Und weiter wird in den prall gefüllten Archiven von Noise Records gewühlt. Bisher barg man so manch alten Schatz. Davon machen die nächsten Veröffentlichungen keine Ausnahmen. Nachgewachsene bzw. Zuspätgekommene dürfen sich freuen: Jetzt sind die Alben der Schweizer Tech-Thrasher Coroner wieder erhältlich! Die ersten drei zwischen 1987 und 1989 veröffentlichten („R.I.P.“, „Punishment For Decadence“, „No More Color“) erschienen vor einem Monat überraschenderweise über Century Media neu, jetzt werden bei der „Noise lebt!“-Kampagne „Mental Vortex“ (1991) und „Grin“ (1993) nachgeschoben.

Im Gegensatz zu den Versionen des Mitbewerber-Labels kommen die CD-Versionen nicht in Plastik verpackt, sondern als Digipacks auf den Markt. Die Booklets sind auch nicht so karg, sondern enthalten neben den Texten auch zahlreiche alte Fotos. Leider sind dieses Mal keine Liner-Notes oder Interviews mit den Musikern abgedruckt. Schade, da wäre noch mehr gegangen. Auch Bonustracks hat man sich gespart. Lediglich der Sound wurde sanft remastert. Natürlich kommt das Ganze auch auf Vinyl. Wie in der Serie üblich in Farbe passend zum jeweiligen Album-Artwork.

Die 1985 im Dunstkreis von Celtic Frost neugegründete Band hatte sich mit ihren ersten drei Platten den Ruf erarbeitet, eine etwas andere Thrash-Band zu sein. Die technische, teils etwas unkonventionelle Herangehensweise, das spielerische Vermögen sowie der Blick über den Tellerrand der stilistischen Grenzen hinaus, brachte Coroner den Ruf ein, so etwas wie die „Rush des Thrash Metal“ zu sein. Der immer komplexer werdende Sound war einer beständigen Veränderung unterworfen. So richtig bemerkbar machte sich das auf „Mental Vortex“, das für viele Fans als das Highlight der Band-Diskografie angesehen wird.

Erstmals richtig deutlich wurde der dynamische Prügelsound in eine progressivere Richtung gedrückt, in der man durchaus Elemente aus den Richtungen, Klassik, Avantgarde, Prog, Jazz und Industrial finden konnte. Da der traditionelle Thrash Metal sich in Kürze auf dem absteigenden Ast befinden sollte, taten Coroner genau das Richtige und gaben sich einen noch etwas künstlerischen Anstrich. Musik, Texte und Artworks gingen Hand in Hand und das Gesamtergebnis ist auch heute noch ziemlich interessant.

Gleich mit dem Opener „Divine Step (Censpectu Mortis)“ setzte das Trio ein Ausrufezeichen. 7 Minuten lang, Sample-Intro, maschinelles Riffing und rollende Dums im modernen Stakkato-Sound á la Prong, bevor es doch noch thrashig wird und der bekannte, garstige Gesang einsetzt. Eigentlich ein straighter Titel, bis ein interessanter, klarer Instrumentalpart folgt, der den Hörer in andere Sphären abgleiten lässt. Ein Kunstgriff, denn man auf „Mental Vortex“ noch öfter vollführt. Meist klingt die Band trotz des kantigen und harten Sounds auch unglaublich lässig, was vor allem dem Gitarrenspiel von Tommy Vetterli geschuldet ist, der hier zahlreiche Kabinettsstückchen vollführt. Man nehme nur mal das hackende und überraschend eingängige „Son Of Lilith“ oder „Semtex Revolution“, mit seinem an die Krupps erinnernden Refrain.

Letzteres gehört nicht nur zu den Albumhighlights. Nein, hier zeigen Coroner auch, dass der später populär werdende Groove Metal bzw. Neo Thrash nicht unbedingt übertrieben hart und nach dicker Hose klingen muss. Selbiges exerziert man auch mit „Sirens“ durch, nur etwas düsterer und kälter klingend. Etwas progressiver wirkend, aber trotzdem recht eingängig ist „Metamorphis“. Den Vogel endgültig schießt die Band mit dem Beatles-Cover „I Want You (She’s So Heavy)“ ab. Eigentlich hält man sich recht dicht ans Original, hat sogar die bluesige Note beibehalten. Trotzdem macht man sich die Nummer Takt für Takt immer mehr zu Eigen. Sehr cool.

„Mental Vortex“ ist gut gealtert und gefällt auch heute noch. Wer sich für die technische bzw. progressive Abteilung des Thrash Metal interessiert, sollte das Ding auf jeden Fall kennen!

 

Trackliste:
1. Divine Step (Conspectu Mortis)
2. Son Of Lilith
3. Semtex Revolution
4. Sirens
5. Metamorphosis
6. Pale Sister
7. About Life
8. I Want You (She’s So Heavy)