Ich weiß noch wie mein Cousin und ich in einer Jugendfreizeit auf einem Campingplatz (etwa 12 Jahre muss das jetzt her sein) vor unserem Zelt herumgelungert haben und in Campingstühlen hängend den Kopf zu den schweren Halftime-Beats von „Tomorrow Come Today“ bewegten. Das war meine erste Berührung mit dem Hardcore-Bereich und damals haben uns die mächtigen Rumbrüll-Parts und (so wie es bei Teenagern eben ist) die faszinierende Andersartigkeit von Boysetsfire gefallen. Mit etwas Abstand und um einiges reflektierter muss ich dem Album heute allerdings viel mehr zugestehen, als ich noch verstanden habe, als ich mich mit ca. 15 Jahren in diese Band verliebt habe. Denn „anders“ ist Boysetsfire wirklich, auch im Vergleich zu anderen Hardcorebands.

„Tomorrow Come Today“ eckt an vielen Stellen an – die Gitarren zum Beispiel sind tendenziell eher blechern, nicht so dick und aufgebauscht, wie man es von heutigen Produktionen kennt – das versprüht einen ganz eigenen Charme: Das Riff von „White Wedding Dress“ oder die dezenten Oktav-Akkorde in der Strophe von „Last Year’s Nest“ würde ich überall im Halbschlaf wiedererkennen oder zumindest Boysetsfire zuordnen. Die Arrangements der Songs sind auch nicht gerade das was man von „klassischem Hardcore“ erwartet – man hat sich hier nicht gescheut auch mal ein Klavier erklingen zu lassen, einen Refrain einmal ohne üblichem Gitarrengeschrabbel wirken zu lassen und dann ist da noch die charismatische Stimme von Sänger Nathan Gray, welche so schön zart und rauchig, aber absolut rein klingen und im nächsten Moment brachial losbrüllen kann. Zugegeben, der Wechsel zwischen „cleanem Gesang“ und „Shouts“ ist auch 2003 keine Neuheit mehr gewesen, aber kaum eine Stimme ist so eingängig und aussagekräftig und das ohne mehrere Gesangsspuren und Stimmlagen übereinander zu mischen. Das macht die Songs so wunderschön ehrlich und authentisch. Alles wirkt irgendwie verwaschen, aber dennoch kräftig und wütend. Die „Hooks“ sind unglaublich eingängig, wobei die Melodieführungen dennoch auffällig ungewöhnlich und unverbraucht sind. Zieht euch mal „Foundations to Burn“ rein und sagt mir, ihr habt keinen Ohrwurm! Ein anderes Beispiel für einen ungewöhnlichen Ohrwurm wäre „Highwire Escape Artist“ (der Song beherbergt übrigens einen meiner liebsten „C-Teile“ überhaupt.) Aber ich schweife ab.

 

Das Album ist geballte Trauer und Wut, aber auch der Wille für ein besseres Jetzt zu kämpfen – das passt so herrlich zu Cover und Titel der Platte – saugut. Ja, ihr habt recht, der Stern da im Phönix sieht heute irgendwie komisch aus, aber damals war das saugeil! Ruhe jetzt!

Boysetsfire stellen die richtigen Fragen und treffen die richtigen Aussagen zur Amtszeit von George W. Bush Junior und bleiben dabei mal ehrlich gefasst:

How do we find a little piece of heaven
In our time before we find acceptance
When no one understands at this point
That a handful of redemption’s all we need

und mal ungehalten wütend:

The blood is on your hands, life stealing motherfuckers
The constitution burns to ash in front of you
The people know what you are up to
Your sins will come back on you

The evil that you feed improves economy
For the rich that run your campaign
Increase the bottom line, your role again defined,
Out with the old and in with the same

 

„Tomorrow Come Today“ ist facettenreich, intelligent, brachial, depressiv und hoffnungsvoll gleichzeitig und für mich ein absolutes Meisterwerk des Hardcore-Genres, das immer noch sowohl musikalisch als auch inhaltlich (leider) relevant.

Hört das mal jetzt, von mir aus auch auf Spotify oder so.