Auf nach Augsburg, vom Land hinein in die „Stadidylle“, vorbei am Förderzentrum für Schwerhörige und Gehörlose und… huch, was ist denn das?! Hier wird ja mittlerweile ordentlich gebaut bei den ehemaligen US-Baracken. „Weg mit dem Kasernencharme und her mit modernen Bürobauten“, heißt wohl die Devise. Doch das kulturelle Zentrum Augsburgs mit dem Reese-Theater, den Proberäumen für Bands und der zweistöckigen Kantine bleibt erhalten. Zum Glück!

Und in ebenjener Kantine machen die Rostocker Dritte Wahl an diesem Freitag, dem 13. auf ihrer „Geblitzdingst“-Tour halt. Als der Redakteur den großen Flammensaal betritt sind schon einige Rocker da und lauschen der lokalen Vorgruppe, die da schon ihr Programm abzieht. Herrengedeck Royal nennen sich die drei Herren, die trotz verschwitzen, freien Oberkörpern und Tattoos eher nach braven Studenten aussehen. Die Songs drehen sich nicht allzu selten ums Saufen. Klar, bei dem Namen. Üben müssen sie jedenfalls noch. Denn so mancher Misston macht sich breit. Eine Ladung Höflichkeitsapplaus gibt’s nach der halben Stunde vom netten Augsburger Publikum aber trotzdem.

Und dann ist es soweit: das Licht geht aus, die Bühne wird in Nebel getaucht, die große Lichtshow verrichtet ihr Werk, während man den Blick auf das nach „Man in Black“ (inkl. zwei übergroßen „Geblitzdingern“) ausschauende Bühnenbild wirft. Das hat schon einen Hauch von Stadionshow als Dritte Wahl voller Elan auf die „Ego-Pusher“ steigen, sich von unten anstrahlen lassen und mit dem Titeltrack der neuen Platte loslegen. Der Sound: fett. Das Publikum: anscheinend noch nicht bereit für Punkrock am Freitagabend.

Die ersten paar Meter vor der Bühne bleiben frei. Lediglich ein paar ganz Wilde pogen sich warm. An der Band liegt es nicht. Die spielt tight wie immer ihre Songs, bei denen sich Brandneues mit alten Schoten abwechselt. Dazwischen ein paar sympathische Ansagen, bei denen sich Gunnar immer wieder über sich selbst lustig macht. Ich sage nur „Musizieren im Alter“ oder „die Scorpions des Punkrock“. Heute ist allerdings etwas anders. Der übliche vierte Mann im Hintergrund blieb an diesem Abend aufgrund eines Trauerfalls zu Hause (schon fast prophetisch, wie man später noch merken sollte…). Dafür sprang ihr Soundmann an der zweiten Gitarre und dem Keyboard ein. Das fiel gar nicht wirklich auf. Kompliment für so viel Improvisationsgabe!

Mit der Zeit tauen die ziemlich gemischten Fans so langsam auf. „Sklave“ ist ein Wendepunkt. Beim wilden Crossover-Hammer „Bad K.“ brechen endgültig die Dämme. Spätestens als die Band „Zeit bleib stehen“ anstimmt, liegen sich alle in den Armen und der Pulk vor der Bühne hat sich in eine wild pogende Masse verwandelt. Einfach toll, wie die Rostocker die Leute mitreisen können mit ihren direkten und liebenswert ehrlichen Liedern. Egal ob alt, ob neu, ob schnell oder langsam – es passt einfach. Das Programm war auch wunderbar gemischt.

Der Abend soll so langsam zu seinem Ende kommen und man wirft „Fliegen“ von „Gib Acht!“ in den Raum. Der Refrain wird noch minutenlang nach Verklingen des letzten Akkords begeistert und laut mitgesungen. Kein Wunder, dass Dritte Wahl nochmals auf die Bühne kommen – sogar zweimal. Als nach rund 100 Minuten der Sack mit der Bandhymne „Dritte Wahl“ zugemacht wird, endet ein wirklich starkes Konzert. Während hier der Publikumsjubel langsam verklingt, spielen sich in Paris zeitgleich allerdings ganz andere Szenen ab. Nicht zuletzt deshalb wird der Gig für die Anwesenden definitiv in Erinnerung bleiben…

Setlist:
Geblitzdingst
Du fremde Heimat
Der Spiegel
Warum
Der Schatten
Auge um Auge
Stillstehen
Sklave
Zu wahr um schön zu sein
Bad K.
Sirenen
Dummheit kann man nicht verbieten
Halt mich fest
Immer auf der Reise
Zeit bleib stehen
Greif ein
Fliegen

Störung
Sonne & Meer
Was weiß ich schon von der Liebe

Und jetzt?
Wo ist mein Preis
Dritte Wahl