viel Bier. Und in meinem Fall viel Zigaretten.

By the way… ich bringe auch einen neuen Spitznamen mit von der Tour. Cigarette-Sven. Ausgedacht von den Herren von Swain, da ich quasi Ansprechpartner für alles rund um das Rauchen war.

Smoke cigarettes and make pictues. That is what i do!“

Jetzt sitze ich also gerade in Nightliner auf dem Weg nach Leipzig, um dort in einen Mietwagen zu steigen und Richtung Küste zurück zu fahren. Was ich in diesen 2 Wochen an Freundschaft, Professionalität und Empathie erfahren habe, ist unbeschreiblich. Hier ist ganz deutlich etwas passiert auf der Tour. Man kann diesen Haufen jetzt mit gutem Gewissen „End Hits Records Family“ nennen. Ich glaube ich verstehe jetzt die Haltung des Labels, die Oise in Interviews immer wieder versucht zu erklären. Musikalisch sind die Bands zum Teil weit auseinander, aber inhaltlich und von der Basis, sind alle auf einer Wellenlänge.

Jetzt brauch ich aber erstmal viel Schlaf, um mich dann anschließend auf eine dicke Festplatte mit Fotos zu stürzen. Denn was bis jetzt da ist, ist quasi nur die Vorschau für Social Media. Und das sind schon jetzt ca. 800 Fotos.

In diesem Sinne. Geht mehr auf Konzerte und seid nett zu euren Müttern. Prost.