2005, gerade frisch den Führerschein bekommen, erstes Auto war ein 1990er VW Bus und ich hatte eines der ersten bezahlbaren Autoradios mit USB-Anschluss drin. Die besten Vorraussetzungen für ausgiebige Touren mit haufenweise neuer Musik auf dem USB-Stick. Aber irgendwo mussten wir die Mukke ja herbekommen. In dieser Zeit haben wir Stunden am PC verbracht und auf Myspace neue Bands gesucht. YouTube gabs noch nicht, Spotify, iTunes und ähnliches waren noch in weiter Ferne, „Scheibenhonig“, der Plattenladen damals in Cuxhaven konnte unsere CD-Wünsche nur selten erfüllen. Also haben wir auf einschlägigen Seiten im Netz nach unseren Bands gesucht. Irgendwie mussten wir ja an die Songs der kleinen unbekannten Bands aus Übersee kommen. Wie gesagt, gab’s sowas wie Spotify noch nicht. Meistens wurden wir auch fündig.

Damals war ich voll im NuMetal-Fieber, Bands wie Linkin Park, Papa Roach, 4Lyn und Limp Bizkit liefen rauf und runter in meinem Bulli. Bis uns dann die Jungs von Dry Cell irgendwann, irgendwo im Netz über den Weg gelaufen sind. Klang schon irgendwie geil, fast wie Linkin Park, nur härter. Total angefixt durchforsteten wir das noch recht spärliche musikalische Internet auf der Suche nach mehr Songs von Dry Cell. Es war einfach kaum was zu finden. Song für Song, nach und nach haben wir uns die Dateien zusammengesucht, bis wir dann endlich das komplette Album hatten: „Disconnected“.

„Disconnected“ ist das Debütalbum von Dry Cell und gleichzeitig der Höhepunkt und auch irgendwie das vorzeitige Ende der Band. Jahre Später, nach einer Trennung und darauf folgender Wiedervereinigung, kommt noch mit „The Dry Cell Collection“ ein Sammelsurium an Songs auf einem Album raus, was aber auch nichts Halbes und nicht Ganzes war. Aber zurück zu „Disconnected“.

„Disconnected“ war für mich damals die perfekte Verschmelzung von Melodie und Aggression, es erinnert mich im Gesamten an eine Mischung aus Linkin Park und Godsmack. Hebt sich aber trotzdem von den beiden Bands ab. Mit „Slip Away“ startet es auch direkt druckvoll á la Static-X. Die Melodie von „Body Crumbles“ geht direkt ins Ohr und man merkt wieso dies DER Song des Albums ist. Mein Lieblingslied des Albums kommt aber direkt danach. „Last Time“ ist ein melodischer und zugleich wütender Song, heute würde man sagen gegen Mobbing. Ich weiß nicht ob es das Wort damals schon in unserem Sprachgebrauch gab. „Silence“ ist mit krachenden Riffs und aggressivem Sprechgesang alles andere als leise. Eine zweite etwas ruhigere Pianoversion von „Last Time“ ist ein würdiger Abschluss für „Disconnected“ und rundet es perfekt ab.

Dry Cell hatten Anfang der 2000er ihren Proberaum ganz in der Nähe von Warner Brothers, durch Zufall wurde auch ein Artist Director von Warner auf die Jungs aufmerksam und ein Plattenvertrag folgte. Mit dem Plattenvertrag in der Tasche ging es ans erste Album. Mit „Body Crumbles“ hatten sie auch einen echten Hit auf dem Album. Er ist nicht nur im Soundtrack vom Hollywood-Streifen „Queen of the Damned“, sondern auch im PC-Spiel „Madden NFL 2003“ zu hören und auf verschiedenen Samplern drauf. Eigentlich die perfekten Vorraussetzungen für eine große Karriere. Aber wie so oft kam es zu Streitereien mit dem Label. Noch bevor es richtig losging wurde der Plattenvertrag gekündigt. Heute wohl kaum vorstellbar so schnell aus einem Major-Vertrag rauszukommen. Das schon produzierte Album wurde in der originalen Version nur ein einziges Mal in den freien Verkauf auf dem „Locobazooka Festival“ im Jahre 2002 gebracht. Das war dann wohl auch der Grund warum kaum etwas zu finden war von Dry Cell. 2006 oder 2007 habe ich das Album mal durch Zufall auf Amazon gefunden. Da konnte man es für schlappe 400 $ bestellen, plus Versand aus den USA natürlich. Heute habe ich kein einziges Exemplar im Netz finden können. Also wenn jemand durch Zufall ein Original von 2002 zu Hause liegen hat kann er es mir gerne zukommen lassen 😉

Heute ist es zum Glück etwas einfacher an Musik zu kommen. Disconnected gibt es aber immer noch recht selten. Entweder auf iTunes runterladen oder einfach auf YouTube anhören.