Na, was es in Augsburg nicht alles gibt… Einen „Kiez“ zum Beispiel. Laut dem Augsburger Original Stefan „Bob“ Meitinger, einem erfolgreichen Barbetreiber, ist das jedenfalls so. Zum zweiten Mal veranstaltete er vor seinem Etablissement am Bahnhofsvorplatz des Stadtteils Oberhausen den „Sommer am Kiez“. Eine mehrwöchige Open-Air-Sause mit Biergarten und jeder Menge Livekonzerte, die überwiegend sogar kostenlos sind. Echt schnuckelig das Ganze und auf jeden Fall einen Besuch wert. Denn wer denkt schon, dass man dem Großstadtmuff mitten IN der Großstadt etwas entfliehen kann?

An einem beschaulichen Freitag haben sich zu besten Sommertemperaturen mal wieder Dritte Wahl in der Fuggerstadt angesagt. Nicht zum ersten Mal. Ihr letztes Konzert im Herzen Bayerisch Schwabens ist dem Schreiberling noch gut in Erinnerung. War es doch am selben Abend als in Paris das Inferno im Bataclan losbrach… Nun denn, aber Schluss mit negativen Gedanken! Das Rostocker Quartett verbreitet seinerseits nur mal wieder positive Gefühle.

Dieses Ziel stand auch bei der Vorband auf dem Programm. Wie vor zwei Jahren waren es mal wieder das einheimische Trio Herrengedeck Royal, das unter dem Motto „Wir Trinker vom Bahnhof O.“ ihre Songs unter die Leute haute. Wie der Wahlspruch andeutet, handeln ihre Songs eigentlich nur vom Saufen. Dazu passt der schludrige Punksound aber ganz gut. Schöngeister möchten die drei Herren sicher nicht ansprechen. Und mit der richtigen „Sommer, Sonne, Bierdurst“-Atmosphäre war es sogar irgendwie ganz witzig, wenn man sein Hirn einfach mal ausschaltete (hier dringend geboten!) und sich das eine oder andere Bier hinter die Binde kippte. Freunde werden Band und ich aber trotzdem nie werden. Dafür haben sich die Jungs ein paar von ihren eignen mitgebracht, die zu Songs wie „Augsburg 30° C“ oder „Auf einen Zug“ abfeierten.

So, nach dem amateurhaften Geschrammel waren nun also die „Scorpions des Punkrock“ (O-Ton Sänger/Gitarrist Gunnar) dran. Das Bühnenbild ist immer noch dasselbe wie zur „Geblitzdingst“-Tour. Ein neues gibt es wohl erst nach dem Release von „10“ am 1. September und der darauf folgenden Konzertreise. Eine erste Kostprobe von der neuen Platte spielte man aber natürlich bereits in Form der Vorab-Single „Scotty“, die bereits ordentlich gefeiert wurde.

Kein Wunder, vorher folgten bereits sieben Hämmer wie u.a. „Keine Angst“, „Störung“ oder „Auge um Auge“, die sehr souverän, aber mit viel Schmackes und Bock an der Sache runtergeholzt wurden. Dazwischen bekam man den einen oder anderen lockeren Spruch und viel trockenen Humor zu hören. Ganz, wie man die Herren von Dritte Wahl eben kennt. Musikalischen spielen sie eh mehr oder weniger in ihrer eigenen Liga, jenseits des üblichen Drei-Akkorde-Punks oder Deutschrocktümelei.

Ein abwechslungsreiches Programm ist jedenfalls garantiert, wenn die Dritte Wahl aufspielt. Dabei fällt auf, dass die Texte der Band mit den Jahren bedächtiger und auch persönlicher geworden sind, man aber immer noch das Herz am rechten Fleck hat. Und selbst knackige Parolensongs wie „Greif ein“ oder „Mainzer Straße“ funktionieren immer noch wunderbar neben Liedern wie „Zu wahr um schön zu sein“ oder „Der Schatten“.

Absoluter Stimmungshöhepunkt war mal wieder „Fliegen“ vom gar nicht so alten „Gib Acht!“. Eine ganze Zeitlang wurde der Song noch weitergesungen, als sich die Band kurz zurückzog. Von der Bühne konnten die vier Herren ja nicht, so dass man sie nicht so lange nach der obligatorischen Zugabe bitten musste. Diese kam heftig und geballt. Ganze sechs Nummern (wie das immer wieder lauthals geforderte „Zeit bleib stehen“, das spaßige „Was weiß ich schon von der Liebe“ oder das maritime „Du fremde Heimat“) knallte man den Augsburgern vor den Latz, bevor man mit der äußerst knackigen Bandhymne „Dritte Wahl“ den Sack nach zwei Stunden endgültig zumachte und das Konzert voller erwartbarer Evergreens und der einen oder anderen Überraschung („Ich hab da diesen Trick“!) beendete.

Und was soll man sagen? Ihren Ruf als bockstarke Liveband wurde die Dritte Wahl wieder vollends gerecht. Als nach minutenlangen Applaus der Veranstalter noch auf die Bühne gezerrt wurde, rang er der Band das Versprechen ab, nächstes Jahr wieder hier zu spielen. Wir nehmen Dich beim Wort, Bob!

Setlist:
Geblitzdingst
Keine Angst
Zu wahr um schön zu sein
Mainzer Straße
Störung
Auge um Auge
Der Spiegel
Scotty
Wo ist mein Preis
Immer auf der Reise
Halt mich fest
Hash
Ich hab da diesen Trick
Greif ein
So wie ihr seid
Sirenen
Sonne und Meer
Fliegen

Und jetzt?
Du fremde Heimat
Was weiß ich schon von der Liebe
Zeit bleib stehen
Der Schatten
Dritte Wahl

P.S.: Ein großer Dank, dass wir dabei sein durften geht an Headline Concerts, das tolle Team von Bob’s und seinen freundlichen Security-Männern, die mehr als das, sondern schon fast richtige Animateure waren!