Im Januar veröffentlichte Bruce Dickinson seine Biografie „What does this button do?“. Eines der interessantesten Kapitel des eh schön zu lesenden Buchs handelt von einem Konzert, welches der britische Sänger Ende 1994 mit seiner Soloband Skunkworks spielte. Es war nämlich kein normales Konzert, sondern eine äußerst halsbrecherische Unternehmung. Der Auftritt fand im belagerten Sarajevo, mitten im Jugoslawienkrieg statt, aus dem Bosnien-Herzegowina später als unabhängiges Land hervorging.

Der junge Filmemacher Jasenko Pasic war damals nicht dabei, aber derart fasziniert von dem Stoff, dass diese 95-minütige Dokumentation dabei herauskam. Dabei dreht sich der Film nicht vordergründig um das Konzert und den Weg dorthin, sondern vor allem um die Menschen rundherum. Es kommen zahlreiche Zeitzeugen zu Wort, die ihre Eindrücke der damaligen Zeit zu Protokoll geben. Männer und Frauen, die damals noch Jugendliche, bzw. Heranwachsende in der Blüte ihres Lebens waren und sich plötzlich in unmenschlichen Kriegswirren wiederfanden.

Dabei ist es faszinierend, mit welcher Leidenschaft von der damaligen Zeit erzählt wird, in der es die Einwohner der Stadt schafften, trotz der Belagerung im Untergrund eine Künstlerszene am Leben zu erhalten. Originalaufnahmen, die wie eine Art Nachrichtensendung geschnitten sind, sorgen für ein beklemmendes Gefühl.

Aus Mitgefühl und dem Willen heraus etwas für das bosnische Volk tun zu wollen, um etwas Freude in die Tristesse zu zaubern, hatte Major Morris, welcher im Rahmen des UN-Mandats vor Ort war, ein Idee. Die britische Armee sollte ein Konzert inmitten der belagerten Stadt organisieren. Über Umwege kam er an die Telefonnummer des Ex-Iron-Maiden-Sängers und der sagte aus Abenteuerlust (oder reiner Naivität) sofort zu. Was auf ihn und seine drei Mitmusiker zukommen würde, konnte er sich wohl nicht vorstellen.

Gezeigt wird eine abenteuerliche Reise, von der keiner unverändert zurückkehren sollte. Sie war vom Eindruck der leidenschaftlichen Fans auf der einen und ihren damaligen Lebensumständen mit Tod und Terror auf der anderen Seite geprägt. Major Morris, sein „Sicherheitsinspektor“ Trevor sowie Dickisons damalige Bandmitglieder Chris Dale und Alessandro Alena kehrten für den Film nach Bosnien zurück und sie waren nicht nur einmal den Tränen nahe. Selbst der sonst so souveräne und gut aufgelegte Frontmann zeigt sich bei den Interviewsequenzen sehr emotional. Welche Erlösung der Auftritt selbst war, kann man gut anhand der zu sehenden Livesequenzen nachfühlen.

„Scream For Me Sarajevo“ ist ein starker, emotionaler Film, der einen als Zuschauer ziemlich berührt. Dieser Krieg scheint aus heutiger Sicht weit weg, doch man wird sich schlagartig bewusst, dass er doch mitten in Europa, quasi direkt vor unserer Haustür stattfand. Die Macht der Musik konnte ihn natürlich nicht beenden, doch diese kleine Episode zeigt, wie viel Kraft zumindest eine Horde junger Menschen aus ihr ziehen können.

Sehr empfehlenswert – egal ob man jetzt Fan von Bruce Dickinson, überhaupt harter Rockmusik bzw. Metal ist oder nicht!

Passend zur Filmversion erscheint auch der dazugehörige Soundtrack auf CD und Doppel-LP. Mehr dazu erfahrt ihr an dieser Stelle.